Diary of a journey to myself / Die sechste Erkenntnis

31.12.2014, Hotelzimmer Luang Prabang

Fühle mich wie in einer Abstellkammer. Es ist 10:00 Uhr und eigentlich habe ich ganz gut geschlafen und schön geträumt. Das einzige Traumbild, an das ich mich erinnere, ist der Käsekuchen mit Blaubeeren, den ich gegessen habe. „Das ist bestimmt das dunkelste und unschönste Zimmer, das es hier in diesem vor lauter Hotels, Guesthäusern und Pensionen überquellenden Luang Prabang gibt, wetten?“ Ich bin richtig fies zu Fabian, der sehr ruhig und verständnisvoll auf mein Gemotze erwidert: „Ich habe aber kein anderes mehr gefunden. Du vergisst, dass heute Sylvester ist und wahrscheinlich viel mehr Touristen hier sind als sonst. Wahrscheinlich auch viele Einheimische". Das heute Sylvester ist, trägt nicht gerade dazu bei, dass sich mein Laune bessert und missmutig schmeiße ich die Bettdecke zur Seite und stampfe ins Bad.

Es ist echt dunkel hier und obwohl draußen schönster Sonnenschein und mindestens 25 Grad im Schatten, ist meine Laune fast auf dem Tiefpunkt. Ehrlich gesagt, weiß ich selbst nicht so genau, warum mich dieser fensterlose Raum so wütend macht. Vielleicht gerade deshalb, weil es draußen so schön ist und man hier drin nichts davon sehen kann. Der Raum ist zwar groß und geräumig, dazu noch edel mit einem wunderschönen verzierten Bett im Kolonialstil und passenden Kleiderschrank, Kommode und Sessel eingerichtet, sogar auch hier wieder Steckdosen und Ablage im Bad, aber kein Fenster, schon wieder nicht. In Hanoi war das nicht so schlimm, aber hier schon. „Warum haben wir denn nur noch so eine verdammte Dunkelkammer gekriegt? Haben wir denn nur noch Pech?“, fluche ich so vor mich hin. „Du hast immer was zu motzen. Jetzt sind wir in einem so schönen Ort, die Sonne scheint und du hast endlich die Temperaturen, die du wolltest. Ich kann es doch auch nicht ändern. Jetzt gehen wir erst mal was frühstücken“. Während er seine kurze Hose anzieht, und mir dabei zuzwinkert, erwidere ich nur grummelnd, aber schon friedlicher: „Ja, gleich, wenn ich das hier fertig geschrieben habe“.

Kurz nach 20:00 Uhr. Wieder in der Abstellkammer

Ich glaube von den Bildern, die ich heute im Kopf gesammelt habe und von denen ich natürlich etliche mit meinem geliebten Tablet festgehalten habe, werde ich noch sehr, sehr lange Zeit zehren. Gleich mehrere vergoldete, mit den schönsten Schnitzereien und beeindruckenden Außen- und Innenverzierungen versehene Wats direkt um die Ecke unseres Guesthouses bestaunt. An einem der Stände im Innenhof des ersten Tempels mit den handmade Tüchern, Taschen, Postkarten und Mobiles eine wunderschöne bunte Tasche gekauft, die ich Sarah mitbringen will. Dann frühstücken. Mein vegetarisches Sandwich war so lecker, dass Fabian mir die Hälfte davon weg gegessen hatte, bevor sein eigenes kam.

Als Entschädigung bestellte er uns noch einen Cheesecake mit Blaubeeren, der einfach phantastisch schmeckte. Wir konnten es kaum fassen, dass ausgerechnet Kuchen solch eine Geschmacksexplosion im Gaumen ausrichten kann. Ein wahrer Traum von Kuchen. Echt sehr, sehr merkwürdig, dass ich heute Morgen davon geträumt habe. Ich habe den Traum sogar aufgeschrieben. „Und, schmeckt er auch wie im Traum?“, strahlte mich Fabian an. Extra für dich mein geliebter Engel“. Ich gucke ihn ein wenig misstrauisch an.

Wie soll er das denn nun geahnt haben? Ich meine, dass der Kuchen so toll schmeckt oder ist das einfach nur Zufall? Egal, wir genossen den Blick auf den Mekong und die kleine Hängebrücke, auf der orange gekleidete Mönche mit Regenschirmen spazierten.

Was für eine ruhige, fast mystische Atmosphäre.

