Faulenzen in Laos
Nach den spannenden Tagen in Ayutthaya und Lopburi flog ich Mitte Februar 2026 wieder nach Laos - zum Dolcefarniente und zur Schonung meines Reisebudgets.

Veröffentlicht: 25.06.2026
Ich war schon mehrmals in Vientiane, der Hauptstadt von Laos, aber stets nur zum Umsteigen oder höchstens für eine Nacht. Vientiane gilt als lang-weilig und verschlafen. Doch diesmal wollte ich es genauer wissen und plante zwei Tage ein.
Im Minibus aus Vang Vieng kam ich am 24. Februar 2026 an, und das er-ste, was mir wieder auffiel, war die Skyline: Vientiane, das am Nordufer des Mekongs liegt, hat sich eher in der Horizontalen ausgebereitet als in die Höhe; es gibt hier nur wenige Hochhäuser; kein Vergleich zu Bangkok, Kuala Lumpur, Shanghai oder Saigon. Obwohl Laos im Norden an die Volksrepublik China stösst und zudem ebenfalls von einem kom-munistischen Herrschaftssystem regiert wird, scheinen chinesische Speku-lanten hier weniger gewütet zu haben als in anderen südostasiatischen Ländern.
Gewisse Stadtteile von Vientiane wirken noch geradezu ländlich, eher wie eine Ansammlung aneinandergereihter Dörfer. Dazwischen finden sich Strassen, die von französischen Kolonialbauten in verschiedenen Stadien des Zerfalls und von buddhistischen Tempelanlagen gesäumt sind. Der Verkehr fliesst eher gemächlich. Wie fast überall in Südostasien domi-nieren die Motorroller; Tuk-tuks knattern durch die Strassen.
Ich bin am frühen Nachmittag angekommen, während der grössten Hitze des Tages, um die 34 Grad Celsius, und habe mich zuerst in meinem Hotel, COSÍ, abgekühlt. Diese Unterkunft hatte ich gewählt, weil sie erstens im Zentrum liegt, zweitens mit rund 33 Euro pro Nacht relativ preisgünstig ist und drittens sehr gute Online-Bewertungen erhält. Ich gehöre als ergrauter Mitsiebziger eindeutig nicht zum Zielpublikum – die Hotelkette richtet sich auf Lifestyle-orientierte Reisende, digitale Nomaden und überhaupt die jüngere Generation aus. Viel eher müsste ich in einem Centara Hotel & Resort absteigen, der Muttergesellschaft der COSÍ-Hotels (was ich früher tatsächlich tat), aber diese bewegen sich oberhalb meines Reisebudgets.
Die Centara Hotels gehören, dies nur nebenbei, zur Central Group, einer mächtigen, dominierenden thailändischen Firmengruppe im Besitz einer Milliardärsfamilie. In Europa kennt man die Central Group unter anderem als Eigentümer von Luxuskaufhäusern wie dem KaDeWe in Berlin oder Globus mit mehreren Filialen in der Schweiz.
Garküchen und ein Lamborghini
Am Abend ist es zwar nicht merklich kühler, aber zwecks Verpflegung begebe ich mich ein paar Häuserblocks entfernt vom Hotel an die Rue Hengboun. Die sympathische Strasse, gesäumt von Häöusern aller Epo-chen vom Kolonialismus bis heute, von kleinen Hotels, Läden und Bars, wird offiziell als «Food and Culture Street» bezeichnet.
Aber mir geht es heute nur um Food. Ich habe die Qual der Wahl zwischen Dutzenden Garküchen, wo Sai Oua, grobe, mit Zitronengras, Ingwer, Knob-lauch und Chilis gewürzte Schweinswürste, gegrillt werden, auch ganze Flussfische und Spiesse mit Hühnerstücken. Frauen bereiten auf heissen Herdplatten leckere Omeletts zu, andere zerstossen für den Tam Mak Hoong, den höllisch scharfen Papayasalat, in Holzmörsern Streifen unreifer Papayas mit Limettensaft, Chili und Garnelenpaste. Dazu wird in geflochtenen Bambuskörbchen Khao Niew gereicht, der traditionelle Klebreis. Gegessen wird mit den Fingern; die Preise sind bescheiden; eine Mahlzeit kostet umgerechnet zwei, drei Euro.
In einer Seitenstrasse gibt es ein von Einheimischen sehr gut frequentiertes Lokal, wo auf offenen Grill-Feuern und in riesigen Suppentöpfen Massen von Riesengarnelen und anderem Meeresgetier brutzeln und simmern und zur Völlerei animieren: «All you can eat», lautet das Versprechen.
Später genehmige ich mir in einer Bar in derselben Strasse einen späten Drink und wundere mich, wem der schwarze Lamborghini vor der Tür ge-hören könnte. Gegen halb zehn, zehn wird es in der Rue Hengboun all-mählich ruhiger, während umliegende Strassen bereits eingeschlafen sind.
