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Honduras: Tela

Eigentlich fuhren wir nur nach Tela, um den Jardin Botanico Lancetilla zu besuchen, den zweitgrössten botanischen Garten der Welt und den grössten auf dem amerikanischen Kontinent (der grösste liegt in Indonesien). Zu diesem Zeitpunkt wussten wir noch nicht, dass dies unser bisher nervenaufreibendster Stopp werden würde. Doch dazu später mehr.

Wir fuhren wieder mit Hedman Alas nach Tela und waren sehr überrascht, als wir bei einer Tankstelle einige Kilometer ausserhalb von Tela abgeladen wurden anstatt bei einem Busterminal oder gar einem Hedman Alas Büro. Wir hatten in San Pedro Sula auch gleich unsere Weiterfahrt von Tela nach La Ceiba für den nächsten Tag gebucht, und der Fahrer versicherte uns, dass wir auch exakt an diesem Ort morgen wieder abgeholt werden würden. Irgendwie schien das alles wenig vertrauenswürdig, aber nun gut, was hatten wir schliesslich für eine Wahl. Von der Tankstelle fuhren wir mit dem Taxi zu unserer Unterkunft, ein einfaches Hotel, welches gerade erst eröffnet hatte, und wo sogar noch Bauarbeiten in vollem Gange waren. Die «Rezeption» bestand einfach aus einem Tisch im Gang.

Im Reiseführer ist Tela als sehr gefährliche Stadt beschrieben, wo man sich ausserhalb des unmittelbaren Stadtzentrums nicht mal tagsüber aufhalten sollte. Wir erkundigten uns auch wie üblich in der Unterkunft nach der Sicherheitslage, dort wurde uns aber wie immer versichert, dass es hier absolut tranquillo sei, also sicher. Das ist halt immer so eine Sache. Es wird einem immer empfohlen, dass man sich lokal erkundigen soll, wie es um die Sicherheit bestellt sei. Typischerweise ist es aber so, dass die Locals einen anderen Massstab für Dinge wie Sicherheit haben als wir, klar sie vergleichen ihr zuhause immer mit noch gefährlicheren Orten. Als Schweizer hat man ohnehin generell eine verzerrte Wahrnehmung der Sicherheit im Vergleich zum Rest der Welt, da wir bei uns ja kaum fürchten müssen, mitten auf der Strasse wahllos ausgeraubt oder gar abgeknallt zu werden. Aus Sicht der Einheimischen ist Tela sicher, da es einiges weniger gefährlich ist als beispielsweise San Pedro Sula. Aus unserer Sicht ist Tela unsicher, da es einiges gefährlicher ist als beispielsweise Zürich. Daher sind die Einschätzungen der Einheimischen auch immer mit Vorsicht zu geniessen, sie sagen schnell mal, es sei absolut kein Problem bis abends 10 Uhr durch die Strassen zu wandern, wobei wir das trotzdem nicht einfach so tun würden. Wie sich punkto Tela allerdings bald herausstellen würde, war es für unser Hab und Gut einiges sicherer als erwartet.

Am Nachmittag nach unserer Ankunft sahen wir uns das Stadtzentrum von Tela an, wo es wahrlich nicht viel zu sehen gibt. Ausserdem hingen wir ein wenig am Strand herum, der direkt in der Stadt liegt und hauptsächlich von Einheimischen besucht wird. Auch nichts Besonderes.

