Busan is good (Busan)
"Masimian, where are you going?", fragt mich der Hostelbesitzer in Busan, als ich gerade aus der Tür treten will. Eigentlich wollte ich gerade ins Jjimjilbang und dort einen...


Veröffentlicht: 27.11.2025
Das Schiff legt endlich ab. Die Außendecks werden geschlossen und auf hoher See merken wir schnell, warum. Die Fähre mit den drei Ebenen schaukelt in den Wellen so stark, dass ich meine Flasche mit dem grünen Tee, den Alex mir aus seiner Thermoskanne heiß gemacht hat, gut festhalten muss, damit sie nicht vom Tisch fällt. Wir bahnen uns mit unseren Händen an den Stangen und Wänden unseren Weg zu den Karaokeräumen, den Getränke- und Spielautomaten. Alle laufen nur mit Bargeld, das wir beide nicht haben. Zurzeit verlangt es mir eher nach einer Tablette gegen Seekrankheit. Aber die Wirkung des Tees oder die Gewohnheit setzt schnell ein und nachdem wir nach Mitternacht in unsere Kojen kriechen, schlafe ich besser als in den letzten Nächten in den viel zu weichen Hostelbetten. Das Hin- und Herwiegen des Schiffes hat eine einschläfernde Wirkung.
Wenn mir noch einmal jemand in guter Absicht sagt, ich "müsse" doch dieses und jenes sehen, kommt das gleich im Anschluss auf die Must-NOT-see-Liste. Ich will keinen einzigen Tempel oder Schrein besuchen, sage ich zu Alex. Da bin ich bei ihm aber an der falschen Adresse. Er beschreibt sich zwar selbst als nicht sonderlich religiös, aber Schreine haben für ihn etwas Ruhe spendendes. Er könne ewig an Schreinen sitzen und meditieren. Nach also nicht mal einer Stunde nach unserer Ankunft in Fukuoka habe ich mein Vorhaben gebrochen und wir stehen im ersten Shinto-Schrein. Alex erklärt mir, dass diese im Grunde Geister beherbergen, die verschiedene Funktionen haben. Je nachdem, für was man sich Kraft wünscht, geht man zum jeweiligen Tempel und betet bzw. bittet den Geist um Hilfe. Die Shinto-Tore sind dabei Zutrittsorte zum Gebiet, in dem der Geist wohnt. Oft sind ganze Straßenblocks mit diesen Toren umgrenzt. Shintos leben also nicht nur in Schreinen und Tempelanlagen.
Mit der Metro fahre ich zu meiner Unterkunft im Westen der Stadt. Die Kreditkarte nutze ich am Bahnhof für die Bezahlschranke. Im Zug herrscht Stille. Ein Gebot, sein Handy auf lautlos zu schalten, hängt über den Sitzen mit den schweigenden Fahrgästen.
An meinem Zielbahnhof verweigert mir die Schranke den Ausgang mit meiner Kreditkarte. Verwirrt laufe ich zum Stationshäuschen und wende mich an das Bahnhofspersonal. Jede Interaktion in Japan hat wegen der vielen achtsamen Gesten etwas von einer Theaterszene. Jeder spielt seine Rolle. Ich habe meinen Text vergessen und muss improvisieren. Bei jeder dieser Begegnungen breche ich wahrscheinlich zig Mal die Höflichkeitsvorschriften, ohne es zu wissen und streue immer wieder kleine Verneigungen und "arigato gozaimasus" ein. Auftritt Bahnangestellter: Verbeugung er. Verbeugung ich. Er sieht meine Kreditkarte und weiß, was zu tun ist. Er spricht etwas auf Japanisch und neigt seinen Blick in Richtung Karte, die ich ihm anbiete. Ich nicke, er nimmt sie. "Arigato gozaimasus." "Arigato gozaimasus." Er tippelt zu einem Gerät und hält die Karte dran. Er reicht sie mir lächelnd zurück und dazu einen kleinen visitenkartengroßen Zettel mit einer kurzen englischsprachigen Anweisung, ihn als eine Art Pfand beim nächsten Schalter einzureichen, um meine Kreditkarte wieder auf null zu setzen. "Arigato gozaimasus." "Arigato gozaimasus." Beide lächeln. Verbeugung ich. Verbeugung er. "Arigato gozaimasus." "Arigato gozaimasus." Bahnangestellter tritt ab, ich trete durch die Metroschranke. End scene.