Dann weiter durch diese hübschen Nebensträßchen mit den vielen Glasmobiles und Lampions in den Bäumen, den kleinen Cafés, Pagoden und Tempelchen, Restaurants und Bars dieser ehemaligen Hauptstadt des historischen Königreichs Lan Xang und des französischen Protektorats Laos. Bis zur Abschaffung der Monarchie in Laos im Jahre 1975 war diese wunderschöne Stadt die Königsstadt und ist nach meinem Dafürhalten absolut zu Recht von der UNESCO als Weltkulturerbe anerkannt und eines der wichtigsten touristischen Ziel in diesem Land.

Vom Zentrum der Stadt aus mit den zwei Flussufern und den unzähligen Verbindungsstraßen, von denen eine schöner als die andere ist und eine beeindruckende Tempelanlage nach der anderen, schlenderten wir dann weiter zum Fuße des Berges Phousi, der als das spirituelle Zentrum der Stadt angesehen wird.

329 Stufen hinauf auf den ca. 130 Meter hohen Hügel gestiegen durch einen Palmenwald, in dem eine vergoldete Buddha-Statue nach der anderen im Schatten der Bäume im Schneidersitz saß oder riesengroß auf einem Felsplateau auf der Seite lag (nach jedem Wochentag von Monday- bis Sunday-Buddha benannt) und den Pfad bis zum oberen Tempel säumten.

Manche hockten auch in einer Felsgrotte umgeben von Räucherstäbchen und schienen nur auf Besucher wie wir zu warten. Vielleicht lag es an der Hitze, dass wir fast die Einzigen waren, die sich auf diesen Pfad begeben hatten und ich definitiv die Einzige war, die einer der alten Frauen mit den Vogelkörbchen einen dieser Weidenkörbchen mit zwei winzigen Vögelchen abkaufte und im Schweiße meines Angesichts bis zum Tempel auf die Spitze des Berges schleppte, um die Winzlinge dort frei zu lassen. Keine Ahnung, was es mit diesem Brauch auf sich hat, aber es war ein schönes Gefühl, die Kleinen dort frei zu lassen und fliegen zu sehen.

Ein schönes Gefühl war es auch, die glücklichen Gesichter der Kinder zu sehen, denen ich die kleinen handgearbeiteten Püppchen für Lasse abgekauft hatte. Über das ganze Gesicht haben die 6 bis 7 jährigen Mädchen gestrahlt, als ich gleich fünf Püppchen für das Puppenhaus haben wollte, dass ich ihm Weihnachten geschenkt hatte und die er richtig gut gebrauchen konnte.

Ich hoffe, dass mein Enkel sich diese Fröhlichkeit und Bescheidenheit, die ihn jetzt noch so unglaublich liebenswert macht, ebenso bewahrt, wie die vielen Kinder, die wir hier und in etlichen anderen Ländern getroffen haben. Es ist so eklatant auffällig, dass eher ärmlich aufwachsende Kinder, die viel Zeit in der Natur oder auf der Straße verbringen, wenn auch gezwungenermaßen, häufig so viel zufriedener und freundlicher wirken, als die Kinder, die in ihren vollgestopften Kinderzimmern nicht wissen, womit sie sich beschäftigen sollen.

Weder in Tunesien noch in Armenien, schon gar nicht in Äthiopien, erst recht nicht auf Kuba und auch nicht im Senegal habe ich jemals Kinder wahrgenommen, die an der Kasse einen Tobsuchtsanfall kriegten, weil Mama oder sonst wer das Überraschungsei oder den Schokoriegel nicht kaufen wollten. Ich kann mich noch nicht mal an Bällebäder in der teuersten Mall in Dubai erinnern, in denen man die plärrende Alisha oder den heulenden Karim abholen sollte. Reichtum der Eltern alleine ist nach meiner bisherigen Beobachtung demnach auch nicht unbedingt ursächlich für zänkiges, streitsüchtiges und schlichtweg verwöhntes Verhalten vieler Kinder in unserer westlichen Kultur. Vielleicht bin ich zu einseitig oder sehe die Dinge irgendwie falsch, aber nach meinen Erfahrungen gibt es einen fundamentalen Unterschied zwischen dem Verhalten vieler Kinder aus unserem westlichen Kulturraum und denen aus dem asiatischen, östlichen, mittel- und südamerikanischen und afrikanischen. Zugegeben, ich war noch nicht in allen Ländern der Welt und man kann diese Aussage definitiv auch nicht pauschalisieren, aber es gibt sowas, wie einen Grundtenor oder, ich weiß nicht, wie ich das beschreiben soll, eine Art Grundstimmung, die ich bei uns vorfinde und die mir nicht gefällt. Und das bezieht sich nicht nur auf Kinder, ganz im Gegenteil, ich bin ja selbst oft so. 

