Perfect Days (Fukuoka / Hiroshima)
Auf Deck unterm Sternenhimmel von Busan raucht Alex seine letzte Zigarette. So hat er es sich jedenfalls vorgenommen. In Japan will er mit dem Rauchen aufhören. Dort sind Kippen...


Veröffentlicht: 28.11.2025
"East or West Germany?", wollen sie wissen. Sie stellen die richtigen Fragen. In Melbourne hätten sie eine versteckte Bar, die zweigeteilt ist. Wenn man beim Einlass bei der Frage ob Ost oder West "Ostdeutschland" antwortet, lande man im cooleren Teil der Kneipe mit alten Möbeln und Retro-Deko aus der DDR.
Mit einem Iren zusammen spielen wir Uno und lassen draußen Kyoto Kyoto sein.
Aber ich bin nach wie vor auf meinem selbstgewählten Pfad überheblicher Verachtung für alles Touristische. Sightseeing-Orte möchte ich allerhöchstens beiläufig streifen und ansonsten ohne Druck durch die Gassen der Stadt streifen. Ich mache ein paar Besorgungen und präsentiere sie Claire und Emily: Ein Tamagotchi als Souvenir, eine Bärenglocke für meine Wanderung in den japanischen Alpen und ein Set Kabelkopfhörer. "Do you know how some people in trains often listen to videos and music out loud?", ich erkläre Emily, warum ich ausgerechnet ein paar billige japanische Headphones gekauft habe. Als ständiger ICE-Pendler träume ich jedes Mal davon, einem ignoranten Fahrgast, der sein Handy auf vollste Lautstärke gestellt hat, passiv aggressiv Kopfhörer hinzulegen. I can't help myself. Es bestätigt wahrscheinlich genau den Eindruck des eingebildeten pedantischen Deutschen, den die zwei Australierinnen ohnehin schon von mir haben. Aber irgendwie passt mein spezieller Wunsch, Ruhestörer im Alltag zu belehren, ja auch zur japanischen Mentalität.
Die Zeiten von Harakiri und Kamikaze sind mir schwer vorstellbar, vor allem als ich in der Jazzbar sitze, die mir Axel empfohlen hat. Eine schmale Treppe führt in eine fensterlose Kammer ausgestattet mit freihängenden Regalbrettern, die sich unter der Last hunderter Schallplatten biegen. Hinter dem Tresen im gedämpften Licht wechselt der Barkeeper still die Plattenseiten. Die beiden Stammgäste trinken Tee am einzigen Tisch im Raum. Ich nehme, wie bei Einzelgästen üblich, an einem der handvoll Tresenstühle Platz. Shazam zeigt mir den aktuellen Track an: Train of Thought - Gabriel Latchin Trio. Japan liebt Jazz. Ich liebe Japan.
In genau dieses Gebiet begebe ich mich nun. Mein mehrtägiger Wanderausflug führt mich erst einmal nach Nakatsugawa. Von hier aus verläuft der ehemalige Post- und jetzt Fernwanderweg Nakosendo parallel zu einer Eisenbahnstrecke Richtung Matsumotu. Am ersten Tag auf dem populärsten Abschnitt bin ich noch von zahlreichen Mitwanderern umgeben. Jeder trägt ein kleines Glöckchen am Rucksack oder an der Jacke, um die Tiere auf Abstand zu halten. Alles was Lärm macht, ist erlaubt und erwünscht. Überall auf der Strecke und an Pausenplätzen wird mal mit sehr furchterregenden, mal mit süß anmutenden Zeichnungen und Piktogrammen der Bären auf die Gefahr hingewiesen. Die Vierbeiner befinden sich kurz vor Winterschlaf und sind dadurch besonders unberechenbar. Am Bahnhof Nagiso hängt ein Kartenausdruck des Dorfes. Ein roter handgezeichneter Hinweispfeil zeigt auf die umkringelte Omata-Brücke "Bear appeared!! Nov 5th / Be careful!!" Wir Nakosendo-Wanderer sind es. Selten sah Vorsicht so gut gelaunt aus. Alle klingeln mit ihren Glöckchen, singen und pfeifen, plärren Handymusik in den herbstlich bunten Wald. Vorschrift ist Vorschrift.
Ich bin dieses Mal fast alleine auf dem Weg. Ein wenig mulmig ist mir schon. Umso lauter läute ich mein Bärenglocke und pfeife vor mich hin wie Bilbo im Auenland. Bären sind eher bei Dunkelheit unterwegs. Nun ist es schon nach 16.00 Uhr und ich muss mich langsam beeilen, um vor der Abenddämmerung am Bahnhof zu sein. Aber ich beende auch einen weiteren Tag ohne Begegnung mit Meister Petz.
In Matsumotu, meinem Transitort für das nächste Ziel Norikura in den japanischen Alpen, ist es eiskalt. Abends in einer Bar verabschiedet neben mir ein fröhlicher Japaner ein paar Ausländer: "Have a good day!", ruft er stolz seine Englischphrase Richtung Ausgang. Wir grinsen uns an und ich gebe thumbs up: "Perfect!" "Have a good day!", schmettert er auch mir seinen Spruch entgegen, als ich später auf dem Heimweg zum Hostel aufbreche. "Have a good day!"
