Von Andalusien bis nach Teneriffa - und dann ein drastischer Einschnitt
Never catch a foiling knife..!


Veröffentlicht: 06.02.2025





























































Persönlicher Logbucheintrag vom Wohnschiff Betty HH-VX 717: Wir schreiben das Jahr 2024, 23. Dezember, 05:00 Uhr
Hospital Universitario Nuestra Señora de Candelaria in Santa Cruz de Tenerife: Langsam lichten sich die Nebelschwaden der Vollnarkose. Der Arzt teilt mir mit, dass die Operation nach meinem Wassersportunfall (siehe Reiseblog: Teneriffa und ein tiefer Einschnitt) erfolgreich verlaufen ist. Arterie und Nerv wurden mikrochirurgisch genäht – dafür musste die Wunde weiter eröffnet und anschließend mit 15 Stichen verschlossen werden. Mein linker Arm ruht in einer Gipsschale, während über mir zwei Infusionen an meinem rechten Arm baumeln.
Der anschließende Vormittag im Krankenhaus zieht sich. Bei Susi kann ich mich nicht melden. Das Handy musste ich ihr zusammen mit meinen Sachen vor der OP mitgeben. Die Stationsschwester sagt mir, ausländische Nummern dürfte sie nicht anrufen. Bei der Visite wird mir aber gesagt, dass ich morgen (Heiligabend!) voraussichtlich entlassen werden. Endlich, gegen 15 Uhr kommt Susi ins Zimmer. Sie hatte schon vorher versucht, mich zu besuchen, musste sich aber an die offiziellen Besuchszeiten halten. Susi parkt und übernachtet schräg gegenüber an einem kleinen Platz, der ein bisschen spooky ist, da hauptsächlich von Junkies frequentiert. Sie hat aber gut und ungestört geschlafen. Kleine Quizfrage: Wann wird in spanischen Krankenhäusern das Abendessen serviert? Um 21 Uhr! Um 18 Uhr gab es einen Tee und ein Stück Obst und ich dachte nach dem wirklich opulenten Mittagessen, das wäre tatsächlich alles zum Abend und döse bereits, dank des umfangreichen Medikamentencocktails. Da hatte ich mich getäuscht, um 21 Uhr geht die Tür auf und es gibt noch eine reichhaltige Mahlzeit. Da ist auf deutschen Stationen schon lange Nachtruhe! Am späten Abend bekomme ich noch einen Bettnachbarn, Klaus (zufällig auch Deutscher), den es noch dümmer als mich erwischt hat: Klaus hat zuhause beim Heimwerken den Barhocker als schnellen Leiterersatz benutzt, Konsequenz: Trümmerbruch des Beckens und des Handgelenks. Er ist streng ans Bett gefeselt und hat starke Schmerzen. Ich hingegen bin weitgehend schmerzfrei und kann wenigstens selber auf die Toilette gehen.
Ein kleines Weihnachtswunder geschieht: Es ist der 24.12, 11 Uhr vormittags und ich bin gerade entlassen worden! Susi holt mich vom Krankenhaus ab und wir fahren zum Strand von Las Teresitas. Erstmal schön im Van frühstücken und dann baden. Mit einer Plastiktüte über dem Arm geht das. Danach machen wir uns daran (ich einarmig), meine Wingfoilausrüstung und den Neopren zu waschen. Da sind so komische Flecken drauf und das Waschwasser wird ganz rot... Später besucht uns noch unser Freund Christian und wir machen noch gemeinsame lustige Fotos mit Weihnachtsmannmützen und Gipsarm am Strand. Den Heiligabend verbringen wir dann in trauter Zweisamkeit in El Pris an der Northshore. Susi hatte bereits eingekauft und wir kochen zusammen: es gibt ganz traditionell Entenbrust und Rotkohl. Draußen brechen die Wellen des Atlantiks an die Mauer des Parkplatzes am Hafen auf dem wir fast ganz alleine stehen. Weihnachten einmal in jeder Beziehung ganz anders! Übrigens hat der 24.12 in Spanien kaum eine Bedeutung. Viel wichtiger sind der 25.12 und vor allem der 6.1 (Heilige Drei Könige).
Am nächsten Morgen lassen wir es ruhig angehen und machen einen schönen Spaziergang an der spektakulären Küste von El Pris entlang. Am Abend haben wir etwas Schönes vor: Christian hatte bereits vor einigen Tagen Karten für das traditionelle Weihnachtskonzert des Philharmonischen Orchesters von Santa Cruz besorgt. Das Konzert wird im Fernsehen übertragen und findet an der Hafenpromenade direkt vor der Marina statt, in der auch sein Segelboot liegt. Wir können sogar das Wohnmobil auf dem Parkplatz der Marina parken. Obwohl wir sonst nicht so die Klassik Fans sind, ist es ein schönes Konzert mit vielen hervorragenden Solisten und einer breiten Musikpalette. Zum Abschluss gibt es ein imposantes Feuerwerk über dem Atlantik.
