Bei 302 km/h ziehen Chinas Hügel und Städte an mir vorbei. Am Bildschirm neben der Geschwindigkeitsanzeige des Schnellzugs laufen Propagandavideos zum Bürgerkrieg mit Zeitzeugeninterviews im Wechsel mit Rekrutierungsaufrufen der Volksarmee und touristischen Werbespots.
Die Landschaft draußen erinnert mich an die grünen Hügel Nordvietnams. Aber es wirkt ein wenig so, als hätte jemand die wilde Natur zähmen wollen und einen Teppichrasen darüber ausgelegt, besteckt mit Häuserreihen gleichen Fabrikats. Als wären nicht nur Chinas Produkte am Fließband entstanden, sondern auch seine Städte.
Eigentlich hatte ich es nicht vor, aber der Tag in Shenzhen mit der harmonischen Szene im Park, hat mich dazu gebracht, dann doch durch China reisen zu wollen. Ich drehe eine Ehrenrunde, fliege zurück nach Hongkong und steige dort in den Zug. Diesmal bin ich besser vorbereitet und habe neben den chinesischen Apps mit meiner neuen SIM-Karte auch das dafür nötige Internet.
Mein erster Halt ist Hangzhou. Im Vergleich zur Nachbarstadt Shanghai kleiner, ist sie immer noch eine Millionenmetropole. Mit der Didi-App bestelle ich ein Taxi. Ich sehe darauf nicht nur, wie der Fahrer sich seinen Weg durch den Verkehr bahnt, sondern sogar wie viele Sekunden die Ampel, an der er hält, zum Umschalten auf Grün braucht.Was ich auf meiner China-Reise schnell feststelle, ist, dass Chinesen Zonen lieben. Und so liegt auch mein Homestay in einer Zone abgesperrt mit Mauern, Zäunen und Schranken mit kleinen Pförtnerhäusern an beiden Seiten. Im gesamten Komplex findet man nichts als Homestays und Hostels mit dazugehörigen Cafés, Läden und Restaurants. Die beschauliche Wohngegend für Touristen und ihre Gastgeber wie auch das gesamte Stadtbild von Hangzhou sieht aus wie gerade gestern eröffnet. Reinigungskräfte laufen durch die Straßen und fegen einzelne Laubblätter auf ihr Kehrblech. Es ist Herbst in China. Innerhalb von wenigen Stunden hat mich der Schnellzug von den tropischen Temperaturen in Hongkong direkt ins Kalte katapultiert. Aus den Untiefen meines Rucksacks krame ich meinen Pullover und meine Winterjacke. Seit dem überklimatisierten Zug in der
Türkei vor drei Monaten habe ich ich sie nicht mehr angehabt.
Die quirlige Homestay-Besitzerin Lilly breitet die Karte von Hangzhou, die eben noch zusammengefaltet auf dem Frühstückstisch lag, vor mir aus. Auf ihre Frage, was ich denn heute machen möchte, habe ich ihr gestanden, dass ich mir noch nicht so richtig Gedanken gemacht habe, was ich mir in der Stadt ansehen will. Außer einer Wanderung durch die Teefelder stand noch kein Plan. Den habe ich jetzt, nachdem mir Lilly engagiert touristische Attraktionen auf der Karte gezeigt hat und nebenbei noch einen kurzen Abriss zu den chinesischen Dynastien gegeben hat.
