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Perfect Days (Fukuoka / Hiroshima)

Veröffentlicht: 27.11.2025

Zug
Fukuoka → Hiroshima
Shinkansen
Essen
Izakaya
$$ · Abendessen
Essen
Yesterdays
$ · Snack
Attraktion
Hiroshima Peace Memorial Museum
Hiroshima, Japan
Tour
Walking-Tour zum Atombombenabwurf
Tour · pakistanischer Guide
Attraktion
Friedensstupa
Hiroshima, Japan
Attraktion
Shintoschrein auf dem Hügel nahe dem Bahnhof Hiroshima
Hiroshima, Japan
Auf Deck unterm Sternenhimmel von Busan raucht Alex seine letzte Zigarette. So hat er es sich jedenfalls vorgenommen. In Japan will er mit dem Rauchen aufhören. Dort sind Kippen viel zu teuer und ohnehin ist die Erlaubnis in der Öffentlichkeit zu rauchen auf sehr wenige Zonen beschränkt. Das macht es leichter, sich von der Sucht zu trennen. Alex teilt mit mir den Schlafsaal auf der Fähre von Busan nach Fukuoka. Auf einer dünnen Rollmatratze liegt man hier neben den anderen Passagieren auf dem Boden. Kurz vor der zehnstündigen Überfahrt und der Nachtruhe erzählt mir Alex ein wenig von seinem Leben als Aussteiger in einem indischen Dorf an der Grenze zu Nepal. Er habe sich ein kleines Business aufgebaut, indem er in ganz Asien mit seltenen Steinen handelt. Dazwischen reist er immer wieder durch Südostasien, China und jetzt zum wiederholten Male nach Japan, wo einer seiner Freunde wohnt. Über sieben Jahre wohnt er schon im Ausland und scheint nicht das geringste Bedürfnis zu haben, wieder langfristig nach Deutschland zurückzukehren. Er überlegt, stattdessen als nächstes, eine längere Zeit in Afrika zu leben. Aber das sind vage Pläne. Überhaupt ist Alex so ziemlich das ganze Gegenteil eines modernen Reisenden mit einer To-do-Liste. Meistens sucht er sich mit seinem Zelt einen Platz im Freien oder schläft gleich ganz auf der Straße. Während ich mir ab und zu Hotels leiste, ist es sein kleiner Luxus, in günstigen Hostels abzusteigen. Den Menschen im restlichen Teil Asiens ist so ein Lebensstil eher egal, in den Großstädten Südkoreas oder Japans dafür weniger beliebt. Alex macht keinen Hehl daraus, dass er nicht nach Japan gekommen wäre, wenn er nicht vorgehabt hätte, seinen Freund zu besuchen.

Das Schiff legt endlich ab. Die Außendecks werden geschlossen und auf hoher See merken wir schnell, warum. Die Fähre mit den drei Ebenen schaukelt in den Wellen so stark, dass ich meine Flasche mit dem grünen Tee, den Alex mir aus seiner Thermoskanne heiß gemacht hat, gut festhalten muss, damit sie nicht vom Tisch fällt. Wir bahnen uns mit unseren Händen an den Stangen und Wänden unseren Weg zu den Karaokeräumen, den Getränke- und Spielautomaten. Alle laufen nur mit Bargeld, das wir beide nicht haben. Zurzeit verlangt es mir eher nach einer Tablette gegen Seekrankheit. Aber die Wirkung des Tees oder die Gewohnheit setzt schnell ein und nachdem wir nach Mitternacht in unsere Kojen kriechen, schlafe ich besser als in den letzten Nächten in den viel zu weichen Hostelbetten. Das Hin- und Herwiegen des Schiffes hat eine einschläfernde Wirkung.


Wie Alex sich vorgenommen hat, mit dem Rauchen aufzuhören, habe ich mir als Ziel gesetzt, keine typischen Touristenaktionen mehr zu besuchen. Die letzten Wochen waren gut gefüllt und voller Eindrücke, die es erstmal zu verarbeiten gilt. Ich will das Gegenteil eines Bucketlist-Reisenden werden und mir einfach nur Japan anschauen, wie es ist. Ziellos umherlaufen. Hier und da ein wenig Sushi.

