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Medellin zierte sich. Einer Schönheit aus einfachen Verhältnissen gleich hielt sich die Großstadt zurück und behielt ihre Reize für sich. Hier gab es keine großflächigen Plazas, keine überdimensionierten Präsidentenpalästen und auch keine zentralen Kathedralen, ausgestattet mit dem geraubten Gold der neuen Welt. Medellins Schönheit war von schlichter Natur. Eine Industrie- und Kaffeemetropole. Läge die Stadt in Deutschland, Herbert Grönemeyer hätte ihr sicher eine gefühlvolle Hymne gewidmet. Gottseidank lag Medellin noch immer im Westen Kolumbiens.

Eingebettet in eine großartige Landschaft, im Tal, umgeben von grünen Bergen, wuchs die Stadt entlang des Flusses und es kletterten die Siedlungen bis hinauf in die Berge. Das diesig feuchte Klima, die Wolken und der Regen verschleierten den Blick auf das fantastische Miteinander von Städtebau und Natur. Wolkenkratzer und gewaltige Betonbauten wirkten aus der Nähe erdrückend, blickte man aber von den Hügeln in das Tal, schienen die Bauten wie vereinzelte Felsformation inmitten unberührter Natur. Erst an meinem Abreisetag zeigte sich Medellin in herrlichem Sonnenschein.

Wenig ließ auf die brutale Vergangenheit der einstigen "Hauptstadt des Verbrechens" schließen. Dennoch war die Vermarktung des Drogenbosses Pablo Escobar allgegenwärtig und keine Medellin-Erzählung kam ohne Verweis auf Zeit der Kartelle in den 80er Jahren aus. Ein Besuch in der sog. Comuna 13 am Montagmorgen beeindruckte mich besonders. Das einstige Armenviertel hatte eine besondere Transformation durchlaufen, hin zu einer Künstlerkolonie.

Kulturell, klimatisch und bei der Kriminalitätsabwehr stellte Medellin die Landeshauptstadt in den Schatten. Auch hatte sich in Medellin eine regionale Identität herausgebildet, welche selbstbewusst die örtlichen Eigenheiten betonte, geprägt von schlichter Offenheit gegenüber Fremden.

Die Abende verbrachte ich mit Juliana und David aus Bogota. Die beiden Studenten besuchten die Stadt übers Wochenende. Beim gemeinsamen Bier oder beim regionalen Aguardiente, einem Anislikör, lernte ich mein Gastland außerhalb der Hostelblase wieder einmal etwas besser kennen. 

Ähnlich wie junge Menschen Anfang 20 weltweit litten die beiden besonders am siebenmonatigen Corona-Shutdown in ihrem Land. Nun versuchten sie, die empfundenen Versäumnisse durch Reisen aufzuholen. Vor allem David träumte von Urlaub im Ausland. Angesichts der enormen Unterbewertung des kolumbianischen Pesos erschienen solche Vorhaben auch für Mitglieder der Mittelschicht nahezu aussichtslos. Selbst mit guten Voraussetzungen, wie einem Studium, Englischkenntnissen und finanzieller Unterstützung durch die Eltern, machte die Wirtschaft den beiden einen Strich durch die Rechnung. Gleichzeitig avancierte Kolumbien unter diesen Umstände zu einem besonders günstigen Reiseland für Touristen aus dem Ausland. Sprachlosigkeit, wir bestellten noch einmal Bier, die kleine Dose für 3000 Pesos, etwa 70 Cent (vor sieben Jahren noch zu einem Gegenwert von 1,25 Euro). Ich freute mich auf ein Wiedersehen mit den beiden Bogota.

Lesetipp zur blutigen Vergangenheit und über die Absurditäten beim Aufbau eines illegale Drogenkartells:

https://de.m.wikipedia.org/wiki/Medell%C3%ADn-Kartell

Lesetipp zur Comuna 13:

https://de.m.wikipedia.org/wiki/San_Javier_(Medell%C3%ADn)




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