Chinesische Raketen explodieren über Taipeh und legen einen Rußschleier über den höchsten Turm der Stadt. Drohnen fliegen am Nachthimmel. Aber wie in Hongkong ist es wieder nur falscher Alarm. Kein heißer Krieg ist ausgebrochen. Es ist mal wieder chinesischer Nationalfeiertag. Aber Nationalfeiertag der Republik
China und nicht der Volksrepublik China. Die Raketen werden diesmal nicht vom Wasser sondern vom Wolkenkratzer "Taipei 101" gezündet und die Drohnen liefern dazu eine Lichtshow. Rot und Blau, in den Farben des Inselstaates, leuchtet das Feuerwerk auf. Wie die light show genau funktioniert, verstehe ich nicht ganz. Aber die Drohnen leuchten verschiedene Formen in der Luft. Zuerst bilden die Lichter den Turm Taipei 101, aus dem ein Herz steigt, das dann die Umrisse von
Taiwan annimmt. Darum herum funkeln Lichter: Ein Erdball der sich dreht, darin die kleine Insel. Asiatischer Kitsch pur, aber anders als die Machtdemonstration Chinas mit einem Narrativ. Ich muss unwillkürlich an die Worte von Mr Chen im Hostel von Hualien denken: "We are the world." Und Taiwan will einfach nur Teil dieser Welt sein.
Um die weltpolitische Lage Taiwans und seiner Anerkennung als Staat geht es am nächsten Tag auch bei der Walking Tour. Sie ist ungewohnt politisch, aber wie ich langsam lerne, sind es auch die Taiwaner selbst. Unsere beiden Stadtführer erklären uns das junge demokratische System und die Parteienlandschaft, während wir vor dem Präsidentenpalast stehen. Davor Masten mit der ungewöhnlichsten Ansammlung von Landesfahnen, darunter die von Paraguay, Belize und der Inselstaaten Palau und St. Lucia. Alles Länder, die offiziell Taiwan als Land anerkannt haben und von denen es nur ein Dutzend gibt. Seit Festland-China 1971 dem Konkurrenz-Staat den Sitz in der UN weggenommen hat, wurden es immer weniger. Stolz können die Taiwaner dafür auf ihren Liberalisierungsprozess sein, der sich politisch und gesellschaftlich seit den 90ern vollzogen hat. Auf dem Demokratieindex steht das Land auf gleicher Stufe wie Deutschland oder Großbritannien. Die Diskriminierung der ursprünglichen Ureinwohner Taiwans, den Aboriginals, wird ebenso aufgearbeitet wie die Diktatur Chiang Kai Shecks. Hunderte seiner Statuen hat man zu Ehren des Diktators in Taipeh errichtet. Heute hat man sie bunt bepinselt und in einem Park eher zufällig und als Witzfiguren zusammengestellt. Im Museum zum "Vorfall 228" wird die Unterdrückungsherrschaft der Ein-Parteien-Diktatur dokumentiert. Im Widerspruch dazu sitzt noch immer ein überlebensgroßer mamorner Chiang Kai Sheck in einer großen Halle, die über dem zentralen Platz thront. Viele besuchen die beeindruckende Statue nach wie vor. Es ist eben ein Aufarbeitungsprozess, der noch nicht abgeschlossen ist.
Rund um den Platz mit dem freundlich lächelnden Mamor-Chiang-Kai-Sheck liegt eine Grünanlage. Ich entdecke einen Fussreflexzonen-Weg, in dem schwarze runde Steine eingelassen sind. Mit Socken laufe ich drüber. Die Steine boren sich schmerzhaft in meine Füße. Neben dem Gesundheitspfad sitzt ein junger Taiwanese, der mich anfeuert: "Good Challenge!". In der Tat, denn danach fühlen sich meine Füße an wie nach einer Fußmassage in Chiang Mai.