Wenn mir noch einmal jemand in guter Absicht sagt, ich "müsse" doch dieses und jenes sehen, kommt das gleich im Anschluss auf die Must-NOT-see-Liste. Ich will keinen einzigen Tempel oder Schrein besuchen, sage ich zu Alex. Da bin ich bei ihm aber an der falschen Adresse. Er beschreibt sich zwar selbst als nicht sonderlich religiös, aber Schreine haben für ihn etwas Ruhe spendendes. Er könne ewig an Schreinen sitzen und meditieren. Nach also nicht mal einer Stunde nach unserer Ankunft in Fukuoka habe ich mein Vorhaben gebrochen und wir stehen im ersten Shinto-Schrein. Alex erklärt mir, dass diese im Grunde Geister beherbergen, die verschiedene Funktionen haben. Je nachdem, für was man sich Kraft wünscht, geht man zum jeweiligen Tempel und betet bzw. bittet den Geist um Hilfe. Die Shinto-Tore sind dabei Zutrittsorte zum Gebiet, in dem der Geist wohnt. Oft sind ganze Straßenblocks mit diesen Toren umgrenzt. Shintos leben also nicht nur in Schreinen und Tempelanlagen.


Ich lerne von Alex ein paar Grundsätze zum japanischer Höflichkeitskodex. Im Laufen zu essen wäre strengstens verpönt. Dass man bei Rot prinzipiell aber auch wirklich in keiner Situation bei Rot über die Ampel geht, bekommen wir schnell mit.

Mit der Metro fahre ich zu meiner Unterkunft im Westen der Stadt. Die Kreditkarte nutze ich am Bahnhof für die Bezahlschranke. Im Zug herrscht Stille. Ein Gebot, sein Handy auf lautlos zu schalten, hängt über den Sitzen mit den schweigenden Fahrgästen.

An meinem Zielbahnhof verweigert mir die Schranke den Ausgang mit meiner Kreditkarte. Verwirrt laufe ich zum Stationshäuschen und wende mich an das Bahnhofspersonal. Jede Interaktion in Japan hat wegen der vielen achtsamen Gesten etwas von einer Theaterszene. Jeder spielt seine Rolle. Ich habe meinen Text vergessen und muss improvisieren. Bei jeder dieser Begegnungen breche ich wahrscheinlich zig Mal die Höflichkeitsvorschriften, ohne es zu wissen und streue immer wieder kleine Verneigungen und "arigato gozaimasus" ein. Auftritt Bahnangestellter: Verbeugung er. Verbeugung ich. Er sieht meine Kreditkarte und weiß, was zu tun ist. Er spricht etwas auf Japanisch und neigt seinen Blick in Richtung Karte, die ich ihm anbiete. Ich nicke, er nimmt sie. "Arigato gozaimasus." "Arigato gozaimasus." Er tippelt zu einem Gerät und hält die Karte dran. Er reicht sie mir lächelnd zurück und dazu einen kleinen visitenkartengroßen Zettel mit einer kurzen englischsprachigen Anweisung, ihn als eine Art Pfand beim nächsten Schalter einzureichen, um meine Kreditkarte wieder auf null zu setzen. "Arigato gozaimasus." "Arigato gozaimasus." Beide lächeln. Verbeugung ich. Verbeugung er. "Arigato gozaimasus." "Arigato gozaimasus." Bahnangestellter tritt ab, ich trete durch die Metroschranke. End scene.


Im Westen der Stadt wohnt Axel, den ich im Hostel in Taipeh kennengelernt habe. Zusammen mit seiner japanischen Frau und der kleinen Tochter im Kindergartenalter hat er eine schicke kompakte Wohnung direkt am Strand. Er lädt mich kurz zu sich nach Hause ein, bevor wir zum Izakaya gehen. Konichiwa ruft mir Axels Tochter an der Tür entgegen. Es ist Abendessen- und Fernsehzeit. In Japan verbinden sie Kinderfernsehen mit einem Bildungsprogramm und so kann ich gleich die Zahlen von 1 bis 5 üben. "Ichi, Ni, San, Chi, Go." Die Kleine spricht mir vor und ich spreche ihr nach. Axel meint, nach mehreren Jahren in Japan tue er sich immer noch schwer mit der Sprache. Für Phrasen und Gespräche im Alltag reicht es, aber alleine die Schriftzeichen bereiten ihm große Probleme. Jetzt würde er zusammen mit seiner Tochter Japanisch lernen. Er bringt ihr dafür etwas Französisch bei. Ein Sprachtandem.


