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Tagebuch einer Reise durch Laos, Vietnam, Kambodscha und zu mir selbst

Diary of a journey to myself / Die erste Erkenntnis

Reisetagebuch

Vietnam, Laos und Kambodscha

25.12.2014, Wartelobby Flughafen Frankfurt/Main

Wir sitzen mal wieder am Flughafen in der Wartelounge und warten (was auch sonst in einer Wartelounge). Keine Ahnung, wie oft wir hier schon Zeit totgeschlagen haben seit wir vor ziemlich genau sechs Jahren nach unserer Hochzeit auf dem idyllischen Drachenfels mit der Fernreiserei angefangen hatten. Unsere Rucksäcke, auf die Fabian vor unserer ersten Reise mit weißer Sprühfarbe jeweils unsere Anfangsbuchstaben F und S gesprüht hatte, damit wir sie nicht nur am Gewicht voneinander unterscheiden können, sind wahrscheinlich gerade unterwegs in den Flieger. Wie immer habe ich bestimmt schon wieder die falschen Schuhe eingepackt. Irgendwie kriege ich das einfach nie auf die Reihe mit den Schuhen. Auf meine geliebten Stiefel und Sandalen mit mindestens 7 cm Absätzen zu verzichten, kommt auf keinen Fall infrage. Die Flip Flops dienen eigentlich nur als Alibi. Sobald ich einen ganzen Tag tatsächlich mal darin rumgelaufen bin, weil es wirklich zu heiß für Stiefel ist, wenn man stundenlang durch Großstädte oder Gebirgslandschaften marschiert, kriege ich zwischen den Zehen so fiese Blasen, dass auch die echt teuren und ganz speziellen Blasenpflaster, die ich in jedem Urlaub massenweise verbrauche, nicht mehr helfen und ich meine Stiefel wieder anziehe, weil ich darin einfach am besten laufen kann, was mir aber keiner glaubt. Fabian ist daran gewöhnt und hat die Blasenpflaster ganz oben auf seiner Checkliste der Dinge, an die wir unbedingt immer denken müssen. Schließlich kennt er mich und meine Macken seit 16 Jahren und ich seine Marotten, die ganz sicher nicht weniger bescheuert sind. Alles muss geordnet und archiviert sein und wehe einer redet ihm da rein oder würde es wagen, seine CD-, Comic- oder Filmsammlung in Unordnung zu bringen. Ich muss an seine Urlaubscheckliste denken und wie sehr er mich und meine Eigenarten dabei im Blick hat. Ganz süß finde ich in dem Zusammenhang, dass auch „Pony schneiden“ inzwischen auf der Liste steht. Vor unserem letzten Kurztrip nach Bratislava und Wien hatte ich es vorher nicht geschafft, mein Pony, das mir immer ganz genau bis kurz oberhalb der Augenlider gehen muss, von der iranischen Friseuse meines Vertrauens nachschneiden zu lassen.

Als wenn er gerade meine Gedanken gelesen hätte, stupst er mich von der Seite an „Hast du eigentlich dein Pony schneiden lassen und den Föhn dabei?“ „Meinst du etwa, ich würde nochmal irgendwo auf der Welt so eine Hexe, wie die in Bratislava, an mein Pony lassen? Was für ein Alptraum. Kannst du dich daran noch erinnern?“ „Ne, keine Ahnung wovon du sprichst. Man jetzt guck‘ nicht so. Als wenn ich das vergessen hätte“. Dabei grinst er mich mit seinen graublauen Augen verschmitzt an. „Was hat sie noch ständig wiederholt, weißt du das noch?“, will ich wissen. „Kattastroff, oh, oh Kattastroff“. Jetzt strahlt er über das ganze Gesicht und hebt dramatisch seine Arme in die Luft. Wir müssen beide wieder lachen, rollen die Augen, ziehen unsere Augenbrauen so hoch es geht und stöhnen dazu, so wie die grell geschminkte, ziemlich korpulente, zigeunerhafte Friseuse mit der riesigen Oberweite in Orange (ich weiß, der Ausdruck Zigeuner ist total verwerflich, aber Sinti und Roma trifft es nicht richtig).

