Chinese Takeaway (Hangzhou / Shanghai)
Bei 302 km/h ziehen Chinas Hügel und Städte an mir vorbei. Am Bildschirm neben der Geschwindigkeitsanzeige des Schnellzugs laufen Propagandavideos zum Bürgerkrieg mit...


Veröffentlicht: 12.11.2025
In Peking verbringe ich zunächst nur eine Nacht, bevor ich weiterfahre. Xiawei hat mir ein Kino genannt, in dem regelmäßig Indie-Filme laufen. Es ist in direkter Nähe meines Hotels. Angesichts der Ausmaße, die Peking hat, ein seltener Zufall. Das China Film Archive bringt einen Film des Hongkonger Regisseurs Wong Kar-wai, dessen anderen Film "Chungking Express" ich mir schon vorgemerkt hatte. "In the Mood for Love" aus dem Jahr 2000 ist Kar-wais bekanntester Film und handelt von einer unerfüllten Liebe im Hongkong der 50er Jahre. Xiawei meinte, englische Untertitel sind in diesem Kino die Regel. Meine Vorführung ist dabei die Ausnahme. Wieder einmal sitze ich vor einer Leinwand und verstehe nur Chinesisch. Aber diesmal ist es keine einstündige Doku, die sich über Bilder von selbst erklärt, sondern eine 2-Stunden-Romanze, bei der die Dialoge essentiell sind. Jetzt einfach abhauen ist auch keine Option. Also lasse ich mich auf den Film über die Bilder und Mimik der beiden Hauptdarsteller ein. Das Ende verwirrt mich dann doch. Statt Happy End gehen die beiden Liebenden getrennte Wege und die Rolle des Chow in der Schlussszene nach Angkor Wat, um etwas in einen der Sandsteine zu flüstern. Als ich später die Handlung nachlese, ergibt die Szene Sinn. In dem Moment im Kino berührt sie mich dennoch nicht weniger als alle anderen im Saal, war ich ja gerade vor eineinhalb Monaten selbst in Angkor Wat. Auf meinem Rückweg zum Hotel sehe ich einigen Herrenrunden beim Xiangqi Spielen zu. Mit lautem Scheppern hauen sie die Spielfiguren aufeinander. Die umstehenden Männer kommentieren und lachen nach jedem Zug.
Fünf Minuten später stehe ich am Ende einer Straße. Ein kleiner Trampelpfad beginnt hinter einem Haus, genau so versteckt wie in dem Online-Post beschrieben. Nach weiteren fünf Minuten bin ich oben auf einer Hügelkette angenommen und erkenne Richtung Westen am anderen Ende von Gubeikou die ersten Ausläufer des Mauerabschnitts. Meine Tour führt mich nach Osten und noch einmal fünf Minuten später stehe ich auf der Mauer. Der Blick auf das sich zum Horizont schlängelnde Bauwerk ist gigantisch. An jeder Ecke und jedem der Wachtürme, die aller paar hundert Meter aufragen, möchte ich neue Fotos schießen, denn die Landschaft und die Aussicht auf die Mauer ist jedesmal eine ganz andere.
Häufig wurden alte Mauerstrukturen mit jüngeren überbaut. Die Reste, auf denen ich jetzt stehe, gehen bis ins 6. Jahrhundert zurück. Meiner Recherche und meines Eindrucks nach sind sie nicht überbaut oder restauriert, wie manche der anderen Abschnitte, die jetzt Touristenmagnete sind. Auch in Gubeikou kann man Eintritt zahlen. Man kann, man muss es nicht. Ein wenig stolz bin ich schon, dass ich die Kontrolle am offiziellen Eingang zur Mauer mit dem unscheinbaren Pfad umgangen habe. Die Mongolen hätten davon nur träumen können.
Als der Weg bei dem Abschnitt Jinshanling wieder auf die Mauer trifft, muss ich dann doch für den Eintritt bezahlen. Der aus der Ming-Dynastie stammende Teil der Ruine ist in den letzten Jahrzehnten komplett erneuert worden und dementsprechend gut besucht. Für ganz Lauffaule, die die paar hundert Meter vom Parkplatz nicht laufen wollen, gibt es eine Seilbahn. Nahe der Station sind die teilweise 45 Grad steilen Treppen sehr überlaufen. Je weiter weg entfernt ich davon bin, desto weniger Touristen sind unterwegs. Als ich an einem der Abgänge zum Parkplatz vorbeikomme, werde ich vorgewarnt. Um 16.00 Uhr muss ich hier wieder runterlaufen, dann schließt The Great Wall. Schade, während der Ming-Dynastie war sie noch 24/7 besetzt.
Ein älteres malaysisches Pärchen, mit dem ich am Wachturm am Ende des Mauerabschnitts ins Gespräch komme, hat eine interessante Sichtweise auf Chinas Überwachungssystem. Viele Chinesen benehmen sich ihrer Meinung nach immer noch daneben. Das auf dem Boden Spucken und Vordrängeln beim Anstehen sei ihnen bei ihrer Reise durch China negativ aufgefallen. Die Regierung hat schon viel erreicht mit den vielen Vorschriften und Kameras, aber die Bevölkerung müsste immer noch besser "erzogen" werden. Auch eine Art, das Ganze zu betrachten.
In der Kaiserstadt posieren Frauen und Paare in traditioneller Kleidung vor den Pagoden und ehemaligen Unterkünfte der Mätressen des Kaisers. Cosplay auf Chinesisch.
Unser Guide erklärt uns kurz die Reihenfolge der Dynastien und der Geschichte vor dem glorreichen Sieg der Kommunisten im Bürgerkrieg. Ab 1912 wurde das Land von ständigen Kämpfen der Warloards erschüttert. Die Existenz einer Republik kommt in seiner Erzählung nicht vor.
Eine Gruppe Franzosen poltert herein. "Bonjour, Francaise?", fragt mich einer von ihnen erwartungsvoll. "No, Allemande.", antworte ich schulterzuckend. Sie setzen sich neben ein Pärchen, das zufällig auch aus Frankreich ist und fangen euphorisch an zu palavern. Zeit für mich zu gehen.
Aber am Ende bleiben mir die Begegnungen mit den freundlichen Menschen in Erinnerung. Ob die gut gelaunten Taxifahrer oder das hilfsbereite Personal im familiengeführten Hotel in Gubeikou. Ob die Englisch sprechende Chinesin, die mir in Simatai den Weg zur Mauer erklärt oder die Ladenbesitzerin bei den Teefeldern von Hangzhou, die über die Sprachbarriere hinweg gestikulierend mit mir Smalltalk übers Wetter hält. Egal, was ich auch über Weltpolitik und den Ein-Parteien-Staat denken mag, die werktätigen Massen Chinas bieten mir ein ehrliches Lächeln an.
Als ich in die U-Bahn steigen will, ist der Tunnel durch ein Rolltor versperrt. Eine Chinesin, die mit ihrem Koffer offenbar auch zum Flughafen will und meine Verwirrung erkennt, erklärt mir per Handyübersetzung, dass es in zwei Minuten geöffnet wird. Am Bahnsteig und im Zug kommen wir ins Gespräch, teils über Übersetzungsapp, Gestik und Englisch. Sie wäre noch nie im Ausland gewesen, aber würde gerne nach Australien. "There are not so many people.", lese ich auf ihrem Handy. Verständlich, wenn man in Peking wohnt. "Have a good flight!", verabschiedet sie sich winkend von mir als ich am Terminal 1 aussteige. Danke. "Xiexie. You too."