Auf dem «Tor des Sieges»
Am nächsten Tag mache ich mich, bald schon ziemlich verschwitzt, auf Erkundungstour. Zuerst steht der Patuxai auf dem Programm, das «Tor des Sieges», das nach der Unabhängigkeit von Frankreich in den 1960er-Jahren errichtet wurde und an die laotischen Soldaten erinnern soll, die im Zweiten Weltkrieg und im darauffolgenden Freiheitskampf gegen Frank-reich starben. Das Siegestor, entworfen von einem laotischen Architekten und Bildhauer, ist dem Arc de Triomphe in Paris nachempfunden, aller-dings mit vielen laotischen und buddhistischen Elementen dekoriert.
Es gibt, erzählt mein Guide Tham schmunzelnd, zwei kuriose Geschichten um den Patuxai: Erstens wurde das Denkmal mit amerikanischer Ent-wicklungshilfe gebaut, allerdings mit «abgezweigter»: Geld und Beton wa-ren von den USA für den Ausbau des Flughafens gestiftet und danach zweckentfremdet worden. Der Patuxai wird deshalb auch «Vertikale Landebahn» genannt. Zweitens wurde das Monument nie ganz fertig-gestellt, denn König Sisavang Vatthana, die treibende Kraft hinter dem Bau, wurde 1975 von den Kommunisten gestürzt und kam um 1980 in einem Umerziehungslager ums Leben.
Wir steigen im Inneren des Bogens auf eine Aussichtsplattform, von wo wir auf weitläufige Grünflächen, Regierungs- und Parlamentsgebäude und ausländische Botschaften blicken.
Ein paar Kilometer östlich des politischen liegt das religiöse Zentrum des Landes: Pha That Luang. Die vollständig mit Blattgold laminierte Stupa reflektiert das grelle Mittagslicht. Auf dem betonierten Vorplatz sind kaum Besucher zu sehen. Unter Sonnenschirmen sitzen ein paar Händler und versuchen, dem Touristen Räucherstäbchen und Lotusblüten zu verkaufen, die man dem Buddha darbringen soll.
Betoniertes Ufer
Am späten Nachmittag verlagern sich die Aktivitäten an das Mekong-Ufer. Die Promenade am Chao Anouvong Park ist eine breite, betonierte Fläche, die hoch über dem eigentlichen Flussbett liegt. In der Trockenzeit zieht sich das Wasser hunderte Meter zurück und legt sandige Inseln und flache Vegetationsstreifen frei. Kein schöner Anblick, muss ich mir sagen.
Auf der Promenade setzt eine organisierte und ohrenbetäubende Betriebsamkeit ein. Dutzende Lautsprecher werden verkabelt, und zu lauter Popmusik bewegen sich Frauen im Gruppen-Aerobic. Daneben nutzen Jogger und Spaziergänger die Betonpfade, während andere auf den Betonstufen sitzen und den Sonnenuntergang beobachten, der den Fluss einfärbt. Der Wind, der vom Mekong aufsteigt, ist nicht so kühl wie erhofft.
Unmittelbar hinter der Promenade sind die Stände des Nachtmarktes unter roten Zeltdächern in langen Reihen aufgestellt. Zwischen ihnen flanieren laotische Familien, Studierende der nahen Universität und vereinzelte, vorwiegend sehr junge Touristen. Anders als jener in der Hengboun-Strasse ist dieser Nachtmarkt an die Bedürfnisse der lokalen Kundschaft ausgerichtet: Pfannen, Töpfe und Geschirr, Billigkleider, meist aus China und Vietnam importiert, Sportschuhe mit gefälschten Adidas- oder Nike-Logos, Mobiltelefon-Hüllen, Kosmetik. Die Verkäufer sind unaufdringlich, viele mehr mit dem eigenen Handy als mit der Kundschaft beschäftigt.
Auf der Mekong-Promenade lässt der Wind nach; die Lautsprecher der Aerobic-Gruppen verstummen. Im Vergnügungspark erlöschen nach und nach die Lichter. Die Statue des rebellischen Königs Anouvong, der Anfang des 19. Jahrhunderts versuchte, Laos aus der Umklammerung durch das Königreich Siam, heute Thailand, zu befreien, steht einsam am Flussufer.
Vientiane, die «langweiligste Hauptstadt Asiens», wie es ein Tiktoker formulierte, geht früh zu Bett, als weiterer Gegensatz zu Bangkok, Saigon, Kuala Lumpur oder Phnom Penh. Es bleibt der Blick über den dunklen Fluss auf die gegenüberliegende Seite. Dort ist Thailand, und die Leuchtreklamen schimmern noch tief in die Nacht hinein, während auf der laotischen Seite bereits Nachtruhe herrscht.