Im Hafen liegt ein dreimastiges Segelschulschiff, das der Gorch Fock ähnelt. Es ist die 'Danmark' aus Kopenhagen. Hier werden militärische und zivile Seeleute ausgebildet. Wir unterhalten uns am nächsten Vormittag länger mit einem jungen Dänen, der vor dem Schiff "Wache" steht und sind ganz begeistert von dem Konzept und den Möglichkeiten, die so ein Segelschulschiff anbietet. Leider sind wir deutlich zu alt, um dort noch mitsegeln zu dürfen. Das Segelschulschiff ist auf dem Weg nach Madeira, um dort den Jahreswechsel und das größte Neujahrsfeuerwerk der Welt zu erleben. Leider war das Parken für uns am Marinahafen dann doch nicht erlaubt und Christian, der uns mit seiner Parkkarte auf den Platz gelassen hatten, bekommt einen ziemlichen Einlauf von der Chefin der Marina.
In den Tagen vor Weihnachten hat es im Teide Nationalpark kräftig geschneit und wir beschließen, uns das einmal aus der Nähe anzusehen. Von La Laguna fahren wir hinauf bis auf über 2.000 m Höhe. Die Straßen sind frei, aber links und rechts bedecken größere Schneefelder die Vulkanlandschaft. Überall wo es geht, rutschen fröhliche Kinder auf Plastiktüten oder Boogie Boards die kurzen Hänge hinunter, so wie überall auf der Welt, wenn es geschneit hat. Gerne hätten wir hier oben auch übernachtet, aber der Campingplatz des Nationalparks ist gerade wegen Baumaßnahmen gesperrt. Am 28. Dezember sind wir wieder am Wingfoiling Spot nördlich von El Medano. Christian, der Segler hat sich nicht von meinem Unfall abschrecken lassen und hat zwischenzeitlich einen Wingfoiling Kurs gemacht. Jetzt hat er sich Anfängermaterial ausgeliehen, um seine Kenntnisse zu vertiefen. Susi nutzt die Gunst der Stunde und schippert auch einige Runden mit dem Anfängerboard über den Teich. Das sieht schon sehr gut aus und man merkt ihr die Erfahrung von Windsurfen an. Die nächsten Tage bis zum Jahresende schauen wir uns einige noch unbekannte Ecken der Insel, wie z.B. Boca Congrejo an. Hier kurz vor Santa Cruz leben Aussteiger und Individualisten in kleinen, bunt geschmückten Fischerhütten ihren Traum. Zum Jahreswechsel haben wir uns mit Freunden in El Medano verabredet. Es sind Susanne und Reinhold aus Hamburg und Barbara aus Flensburg. Auf dem Marktplatz ist eine große Bühne aufgebaut, auf der diverse Bands Merengue spielen. Die Spanier sind mit Kind und Kegel vor Ort und die Atmosphäre ist entspannt. Ein Highlight des Abends ist die aufwändige Laserlightshow, die auf die Fassade des altehrwürdigen Hotel Medano projeziert wird. Um 24 Uhr gibt es ein kleines Feuerwerk und schwupps, beginnt das zweite Kalenderjahr unserer Auszeit. Time flies!! Gemäß unserer ursprünglichen Planung wären wir Mitte Dezember schon wieder zu Hause gewesen. Aber mit Aussicht auf den deutschen Winter, hatten wir im Herbst beschlossen, unsere Auszeit noch ein wenig zu verlängern.
Die nächsten Tage klappern wir unsere Lieblingsspots auf der Insel ab, unter anderem San Blas und Tajao. In San Blas treffen wir auch Barbara (mit Hund Ramba) wieder und Susi und Barbara klappern die örtlichen Charity Shops ab, die es hier dank zahlreichen englischen Touristen genauso wie in England gibt. In Tajao lernen wir Mark aus England kennen. Nach einem schweren Motorradunfal, unter dessen Folgen er heute noch leidet, hat er sein Haus verkauft und ist fulltime Vanlifer geworden. Mark hat damals für den Brexit gestimmt. Mittlerweile bedauert er es. Unter anderem darf er nur für insgesamt 90 Tage (innerhalb von 180 Tagen) in die EU einreisen, was seine Reisepläne erheblich beeinträchtigt. Lustigerweise kommt er - so wie ich - auch aus der Grafschaft Kent und wir tauschen einige Erinnerungen an Kent aus. Bei unserer täglichen Stellplatzsuche merken wir mittlerweile, dass die Proteste Anfang 2024 auf den Kanaren gegen Touristen und auch gegen Camper Konsequenzen nach sich gezogen haben. Unter anderem ist ein großer, zwar nicht legaler, aber bisher geduldeter Stellplatz bei El Medano von der Gemeinde geräumt und abgesperrt worden. Auch einige Ver- und Entsorgungsmöglichkeiten für Wohnmobile sind im Laufe des letzten Jahres verschwunden. Die Luft wird dünner für uns Wohnmobilreisende. Aber wie schon so häufig in diesem Reiseblog beschrieben, sägen auch viele Camper durch ihr Verhalten kräftig an dem Ast, auf dem sie sitzen.
