«Fern der Sorgen» in Hua Hin
Nach den aufregenden philippinischen Städten Davao, Cebu und Angeles brauchte ich im Juni 2025 eine Verschnaufpause. Mein Rückzugsort ist Hua Hin in Thailand.

Veröffentlicht: 30.05.2026












Ich war also ab 6. Juni 2025 wieder in Hua Hin, dessen Strände, die Tempel in der näheren und weiteren Umgebung und das Weingebiet des Monsoon Valley ich in früheren Blogs ausgiebig beschrieben habe. Doch Hua Hin hat zwei Gesichter. Sobald die Dämmerung einbricht, verschiebt sich das Zentrum des Geschehens in die schmalen Gassen hinter der Naresdamri Road, an der das ikonische «Hilton» steht und Restaurants, Schneiderateliers, Massagesalons, Cannabis-Shops und Kleiderläden um Kundschaft buhlen.
Die Soi Bintabaht ist das Epizentrum des Nachtlebens. Sie wird am späten Nachmittag zur «Walking Street», für Autos gesperrt, allerdings immer noch von Motorrollern und fahrbaren Strassenküchen verstopft. In der Hochsaison drängeln sich Menschenmassen durch die Gassen; in der Nebensaison, wie jetzt im Juni 2025, wirkt das kleine Ausgehviertel eher etwas trostlos.
An der Bintabaht und angrenzenden, schmalen Strassen sowie, gut zehn Fussminuten weiter südlich, in der Soi 80 reihen sich Bar an Bar, grell mit Neonreklamen annonciert. Aus den offenen Lokalen dringt eine ohrenbetäubende Kakophonie von thailändischem Pop und westlichem Rock aus den 1970er- und 1980er-Jahren. Wer mehrere Abende hintereinander ausgeht, bekommt stets dieselben Songs zu hören; «Hotel California» ist der ungekrönte Superhit. Frauen in kurzen Kleidern oder Hotpants sitzen auf Barhockern und versuchen, potentielle Klienten in ihre Etablissements zu locken.
Erhöhtes Durchschnittsalter
Der Altersdurchschnitt der Gäste liegt beträchtlich höher als auf den Inseln im Golf von Thailand und der Andamansee. Während ich, schon gut jenseits der siebzig, dort wie ein Grossvater im falschen Film wirke, kann ich mich in Hua Hin noch irgendwie jugendfrisch fühlen. Hua Hin ist eine Rentner-Hochburg; viele pensionierte Deutsche und Schweizer, Briten, Franzosen und Australier leben hier; sie haben in Hua Hin, wo die Rente mehr Kaufkraft hat als in der Heimat und die Sonne länger scheint, Häuser oder Wohnungen («Condos») gekauft oder gemietet oder lassen sich sogar in Altenheimen betreuen.
Viele dieser Rentner, einige mit einer jungen Thailänderin im Arm, trinken in den Bars ihr Chang- oder Singha-Bier. (Dass Alkoholismus sowohl unter den Thailand-Expats als auch den Barfrauen ein ernsthaftes Thema ist, erwähne ich hier nur am Rand. Mir fehlt die fachliche Kompetenz, mich näher darauf einzulassen.) In den hinteren Bereichen vieler Bars stehen Billard-Tische; man spielt gegen die Barfrauen und verliert meistens, denn diese üben täglich. Man spendiert ihnen so genannte Lady Drinks, von deren Einnahmen die Bar einen Prozentsatz an die Frauen abgibt, normalerweise 50 Baht pro Drink, was etwa 1.30 Euro entspricht. Die Frauen leben davon; viele erhalten von den Bars nur einen winzigen Lohn, vielleicht 100 oder 200 Euro im Monat, oder gar nichts.
Auch hier in Hua Hin herrscht also die nächtliche Vergnügungsindustrie, für die thailändische Ferienorte bekannt sind, allerdings im Kleinformat – weniger aggressiv, wie gesagt, als in Patong oder Pattaya. Dennoch kriecht gelegentlich hinter dem nächtlichen Trubel eine gewisse Melancholie hervor, wenn die Diskrepanz zwischen den Welten, die hier aufeinandertreffen, augenfällig wird und einem die Oberflächlichkeit der menschlichen Beziehungen und die eigene Vergänglichkeit bewusst werden.
Doch nimmt dann wieder ein anderes Gefühl überhand: Männer, die zu Hause, wenn sie pensioniert und vielleicht geschieden oder verwitwet sind, in der Bedeutungslosigkeit und Einsamkeit versinken, erleben hier plötzlich menschliche Nähe, Zuwendung und Interesse. Die Ungewissheit darüber, ob die manifestierte Sympathie echt ist oder nur Geschäftsgrundlage, verdrängen sie, ausser in ehrlichen Momenten, geflissentlich, oder sie ertränken diese im Alkohol.
Von Streetfood bis Michelin
Kulinarisch hat Hua Hin als kosmopolitischer Ferienort alles zu bieten, was man sich wünschen kann, von den edelsten und teuersten Restaurants in den Fünfsternehotels bis zum Streetfood von mobilen Garküchen, aus denen sich die Girls in den Barstrassen verpflegen.