Meine Wanderung führt mich über einen Bergkamm. Für einen Wochentag ist hier viel Betrieb. Der Weg ist komplett durchgepflastert und statt unebener Steigungen mit naturbelassenen Steinen sind die Ab- und Aufgänge mit gleichmäßigen Treppen bebaut. Aller paar hundert Meter sorgen 360-Grad-Kameras dafür, dass sich auch beim Wandern alle an die Regeln halten. Ein freundlicher Papp-Polizist lächelt und spricht beim Vorbeigehen einen chinesischen Satz. Ein Hinweis, eine Warnung? Die Chinesen werden es schon zu deuten wissen.Als die Wege dann etwas überwachsener werden, bin ich bis auf zwei Jungs, die vor mir laufen, der einzige Wanderer. Ich nicke ihnen zu, sie nicken lächelnd zurück. "Ni Hao." "Hello." Mehr Worte wechseln wir nicht, aber wir laufen im Team. Als ein umgeknickter Baum im Weg liegt, reicht mir einer der beiden die Hand, damit ich drüber steigen kann. Nicht wirklich nötig, aber eine nette Geste. Ich gehe rechts ab, die zwei gerade weiter. Wir verabschieden uns mit "Bye Bye"-Rufen.
Im Tal schmiegen sich Teefelder an die sanft ableitenden Hänge. Tradition trifft Moderne - eine Platitüde, die aus keiner ZDF-Reisereportage wegzudenken ist, egal um welches Land es geht. "Bei China trifft sie aber nun wirklich zu", denke ich, als ich beobachte, wie eine Drohne ein paar Metallstangen in die Lüfte hebt. Einige Dorfbewohner schauen zu, einer steuert sie. Die Teefelder könnten hier seit hundert Jahren so daliegen. Die Einfamilienhaus-Siedlung, die sich dazwischen erhebt, könnte gerade gestern gebaut wurden sein. Der amerikanische Traum lebt. Wenigstens in China.
Als ich gerade kurz vorm Gipfel bin, muss ich wieder umdrehen. Es wird dunkel. Die teils moosbewachsenen Treppenstufen sind zu rutschig und mein Akku ist bei knapp 25 Prozent. Mit Taschenlampenfunktion laufe ich bergabwärts und ordere ein Didi. Sorgen mache ich mir keine. Falls ich verloren gehen sollte, kann man mich sicher schnell über die Kameraaufzeichnungen wiederfinden.
Xiawei und ich haben uns während des ersten Corona-Sommers online kennengelernt und angefreundet. Sie hat mir damals schon einige Einblicke über ihr Heimatland geben können. Dass sie nicht unkritisch ist, habe ich schnell gemerkt. Über den Zugang zu westlicher Musik sei das gekommen. Seit ihrer Jugend hört sie die gleichen Klassiker wie ich. Einmal war sie sogar auf einem Bob Dylan Konzert. Heute undenkbar, aber das beruht wohl auf Gegenseitigkeit. China will Bob Dylan nicht. Dylan will nicht nach China. Es muss hier vor nicht mal einem Jahrzehnt bedeutend freier zugegangen sein. Jährlich wird von der Regierung ein Kontingent bestimmt an Filmen aus dem westlichen Ausland, die im Inland gezeigt werden dürfen. Das ist in letzter Zeit immer weiter geschrumpft. Die fremdsprachigen Filme, die nicht im Kino laufen, werden von einem Kollektiv an Cineasten illegal ins Internet gestellt und mit Untertiteln versehen.
Xiawei wohnt in Hangzhou und zeigt mir ihre Stadt. Der große See im Südwesten ist belebt und voller Musik, tanzender Gruppen und Jung und Alt schlendern über die Promenade. Influencer nutzen den Spot für Aufnahmen und Fotos. Dementsprechend müssen wir den Kameras und Posenden ausweichen. Mein Akku ist Mal wieder runter. Kein Problem, meint Xiawei und führt mich zu einem der vielen gelben Ausleihstationen für Powerbanks. Mit QR-Code und Alipay App bezahle ich für eine halbe Stunde und kann beim Gehen bequem mein Handy aufladen, bevor ich die Powerbank an der nächsten Station zurückstecke.
Am nächsten Tag treffen Xiawei und ich uns, um in eine Ausstellung eines chinesisch-taiwanischen Künstlers zu gehen, der in Paris der 20er Jahre studierte und im Exil blieb. Kleine Nischen sind möglich, das merke ich auch, als mich Xiawei in eine Bar führt. Draußen am Hochhaus ist kein Hinweis zu sehen, über den Fahrstuhl kommen wir in eine liebevoll mit Stickern und Graffiti dekorierten Alternativ-Kneipe, die man so auch in Kreuzberg finden könnte. Eine Live-Band spielt chinesischen Bluesrock.