Durch meine Gipsschale bin ich doch ziemlich beeinträchtigt. Autofahren geht nicht, aber Susi fährt sowieso gerne (und gut) und übernimmt erstmal dauerhaft das Steuer. Wandern geht, also machen wir in dieser Zeit relativ viele Wanderungen. Unter anderem durch das Naturschutzgebiet Barranco del Infierno. Leider müssen wir auf der Tour nach 2/3 der Wegstrecke umkehren. Kurz vor dem Grat kommt heftiger Wind auf und die Wolkendecke senkt sich rapide ab, so dass wir in den feuchten Wolken weiterlaufen müssten. Dafür sind wir nicht ausgerüstet, also Rückmarsch.
Nachts stehen wir an einem unserer Lieblingsplätze in Poris de Abona in der Nähe des Leuchtturms. Wir lieben die Ellbogenfreiheit, wenn das nächste Wohnmobil mindestens 100 m und nicht 100 cm weiter steht. Dieser Platz ist aber nur bei Schönwetter zu empfehlen. Wenn der Passatwind ballert, ist man dort auf den Klippen den Elementen vollständig ausgeliefert. Hier in Poris treffen wir auch (zufällig wie immer) Mark aus England wieder, der gerade mit seinem Bike durch die Gegend radelt. Wir laden ihn zum Kaffe ein. Mark ist sehr neugierig und möchte viel über uns und unser Leben wissen.
Wenn man auf den Kanaren weilt ist die Wahrscheinlichkeit ziemlich hoch, Freunde aus der Heimat zu treffen. Am 8. März treffen Barbara und Sönke aus Hamburg ein, die in Hummelsbüttel nur zwei Häuser von uns entfernt wohnen. Beide sind begeisterte Windsurfer und reisen schon seit den Anfängen des Windsurftourismus nach El Medano. Sie haben die ganze Entwicklung vom Fischerort zum Touristenhotspot hauptsächlich für Wassersportler miterlebt. Am 9. Januar habe ich meinen Termin zur Nachkontrolle im Krankenhaus. Deswegen fahren wir am späten Nachmittag des 8. Januar nach Santa Cruz und stehen dort sehr angenehm und stadtnah mit unserem Van vor der berühmten Oper Auditorio de Tenerife, die wie eine brechende Welle aussieht. Abends haben wir uns mit Christian zum Essen verabredet. In dem von ihm ausgesuchten Restaurant gibt es gut und günstig Tapas und einheimische Küche wie z.B. die Blutwurst, die wir unbedingt probieren müssen! Am 9.1 vormittags setzt mich Susi vor dem Krankenhaus ab und ich schlage mich bis zur Traumatologie durch den großen Krankenhauskomplex durch. Mit Hilfe des sehr netten Personals, das für alle und jeden ein freundliches Wort offen hat, finde ich endlich meinen Raum für die Nachkontrolle. Den Termin habe ich ein paar Tage vorher telefonisch per Hotline rückbestätigt und ich werde pünktlich rangenommen. Alles unvorstellbar in deutschen Krankenhäusern. Leider läuft die Untersuchung nicht ganz wunschgemäß: zum einen werden die Fäden noch nicht gezogen, zum anderen muss ich die Gipsschale noch eine weitere Woche tragen. Der nächste Termin im Krankenhaus ist dann der 16. Januar. Wir haben also noch eine Woche Teneriffa "gewonnen". Langsam wird es eng mit unserem Folgeprogramm, denn wir wollen uns bis zum 8. März, dem Datum unserer Rückfahrt auf das Festland, noch Gran Canaria, Fuerteventura und Lanzarote ansehen.
Den Nachmittag und den Abend verbringen wir in Candelaria, dem religiösen Zentrum von Teneriffa. Hier ist in einer künstlichen Höhle das größte Krippenspiel der Kanaren aufgebaut, was circa 20 m lang ist und ein bisschen an das Miniatur Wunderland erinnert. Am nächsten Tag ist es sehr windig und ich blicke in El Medano etwas neidvoll auf das Wasser, wo sich Kiter, Windsurfer und Wingfoiler in den Wellen tummeln. Eine gute Übung in buddhistischer Gelassenheit für mich...
