Auf der Suche
Tagebuch einer Reise durch Laos, Vietnam, Kambodscha und zu mir selbst

Diary of a journey to myself / Die zweite Erkenntnis

26.12., kurz nach 15:00 Uhr, Flughafen Seoul

Die Sonne strahlt durch die Flughafenfenster, aber es scheint ziemlich kalt zu sein. Der Flug verging auch wie im sprichwörtlichen Flug und war entspannt, auch wenn ich absolut nicht schlafen konnte. Fünf Filme angesehen (Pompeii, irgendeinen fürchterlichen Kitschfilm mit Collin Farell und mindestens 3 Mal Walt Disney „Die Prinzessin und der Frosch“ oder so ähnlich). Hat trotzdem nicht geholfen müde zu werden. Trotz kaum Schlaf seit gestern bin ich ungewöhnlich ausgeruht und denke gerade nochmal drüber nach, wie sehr ich mich über den Überraschungsbesuch meiner Schwiegereltern am Bonner Bahnhof gefreut habe. Völlig unerwartet tauchten die Beiden plötzlich auf dem Bahnsteig auf, erzählten uns, wie gut es gewesen sei, dass Fabian nochmals angerufen hatte, um sich zu verabschieden, sonst wären sie nämlich zum Siegburger Bahnhof gefahren und hätten uns dann gar nicht mehr die Weihnachtsplätzchen als Proviant mitgegeben können. Total süß von den Beiden und stecke mir einen selbstgebackenen Keks in den Mund. In 6 Stunden geht’s weiter und bin immer noch kein bisschen müde.

„Das du dich immer so entspannt beschäftigen kannst“, stelle ich ein bisschen genervt fest. Fabian zuckt mit den Achseln. „Les doch mal“, erwidert er, ohne seinen Blick vom Tablet zu lassen. Er steht wiedermal kurz davor, seinen eigenen Rekord im Länderpuzzle zu brechen und ist hochkonzentriert. Ich kann einfach nicht verstehen, warum und wofür es gut sein soll, Länder an ihren Umrissen erkennen zu können und Puzzleteile auf der Bildschirm-Weltkarte auf den richtigen Kontinent und dann auch noch an genau die richtige Stelle zu platzieren. Na gut, den Stiefel Italiens und die Umrisse von Chile kriege ich auch noch hin, aber Belize, Luxemburg oder Bulgarien? „Na, welches Land ist das? Da waren wir letztes Jahr. Jetzt guck’ doch mal genau“. Voller Erwartung knufft er meinen Oberarm und wartet auf meine Erleuchtung. „Man, weiß ich doch nicht. Absolut keine Ahnung. Guatemala?“ Fiel mir gerade nur deshalb spontan ein, weil er eben Belize an die richtige Stelle gesetzt hatte. „Richtig!“ Er ist echt komplett aus dem Häuschen und ich auch, weil ich so super geraten habe, obwohl ich noch nicht mal die Umrisse richtig erkannt hatte. Dass ich kein Buch lesen will liegt nämlich nicht daran, dass ich keine Lust dazu habe, sondern dass ich mal wieder zu stolz gewesen bin, meine Lesebrille mitzunehmen. „Und das hier, na, na?“ Begeistert zeigt er wieder auf irgendein Gebilde, dessen Form ich kaum erkenne, weil es so winzig ist. „Ich kann das einfach nicht erkennen Schatz. Ich hab‘ meine Brille vergessen“, gebe ich ein bisschen kleinlaut zu (obwohl vergessen eigentlich gelogen ist). „ Ich denke, du brauchst keine Brille mehr seid Honduras“. „Leider doch, aber eigentlich nur abends und nuuuur, wenn ich total müde bin“. „Ich denke du bist nicht müde“, kontert er ein klein bisschen zu ironisch, worauf ich noch genervter antworte: „Man, vielleicht aber übermüdet. Du hast ja die ganze Zeit gepennt“.

Beleidigt drehe ich mich Richtung Fenster, während er den nächsten Level startet. Das war schon ein merkwürdiges Erlebnis letztes Jahr am Pier in La Ceiba in Honduras, wo wir auf das Boot für die Überfahrt nach Utila gewartet hatten. Ich in der prallen Sonne, er weiter hinter mir unter Bäumen im Schatten; ich schnappe mir aus lauter Langeweile den Lonely Planet, den er ausnahmsweise bei mir gelassen hatte, bevor er sich aus der Sonne setzte. Da sitze ich und lese mit meiner Sonnenbrille ohne Dioptrien über die Insel, von der so viele Bekannte unglaublich schwärmen, weil sie vor vielen Jahren (also als Jugendliche) mal dort gewesen waren.

