"Masimian, where are you going?", fragt mich der Hostelbesitzer in Busan, als ich gerade aus der Tür treten will. Eigentlich wollte ich gerade ins Jjimjilbang und dort einen Haarschnitt bekommen. Aber ich kann gar nicht so schnell antworten, wie er mich zu einer Runde Soju, dem koreanischen Schnaps, einlädt. Eine Taiwanesin, Dauergast im Hostel, gießt mir ein. Ich lerne über die koreanischen Regeln des Einschänkens. Bei jeder neuen Runde gießt die jüngere der älteren Person ein und erst dann sich selbst. Mehr und mehr Hostelgäste werden zur Runde eingeladen. Ein Australier, ein Holländer, ein Brasilianer setzen sich dazu, ein Vietnamese sitzt bei remote work am Laptop und schaltet sich ab und zu in das immer feucht-fröhlicher werdende Gespräch mit ein. Wer trinkt ist hauptsächlich unser Host. Er gießt sich einen Schnaps mit Bier nach dem anderen ein, während wir Gäste im Wechsel alibimäßig unsere Gläser zum Nachschenken hinhalten, um ihn nicht zu verärgern. Wir haben wahrscheinlich alle am nächsten Tag etwas vor.
Unser Gastgeber tischt außerdem ordentlich auf. Sashimi, Korean Chicken, Kimchi und Chips. Mein Abendessen ist dank seiner Großzügigkeit schon mal gesichert. Den Haarschnitt kann ich mir auch noch morgen geben lassen.
Das ohnehin bescheidene Englisch unseres freundlich strahlenden Hosts wird nach jeder Runde Soju bruchstückhafter, bis er irgendwann fast ganz zum Telefon wechselt, in das er Koreanisch hineinspricht, um uns anschließend den englischen Text hinzuhalten. Er habe bis vor wenigen Monaten noch bei Samsung gearbeitet, dann seinen Job gekündigt und sich seinen Traum erfüllt, ein Hostel zu betreiben. Er wollte Menschen aus anderen Ländern kennenlernen. Nachdem er uns schon gut angetrunken erzählt, dass er heute Nacht noch 40 Minuten nach Hause fahren muss, wo seine Familie auf ihn wartet, äußern wir vorsichtig Bedenken. Er beruhigt uns: "It's okay, I take Taxi." und "Alcohol is food too." steht auf seinem Handy, das er uns mit seinem Silberblick entgegenstreckt. Na dann ist ja alles klar.
Unseren Host treffe ich am nächsten Tag erst am Nachmittag an. Er grüßt nur kurz. Entweder er kann sich an nichts mehr erinnern oder es ist ihm unangenehm. Bevor er uns am Abend noch hoch auf die Dachterrasse mit Blick auf den nächtlichen Hafen Busans geführt und uns eine alkoholgeschwängerte Umarmung gegeben hat, hatte er uns noch eine Affäre gestanden, die er seit Jahren vor seiner Frau geheimhält. Aus den Blicken der anderen konnte ich ablesen, was wir auf die Beichte hin wohl alle dachten: "Too much information." Traditionelle Ehen, in denen Trennung nicht üblich ist trifft auf Oversharing im Suff - möglicherweise gar nicht so untypisch in Korea, hatten wir gemutmaßt.
Auf dem Weg zum Friseur laufe ich über den Bahnhofsvorplatz. "Busan is good.", steht auf einem offiziellen Schild, der bescheidene Slogan der Hafenstadt. Ich mag das Understatement. Mit der Erwartungshaltung kann es nur besser werden.
Gamcheon-dong ist ein beschaulicher Ort auf einem der Hügel Busans. Es hat sich über die Jahre von einem Stadtteil für die Flüchtlinge des koreanischen Bürgerkriegs zu einer Attraktion für Touristen gemausert. Die kurvigen Gassen, steilen Stufen und bunte Fassaden und Dächer wurde ab 2009 über ein Projekt renoviert. Auf meinen Weg hinauf versuche ich meinen Coffee-to-go-Becher irgendwo loszuwerden. Mülleimer sind in Südkorea genauso rar wie in Taiwan. An einer Kirche werde ich fündig. Es ist Sonntag und die Gemeinde steht draußen bereit für die Messe. Als ich an der Eingangstür vorbeilaufe, macht ein lächelnder Koreaner eine Geste mit der Hand. Eine Einladung, einzutreten. Ich nehme sie an. Go with the flow.
Manche der größtenteils älteren Gemeindemitglieder lächeln mir zu. Die meisten beachten mich auf meinem hinteren Platz erst gar nicht. Ich versuche einige Passagen der langen Predigten per Handy zu übersetzen und stelle fest, dass christliche Messen in Südkorea ähnlich langweilig sein können wie in Deutschland. Zum Schluss wage ich mich vor zum Abendmahl. Bevor ich die Oblate gereicht bekomme, fragt mich der katholische Pastor, ob ich getauft bin. Bin ich zum Glück. Wir praktizieren Ökomene.