Wir flüchten vor dem starken Wind an die Südwestküste von Teneriffa, die in Lee liegt und fast windstill ist. Im malerischen Küstenort Alcala ergattern wir einen Wohnmobilstellplatz in Traumlage. Normalerweise ist hier nie etwas frei und wenn, dann nur für 5 Minuten. Aber diesmal haben wir Glück! Von Alcala aus machen wir tolle Wanderungen, immer am wilden Atlantik entlang in nördlicher Richtung bis Los Gigantes und in südlicher Richtung bis Playa San Juan. Alcala hat für uns einfach alles, was wir brauchen: tolle Badebuchten, Duschen am Strand, ein Outdoorgym direkt vor unserer Nase (für die einarmigen Sportübungen), schöne Sonnenuntergänge und den Blick auf La Gomera. Insgesamt bleiben wir drei Nächte an diesen Ort, was für uns eher ungewöhnlich ist.
Am 14. Januar geht es dann wieder weiter und wir nutzen das gute Wetter für einen Ausflug in den Teide Nationalpark. Wir wandern auf 1.700 m Höhe einen Rundweg immer entlang der Baumgrenze durch das Vulkangebiet. Diesen Rundweg haben wir im Frühjahr 2024 schon einmal gewandert, aber er ist so schön, dass kann man auch zweimal machen! Wir übernachten an der Küste in La Caleta. Auch hier finden wir einen Platz, der normalerweise nicht frei ist, mit einem super Blick auf das Meer. In La Caleta am Strand befindet sich auch die Landezone der Gleitschirmflieger, die mit ihren Passagieren auf den Hängen des Teide starten. Der Anflug auf die Landezone ist nicht ganz einfach, trotzdem legen die Gleitschirmflieger im Regelfall eine Punktlandung hin.
Die Woche ist schnell vorüber gegangen. Wir haben vor einigen Tagen für den 16. Januar nachmittags die Fähre nach Gran Canaria gebucht. Egal wie die Untersuchung im Krankenhaus läuft, wollen wir jetzt endlich weiter und die anderen Inseln erkunden. Am Vorabend fahren wir nach Candelaria - auch ein Ort, der uns ausgesprochen gut gefällt - und verbringen dort die letzte Nacht auf Teneriffa. Am nächsten Morgen heißt es früh aufstehen und nach Santa Cruz ins Krankenhaus fahren. Diesmal weiß ich genau, wo ich hin muss. Mein Untersuchungstermin ist um 10:00 Uhr und wenige Minuten nach 10 Uhr bin ich im Behandlungszimmer. Ich glaube, hier können sich deutsche Krankenhäuser und Arztpraxen noch etwas abgucken. Leider entspricht das Untersuchungsergebnis schon wieder nicht so ganz meinen Vorstellungen. Diesmal kann die Gipsschale zwar endgültig weg, aber von den 15 Fäden wird nur einer gezogen. Der Rest soll noch mindestens eine Woche im Finger bleiben. Ansonsten ist die Wunde gut verheilt und ich soll mit Mobilitätsübungen für Hand und Finger anfangen. Vor der Fährüberfahrt fahren wir noch schnell zum karibischen Traumstrand von Las Teresitas. Pünktlich, am 16. Januar 2025 um 16:00 Uhr legt dann die futuristische Katamaran Schnellfähre der Fred Olsen Fährgesellschaft in Santa Cruz ab. Es soll wohl eine stürmische Überfahrt werden. Zum einen werden die Fahrzeuge zusätzlich mit Keilen gesichert und zum anderen werden wir angewiesen auf der Fähre einen mittigen Sitzplatz einzunehmen. Etwas wehmütig denken wir an die lange und schöne Zeit, die wir insgesamt in den letzten zwölf Monaten auf Teneriffa verbracht haben. Wer weiß, wann wir das nächste Mal wiederkommen? Goodbye und see you again Teneriffa!
Fazit: Nach unserer Zeit in Marokko wieder auf Teneriffa anzukommen, fühlte sich ein wenig wie Heimkehr an. Neues zu entdecken ist spannend – aber auch Vertrautes wiederzusehen hat seinen eigenen Reiz. Unser Inselhopping von Gran Canaria über Fuerteventura nach Lanzarote hätten wir allerdings deutlich früher gestartet, wäre da nicht der kleine Unfall gewesen. So bekam ich die Gelegenheit, das hervorragende spanische Gesundheitssystem kennenzulernen (muchas gracias!) – und mein buddhistisches Grundwissen zu vertiefen, indem ich im Wassersportparadies geduldig als Zuschauer am Ufer blieb.Übrigens: Wenn euch der Reiseblog gefällt, freuen wir uns sehr über ein "gefällt mir" in dem ihr auf das Herz klickt!
On the road: 360 Tage
Zurückgelegte Strecke: 23.450km
Fortsetzung folgt