Izakayas sind die weniger formellen japanischen Restaurants. Falls das in Japan überhaupt eine Kategorie ist. In Gruppen sitzt man an mit Holzwänden abgetrennten Tischen, manchmal auf dem Boden. Die Schuhe werden draußen oder vor dem Essbereich abgelegt. Alleine oder zu zweit wird man an den Tischen vor der Theke platziert. Serviert wird häufig eine Kombination aus kleinen Gerichten wie zum Beispiel eine Misosuppe, ein Fisch- oder Fleischgericht, eingelegter Rettich und ein Dessert. 

Axels Sprachlevel reicht, um unsere Bestellung aufzugeben. Die Atmosphäre in dem Izakaya erinnert mich sehr an die Bar aus Wim Wenders "Perfect Days", in dem der Protagonist nach seiner Schicht den Abend ausklingen lässt. Zwei Stammgäste sitzen am Tresen. Ein älteres Paar betreibt den Laden, ausgekleidet mit typisch japanischem Interieur, das aus den 80ern, aber genauso aus den 50ern sein könnte. Zeitlos schlicht. Er ist der Koch, sie die Bedienung. "Arigato gozaimasus!" "Arigato gozaimasus!" Axel hat uns Sashimi bestellt. Es ist mein erstes richtiges Gericht in Japan, aber ich kann jetzt schon behaupten, dass es bisher das beste Essen auf dieser Reise ist.

Sein Expat-Freund Tommy aus Bayern kommt dazu. Er lebt schon zwölf Jahre in Japan und spricht fließend Japanisch. Es scheint ein gutes Leben zu sein für die beiden, die sich durch ihre Familien und der ausländischen Community mit den Eigenheiten des Landes arrangiert haben.



Im Shinkansen lässt es sich schwer abschalten. Für eine entspannte Zugfahrt, auf der man lesen, dösen und schreiben kann, müsste man wahrscheinlich Sapporo - Kyoto buchen. Von Fukuoka nach Hiroshima ist es knapp über eine Stunde Fahrzeit. Also suche ich mir bei meiner Ankunft eine Bank am Fluss. Ein paar Kinder in Schuluniform spielen am Ufer. Sie werfen ihre halbgefüllten Milch-Tetrapacks ins Wasser, um zu sehen, wer weiter werfen kann. Umweltverschmutzung und Regeln brechen zerreißt mein idealisiertes Bild von Japan. Aber Kinder sind Kinder überall auf der Welt.

In einer der für Japan üblichen Passagen mit Glasüberdachung finde ich ein Beatles-Café: "Yesterdays". Mit der englischen holzvertäfelten Innenarchitektur, den Plattencovern und Original-Konzertposter mit japanischen Schriftzeichen wirkt es wie aus einem Guss. Gut kopiert. Ich laufe die schmale Holztreppe hoch und sitze vor dem Raucherraum, in den ich über die Innenfenster reinschauen kann. Axel hatte Recht - Rauchen ist eine Angewohnheit der Außenstehenden. Hier im Yesterdays hat sich die Avantgarde zum Qualmen versammelt. Ein Typ Anfang 30 sitzt mit seiner Regenbogen-Glitzerhose und seiner Elefanten-Plüschhandtasche neben einem älteren Herren im Karohemd. Ein schöner Kontrast zur schwarz-weißen Anzugwelt draußen im Rest der Stadt.



Die Atmosphäre in Hiroshimas Peace Museum ist andächtig ruhig. Trotz der Masse an Besuchern und Schulgruppen drängelt niemand. Ab und zu ist ein Schniefen zu hören. Die Ausstellung geht vielen an die Substanz: Reste von Kleidung, Bilder von Hibakushas (überlebenden Opfern der Verstrahlung), Tagebuchauszüge von Angehörigen, Kinderzeichnungen der Szenen direkt nach der Detonation.

