"Do you have to fill that out?", ein Mitreisender, den ich auf Anfang / Mitte 20 schätze, stellt sich gegenüber von mir an den Tisch. Die Arrival Card, die ich gerade nach der Landung am Flughafen Incheon ausfülle, ist nach meiner bisherigen Erfahrung eigentlich Standard bei jeder Einreise, ob nun mit oder ohne Visa. "Ich glaube schon.", antworte ich auf Deutsch. Ich bin mittlerweile ziemlich gut darin geworden, Deutsche am Akzent oder dem Aussehen zu erkennen. "Ah, okay.", antwortet er. Bingo! Er versteht mich. Ich werde immer besser im Deutsche-Raten.
Er stellt sich als Leonhard aus bei Bielefeld vor. Nachdem wir tatsächlich unsere Arrival Cards an der koreanischen Grenzkontrolle abgeben mussten und unsere Rucksäcke am Gepäckband abgeholt haben, schauen wir uns in der Terminalhalle um und überlegen, wie wir in die Stadt kommen. Es ist mittlerweile nach 24.00 Uhr. Incheon Airport liegt auf einer Insel westlich von Seoul. Ein Taxi wäre viel zu teuer und der Zug fährt nicht um diese Uhrzeit. Nachts fahren nur Busse und die muss man über einen Ticketautomaten reservieren. Der nächste ist schon voll ausgebucht und sonst ist erst einer in ein paar Stunden frei. Wir essen erstmal Ramen bei dem einzigen offenen Imbiss. Leonhard war wie ich in Taiwan und wir tauschen uns aus über die Freundlichkeit und Warmherzigkeit der Menschen. Er würde prinzipiell nicht in Länder reisen, die einen Demokratieindex von unter 5 haben. Mit seinen Devisen möchte er nicht die Regime stärken. Deshalb Taiwan statt China. Das imponiert mir. Ein Idealismus wie ihn nur Anfang 20-Jährige haben.
Der Ramen-Laden schließt für eine halbe Stunde und wir nutzen die verbleibende Zeit, um uns auf Bänken in der Eingangshalle des Flughafens ein wenig aufs Ohr zu hauen, bis der Bus kommt.
Leonhard hat einen besseren Plan als ich geschmiedet. Während meine Reise zu meiner außerhalb gelegenen Unterkunft noch nicht beendet ist, hat er die Idee in einem Jjimjilbang zu übernachten. In den koreanischen Dampfbädern kann man nicht nur saunieren, sondern auch übernachten. Es gibt dafür extra Räume, in denen man mit Kleidung, die einem geliehen wird, auf Matten auf dem Boden schläft. Um 5:00 Uhr am Bahnhof von Seoul sucht Leonhard seinen Weg zum Jimjibang, während ich verzweifelt versuche, ein Taxi zu bekommen, das Kreditkarte akzeptiert. Am Rande des Bahnhofs fällt mir eine Demo auf. Ich sehe USA-Flaggen und eine Handvoll Leute. Wer geht denn halb in der Nacht demonstrieren? Bei genauerem Hinsehen wird es klar: Christliche Fanatiker, die um Charlie Kirk trauern. Sollnse machen. Bis auf ein paar Pendler auf dem Weg zur Arbeit bekommt es hier sowieso keiner mit.
Ein Taxi fährt gezielt in meine Richtung. Der Taxifahrer ruft aus dem Fenster: "Are you Cedric?" Bin ich nicht. Schade, das wäre meine Rettung gewesen, aber das Uber-Taxi hat wohl Cedric bestellt. Doch im Weggehen, ruft er mir noch einmal nach: "Cedric has cancelled!" Kreditkarte nimmt er und ich zeige ihm meine weit entfernte Unterkunft, die der geschätzt fast 80-Jährige Fahrer in sein Navi eingibt. Bei nächtlicher Straßenbeleuchtung fährt er wie ein Gesenkter über die Highways von Seoul. Mein Kumpel Lukas, der ein bisschen Koreanisch kann, hat mir noch bei Ankunft per Sprachnachricht die beiden Worte eingesprochen, die im Reisevokabular essentiell sind: Annyeonghaseyo - Hallo und gamsahabnida - danke. Ich muss mir die Nachricht auf meiner ganzen Reise durch Korea immer wieder anhören. Es sind keine leichten Wörter. "Gahmsahmnida", sage ich zum Taxifahrer, als er sicher stellt, dass er mich auch zum richtigen Hotel gefahren hat. Er lächelt und antwortet was ich als koreanisches "Gern geschehen" interpretiere. Man scheint mich zu verstehen.