Super schöne Insel, coole Leute, fantastisches Tauchgebiet, einzigartig einfach für alle, die das Tauchen eben lieben, also mir völlig egal. Aber klar verstehe ich Fabian, der auf unserer allerersten Fernreise damals vor sechs Jahren einen Schnupperkurs auf Koh Mak gemacht hatte. Dort auf dieser kleinen Insel im Osten Thailands, nicht weit entfernt von der kambodschanischen Grenze, war ich mit ihm zur Tauchschule gegangen, die ein junger, sehr ambitionierter blonder Surfertyp aus New York leitete (hätte der jüngere Bruder Curt Cobains sein können) und am Ende seiner Versuche, auch mich für einen Anfängerkurs zu begeistern, verständnisvoll aufgab. Es gäbe eben immer wieder auch Leute, die es besser bleiben lassen sollten und dazu würde ich nun mal gehören. Dabei war er alles andere als überheblich, sondern wirklich sehr empathisch, wie meine Schwester sagen würde („emphatisch“ war aktuell ihr Lieblingswort).

Deshalb und nur deshalb hatte ich mich dann auch überreden lassen, mit auf dem Boot rauszufahren und wenigstens ein bisschen zu schnorcheln, was ich auch versuchte, mich aber nicht wirklich begeisterte. Ich hasse es einfach, nicht an der Luft zu atmen. In luftigen Höhen alles kein Problem, aber unter Wasser oder in Höhlen sieht die Welt für mich echt bedrohlich aus. Da kriege ich Panik, wie ein Kleinkind, das man einfach ins Wasser geschmissen hat. Diese Methode hat man doch tatsächlich eine Zeit lang angewandt, um Kindern das Schwimmen beizubringen. Horror und aus meiner Sicht absolut unmöglich und traumatisierend, so wie mein Vater mich damals am Strand in der Bretagne ganz fest am Handgelenk gehalten hatte, wenn die Riesenwellen auf uns zu kamen, ich unter Wasser gespült wurde und keine Luft bekam. Statt Luft hatte ich Sand in allen Körperöffnungen und wusste für kurze Zeit nicht, wo oben und unten ist, bevor ich Luft schnappend nach einer gefühlten Ewigkeit auftauchte, wenn die Welle endlich über mich hinweg gezogen war. Irgendwie schien mein Vater vergessen zu haben, dass ich mit 7 Jahren keine 1,90 m groß war und sowieso schon immer Angst vor Wasser hatte. Was für ihn ein Heidenspaß war, war für mich ein einziger Alptraum und er hatte es gar nicht bemerkt.

Einen Heidenspaß hatte ich dagegen im Hubschrauber, in dem ich zusammen mit einem chinesischen Pärchen aus New York, inklusive Pilot natürlich, im selben Urlaub in Belize über das so genannte „Great Blue Hole“ (eine runde unterseeische Doline) flog, während Fabian in dem selbigen zur gleichen Zeit tauchte. Die Beiden hatten damals noch eine dritte Person gesucht, mit dem sie sich die Kosten für den Flug teilen konnten und mich deshalb angesprochen, weil ich ihnen wegen meiner Blümchenstiefel so cool erschienen war. Zufälligerweise hatte Mai, mit der ich noch heute über fb Kontakt habe und wir unsere Reisen gegenseitig verfolgen, schon damals ein für Chinesinnen auffällig langes Pony, was ich wiederum an ihr als erstes bemerkt hatte.

Jedenfalls las ich über die tollen Tauchgebiete und worauf man bei der Wahl der zahlreichen Tauchschulen auf Utila so achten sollte, als ich plötzlich merkte, dass ich ja wieder lesen kann. Offensichtlich hatte das mit der grellen Sonne zu tun. Als wenn da in meinen Augen irgendwas plop gemacht hätte. Auf einmal konnte ich auch die kleine Schrift – und die Schrift im Lonely Planet ist verdammt klein – problemlos lesen. So konnte ich mir dann 2 Tage später auch prima die Zeit in unserem Zimmer, vor mir der Balkon mit Blick auf das direkt angrenzende Meer mit „Die Pforten der Wahrnehmung“ von Aldous Huxley vertreiben, während Fabian an seinem 40ten Geburtstag unterwegs auf Divetour nach Walhaien und Adlerrochen war.