Abends treffe ich ein paar Leute aus meinem Hostel. Gemeinsam laufen wir auf den Elephant Hill mit Sonnenuntergangsblick auf die Skyline Taipehs. Der Bus vom Hostel zum Hügel hat ein Motiv: Lauter Nintendo-Figuren sind darin eingebaut. Hinter der letzten Bank sitzen Mew und Enton und vor jeder Haltestelle erklingt eine Gameboymelodie. Als Busfahrer in Taipeh würde ich kirre werden.
Auf der Treppe hinauf zum Aussichtspunkt unterhalte mich mit den beiden Franzosen Axel und Theo aus dem Hostel. Ein älterer Taiwanese kommt uns entgegen, vermutet einen deutschen Akzent zu hören und spricht uns mitten auf den Stufen an: "Where are you from? Germany?" - "France, Germany.", antworte ich mit dem Finger auf die jeweiligen Landsmänner deutend. "I was in Berlin in the 80s." - "Ah, back when there was the wall." Gut, dass die nicht mehr stehe, sind wir uns beim Verabschieden vom Blitzgespräch einig.
Oben angekommen freuen wir uns auf den versprochenen Sonnenuntergang. Gleichzeitig kann ich mein Leid mit meinen Mit-Europäern teilen. Die sind bei der Abendhitze genauso fertig und durchgeschwitzt nach der Kletterei wie ich. Ganz anders die Taiwanesen: Alte Leute genauso wie Familie mit kleinen Kindern spazieren die Stufen rauf und runter als wäre es ihr täglicher Weg zur Arbeit.
Zum Ausklang des Tages sitzen Axel und ich noch in einer Bar im queeren Ausgehviertel nahe unseres Hostels. Axel lebt in Fukuoka in
Japan und hat dort auch ein Kind mit einer Japanerin. Er ist für eine japanische Band aus den 90ern hier, die auf ihrer Come Back Tour in einem kleinen Club in Taipei auftreten.Am Tisch nebenan sitzen zwei Taiwanesinnen, die uns in einen unschuldigen Flirt verwickeln. Silvia, die im Gegensatz zu ihrer Begleitung Englisch spricht, hat sich extra einen deutschen westlichen Namen gegeben, denn sie war in Fulda zum Studium und gibt ein paar Sätze und Wörter in Deutsch zum Besten. Sie schwärmt von Tainan und gibt uns ein paar Tipps für Taipei außerhalb der Tourispots. In ihrer Gastfreundlichkeit bestehen die beiden sogar noch darauf, uns zurück zum Hostel zu begleiten.
Einer der Tipps von Silvia führt mich zu einem Nachtmarkt am Ufer des Flusses Danshui. Eine Gruppe Frauen in Trachten der taiwanesischen Ureinwohner hat eine Karaoke-Runde ausgerichtet. Sie singen chinesisch-taiwanesische Schlager im Wechsel mit dem Publikum, das sich Songs auswählen kann. Ein Mann im mittleren Alter steht spontan auf und fängt zu tanzen an. Er schwingt im Takt jedes Liedes ein Tuch herum.
Ein älterer Herr sitzt neben mir und bewegt seine Füße zum Rhythmus. Ich tue es ihm gleich und bevor ich mich versehe, gibt er mir Tanzstunden. "Das ist über 15 Jahre her, Opa!", will ich rufen, aber er würde mich ja eh nicht verstehen. Stattdessen kann ich nur hoffen, dass er meine Versuche, die Schrittfolge einzuhalten, anerkennt. Jetzt bin ich dran mit Karaoke. Eine der Damen geht durch die Reihen und fragt die Zuschauer nach ihrem Wunschsong. Da sage ich schlecht nein. Nur die Auswahl an westlichen Liedern ist beschaulich, daher habe ich das erstbeste genommen, das ich in der Liste finden konnte. "Bridge over troubled water", erklingt aus den Boxen im üblichen Karaoke-Gedudel, als ich vorne stehe. Leider nicht in der klassischen Tonlage, mit der ich vertraut bin. Ich bin verunsichert, versuche mein Bestes und treffe längst nicht alle Töne. Der tanzende Mann mit dem Tuch lächelt mir ermunternd zu und das Publikum klatscht trotz der bescheidenen Performance am Ende des Liedes. Taiwan meint es gut mit mir.