Um kurz vor 12.00 Uhr werde ich wach und wandel verschlafen durch die Gassen auf der Suche nach einem 7-Eleven mit Kaffee und Metro-Karte. Ich laufe vorbei an einer Taekwondo-Trainingshalle. Ein paar Kinder üben die Schritte und Schläge, die ich damals als 11-Jähriger selbst ausgeführt habe. Das Brett, das ich bei einem Sportfest zertreten habe, stand lange noch in meinem Kinderzimmer. In meinem schon damals ausgeprägt Imposter-Syndrom dachte ich aber immer, man hätte es vorher angesägt. Wie ich jetzt daran denken muss, fühle ich mich ein wenig stolz. Besser spät als nie.
In meinem Self-Check-In-Hotel ohne Personal gibt es zwar Waschmaschinen, aber irgendeine Sau hat seine Sneaker darin gewaschen. Die ollen Schuhe liegen in der Waschtrommel, in die ich jetzt meine Unterhosen nicht mehr stecken will. Auf der Suche nach einem Waschsalon ende ich im kleinen Laden eines älteren Herren. Er entfernt meine Unterwäsche aus dem Rest des Wäschehaufens und schreibt auf einen Zettel den Preis und die Abholzeit. Erst da kapiere ich, dass ich in keinem einfachen Wäscheservice gelandet bin, sondern einer Reinigung. Der Mann ist trotz Sprachbarriere und meines Wäschebeutels ohne Vorauswahl sehr höflich und ich bringe es nicht übers Herz, den Preis von umgerechnet fast 30 € abzulehnen. Den kleinen Luxus gebügelter Elephant Pants gönne ich mir. Die übrigen Klamotten reinige ich per Hand und Rai aus der Tube im Hotel.
Abends treffe ich mich mit Leonhard in Seoul. Er teilt seine Jjimjilbang-Erfahrung mit mir. Am Tresen vor dem nach Geschlechtern getrennten Saunabereich wurde er mehrfach in die Umkleide zurückgeschickt. Er wusste zwar, dass man komplett nackt dort badet und sauniert, dennoch hat es sich komisch angefühlt, komplett unbekleidet am angezogenen Personal vorbeizulaufen. Die Kommunikation ohne Übersetzungsapp hat die ganze Situation nicht leichter gemacht. Das einzige, was man am Körper trägt, ist der Schlüssel zur Umkleidekabine am Handgelenk. Sein eigenes Handtuch geschweige denn eine Badehose oder Unterhose mit hineinzunehmen, ist wegen der Hygienevorstellungen der Koreaner absolut verboten.
Stattdessen muss man sich vor dem Dampfbad gründlich abduschen. Dabei wiederum läuft man ohne Badelatschen auf den nassen Fliesen und teilt sich die gleiche Kernseife mit den anderen. Trockene Handtücher liegen am Eingang. Viele Jjimjilbang-Besucher stehen beim Duschen nicht, sondern sitzen dabei auf kleinen Plastikhockern, auf denen vorher noch mit nacktem Arsch der Vorgänger saß. Manche putzen sich mit den Einweg-Zahnbürsten die Zähne, während heißes Wasser über ihre Köpfe fließt. Ähnlich der türkischen Hamams kann man sich auch für eine extra Gebühr abschrubben und massieren lassen.
Eine wilde Welt, die mir Leonhard da beschreibt, aber nach dem halb verschlafenen Ankunftstag mit kleineren Niederlagen, hätte ich schon Bock auf Wellness.
In der Fußgängerzone streifen wir über den Night Market und gönnen uns Spieße mit kandierten Früchten. Bunt und laut ist die Innenstadt Seouls mit Nintendo-Sounds aus den noch spät geöffneten Läden voll mit elektronischem Spielzeug und koreanischen Süßigkeiten. Ein Maskottchen im Katzenoverall macht Werbung für ein Katzencafé und ich überrede Leonhard mitzukommen, denn er war noch nie in einem. Die ruhige Atmosphäre und eine rotbraune Katze, die es sich auf unserem Tisch zwischen zwei Milchshakes gemütlich macht, versöhnen mich mit dem Tag.