Tags darauf machten wir uns wie geplant auf den Weg zum botanischen Garten. Wir sind normalerweise zwar nicht gerade die Pflanzen-Freaks, aber auch dies war eine willkommene Abwechslung in unserem Programm. Seinen Namen verdankt der botanische Garten dem gleichnamigen Fluss Lancetilla.
Der Garten wurde 1925 von der United Fruit Company als Forschungs- und Versuchsstation für tropische Nutzpflanzen gegründet. Vegetatives Material wurde aus 4 Kontinenten importiert, genetisch verbessert und anschliessend in Lateinamerika verbreitet und angebaut, dies betraf vor allem die afrikanische Ölpalme und asiatische Früchte wie Litschi und Rambutan, die erst über Lancetilla ihren Weg nach Lateinamerika fanden. Nachdem die Forschungsstation für die United Fruit Company an Bedeutung verloren hatte, besetzten illegale Landarbeiter das Gebiet, rodeten Plantagen und zerstörten einen riesigen Schatz an Artenvielfalt und natürlichem Genpool, sowie viele Ergebnisse wissenschaftlicher Arbeiten. Ab 1978 ging der Park in den Besitz des honduranischen Staats über, worauf sich die Situation zu bessern begann.
Wir engagierten im Besucherzentrum einen Guide, der uns auf dem Rundgang begleiten würde. Und da wir uns in der Pflanzenkunde nicht besonders gut auskennen, stellte sich dies auch als sehr gute Idee heraus, da uns viele Pflanzen und Früchte ohne seine Hinweise wohl gar nicht aufgefallen wären. Auch einige sehr giftige Pflanzen zeigte er uns, unter anderem den Baum, aus welchem Strychnin hergestellt wird.
Heutzutage erfülle der Garten drei wichtige Aufgaben: Neben dem Erhalt der Pflanzen dient er als Wasserreservoir für die Region sowie als Lebensraum für viele Tiere. Der Park besteht aus drei Sektoren: im Bioreservat werden tropischen Pflanzen des Primär- und Sekundärwalds erhalten, das Arboretum dient als Samenbank und in den experimentellen Plantagen werden Nutzpflanzen, Hölzer und Früchte kultiviert. Im Rahmen der Führung konnte man auch noch verschiedene Fruchtliköre und Konfitüre probieren (und natürlich auch kaufen), die von einer Frauenkooperative aus den Früchten des Parks hergestellt werden.
Nach dem Rundgang hatten wir noch Zeit, um auf eigene Faust etwas im Park herumzuschlendern. Die Ruhe fand allerdings bald ein Ende, da wir plötzlich von einem Taxi durch den Park verfolgt wurden. Wir hatten nämlich mit unserem Taxifahrer, der uns hergefahren hatte, vereinbart, dass er uns nach ein paar Stunden wieder abholen soll. Er wollte darauf bestehen, dass wir die Abholung auch gleich im Voraus zahlen, was wir natürlich verweigerten. Am Schluss würde er noch das Geld einsacken und uns dort stehen lassen. Wir versicherten ihm, dass wir auf ihn warten würden und kein anderes Taxi für den Rückweg nehmen würden (abgesehen davon, dass es auch gar keine anderen Taxis gab). Offenbar traute er uns nicht, war eine gute Stunde zu früh zurück und suchte dann den Park nach uns ab. Als wir meinten, wir wollten jetzt eigentlich noch eine Stunde durch einen Bereich spazieren, den wir noch nicht gesehen hatten, war er schon drauf und dran das Auto mitten im Bambus-Tunnel stehen zu lassen und uns zu Fuss zu verfolgen. Langsam etwas angesäuert bestanden wir darauf, dass er halt dort auf uns warten soll, was er dann auch tat. Und zwar exakt dort. So dass wir zwangsläufig wieder an ihm vorbeikommen mussten. Oh mein Gott, sage ich da nur.