Ne, also die Insel würde ich jedenfalls keinem empfehlen, der die magische Grenze von 25 Jahren überschritten hat und nicht total hip und mit knackiger Figur halb nackt den ganzen Tag im Divecenter abhängt oder mit einer Crew super cooler Typen in Taucheranzügen und Sauerstofflaschen schleppend von einem spektakulären Taucherparadies zum anderen unterwegs ist. Außerdem muss man auf Utila Liebhaber von Quads sein, die auf der einzigen Straße, an der sich mehr oder weniger alle Restaurants, Bars, Schmuck- und Krimskramsläden und vor allem mindestens 35 Tauchschulen befinden, in einer Tour hin und her rasen und die wenigen Touristen, die tatsächlich zu Fuß gehen, ständig an die Seite drängen. Ich musste schon damals an das Kinderlied „Oma hüpf mal“ denken, obwohl ich zu dem Zeitpunkt noch gar keine Oma war. Menschen und vor allem Frauen über 40 können hier ganz schnell mal in eine Midlifecrisis geraten und sich out of the generation fühlen. Bis zu diesem Urlaub war mir noch nie so dermaßen aufgefallen, dass wir auf unseren Reisen kaum Backpacker treffen, die vom Alter her nicht unsere Kinder hätten sein können. Auch die Bekanntschaften, die tatsächlich sehr, sehr lange hielten, waren immer Leute, die mindestens 10 Jahre jünger waren, also eher in Fabians Alter.

Aber es waren immer Bekanntschaften, die tiefe Spuren hinterlassen haben. Sowohl bei uns als auch offensichtlich wir bei den anderen, wie vor allem bei Bob und Rachel. Die beiden hatten wir auf Koh Mak kennengelernt. Er, Bob, war mir direkt aufgefallen, weil er mit seinen Sommersprossen auf heller Haut und seinen rötliche Haaren so wunderbar britisch wirkte und einfach unglaublich liebenswert mit der langhaarigen brünetten Rachel umging, deren Nase ein klitzeklein bisschen zu groß geraten war, was der sanften Schönheit ihres Gesichtes aber keinen Abbruch tat.

Ich sehe noch das Bild vor mir, wie er auf die Veranda seiner Hütte trat, die keine 20 Meter von unserer Strandhütte entfernt in diesem wirklich paradiesischen Ressort, nur mit einem Handtuch um die Hüften bekleidet, sich gerade eine Zigarette anstecken wollte, als von drinnen eine Stimme laut „Boooob“ rief und er sofort seine Kippe in den umliegenden Sand warf und nach drinnen eilte. Am selben Abend saßen wir dann ein paar Stunden später zusammen an der Bar im Strandrestaurant, umgeben von Palmen mit Blick auf den Sternenhimmel und den keine 30 Meter entfernten nachtschwarzen Pazifik und lachten über mein mieses Englisch. Er erzählte mir irgendeine Story über Turtles und ich verstand immer Tattoos. „No, I am talking about TÖTELS, animals who can swim and laying eggs“, wobei er ziemlich verzweifelt wirkte. Da erst kam mir die Erleuchtung. „Oh really, now I understand. I thaught, you were talking about your Tattoos on your legs”. Schallendes Gelächter brach aus. Sogar der niedliche thailändische Kellner hinter der Bar, der uns unentwegt mit Drinks versorgt hatte, lachte mit, obwohl er überhaupt nicht verstand, worum es ging.

Diese Geschichte gab Bob sogar zum Besten als wir 3 Jahre später in Brighton auf seiner und Rachels Hochzeit waren, zu der sie uns, aus heutiger Sicht fast antiquiert, per postalisch verschickter Karte eingeladen hatten. So wie Rachel uns nach dem Hochzeitsessen bei einer Zigarette draußen vor dem Cottage, in dem die Hochzeitsparty stattfand, ein bisschen beschwipst erzählte, waren sie damals in Thailand wohl beide total beeindruckt gewesen von unserer Geschichte, dass wir genau 10 Jahre nach dem Tag, an dem wir uns kennengelernt haben, geheiratet hatten, weil wir unbedingt mal eine große Party als Paar geben wollten und es außerdem total blöd fanden, wenn wir zum Beispiel in der Apotheke sagen mussten: „ Nein, das ist für meinen Freund“ oder noch schlimmer: „Das ist für meine Lebensabschnittsgefährtin“. Das fanden sie jedenfalls so inspirierend, dass sie uns das schlicht und ergreifend hatten nachmachen wollen. Ihre Hochzeit fand dann ebenfalls genau am 10. Jahrestag ihres Kennenlernens in London statt, von wo aus die ganze Gesellschaft mit einem liebevoll bemalten Hochzeitsbus nach Brighton gekarrt wurde, während die am Auspuff angebunden Dosen auf dem Asphalt klapperten als gäbe es kein Morgen mehr. Also wenn das keine Spuren sind, die wir hinterlassen haben, dann weiß ich auch nicht.

Erkenntnis Nr. 2:

Tief eingeprägte Erlebnisse und intensive Begegnungen mit bestimmten Menschen hinterlassen Spuren, die früher oder später von Bedeutung sind. Wenn ich diese Spuren erkenne, kann ich etwas von ihnen lernen, was für meinen Lebensweg wichtig sein kann.

#incheon
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