Ein paar Schritte von der Soi Bintabaht entfernt, auf dem Nachtmarkt, warten riesige Garnelen und Hummer auf Eisbetten auf Gäste. Sie werden direkt an der Strasse gegrillt und in Openair-Restaurants serviert. In den Verkaufsständen, welche die Strasse säumen, werden gefälschte Markenprodukte angeboten, von Rolex-Uhren über Louis Vuitton- und Gucci-Taschen bis zu Nike-Schuhen und Lacoste-Polohemden. Einheimische sieht man hier eher wenige; der Nachtmarkt ist eine Attraktion vornehmlich für Touristen.
Besonders beliebt bei Einheimischen, aber auch bei Expats und Touristen ist der riesige Foodcourt Ban Khun Por («Haus des Vaters») an der Soi 88 hinter den Bahngleisen, erreichbar mit dem Tuktuk in zehn Minuten ab dem «Hilton» (in dem ich natürlich nicht abgestiegen bin; das liegt ausserhalb meines Budgets). Dutzende von Ständen bieten hier alles, von bayerischen Schweinshaxen über Sushi, gebratenen Fisch, Papaya-Salat (Leibspeise vieler linienbewusster Thailänderinnen) oder Grillspiesse bis zu den beliebten Hotpots.
Heisse Töpfe
Wer «Hotpot» sagt, redet immer von einem gemütlichen Essen im Kreis von Freunden oder der Familie. Dabei gibt es zwei unterschiedliche Varianten: Mu Kratha («Pfannenschwein») ist eine Fusion aus koreanischem BBQ und chinesischem Huoguo («Feuertopf»). Verwendet wird eine Metallpfanne mit einer Kuppel in der Mitte und einer Rinne rundherum, die auf einem Holzkohlegrill steht. Auf der Kuppel wird dünn geschnittenes Fleisch gegrillt. Der Fleischsaft läuft in die Rinne, in der eine Brühe mit Gemüse, Kräutern und Pilzen köchelt, die allmählich einen kräftigen Geschmack entwickelt und genussvoll gelöffelt wird.
Beim traditionellen Chim Chum, das aus der Grossregion Isaan im Nordosten des Landes stammt, wird ein kleiner Tontopf mit Deckel auf einer Tonschale mit glühender Holzkohle auf den Tisch gestellt (oder in der Familie oder im Freundeskreis oft auch auf eine Bastmatte auf dem Boden, denn oft speist man auf dem Boden sitzend). Auch diese Bouillon, mit Kräutern angesetzt, ist sehr aromatisch. Man taucht Fleisch- und Fischstücke, oft auch Garnelen, in die kochende Flüssigkeit, fischt sie mit Essstäbchen heraus und taucht sie in eine scharfe Sauce. In Baan Khun Por werden beide Varianten angeboten.
Etwas weiter draussen gibt es weitere, ähnlich funktionierende Foodcourts, etwa den Tamarind Market, der Donnerstag bis Sonntag jeweils ab 18 Uhr geöffnet ist. Oder den etwas gehobeneren Cicada Market fast direkt daneben, wo neben Speis und Trank auch Mode, Kunsthandwerk, (kitschige) Ölmalereien von Elefanten, Tempeln, Mönchen und jungen Frauen, Billiguhren und Billigschmuck verkauft werden.
Überall, das hätte ich fast vergessen, wird die Speisung der Hungrigen begleitet von thailändischen Live-Bands. In Baan Khun Por spielen diese in einer fast schmerzhaften Lautstärke, welche jedes Gespräch in ein Schrei-Duell verwandelt.
Erinnerungen an die Heimat
Erfahrungsgemäss schmeckt authentisches Essen am besten. Im kosmopolitischen Hua Hin gibt es daneben jede Menge von ausländischen Angeboten: Neben den Italienern, welche klar die Mehrheit stellen, gibt es auch diverse französische Lokale, teils auf sehr hohem Qualitäts- und Preisniveau, zum Beispiel die «Brasserie de Paris» mit einer Terrasse direkt über dem Meer, wo ich am 31. Dezember 2025 mit Freundinnen und Freunden Silvester feierte.
Es gibt, gegenüber dem Luxushotel «The Standard», den «Treffpunk» mit deutschen Speisen (neben den thailändischen). Und etwas weiter draussen, beim Einkaufszentrum «Market Village», betreibt Bernard Condrau das Edelrestaurant «This and This» mit einer lauschigen Terrasse.
Der Name ist eine augenzwinkernde Hommage an Condraus Herkunft: das Dorf Disentis in Graubünden. Es gibt eine Extra-Karte mit diversen, unterschiedlich zubereiteten Cordon-Bleus. Condraus Lokal ist fast jeden Abend ausgebucht, und an jedem zweiten, dritten Tisch wird deutsch geredet. Auch wer in Thailand lebt oder unterwegs ist, dem Land, das eine der weltweit besten Küchen anzubieten hat, entwickelt offenbar eine gewisse Sehnsucht nach der fernen Heimat. Bei mir hat sich diese Nostalgie bisher nicht manifestiert: Ich war nur einmal im «This and This».