Wie oft bin ich unzufrieden und über die kleinsten Kleinigkeiten, wie die Dunkelkammer hier. Was ist das, was diese Haltung verursacht hat? Warum gibt es Menschen, die offensichtlich kaum das Nötigste zum Überleben haben und trotzdem fröhlich sind und das Wenige, was sie haben, mit anderen teilen und sich darüber freuen und auf der anderen Seite Menschen, denen es eigentlich an nichts fehlt und dennoch krank werden vor lauter Unzufriedenheit, die anderen nichts gönnen und missmutig durch die Gegend laufen, obwohl sie mit ihren Kindern Samstags zu Ikea fahren können, um das neueste Dröna-Spielzeug-Aufbewahrungssystem zu kaufen.

Irgendwas läuft da schief und ich würde gerne verstehen wollen, was der Grund ist. Jedenfalls bin ich dem auf der Spur und je mehr ich die Gelegenheit habe, andere Menschen in anderen Ländern, aber auch bei uns in Deutschland zu beobachten, desto eher komme ich vielleicht hinter dieses Geheimnis.

In Gedanken verloren und entspannt bestellten wir in einem kleinen Restaurant mit Blick auf den Fluss Lemon Juice und Sandwiches und überbrückten so die Zeit, bis wir zum Bootssteg konnten, an dem die einstündige Fahrt auf dem Mekong losgehen sollte, die wir eben auf den Rückweg noch schnell an der Straße klar gemacht hatten. Weniger schön waren die immer dunkler werdenden Wolken, die auf dem Rückweg noch weit am Horizont zu sehen waren und inzwischen dunkel und drohend die ersten Regentropfen auf mein Käsesandwich tropfen ließen. „Das wird ja wohl nix mit dem Sonnenuntergang, ausgerechnet jetzt fängt es an zu regnen“, grummelte ich ein bisschen missmutig über die fetten Wolken, die sich immer mehr zu zogen. „Warte doch erst mal ab, vielleicht hört es ja gleich wieder auf“.

Zuerst fuhr das Boot stromaufwärts an Plantagen der Einheimischen, Fischerbooten und anderen Touristenbooten vorbei, während es allmählich immer kühler wurde. Der Nieselregen hörte aber tatsächlich auf und die Wolken jagten über den Himmel, der von grau-blau langsam in lila-blau überging. Als das Boot dann Richtung Sonne drehte und stromabwärts fuhr, begann diese dann langsam unter zugehen und tauchte den Himmel in ein derartiges Farbspektrum, das ich so wirklich noch nie gesehen hatte und das ohne Wolken wohl kaum so spektakulär gewesen wäre, da diese die Farbkontraste erst richtig zur Geltung brachten. Blau, lila, purpur, rot und zuletzt in orange färbte sich der Himmel, bevor die Sonne ganz hinter dem Berg am Horizont verschwand und wir unzählige Fotos vom Sonnenuntergang alleine und als Kulisse einiger romantischer Selfies gemacht hatten, die ich mir gerade hier in unserer Dunkelkammer noch mal angeguckt habe.

Diese letzten Bilder des Jahres 2014 muss ich unbedingt nach Hause schicken bzw. auf facebook posten. Meine DJ-Kollegin Isi hat uns eben einen Song über Soundcloud geschickt mit dem Kommentar, dass wir bei den tollen Fotos ja wohl keine Aufmunterung brauchen, aber wir könnten den Song ja nun schließlich auch bei guter Laute hören. Das letzte Mal als sie uns einen Song im Urlaub geschickt hatte, saßen wir wegen Dauerregens im Hotel in San Ignacio/Belize fest und waren sehr enttäuscht darüber, dass wegen des Regens die Höhlen gesperrt waren, für die wir extra in diesen Ort angereist waren und die wir nun leider nicht sehen konnten. Die Höhle mit Namen Actun Tunichil Muknal wurde erst im Jahr 1989 von Thomas Miller entdeckt und von den Maya als Xibalbá (Eingang in die Unterwelt) bezeichnet. National Geographics hat die ATM Caves sogar auf den ersten Platz der 10 heiligsten Höhlen der Welt gesetzt und viele Reisende, die wir unterwegs getroffen und die Höhlen schon besichtig hatten, waren überwältigt und hatten uns regelrecht ermahnt, Belize nicht zu verlassen, ohne vorher die Höhlen gesehen zu haben. Wie begossene Pudel hatten wir in San Ignacio im Hotelzimmer gesessen, während es draußen schüttete. Isis Song hatte uns beide damals richtig aufgeheitert und das hatte ich ihr auch geschrieben, worüber sie sich wiederum gefreut hat. Ne, Aufmunterung in diesem Sinne brauchen wir nicht, aber ein bisschen wehmütig ist mir schon zumute.

