Auf der Suche
Tagebuch einer Reise durch Laos, Vietnam, Kambodscha und zu mir selbst

Diary of a journey to myself / Die fünfte Erkenntnis

30.12. Frühstücksraum im „Rendezvous“, 08:30 Uhr

„Man was habe ich Kopfschmerzen“, stöhnt Fabian. „Komm hör‘ mir auf. Ich erst“, antworte ich leise und massiere mir dabei die Schläfen. Wir sitzen beide noch beim Frühstück. Eben etwas Obst und Joghurt gegessen. Die zwei Tassen Café haben mir auch nicht geholfen, meinen dicken Kopf los zu werden. Keine Ahnung, wie viele Biere wir gestern in Mao's Red Lounge getrunken haben, aber es waren eine ganze Menge.

Als wir gestern gegen 22:00 Uhr in der Red Launch ankamen (ich bin tatsächlich gestern Abend doch noch eingeschlafen), war draußen kein Holzhocker mehr frei gewesen. Drinnen war es irgendwie mau und wir kamen nicht so recht in Stimmung. Außerdem fanden wir auch kein richtiges Thema, worüber wir uns ausgiebig hätten unterhalten wollen und so hatten wir eigentlich gerade beschlossen zu zahlen, als überfallartig eine Gruppe von 7 oder 8 Frauen und Männer, die ziemlich genau unserem Altersdurchschnitt entsprachen, definitiv aus dem asiatischen Raum stammend, aber schwer auszumachen woher (Malaysia?), die Launch betraten, sich zwei Sitzgruppen neben uns in die Sessel fallen ließen und eine angeregte und recht laute Unterhaltung anfingen. Ich konnte gar nicht umhin, immer mal wieder zu der Gruppe rüber zu schielen, weil sie sich so amüsierten, was mich irgendwie ansteckte und neugierig machte. Dabei fiel mir ganz besonders eine Frau, so Mitte 40 auf, die auch den Blickkontakt zu mir aufnahm und fröhlich zuprostete. Sie erinnerte mich total an Joan Baez, vielleicht nur wegen der Kurzhaarfrisur mit Pony und den etwas schief stehenden Schneidezähnen, aber sie war mir sofort total sympathisch, vor allem, als sie anfing, im Sitzen zu tanzen und einfach Spaß zu haben schien. Offensichtlich bemerkte sie mich und mein Interesse an ihr, sodass sie plötzlich aufstand, sich zu uns setzte, ihr Bier erhob und den Kellner heranwinkte, um uns noch Nachschub zu ordern. Dann reichte sie mir die Hand, um mich mit auf die Tanzfläche zu ziehen, die es gar nicht gab. Ich tanzte dann mit ihr und den anderen 2 Frauen, die sich kurze Zeit später mit den Hüften schwingend zu uns gesellten, fröhlich und ausgelassen zu Soulsongs der 70er und 80er mitten im Raum zwischen Bar und Sesselgruppen, während Fabian inzwischen mitten unter den am Tisch verbliebenen Männern saß und sich angeregt unterhielt.

Die restlichen Gäste verließen so nach und nach die Lounge, der Wirt drehte die Musik noch etwas lauter und schloss die Tür zur Hälfte. Während Fabian nach einigen Songlängen zusammen mit den Männern vor der halb geschlossen Tür rauchte und erzählte, amüsierten wir Frauen uns zu Thriller, Sex Machine und Sympathy for the Devil. Ohne dabei mit dem Tanzen aufzuhören, erfuhr ich von den 3 Frauen, dass sie und die Männer allesamt Schulfreunde aus Malaysia sein (wer hätte das gedacht), mittlerweile überall verstreut in der Welt leben würden (Joan Baez in London), sich aber alle jedes Jahr irgendwo auf der Welt, wo es eben gerade am besten passt, treffen würden, um gemeinsam Sylvester zu feiern. Was für ein schöner Brauch, allerdings bezeichnet er auch, dass jeder wohl da, wo er gerade lebt, offensichtlich keine Menschen um sich hat, die ihm vielleicht wichtiger sind als alte Schulfreunde. Ich jedenfalls bin sehr glücklich darüber, eine Familie zu haben, die in Krisenzeiten zusammenhält, in der ich mich geborgen fühle und auf die ich mich nach jeden Urlaub freuen kann. Vielleicht ist Joan, wie ich sie insgeheim nenne, ja auch gar nicht einsam in London, aber daran musste ich spontan denken. Ob wir nicht morgen (also heute) mitfeiern wollten, das wäre bestimmt total lustig und sie würden sich sehr freuen.

Aber der Flug nach Luang Prabang ist ja nun leider schon gebucht. Zu gerne würde ich Sylvester mit der netten Gruppe verbringen, zumal wir überhaupt noch nicht wissen, wie wir morgen den Start ins neue Jahr feiern werden. Aber das werden wir dann ja sehen. Gleich kommt jedenfalls das Taxi und fährt uns zum Flughafen. War aber ein ausgesprochen lustiger und unterhaltsamer Abend mit sympathischen Menschen.

Erkenntnis Nr. 5:

Immer wieder begegne ich Menschen, die vom allerersten Moment an eine starke, fast magische Anziehungskraft auf mich ausüben. Oft sind es nur kleine Merkmale, die mich an irgendwas oder irgendjemanden erinnern und stets habe ich den Eindruck, dass mir diese Begegnungen etwas vermitteln, das wichtig für mich ist. 

Kommentare

Reiseberichte, die Dich auch interessieren könnten:

Diary of a journey to myself / Die siebte Erkenntnis

03.01., 08:30 Uhr, auf der Veranda unseres Hotels Sitze auf der Veranda unseres wunderschönen G...

Diary of a journey to myself / Die sechste Erkenntnis

31.12.2014, Hotelzimmer Luang Prabang Fühle mich wie in einer Abstellkammer. Es ist 10:00 Uhr und...

Diary of a journey to myself / Die vierte Erkenntnis

29.12., 18:00 Uhr, Zimmer 303 Wo soll ich anfangen? Zwei Tage hier in Hanoi und mein Kopf ist so...