Mit Anfang 20 hatte ich meine Nordkorea 'era'. Jede Doku über das wohl verrückteste Land der Erde habe ich mir damals reingezogen. Der Propaganda- und Unterdrückungs-Apparat, der sich Staat nennt, hat mich damals auf eine Art in den Bann gezogen, wie Menschen, die sprichwörtlich bei Autounfällen nicht wegschauen können. Und wie auch bei
Vietnam hat mich die Parallele zu
Deutschland fasziniert. Ein Land, das der kalte Krieg auseinandergerissen und geformt hat - aber eben in extrem. Wie es der Reisetrend mit sich bringt, gilt Nordkorea für die Bucketlist-Reisenden als ultimativer Endgegner der Länder, die es abzuhaken gilt. Für die stolze Behauptung, einmal im abgeschottetsten Land der Erde gewesen zu sein, muss man sich das Visa hart erkämpften und sich im Land an die Regeln und strengen Beschränkungen der Reisegruppenleiter halten. Man will ja nicht wie der Ami enden, der wegen eines geklauten Propagandaposters in nordkoreanischer Haft gestorben ist. Eine wahre Challange also, die sich für die krasseste Insta-Reisestory ever erstmal verdient werden will. Aber da halte ich es wie Leonhard, der den Schurkenstaaten keinen Cent in den Rachen werfen will. Die Devisen für diese organisierten Reisen gehen schließlich direkt und ohne Umwege an die Kim-Familie.
Eine Tour zur Grenze ist also ein guter Kompromiss und ich wähle eine Option, bei der man eine geflohene nordkoreanische Person befragen kann. Nicht alle, die an der Tour teilnehmen, wählen diese Möglichkeit, was mich wundert, denn es ist für mich der interessanteste Punkt des Ausflugs. Eine um die 40 Jahre alte Frau gibt für zwanzig Minuten einen kurzen Vortrag, in dem sie sich vorstellt und ihre Biographie und Fluchtgeschichte erzählt. Eine Dolmetscherin übersetzt. Sie kann kein Englisch, was nicht weiter überraschend ist, musste sie doch zunächst das etwas andere Südkoreanisch lernen und sich überhaupt in der völlig gegensätzlichen Welt des Kapitalismus und der Demokratie zurechtfinden. Am meisten hat es sie beeindruckt, wie ihre neuen Mitmenschen in
Südkorea ohne Filter im Kopf ihre Gedanken frei äußern. In ihrem Heimatort an der chinesischen Grenze gab es etwas Handel mit China. Über einen Schleuser aus dem Nachbarland hat sie ihre riskante Flucht organisieren können und sich eine neue Identität geben lassen. Über
China ist sie anschließend nach
Laos und
Thailand gekommen und von dort aus nach Südkorea. Inzwischen gibt es eine größere Gemeinschaft von nordkoreanischen "defectors", die bei YouTube und Social Media Einblicke in den Unterdrückungsstaat geben. Ich frage, wie viele der Nordkoreaner denn eigentlich noch den Lügen der Regierung glauben. Ihre Antwort überrascht mich: Nicht einmal mehr 30 %, schätzt sie, wären der Gehirnwäsche unterlegen. Alle anderen würden nur aus Angst um sich und ihre Familien das Schauspiel aufrechterhalten. Sie meint es wäre bloß eine Frage der Zeit, bis das System auseinanderbricht.