In ein paar Stunden geht dieses Jahr zu Ende, 6 Stunden vor zu Hause. Schicke Thorsten und Janet die heute Geburtstag hat, Geburtstagswünsche und einen guten Rutsch ins Neue Jahr, mit der Anmerkung, dass ich hoffe, dass sie uns auch ein bisschen vermissen. Das erst Mal, dass wir ganz alleine feiern, ohne die Beiden und ohne Sarah und Lasse, die ich im Augenblick echt total vermisse. Wie schön wäre es, wenn man sich mal eben nach Hause beamen lassen könnte, nur für ein paar Stunden, aufs neue Jahr zusammen anstoßen und dann wieder zurück hier hin. Bin mal gespannt, wie es hier gleich sein wird. Auf jeden Fall bin ich offen für alles, was da kommen mag.

Eigentlich verstehe ich selbst nicht, weswegen meine innere Einstellung ständig so wechselt und ich mich auf mich selbst, zumindest meine Launen, nicht verlassen kann. Noch im Restaurant heute Nachmittag, als es kurz mal zu regnen begonnen hatte, war sie wieder da, diese Unzufriedenheit bei mir und diese Gelassenheit bei ihm. Immer spiegelt er mir meine eigene Unzulänglichkeit und obwohl mich gerade diese Entspanntheit zuerst noch ärgerlicher macht, liebe ich ihn für diese Art, die Dinge so zu betrachten, wie er es tut, obwohl er definitiv in meinem westlichen Kulturkreis aufgewachsen ist. Also eher doch eine Frage der Grundhaltung den Dingen gegenüber oder Erfahrungswerte?

Ich erinnere mich an einen Vortrag von Prof. Gerald Hüther, den ich vor einiger Zeit auf YouTube gesehen habe. Gehirnforschung interessiert mich, seit dem ich „Anna, der liebe Gott und die Schule“ von Richard David Precht gelesen habe, worin er sich mehrfach auf die Forschungen von Hüther bezieht, der wiederum Prechts Theorien zum Thema Lernen bzw. Lernerfahrungen, die er in seinem Buch ausführlich beschreibt, wissenschaftlich untermauert. Laut Hüther existiert ein übergeordnetes Muster, das das Verhalten steuert. Die innere Einstellung bzw. Haltung eines Menschen bestimmt, wie er in bestimmten Situationen reagiert, und diese Haltung entsteht nicht dadurch, dass jemand einem gesagt hat, wie er sich zu verhalten hat, sondern sie ist das Ergebnis von Erfahrungen, die man im Laufe seines Lebens gemacht hat. Jede Erfahrung hat einen emotionalen Anteil, der in der rechten Gehirnhälfte aktiviert ist und einen kognitiven Anteil. Diese beiden Netzwerke werden in dem Moment, in dem wir eine Erfahrung machen, im Gehirn zusammen gekoppelt und verankert. Und dieses Muster oder diese Verankerung kann nicht dadurch gelöst werden, dass jemand zu einem sagt: Jetzt verhalte dich doch mal anders. Höre doch mal auf, immer so negativ zu denken oder sei doch nicht immer so faul oder Ähnliches. Nur wenn der Mensch die Gelegenheit bekommt, selbst eine andere Erfahrung zu machen, können diese Koppelungen gelöst werden und er zu einer anderen Haltung gelangen. Vor diesem Hintergrund bin ich sehr gespannt auf die Erfahrungen, die ich noch machen werde. Gelegenheit dazu wird sich ja wohl bieten, sonst wäre ich nicht hier und würde mich nicht immer wieder aus meine Komfortzone raus in diese Abenteuer stürzen wollen.

Erkenntnis Nr. 6:

Je dunkler die Wolken, umso schöner der Himmel, wenn die Sonne durch die Wolken scheint. Ohne das Dunkle könnten wir das Helle gar nicht sehen. Ohne Traurigkeit, wüsste der Mensch nicht, was Fröhlichkeit ist. Ohne das Oben gäbe es kein Unten und ohne das Böse würden wir das Gute nicht erkennen. Alles bedingt einander und hat immer einen Gegenpol. Erst der Kontrast bringt die wahre Schönheit hervor. 


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