An meinem letzten Abend in Hangzhou ist chinesische Oper im Homestay-Distrikt. Ein Tipp von Lilly. Da würden dann eher Rentner hobbymäßig traditionelle Stücke aufführen, meint sie augenzwinkernd. Das Publikum ist älter, die Darstellerinnen sind allesamt weiß geschminkte junge Frauen, die im einstudierten Wimmerton das typische Vibrato vortragen. Mit angeklebten Fuselbärten spielen sie alte Gelehrte. Jedenfalls rate ich mir das zusammen, ohne dass ich etwas verstehe. Aber das geht mir ja bei Opern auf Deutsch oder Italienisch auch oft nicht anders.
Die imposante Skyline von Shanghai vom anderen Ufer hat schon was. Da bin ich mir mit dem Österreicher einig, der hier gerade mit mir für einige Chinesen posieren musste. Die Zeiten als es hieß: "Schau mal ein Ausländer, lass mal Fotos mit dem machen.", sind in Shanghai ja eigentlich längst vorbei, aber die drei sind wahrscheinlich aus einer nördlichen Provinz ohne Auslandstouristen. Zumindest quatscht mich einer mit ein paar Worten Russisch zu, als er mir mit Alkoholfahne und ohne erkennbaren Grund stolz seine Polizeimarke zeigt. Ich posiere gerne für den Polizisten im Urlaub. Mein Gesicht ist ja eh schon auf zig Überwachungsvideos chinesischer Kameras. Auf ein Foto mehr kommt es da auch nicht an.
Im skurrilen Museum of broken hearts haben trauernde Chinesinnen und Chinesen ihre Erinnerungsstücke an verflossene Lieben für die Ausstellung zur Verfügung gestellt. Neben Plüschtieren und zerknüllten Liebesbriefen stehen symbolisch zerknickte Zigaretten für unerfüllte Liebe. Eine ganze Wand ist damit gefüllt, genau wie eine mit originalen Kassetten-Mixtapes, einst sorgfältig zusammengestellt.
In einem Raum mit weißem Käfig hängen Plastiktauben von der Decke, noch mehr davon liegen auf dem Boden. Es soll wohl eine Metapher auf das Loslassen eines geliebten Menschen sein. Für mich sieht es so aus, als hätte das Privatmuseum einfach nur einen weiteren Ausstellungsraum füllen müssen.
Xiawei hat mir in Hangzhou gezeigt, wie leicht es ist, eines der tausenden Leihfahrräder per Alipay zu mieten. Niemand mehr in China scheint ein eigenes Fahrrad zu besitzen. Die kleinen gelben und blauen Räder bestimmen das Straßenbild genauso wie die vielen E-Roller und die SUVs der Neureichen. Alles zusammen ergibt ein wildes Verkehrsgedränge. Zum Hotel im Norden Shanghais sind es knapp zwei Stunden. Mit dem Rad ohne Gänge und Licht fahre ich an anderen Fahrradfahrern vorbei und werde auf den eng mit Barrikaden begrenzten Seitenstreifen von den elektrischen Rollern überholt. Im Straßenverkehr Vietnams habe ich mich schon mal sicherer gefühlt. Vom Kern zur Schale Shanghais ändert sich das Stadtbild. Wolkenkratzer, glänzende Lichter und Touristen verschwinden. Das Nachtleben der Außenbezirke zieht vorbei und nach 1,5 Stunden bin ich von hohen Brücken und breiten Highways umgeben. Auf beiden Seiten der Straße erhebt sich ein kolossales futuristisches Architekturprojekt nach dem anderen. Die runden Fassaden aus Glas und Stahl sehen unter dem Nachthimmel aus wie geparkte Raumschiffe. Eine Armada aus chinesischen Sternenzerstörern.