Ein einzelnes Haus steht etwas abseits. Ohne den Standort bei Google Maps hätte ich bei dem dezenten Hinweisschild nie erahnen können, dass sich darin wirklich ein Café verbirgt. Vorsichtig öffne ich die Schiebetür und trete ein. Hinterm Tresen zwei ältere Japaner aus der Schublade freundliches Öko-Pärchen. Neben ein paar Ansichtskarten im unteren Bereich des Hauses bieten sie in der Dachgeschoss-Gallerie (bitte nur ohne Schuhe betreten) selbstgemachte Keramik zum Verkauf an. Die dargestellten Tiere in den bescheidenen Kunstwerken sind wieder Schwarzbären, aber auch die in den japanischen Alpen verbreiteten weißen Hühner, die ihre Eier im Schnee brüten. Am Tresen liegen alte Alpenvereinszeitschriften aus den 50er und 60er Jahren. Heidi, deine Welt sind die Berge!
Zwar ist das Hotel im Gegensatz zur Steven-King-Verfilmung nicht völlig ohne Gäste, aber ich bin mit Abstand der jüngste. Es scheint eine Sache für japanische Rentner zu sein, sich in den Bergen mit Vollpension versorgen und dann nach ein paar Tagen von ihren Kindern wieder abholen zu lassen.
Das Berghotel hat keine Dusche im Zimmer. Dafür kann jeder Gast das angegliederte Onsen, ein traditionelles japanisches Dampfbad, nutzen. Ähnlich wie schon in Südkorea muss man es barfuß und nackt betreten. Der Außenbereich bietet einen Blick auf bunte Ahornbäume und nachts bei klarem Himmel in die Sterne.
Die meisten der greisen Zimmergäste nutzen die für Japan übliche Hotelkleidung. Ein Kimono liegt auch in meinem Schubfach bereit. Er trägt sich bequem und ich versuche mich anzupassen. Wie auch schon im Jjimjilbang und jetzt im Onsen gehe ich wie üblich vor: Einheimische beobachten und es ihnen so gut es geht nachmachen.
An Weihnachten letzten Jahres hatte ein Mann in Fukushima sogar einen Bären bei sich im Wohnzimmer entdeckt.
Aber ich bleibe ungefressen und bin am letzten Tag in Norikura auf meiner Wanderung sehr viel angstfreier. Es ist schließlich bis jetzt alles gut gegangen. Auf knapp 2800 Metern laufe ich durch kleine Schneefelder und halte an Sturzbächen und Wasserfällen. Nachdem mich ein Fasan, der neben mir plötzlich aus dem Gestrüpp fliegt, einen Satz zur Seite machen lässt, lache ich laut über meine eigene Schreckhaftigkeit. Auch ein Geräusch, dass die Bären hören werden. An einem Aussichtspunkt lege ich mich auf eine Bank in die Sonne - wie auf den Präsentierteller, aber meine schrille Bärenbimmel wird schon ihre Schuldigkeit tun. Ich schiele ab und zu in die Kronen der Birken. Das Rascheln der Bambuszweige klingt ein wenig wie Flüstern. Ich ruhe in mir und scheine meine Bärenangst schließlich therapiert zu haben.
Ich komme mit Plamen aus Bulgarien ins Gespräch. Für ihn sind Bären mit einer Kindheitserinnerung aus den 90ern verbunden. Es war noch die dunkle Zeit, in der Leute Tanzbären an der Leine zu Musik tanzen lassen hat. Manchmal fuhren die Bärendompteure dann von einem Platz zum nächsten und Plamen erinnert sich noch genau, wie in der Metro von Sofia ein Bär saß.
Sofia, da war ich ja auch Mal. Wann war das nochmal, vor vier Jahren oder vier Monaten? Wieder stelle ich fest, wie Zeit verschwimmt. Alex, der deutsche Indien-Expat hatte mir in Fukuoka erzählt, wie er mal mit einer anderen Aussteigerin geraten hätte, welcher Monat überhaupt sei. Sie lagen beide um ein oder zwei Monate falsch.
Plamen und ich finden in der Nähe des Hostels ein Izakaya zum Abendessen. Wieder öffne ich vorsichtig die Schiebetür, denn es ist erneut einer der versteckteren Geschäfte mit einer Treppe zu einem spärlich beleuchteten Untergeschoss. Ein freundlich lächelnder Mann hinterm Küchentresen winkt uns herein und wir nehmen am Tresen Platz. Der einsame Koch betreibe den Laden alleine und das schon seit über zwanzig Jahren, erklärt er uns mit ein paar Worten Englisch. "Ah, Bulgaria, Germany", er nickt uns lächelnd zu und überlegt sich die Worte zurecht. Einmal, da wäre er in Europa gewesen, unter anderem in Italien. In Kyoto hätte er seine Kochlehre absolviert. Der Restaurantbetreiber macht einen so zugewandten Eindruck, dass ich beinahe den Fauxpas begehe, ihm meine letzten Yen Trinkgeld zu geben. Zum Abschied bringt er uns noch nach draußen. Axel hatte mir erzählt, dass es ein Zeichen für ein gutes Restaurant ist, wenn Gäste beim Verlassen nach draußen begleitet werden. Lächelnd und vorbeugend bedanken wir uns bei dem bescheidenen Koch und er sich bei uns: "Arigato gozaimasus." - "Arigato gozaimasus." Vielen Dank, Japan.