Ihre dünnen schwarzen Haare hatte sie so eng es ging zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, damit der ausgedünnte weißgraue Haaransatz besonders gut zur Geltung kam. Als sie mich mit ihren knöchernen Händen auf den löchrigen und etwas klebrigen Friseurstuhl platzierte und mit ihren Fingern, deren Nägel sie offensichtlich vor ziemlich langer Zeit grell rosa lackiert hatte, durch meine Haare strich, dabei besonders meine Augenbrauen inspizierte, während sie mir mit ihren dick blau umrandeten Augen und den, in einem viel zu breiten Bogen, schwarz gefärbten Brauen gefährlich nahe kam, stöhnte sie aus tiefster Seele, die schon viel Leid und Elend im Leben gesehen hatte. Dabei warf sie Fabian eindringliche und vorwurfsvolle Blicke zu, die ausdrückten, dass man da vielleicht noch was machen kann, aber auch nur mit viiiiel Mühe. Während sie bei diesen Sätzen nicht nur leise stöhnte, die Augen rollte, die Schultern leicht anhob, um sie dann resignierend fallen zu lassen, änderte sie bei dem darauffolgenden Satz ihre Haltung drastisch. Die Hände in die Hüften gestützt und geradezu drohend mein Gesicht im Spiegel fixierend konstatierte sie:“ Aber die Augenbrauen müssen unbedingt gefärbt werden. So können Sie nicht mehr auf die Straße. Basta!“

Bei dieser Dramaturgie war das fehlende Verständnis der slowakischen Sprache vollständig überflüssig. Ich verstand jedes einzelnes Wort, auch wenn ich nie zuvor Slowakisch gelernt hatte.

Die Erinnerung ist sofort voll präsent. Der kleine, schmuddelige Laden in einem Hinterhof gegenüber des „Trescher“ (eine Lonely Planet- Empfehlung für lokale, gute und preiswerte Küche in authentischer Atmosphäre).

Atmosphäre hatte der Friseurladen auch und was für eine. Vollgestopft mit Flaschen und Cremedosen in allen Größen und Farben, dazwischen Heiligenbilder, Jesuskreuze und jede Menge bunte Lichterketten, künstliche Blumengestecke in winzigen Porzellanvasen sowie ein signiertes Riesen-Poster von Verona Feldbusch (oder hieß sie damals schon „Poth“?).

Meine Gedanken schweifen vom Friseurladen in der slowakischen Hauptstadt zur bolivianischen Hauptstadt La Paz und in die Hexenstraße, „la Caille de las Brujas“, (Empfehlung in der Rubrik Insidertipps für besondere Sehenswürdigkeiten im L.P.) und den kleinen Laden an dessen Eingang getrocknete Lamas hingen und der bis unter die Decke vollgestopft war mit Kräutern, Ölen, Salben, Amuletten, Seifen und ich weiß nicht was alles für Zauberutensilien, die allesamt einem oder gleich mehreren Zwecken dienen sollten. Kinderwunsch, Gesundheit, Partnerfindung, Schönheit, Glück allgemein, Reichtum oder einfach nur als Aphrodisiakum. Jedenfalls sollten sie zur Erfüllung aller menschlichen Anliegen gut sein, an die zu glauben es sich wirklich lohnt. Hatte dort gleich 4 Amulette gekauft. Eins für meine Tochter Sarah, eins für Mama, eins für meine Freundin Merrit und eins für mich.

Da höre ich plötzlich aus den Lautsprechern irgendwas, was ich akustisch nicht verstehe außer meinem Namen. Ich stupse Fabian an, der wieder in mein Tablet vertieft ist. „Hast du das gehört, haben die mich gemeint?“ Unbeteiligt zuckt er die Schulter. „Du sollst da vorne zum Schalter kommen“, und zeigt mit ausgestrecktem Arm betont lässig zum Boardingschalter. Was hast du denn jetzt wieder angestellt?“ Dabei grinst er ein bisschen oder bilde ich mir das nur ein? Ich bin verwirrt. „Man, die haben doch schon meine Stiefel und mein Tablet nach Sprengstoff untersucht, was denn jetzt noch? Ja. Ich gehe ja schon“. Ein bisschen verunsichert gehe ich durch die Reihen der anderen Passagiere, von deren Blicken ich mich verfolgt fühle, nach vorne zum Schalter. „Frau Heidemeyer?“ Ich nicke. „Wir haben ein kleines Problem mit Ihrem Visum. Sie fliegen doch nach Vietnam?“ Ich nicke wieder. „Das Lesegerät unten am Flugschalter hat offensichtlich ihr Visum nicht eingescannt. Wir müssen das noch nachtragen“. Ich lächle die freundliche Stewardess mit der schwarzen Ponyfrisur wie eine Verbündete an. „Klar, kein Problem“, und reiche ihr meinen total zerfledderten Reisepass. Sie hebt kurz die schön dezent geschwungenen Augenbrauen (innerlich muss ich an die Hexe denken und daran, dass ich nach meiner „Behandlung“ auch gerne solche Brauen gehabt hätte), dann reicht Sie mir den Pass zurück. „Den sollten Sie aber unbedingt ersetzen, der fällt ja bald auseinander. Damit könnten Sie auch mal Ärger kriegen“. Mit strengem Blick schaut sie mir dabei in meine großen blauen Augen, wie in die eines kleinen Schulmädchens, das man manchmal eben auch zur Ordnung ermahnen muss. Als wenn ich das nicht selbst wüsste. Wie oft habe ich schon böse Blicke an diversen Grenzen wegen meines Reisepasses geerntet. Vor allem in Miami. Wäre ich keine Deutsche gewesen, hätte mich der große, muskulöse, farbige Ami am Einreiseschalter unter Garantie nicht in seine geheiligten USA rein gelassen. Diesen Spruch werde ich bestimmt nie vergessen: „The Germans are good, they do, what we want them to do”.

