Vom Gleichgewicht der Kräfte (Camino Portugues 3)
Mit der Rückkehr auf den originalen Pilgerweg sollte auch eine realistische Etappenstaffelung einhergehen. Üblich waren Tageseinheiten von etwa 20 km. Abhängig vom Gelände und dem...


Veröffentlicht: 23.04.2026


















Mit jedem Tag wuchs die Zahl der Wandergenossen, welche sich mit uns auf dem Weg nach Norden befanden. Während der Küstenweg mehrheitlich von Deutschen bewandert wurde, waren die Gemeinschaft im Landesinneren deutlich durchmischter.
In Recoleta trafen die unterschiedlichsten Pilgertypen aufeinander. Ein hippiemäßiger Australier, ein Verkehrtherumpilger, der aus Santiago kam, um eine Alternativroute zu testen, sowie diverse Paarkonstellationen. Überraschend oft trafen wir auf Mutter-Sohn- oder ähnliche Familienkombinationen, darunter auch Großeltern mit erwachsenen Enkeln. Insgesamt war das Durchnittsalter der Pilgergemeinde in Portugal recht gehoben. So manche Wanderer hatten nicht selten die 70 überschritten.
Größere Gruppen waren selten anzutreffen. Abgesehen von einer geführten Gemeinschaft US-Amerikaner und einem Trupp Brasilianer.
Cafés und Patisserien, Tavernen und Restaurants entlang des Weges ähnelten den Wasserlöchern in der Savanne. Dort trafen Stockwanderer auf Fitnessfreunde, Ehepaare auf beste Freundinnen, Deuter-Rucksäcke auf Decatlon-Ausstattung. Ein farbenfrohes Outdoor-Gewusel! Dazu gab es of überbackenen Toast, dazu Kaffee und/oder Bier.
Auch die Unterkünfte führten zusammen, was irgendwie nicht passen wollte: ein Mosaik aus Kulturen. In Recoleta verzweifelte nachts im Schlafsaal ein hochbetagter Gast daran, ausgestattet mit einer roten Kopfleuchte, ein Gerät zu bedienen oder zusammenzusetzen, das ihn am Schnarchen hindern sollte. Der Rucksack wurde aus- und wieder eingeräumt, Dinge fielen zu Boden, es wurde geflucht und wieder in der Tasche gekramt. Andere ältere Semester hatten zuvor mit Jungpilgern beim Bier fraternisiert und im Anschluss ebenso Schwierigkeiten, sich im dunklen Schlafsaal zurecht zu finden. Nach einiger Zeit herrschte dann erst Ruhe.
Ab Recoleta wuchs die Wandergemeinschaft spürbar an und man grüßte die vertrauten Gesichter immer wieder entlang des Weges. Das Teilstück am Montag maß wieder ca. 25 km und bot dazu reichlich Gelegenheit.
Endstation war die Stadt Ponte de Lima, ein besonderer Höhepunkt der Wanderung. Die Kleinstadt bot Abwechslung und mittelalterlichen Charme. Die offizielle Herberge war direkt neben der Kirche mit einem herrlichen Blick auf Brücke und Altstadt untergebracht. Den Abend verbrachten wir bei Wein und regionalen Gerichten. Wobei anzumerken ist, dass manche Gerichte nicht grundlos "nur" regional beachtet werden.
Nachts folgte dann noch eine ganz besonderer Exkurs in die Welt der Pilger, denn den 25-Betten Schlafsaal beschallte ein Schnarchen, dass selbst im tropischen Regenwald zwischen Brüllaffen und Papageien aufgefallen wäre. Kaum ein Augen bliebt zu und wir blickten am nächsten Morgen in viele zerknirschte Gesichter. Bom Dia!