Axels Sprachlevel reicht, um unsere Bestellung aufzugeben. Die Atmosphäre in dem Izakaya erinnert mich sehr an die Bar aus Wim Wenders "Perfect Days", in dem der Protagonist nach seiner Schicht den Abend ausklingen lässt. Zwei Stammgäste sitzen am Tresen. Ein älteres Paar betreibt den Laden, ausgekleidet mit typisch japanischem Interieur, das aus den 80ern, aber genauso aus den 50ern sein könnte. Zeitlos schlicht. Er ist der Koch, sie die Bedienung. "Arigato gozaimasus!" "Arigato gozaimasus!" Axel hat uns Sashimi bestellt. Es ist mein erstes richtiges Gericht in Japan, aber ich kann jetzt schon behaupten, dass es bisher das beste Essen auf dieser Reise ist.
Sein Expat-Freund Tommy aus Bayern kommt dazu. Er lebt schon zwölf Jahre in Japan und spricht fließend Japanisch. Es scheint ein gutes Leben zu sein für die beiden, die sich durch ihre Familien und der ausländischen Community mit den Eigenheiten des Landes arrangiert haben.
In einer der für Japan üblichen Passagen mit Glasüberdachung finde ich ein Beatles-Café: "Yesterdays". Mit der englischen holzvertäfelten Innenarchitektur, den Plattencovern und Original-Konzertposter mit japanischen Schriftzeichen wirkt es wie aus einem Guss. Gut kopiert. Ich laufe die schmale Holztreppe hoch und sitze vor dem Raucherraum, in den ich über die Innenfenster reinschauen kann. Axel hatte Recht - Rauchen ist eine Angewohnheit der Außenstehenden. Hier im Yesterdays hat sich die Avantgarde zum Qualmen versammelt. Ein Typ Anfang 30 sitzt mit seiner Regenbogen-Glitzerhose und seiner Elefanten-Plüschhandtasche neben einem älteren Herren im Karohemd. Ein schöner Kontrast zur schwarz-weißen Anzugwelt draußen im Rest der Stadt.
In einem Teil der Memorial Hall Gedenkstätte kann man an PCs Zeitzeugeninterviews anschauen. Eines geht mir besonders nahe. Eine Frau erzählt, wie sie nach dem Bombenabwurf ihren Bruder beim Sterben begleitet, woraufhin sie sich entschließt, Friedensaktivistin zu werden. In ihren Texten und Reden machte sie nicht nur auf die Grauen Hiroshimas aufmerksam, sondern ließ auch die japanischen Kriegsverbrechen nicht unerwähnt.
Nur drei Bauwerke im Epizentrum der Detonation haben das Inferno überstanden. Das technische Rathaus, jetzt Mahnmal am Rande des Flusses, ein Tor eines Shintoschreins nahe der Burg und der stahlverstärkte Keller eines Bürohauses auf der Flussinsel Tokaichimachi. Darin hat ein einzelner Angestellter das Unglück überlebt, weil er im Moment des Abwurfs hinunterging, um eine Akte zu holen. Auf einer Erinnerungstafel am Eingang des rekonstruierten Hauses heißt es: "...we recall with great sorrow the many lives taken sacrificed to mistaken national policy." Aha, Leben die verfehlter nationaler Politik geopfert wurden.. auch eine Möglichkeit, Vergangenheitsbewältigung zu betreiben. Über verklausulierte Passivsätze. Bei solchen nonpolagies wundert es mich nicht, dass die Südkoreaner bis heute auf eine offizielle Entschuldigung der Japaner für die Verbrechen im Zweiten Weltkrieg warten.
Auf der Tour mit dem pakistanischen Guide bekomme ich den Eindruck, es ist letzteres. Der Ingenieursstudent macht die thematische Führung zum Atombombenabwurf, um sich nebenbei etwas dazu zu verdienen. Dementsprechend rattert er emotionslos Daten zu Fall- und Detonationshöhe runter, wiederholt vier- bis fünfmal dieselben Infos zu verschiedenen Gedenkplaketten und zählt Fakten auf zu Strahlungsradius und Opferzahlen. Mit einem Kanadier in der Gruppe bin ich mir einig, dass wir uns eine solche Führung gefüllt mit oberflächlichen Wikipediawissen auch hätten selber geben können.
Alex, der deutsche Aussteiger-Hobo, ist auf seinem Weg Richtung Kyoto trampend und campend in Hiroshima vorbeigekommen, schreibt er mir. Einen Tag vorher hatte er auf dem gleichen Hügel zwischen Schrein und einem ehemaligen Geschützturm aus dem Zweiten Weltkrieg sein Zelt aufgeschlagen. Nachts um 3 habe er ein Geräusch gehört. Bär oder Wildschwein, da wäre er sich nicht sicher gewesen. Nach dem Sonnenuntergang bei der Friedensstupa über den Dächern der Stadt laufe ich rechtzeitig wieder über die huntert roten Shintotore die steilen Stufen hinab Richtung Zivilisation.