Nachdem wir vom botanischen Garten zum Hotel zurückgekehrt waren, packten wir unser Zeug und machten uns auf den Weg zurück zur Tankstelle, wo uns tags zuvor der Bus ausgeladen hatte. Wir waren ziemlich nervös und gestresst, da es schon spät und bereits dunkel war, und wir Angst hatten, dass die Abholung nicht klappen und der Bus nicht kommen würde, oder dass wir ewiglange in der Dunkelheit auf den verspäteten Bus würden warten müssten. Wir stiegen aus, verhandelten noch mit dem Taxifahrer, der plötzlich mehr Geld wollte als vereinbart, und ich ging nochmals aufs Klo und erkundigte mich in der Tankstelle, ob dieser Bus denn tatsächlich täglich hier anhalten würde. Leider wusste das Tankstellenpersonal nichts von einem Hedman Alas Bus, der hier hält, was meiner Nervosität dann logischerweise auch keinen Abbruch tat. Und dann……..stellten wir plötzlich fest, dass einer unserer Rucksäcke fehlte. Nicht irgendein Rucksack wohlverstanden, sondern genau der kleine, wo all unser Elektrokrempel (Notebook, Tablet, Kamera, Objektive, E-Reader), das Fernglas, unsere Unterlagen (Versicherungskarten, Impfausweise, etc), meine beiden Brillen, Medikamente und damit unsere gesamten Wertsachen drin waren (abgesehen von Pass, Kreditkarten und Bargeld, das bewahren wir gottseidank immer alles separat auf. Und wir haben natürlich auch von allen wichtigen Unterlagen Kopien online gespeichert.). Also genau der Rucksack, den wir normalerweise immer hüten wie unseren Augapfel. Konnte das wirklich wahr sein? Ein Moment der Unachtsamkeit und jemand hatte den Rucksack geklaut? Es gab keine andere Möglichkeit. Vor lauter Nervosität und Hin- und Her mit dem Taxifahrer war uns nichts aufgefallen, wir hatten leider auch nicht auf die Leute geachtet, die an uns vorbeigegangen waren. Das einzige, woran wir uns erinnerten war, dass dort schon ein anderes Taxi stand, wo unser Taxi anhielt, um uns auszuladen. Trotzdem, Tatsache war: der Rucksack war weg. Und natürlich kam just in diesem Moment der Bus angebraust! Das konnte doch alles gar nicht wahr sein!! Wir standen völlig unter Schock und hatten keine Ahnung, was zu tun war, waren tatsächlich immer noch damit beschäftigt, jeden Winkel um die verdammte Tankstelle nach unserem Rucksack abzusuchen. Wir sagten dem Busfahrer, dass wir noch unseren Rucksack vermissen, aber er meinte nur, dafür hätte er keine Zeit und fuhr weiter. Nachdem unser Bewusstsein dann endlich verarbeitet hatte, dass sich der Rucksack nicht mehr auf dem Gelände der Tankstelle befand, und dass unser Bus ohne uns abgefahren war, schnappten wir uns ein Taxi und fuhren zurück zum Hotel, wo wir Tiffany, der jungen Dame, die dort arbeitet, die Situation erklärten und erneut ein Zimmer buchten.
Kaum 30 Minuten später fuhr das Auto von Tiffanys Familie vor, der das Hotel gehört. Sie luden uns ins Auto und fuhren mit uns zur Polizei. Die Polizei folgte uns sofort zur Tankstelle, um die Bilder der Überwachungskamera anzusehen. Und so fuhren wir an der Tankstelle vor, eskortiert von einem Polizei-Pick-Up und 5 bis an die Zähne bewaffneten Beamten mit schwerem Geschütz. Man könnte also sagen wir fielen ein wenig auf, als wir die Tankstelle betraten. Es dauerte eine Weile die Kameras zu prüfen, da der Chef der Tankstelle nicht zugegen war, und somit niemand Zugriff auf das Überwachungssystem hatte. Als dann endlich sein Stellvertreter aufgetrieben war, und dieser die Videos gesichtet hatte, stellten wir fest: man sah auf der Überwachungskamera gar nichts. Der Ort wo wir ausgestiegen waren, lag genau im toten Winkel. Das einzige, was man sah, war unser Taxi, das vorfuhr, das andere Taxi, das kurze Zeit später wegfuhr und dann wieder unser Taxi, welches wegfuhr. Man hatte zwar die Idee, den anderen Taxifahrer ausfindig zu machen, um diesen zu befragen ob er etwas gesehen hätte, allerdings waren nicht einmal die Taxinummern, die auf den Seitentüren der Autos gross aufgedruckt sind, auf den Videoaufnahmen wirklich lesbar. Vielleicht vierhundert-irgendwas? Könnte die zweite Ziffer eine Zwei sein? Man fragt sich dann ja schon, wozu zum Teufel diese Überwachungskamera überhaupt gut sein soll. Nach dieser Erkenntnis machten sich die Polizisten dann relativ bald aus dem Staub, da sie gerade noch einen Notfall hereinbekommen hätten. Sie meinten, wir sollen dann noch auf dem Posten vorbeikommen, um eine Anzeige zu machen.