In einem Teil der Memorial Hall Gedenkstätte kann man an PCs Zeitzeugeninterviews anschauen. Eines geht mir besonders nahe. Eine Frau erzählt, wie sie nach dem Bombenabwurf ihren Bruder beim Sterben begleitet, woraufhin sie sich entschließt, Friedensaktivistin zu werden. In ihren Texten und Reden machte sie nicht nur auf die Grauen Hiroshimas aufmerksam, sondern ließ auch die japanischen Kriegsverbrechen nicht unerwähnt.

Nur drei Bauwerke im Epizentrum der Detonation haben das Inferno überstanden. Das technische Rathaus, jetzt Mahnmal am Rande des Flusses, ein Tor eines Shintoschreins nahe der Burg und der stahlverstärkte Keller eines Bürohauses auf der Flussinsel Tokaichimachi. Darin hat ein einzelner Angestellter das Unglück überlebt, weil er im Moment des Abwurfs hinunterging, um eine Akte zu holen. Auf einer Erinnerungstafel am Eingang des rekonstruierten Hauses heißt es: "...we recall with great sorrow the many lives taken sacrificed to mistaken national policy." Aha, Leben die verfehlter nationaler Politik geopfert wurden.. auch eine Möglichkeit, Vergangenheitsbewältigung zu betreiben. Über verklausulierte Passivsätze. Bei solchen nonpolagies wundert es mich nicht, dass die Südkoreaner bis heute auf eine offizielle Entschuldigung der Japaner für die Verbrechen im Zweiten Weltkrieg warten.


Auf dem Weg zur Walking-Tour erkenne ich auf 30 Metern Entfernung eine deutsche Reisegruppe. Ich werde mehr und mehr zum Experten darin, meinesgleichen zu erkennen. Beim Vorbeilaufen schnappe ich ein paar Wortfetzen auf: "Warum kommt man nach Hiroshima?", fragt rhetorisch eine Frau mit vielsagendem Blick in die Runde. Sie will damit sagen: Niemand kommt des bloßen Tourismus zufällig nach Hiroshima, ohne nicht den Abwurf von '45 im Hinterkopf zu haben. Es macht einen nicht gleich zum Katastrophentouristen, wenn man die Stadt besucht, die schließlich als junge Universitätsstadt viel zu bieten hat. Aber es schwingt immer mit, wie bei anderen Orten der Menschheitsverbrechen. Was ist Gedenken, was ist Sightseeing..?

Auf der Tour mit dem pakistanischen Guide bekomme ich den Eindruck, es ist letzteres. Der Ingenieursstudent macht die thematische Führung zum Atombombenabwurf, um sich nebenbei etwas dazu zu verdienen. Dementsprechend rattert er emotionslos Daten zu Fall- und Detonationshöhe runter, wiederholt vier- bis fünfmal dieselben Infos zu verschiedenen Gedenkplaketten und zählt Fakten auf zu Strahlungsradius und Opferzahlen. Mit einem Kanadier in der Gruppe bin ich mir einig, dass wir uns eine solche Führung gefüllt mit oberflächlichen Wikipediawissen auch hätten selber geben können.


Nahe des Bahnhofs laufe ich auf einen Hügel mit einem Shintoschrein.

Alex, der deutsche Aussteiger-Hobo, ist auf seinem Weg Richtung Kyoto trampend und campend in Hiroshima vorbeigekommen, schreibt er mir. Einen Tag vorher hatte er auf dem gleichen Hügel zwischen Schrein und einem ehemaligen Geschützturm aus dem Zweiten Weltkrieg sein Zelt aufgeschlagen. Nachts um 3 habe er ein Geräusch gehört. Bär oder Wildschwein, da wäre er sich nicht sicher gewesen. Nach dem Sonnenuntergang bei der Friedensstupa über den Dächern der Stadt laufe ich rechtzeitig wieder über die huntert roten Shintotore die steilen Stufen hinab Richtung Zivilisation.

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