Was für ein Glück, dass ich den Sinn in dem Moment selber gar nicht richtig gecheckt hatte und ihm freundlich zunickte an statt mit einem passenden Kommentar zu kontern. Wäre vermutlich nicht gut ausgegangen. Die Nachricht, dass die NSA auch Merkels Handy abgehört haben sollte, die sich darüber nur kurz bei Obama beschwert hatte, wurde erst seit Oktober diskutiert. Die ganze Frage in Sachen Haltung gegenüber den USA war ein heikles Thema und in unserem Freundeskreis heftig umstritten. Schließlich mochten wir alle zumindest Obama, wenn auch nicht unbedingt die Amerikaner an sich. Hätten wir doch damals schon gewusst, wen die Amis danach wählen würden. Aber wahrscheinlich hätten wir uns auch nicht anders verhalten, weil wir Deutsche uns eben unterordnen und nicht aufmüpfen, um des lieben Friedens willen (das Leitmotto meiner Mutter). Nein, wir sind korrekt, pünktlich, überaus effizient und zielorientiert. Wir haben Bayern München, Schweinsteiger und vor allem Mercedes. Wie oft haben wir das nun schon gehört. Hätte ich es damals schon gewusst, ich hätte dem Schalterbeamten in Miami erwidern können: „Und ihr habt demnächst Trump“. Hätte mir eh keiner geglaubt.

So müpfe ich auch jetzt nicht auf, zumal die Pony-Stewardess ja auch Recht hat. Fabian ermahnt mich schließlich vor jedem Urlaub, doch endlich mal einen neuen zu beantragen, aber ich hänge nun mal an meinem Reisepass mit den vielen bunten Stempeln und Visa. Völlig entspannt stecke ich ihn also wieder ein und gehe zurück auf meinen Platz neben Fabian, der in tiefer Versunkenheit sein heißgeliebtes Länderquizz auf meinem sprengstofffreien Tablett spielt. „Weißt du wie schnell ich inzwischen bin? 6 Minuten und 39 Sekunden“, dabei lässt er seinen Blick nicht vom Bildschirm. „Ja krass“, erwidere ich betont desinteressiert. „Willst du gar nicht wissen, was war?“ Er guckt kurz hoch. „Was war denn?“ „Mein Visum für Vietnam war nicht eingescannt, musste nachgetragen werden“. „Aha…., aber jetzt ist alles klar oder?“ „Mmm“, ich lehne mich zurück. Vielleicht gehe ich nochmal eine rauchen. Was für ein Luxus. Die Raucherlaunch ist direkt hinter uns. Ich beobachte die Passagiere, die gleich mit uns im Flieger nach Seoul, genauer gesagt Incheon (kann ich mir einfach nicht merken) sitzen werden. Das Einzige, wovor mir graut, ist der sechsstündige Aufenthalt in Incheon, bevor es nach Hanoi weitergeht. Jetzt geht’s los!

Erkenntnis Nr. 1:

Dinge, die mir besonders auffallen, wiederholen sich immer und immer wieder. Es scheint sich um Zeichen zu handeln, die mir eine Botschaft mitteilen wollen. Durch achtsames Beobachten werde ich sie entschlüsseln können.


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