Die Hotelfamilie jedoch meinte, so schnell würde man nicht aufgeben, und liessen sich die Aufnahmen vom Tankstellenangestellten auf ihr Handy senden. Wir sollen uns keine Sorgen machen, sie würden uns mit all den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln helfen, meinten sie. Auf dem Rückweg klingelten sie einen Bekannten raus (es war wohlverstanden schon sehr spät abends), welcher dann auch nur in Boxershorts bekleidet auf die Strasse hinauskam, um sich die Bilder anzuschauen. Ein Corolla sei es, meinte er, Baujahr 2006 oder 2007, auf keinen Fall 2008. Na super, jedes zweite Taxi hier ist ein Corolla. Die Taxinummer sei vielleicht einhundert-irgendwas? Nochmal na super, jeder sieht da offenbar etwas anderes. Die Familie meinte jedenfalls, es sei heute zu spät um noch etwas zu unternehmen, aber sie würden am nächsten Morgen versuchen, am Computer die Qualität der Bilder zu verbessern und wir fuhren zurück zum Hotel.
Leider konnten Jörg und ich nicht schlafen, aber wir hatten glücklicherweise noch eine Flasche Rum dabei, und so sassen wir die halbe Nacht vor dem Hotel, betranken uns, sahen dem Regen zu (es goss wie aus Kübeln) und begannen uns damit abzufinden, dass wir diesen Rucksack nie wieder sehen würden.
Früh am nächsten Morgen klopfte es an unserer Zimmertür. Es war die Frau der Hotelfamilie, die meinte, die Polizei würde bald hierherkommen um mit uns zu sprechen, etwa in einer Stunde, wir sollen unbedingt hier im Hotel warten. Sie selber würden in der Zwischenzeit versuchen, das Taxi ausfindig zu machen. Sie hätten die Nummer herausgefunden, es sei 435! Woher zum Teufel wisst ihr denn jetzt das plötzlich? Völlig verkatert wie wir waren, fielen wir zurück ins Bett und warteten also auf die Polizei. Und warteten…und warteten….den ganzen Tag blieben wir im Hotel wie uns geheissen wurde, damit wir bloss die Polizei nicht verpassen würden, Verspätungen waren wir uns hier ja gewohnt. Aber sie kam nicht. Auch die Hotelfamilie war plötzlich nirgendwo mehr auffindbar. Es war uns klar, dass es hoffnungslos war, unsere Wertsachen waren bestimmt schon auf irgendeinem Schwarzmarkt in San Pedro Sula gelandet. Also entschlossen wir uns, am nächsten Morgen auf den Polizeiposten zu gehen, um die Anzeige zu machen, und anschliessend nach La Ceiba weiterzureisen.
Gesagt, getan. Am nächsten Morgen machten wir uns früh auf den Weg zur Polizeistation, wo wir schon mit der Familie gewesen waren. Dort angekommen wusste plötzlich niemand mehr von unserem Fall und es hiess, wir seien hier sowieso falsch. Anzeigen müssten auf einer anderen Polizeistation gemacht werden, welche allerdings ziemlich weit entfernt war. Aber die Polizei ist schliesslich dein Freund und Helfer und so wurde sofort eine Patrouille aufgetrieben, die uns zur anderen Station mitnahm. Um in das Polizeiauto einzusteigen, mussten wir lustigerweise sogar noch über ein riesiges Maschinengewehr klettern, welches einfach locker an die Rückbank gelehnt war. Die Fahrer und Beifahrer machten keine Anstalten, das Gewehr wegzunehmen. Irgendwann bemerkte der Besitzer das Fehlen seines Geräts, worauf Jörg ihm das riesige Gewehr durch das Fenster des Wagens herausreichte.
Im anderen Polizeiposten angekommen machten wir die Anzeige. In unseren abhanden gekommenen Unterlagen waren auch die beiden Einreisebestätigungen drin, welche uns an der Grenze bei der Einreise nach Honduras ausgehändigt worden waren. Da die Polizistin nicht wusste, was die Konsequenzen bei Verlust dieser Papiere sind, trieb sie kurzerhand ein weiteres Polizeiauto auf, welches uns direkt anschliessend zum Migrationsbüro fuhr. Die Polizei machte zwar keinerlei Anstalten, irgendetwas Weiteres in unserem Fall zu unternehmen als die Anzeige aufzunehmen, aber wenigstens waren sie sehr bemüht um uns und fuhren uns kreuz und quer im Zeugs herum. Die Polizistin, die die Anzeige aufgenommen hatte, gab uns sogar noch ihre private Handy-Nummer für den Fall irgendwelcher Probleme oder Unklarheiten, wir können uns jederzeit melden, meinte sie. Das Festnetz-Telefon auf dem Polizeirevier würde ohnehin nicht funktionieren (aha, sehr vertrauenserweckend). Sie hatte uns ausserdem bereits im Migrationsbüro angemeldet, so dass wir dort schon erwartet wurden. Nach einem Gespräch mit dem dortigen Beamten stellte sich gottseidank heraus, dass dieser abhandengekommene Zettel zum Glück nicht von Bedeutung war, und dass wir keinerlei Probleme bei der Ausreise aus Honduras zu befürchten hätten. Wenigstens etwas. Wir fanden bei diesem Gespräch so ganz nebenbei auch noch heraus, dass wir in Nicaragua unser Visum würden verlängern müssen, aber dazu später mehr.