Mit Tim aus Frankfurt, der in der Entwicklungshilfe arbeitet, komme ich über die Doku ins Gespräch, die vor dem Interview mit der Nordkoreanerin gezeigt wurde, um Kontext zur Geschichte zu liefern. "Etwas reißerisch.", kommentiere ich den Kurzfilm, der mich mit den schnellen Schnitten, Effekten und dem Sprecher mit US-Akzent an D-Max-Formate erinnert. Tim erzählt mir, dass er mit sich gehadert hätte, überhaupt die Tour mitzumachen. Ein wenig hat es ja schon was von Voyeurismus. Gleichzeitig wollte er sich aber auch die Gelegenheit nicht entgehen lassen, sich vor Ort ein Bild zu machen. Dieses Bild haben wir spätestens, als wir am Aussichtspunkt stehen mit einem spektakulären Panoramablick auf das isolierte Land. Die demilitarisierte Zone, die alles andere als demilitarisiert sondern vermient ist, wurde hier komplett gerodet. So bleibt die Sicht frei auf eine nordkoreanische Kleinstadt und ein vorgelagertes Dorf, das absolut unbevölkert ist. Es wurde wohl gebaut, um den Koreanern im Süden heile Welt vorzugauckeln. Chloe, unsere Tourguide, hält uns an, keine Fotos zu machen. Wenn die in Social Media Posts erscheinen würden, würde das die Nordkoreaner provozieren und die ohnehin kritischen diplomatischen Beziehungen weiter belasten. Das würde wiederum dann ihr angelastet. "I don't want to lose my job.", bittet sie uns, unsere Handys stecken zu lassen. Schlange stehend wechseln wir uns vor den Ferngläsern ab. Tim hat Recht mit dem Voyeurismus-Gedanken. Wie die Wessis im Film "Sonnenallee" schauen wir von oben herab in die Zone. Zonis können wir nicht entdecken. Zu weit weg oder nichts los im kommunistischen Teil? Nicht einmal Autos oder Pferdekarren sind zu sehen. Vor der malerischen Landschaft am Grenzstreifen sehen wir von Weitem einen Fahnenmast mit nordkoreanischer Flagge. Mit 160 Metern einer der höchsten der Welt, wie uns Chloe erklärt. Nord- und Südkorea haben sich eine Zeit lang gegenseitig überbieten wollen in Sachen "Wer hat den längsten?" und Südkorea hat irgendwann aufgehört, das alberne Spiel mitzuspielen.
Zum Grenzposten können wir nicht. Im letzten Jahr ist ein amerikanischer Soldat, der in Südkorea stationiert war und bei einer DMZ-Tour teilgenommen hatte, einfach über die Grenze gerannt. Er hatte wohl Schwierigkeiten mit dem Gesetz und die naive Vorstellung, einfach zu den Nordkoreanern übertreten zu können. Stattdessen wurde er wieder abgeschoben und den
USA übergeben, wo er jetzt in Haft sitzt. Die Amis wieder. Deshalb wurden bis auf Weiteres alle Besuche zur Grenze ausgesetzt.
Stattdessen geht es in ein Dorf, das direkt in der demilitarisierten Zone liegt und vor allem von älteren Südkoreanern bewohnt wird. Zwar gibt es finanzielle Anreize hier zu wohnen, aber auch eine strenge Ausgangsspree und Heiratspolitik, die Jüngere davon abhält, hier zu bleiben. Im skurrilen Souvenirshop kann man die nordkoreanische Währung kaufen, für die es nicht mal einen offiziellen Umrechnungskurs gibt. Wir dürfen uns nur in einem gekennzeichneten Bereich rund um das Besucherzentrum bewegen. Zu viele Tourteilnehmer hätten in der Vergangenheit in die Häuser der Bewohner geschaut und die Privatsphäre der Leute nicht respektiert, meint Chloe. Da haben wir ihn wieder, den Voyeurismus.
Am letzten Abend wage ich mich ins Jjimjilbang. Zwar weiß ich ja mittlerweile nach Leonhards Briefing, wie der Hase läuft, aber ich stelle mich dennoch genauso amateurhaft an wie er. Erst als mich der Saunabetreiber auf Koreanisch ermahnt und ich sehe, dass auch andere mit nichts am Leib als ihrem Spindschlüssel in den Saunabereich treten, ziehe ich blank und meine Boxershorts aus. Ich hocke mich zunächst in das lauwarme Becken und beobachte dezent, wie es die Stammgäste machen. Erst Sauna, dann kaltes Becken, dann heißes, dann wieder lauwarmes. Das Ganze wird von old man noises begleitet - Stöhnen, Grunzen, lautes Ausatmen. Die meisten hier sind Rentner. Ich bin der einzige Ausländer.
Das kleine Bad hat auch eine kleinere Holzsauna, die aber mit Teppich ausgelegt ist und ziemlich nach Hundehütte stinkt. Die Dampfsauna daneben ist viel heißer und ich halte es maximal fünf Minuten darin aus. Insgesamt rotiere ich so zwischen den Becken und der Sauna für knappe vier Stunden und genieße außerdem den Digital Detox Effekt.