Von Gamcheon aus laufe ich hinunter zu einem Hafen und finde ein Restaurant mit Kimchi-Suppen im Angebot. Ob sie Kartenzahlung akzeptierten, frage ich vorab. Zwei Tage vor meiner Abreise Richtung
Japan habe ich kein Bargeld mehr. Nur das Kartengerät will jetzt weder meine Debit- noch meine Kreditkarte annehmen. Also mache ich mich auf die Suche nach einem Geldautomaten. In Seoul war das schon eine Herausforderung. Erst der fünfte Automat hatte meine Karte akzeptiert. Jetzt will es nicht mal mehr der zehnte. Ich laufe den kompletten Stadtteil ab und sammel "Transaktion-gescheitert"-Bons. Die verstaue ich gedemütigt in meiner Tasche, denn ich finde nicht einmal einen Mülleimer, um sie wegzuschmeißen. Eigentlich wollte ich am Abend "Godfather 2" sehen, der in einem Kino retro läuft. Nach einer Stunde erfolglosen Rumgerennes und 45 Minuten vor Filmstart kehre ich frustriert ins Restaurant zurück und muss die Betreiberin auf morgen vertrösten. Die nimmt es gelassen, will nicht einmal einen Pfand und vertraut auf meine Ehrlichkeit, die 15.000 Won morgen in bar vorbeizubringen.
Ich verpasse die Ankunft des jungen Vito Corleone auf Ellis Island, aber ansonsten gibt das Erlebnis den besten Paten-Teil auf großer Leinwand zu sehen, wieder Motivation, auf meinem Heimweg weiter nach ATMs zu schauen. Mein Auftrag Mittagessen bezahlen ist immer noch offen, aber irgendwann muss es ja schließlich klappen. Beim ersten Versuch an einem Geldautomaten im nächsten 7-eleven bin ich erfolgreich.
Nachdem ich meine Schulden am nächsten Morgen beglichen habe, sind es bis zum Ablegen der Fähre nach Japan noch ein paar Stunden. Ich stehe am Bahnhof, könnte zum Hostel zurücklaufen oder einen Bus Richtung Koreakrieg-Museum nehmen. Busan war im Krieg die letzte Bastion der südkoreanischen und UN-Truppen, bevor sie die nordkoreanische Armee zurückdrängen konnten. Ich habe außerdem noch ein gebuchtes Ticket für eine Fahrt in einem Sky Capsule Train offen. Mein Vergangenheits-Ich hat sich mal wieder zu viel vorgenommen und mein Gegenwarts-Ich muss jetzt das Dilemma zwischen fomo und hakunamatata ausbaden. Gerade als ich kurz davor bin, mich für den Rest des Tages einfach nur in ein Café zu setzen, sehe ich die Buslinie, die direkt zur Station des Capsule Train fährt und steige kurz entschlossen ein. Go with the flow.
Trotz Zeitticket muss ich eine halbe Stunde in der Schlange voller Pärchen warten, bevor ich meinen Privatzug betreten kann. Die Capsule Trains sind im Prinzip Mini-Straßenbahnen mit bis zu vier Plätzen, die im Abstand von jeweils zehn Metern in Reihe fahren. Auf der Panoramastrecke an den Klippen mit Blick aufs Meer und auf Busan ist man insgesamt nicht länger als 25 Minuten zwischen den zwei Bahnhöfen unterwegs. Als meine Gondel in der Endstation eintrifft, sehe ich, wie auf einem Dachcafé jemand Fotos mit seiner Spiegelreflex von den Einzelkabinen gegen den Sonnenuntergang macht. Ich erkenne den Fotografen und die Kamera. Mit Aleks aus
Dänemark und zwei weiteren Deutschen, bin ich vorgestern einen Wanderweg an der Küste entlanggelaufen. Ich öffne die Solotravel-App, über die wir die Wanderung organisiert hatten. "If you put the pictures with me on the train for sale I want my fair share", schreibe ich Aleks mit anschließendem Zwinker-Emoji. Wir treffen uns kurz bei einem Kaffee und er zeigt mir seine bisherigen Fotos. Die kleinen bunten Züge mit Meer und Sonne im Hintergrund sehen niedlich aus auf den Bildern.
Meine Fähre nach Fukuoka geht zwar erst in vier Stunden, aber der Bus alleine braucht schon eineinhalb. Bis zum Terminal sind es eine halbe Stunde und die Gangway schließt laut Ticket zwei Stunden vor Abfahrt. Auf einmal scheint alles eng getaktet und von einem Moment zum nächsten weicht meine innere Ruhe wieder den Stress, wie als ich gestern zwischen Mittagessen und Kino die ATMs abgeklappert habe.
Am Ende mache ich mich wieder einmal umsonst kirre. In Busan ist alles gut und wird alles gut gehen. Nach der Grenzkontrolle warte ich am Gate eine Stunde, bis die Fähre überhaupt betreten werden kann. Vor der Ticketkontrolle haben alle ihre Koffer und Rucksäcke wie Dominosteine in einer Reihe aufgestellt. Die asiatische Version des Schlange Stehens. Wenn es losgeht, kann man sich immer noch neben sein Reisegepäck stellen.
Vorne lehnt ein Fahrrad an der Wand. Hinten am Gepäckträger ein Nummernschild mit der Aufschrift "Around the world", darunter eine Karte von Europa und Asien mit einer schwarzen Linie, die Madrid und Tokio verbindet. In den Sitzreihen mache ich den Weltreisenden schnell am Fahrradhelm ausfindig, der neben ihm liegt. Der Spanier ist Mitte 50 und heißt Sel. Er gibt mir einen kurzen Abriss über seine Route. Ich frage ihn, ob und in welchem Land es am schwierigsten gewesen ist, voranzukommen. "No problems.", sagt er kopfschüttelnd. So wie es aussieht, konnte Sel auf seiner bisherigen Radtour über zwei Kontinente nichts erschüttern. Ich hingegen verliere schon die Nerven auf meiner Busfahrt zur Fähre. Ich nehme mir vor, mich im nächsten Land mehr in Gelassenheit zu üben. Wo, wenn nicht in Japan...