Nachdem dies nun erledigt war, kehrten wir zurück zum Hotel, um unser Zeugs abzuholen. Es war niemand dort ausser der Putzfrau, und so baten wir sie, Tiffany anzurufen, da wir ja noch die Rechnung begleichen müssten. Sie fragte, ob es jetzt also Zeit für uns sei aufzubrechen, jetzt wo unser Rucksack ja wieder da sei………..Wie bitte? Rucksack? Wieder da? Hatten wir uns gerade verhört? Hatten wir irgendwas nicht mitgekriegt? - Ja, meinte sie, der Rucksack sei doch heute morgen wieder da gewesen, ob wir ihn nicht gesehen hätten? – Äääähm…nein?!
Sie rief sofort Tiffany an, welche 5 Minuten später zusammen mit ihrer Mutter vorbeikam…..und unseren Rucksack dabei hatte…..wir trauten unseren Augen nicht! Sie hatte tatsächlich unseren Rucksack! Und es war alles drin, tutti quanti! Es war nicht nur kaum, nein, es war absolut überhaupt nicht zu glauben! Damit hätten wir nun wirklich nicht mehr gerechnet.
Wir wissen nicht, wie sie das angestellt haben, und sie sagten es uns auch nicht im Detail. Sie sagten nur, die ganze Familie sei gestern den ganzen Tag im Zeugs herumgefahren und hätte die ganze Stadt abgeklappert, um den Rucksack zu finden. Man kenne sich eben, hier im kleinen Städtchen Tela. Wir waren viel zu schockiert (diesmal natürlich im positiven Sinne), um die ganze Sache weiter zu hinterfragen. Wir bedankten uns natürlich tausendmal, alle umarmten sich herzlich, zahlten die Rechnung und gaben obendrein und unter Protest der Familie ein grosszügiges Trinkgeld, um zumindest die Benzinkosten für die Herumfahrerei und ein gutes Nachtessen für die ganze Familie zu decken, was nichts war im Vergleich allein schon zum Wert meiner Brillen. In unserer Euphorie heuerten wir auch gleich noch den Ehemann der Putzfrau an (wie sich herausstellte, die Cousine der Familie), der Taxifahrer ist und gerade mit seiner Frau im Hotel zu Mittag gegessen hatte, um uns anschliessend nach La Ceiba zu fahren. Wir wollten hier jetzt einfach nur noch schnell weg….

Und so kam es, dass in dieser gefährlichen Stadt unser abhandengekommener Rucksack wie durch Zauberhand wieder aufgetaucht war. Vielleicht auch eher durch irgendwelche Mafia-Methoden. Wir wissen es nicht so genau. Wahrscheinlich wollen wir es auch gar nicht so genau wissen.

Was lehrt uns diese Geschichte? Pass besser auf dein Zeug auf! Ja, das natürlich auch. 😊

Aber es hat uns auch viel über die Kultur von Honduras gelehrt. Wir haben leider erleben müssen, dass die offiziellen Behörden leider nicht so richtig funktionieren, wie sie sollten. Wirklich unternommen hat die Polizei in unserem Fall nämlich gar nichts, sie waren ja nicht mal vorbeigekommen wie angekündigt. Es ist nicht so, dass die Polizisten gleichgültig gewesen wären, oder uns nicht helfen wollten. Im Gegenteil. Jeder hat im Rahmen seiner Möglichkeiten getan, was er konnte, um uns zu helfen. Man hat sofort eine bewaffnete Patrouille mit uns losgeschickt, um die Überwachungsbänder zu sichten, wenn auch angesichts des nicht vorhandenen Outcomes schnell resigniert wurde. Und welcher Polizist würde einem in der Schweiz denn seine private Handy-Nummer geben, damit man ihn jederzeit wegen qualquier cosa (egalwelchem Grund) anrufen könnte? Auch würden einen wohl kaum Beamte kreuz und quer in der Stadt herumkutschieren und sogar noch Termine für einen auf dem Migrationsamt vereinbaren. Auf der anderen Seite würden bei uns wenigstens die Telefone auf dem Polizeiposten funktionieren (man fragt sich ja zwangsläufig, was der Sinn der Polizei-Notrufnummer ist, so ganz ohne funktionierendes Telefon). Jeder ist bemüht einem beizustehen, aber das Zusammenspiel des ganzen Apparats als solcher funktioniert irgendwie nicht so richtig. Fairerweise muss man aber auch sagen, dass der Verlust unseres Rucksacks natürlich nicht das dringendste aller Probleme ist, in einem Land mit derart hohen Raten an Gewaltverbrechen. Fair enough.
Wir haben erlebt, dass in Honduras ohne Selbstjustiz gar nichts läuft. Man verlässt sich hier nicht auf Behörden, man hilft sich selber. Vitamin B ist das Zauberwort, man lässt seine Beziehungen spielen, klingelt Freunde und Bekannte mitten in der Nacht aus dem Bett um Autos zu identifizieren. Und die Freunde kommen auch heraus, mitten in der Nacht, in Boxershorts, um einem zu helfen.
Wir haben erlebt, dass der Satz «Mach dir keine Sorgen, wir helfen dir, so gut wir können» auch wirklich heisst, dass man hilft, mit allem was man kann. Man gibt nicht auf halber Strecke einfach auf.
Wir haben erlebt, dass sich Leute um andere Leute kümmern. Das eine ganze Familie alles in ihrer Macht stehende tut, um fremden Menschen zu helfen, obwohl sie das gar nicht müsste.
Wir haben auch hier erlebt, dass in einem der gefährlichsten Länder der Welt die allermeisten Leute nett und anständig sind, freundlich und hilfsbereit.

Obwohl wir geplant hatten, nur knappe 24h in Tela zu verbringen, waren wir schlussendlich 3 Tage dort.
Obwohl wir nur hergekommen waren, um den botanischen Garten zu besichtigen, wurde es schlussendlich eine der wertvollsten und denkwürdigsten Erfahrungen unserer Reise.
Und obwohl uns diese Erfahrung sehr viel Substanz und Nerven gekostet hatte, gab es zum Glück ein Happy End. 😊

#honduras#tela#jardinbotanicolancetilla
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