Axel hat bei seinem Konzert ein paar Gleichgesinnte gefunden und ich treffe sie nach dem Auftritt seiner japanischen Band in einer Bar. Jaffar, US-Amerikaner mit indonesischen Wurzeln, editiert für die Jakarta Times. Ja wo genau aus Deutschland ich denn sei, fragt er. Als er Leipzig hört, ist er sichtlich begeistert. Ich bereite mich innerlich darauf vor, dass jetzt irgendwas mit Red Bull Leipzig und Fußball kommt. Weit gefehlt, Jaffar ist Napoleon-Fan. Wenn er einmal nach Deutschland kommen würde, wäre meine Stadt und das Völkerschlachtdenkmal seine erste Anlaufstation. Das kam unerwartet.Chandler ist Englischlehrer in Taipei und legt uns seine Einschätzung zur Lage rund um den China-Taiwan-Konflikt dar. China würde nichts gewinnen, wenn es seinen Nachbarn angreife. Die Chip-Industrie würde bei einem Krieg zerstört und außerdem würde sich die komplette Bevölkerung gegen die chinesische Besatzung vom Festland wehren. Bei einem Angriffszenario wäre China bei Kriegseintritt der Japaner, Südkoreaner und US-Amerikaner nach einem letzten Planspiel im Nachteil. In den nächsten 10-20 Jahren wäre ein Angriff nicht sehr wahrscheinlich. Ich will es ihm glauben.
Am Tag vor meinem Abflug aus dem Heimatland des Bubble Tea, trinke ich pflichtbewusst einen Plastikbecher mit der süßen Plürre. Auch die Aussicht vom Taipei 101 Tower wird mitgenommen. Dort oben nutze ich den Nachmittag, um im Schneidersitz am Fenster des Wolkenkratzers Karten zu schreiben und auf den Sonnenuntergang zu warten. Während ich schreibe und Briefmarken klebe, bilden sich hinter mir Trauben von Menschen, die Fotos der Stadt machen, wie sie von den letzten Sonnenstrahlen beschienen wird. Ich übe mich in Gelassenheit und Reflexion: Taiwan ist das, was herauskommt, wenn man chinesische Kultur und Gemeinschaftssinn mit Freiheit und Demokratie paart. Was daraus entstanden ist, ist ein Land mit einer Gastfreundlichkeit und Offenheit, wie ich sie bisher auf dieser Reise nicht erlebt habe. Mit Menschen, die sich gegenseitig unterstützen und trotz Sprachbarriere auch jeden Reisenden, bei dem sie auch nur den Anflug von Hilflosigkeit bemerken.
Als ich am ersten Tag in Taipei am Bahnhof umständlich nach Wegweisern und Ticketautomaten suchte, fragte ich einen jungen Taiwanesen und zeigte ihm meine Googlemaps-Route zum Hostel. Er nahm mich an der Hand und führte mich zum Automaten, für den meine Münzen nicht reichten. Er legte ein paar von seinen Cents nach und führte mich mit dem Ticket in der Hand direkt zur Schranke des richtigen Metrogleises.
Mir tut es ein wenig Leid, Taiwan nur eine gute Woche eingeräumt zu haben.
Nachdem ich in Bukarest mit meinem improvisierten Reise-Outfit gut durchgekommen bin, hoffe ich, dass auch die Taiwaner am Vorabend meiner Abreise meine Stilkombination kurzes Leinenhemd mit langer Wanderhose als konzerttauglich durchgehen lassen. Lassen sie und nach der ersten Hälfte europäische Klassik spielt die kleine Streichbesetzung eine Auswahl taiwanesischer Stücke. Das Konzert ist dem ehemaligen Bürgermeister Taiwans gewidmet, soviel kriege ich mit. Aber ähnlich wie in Brünn und dem Film über Gerhard Richter ohne deutsche Tonspur verstehe nur Chinesisch bei den Zwischenansagen. Immer wenn das Publikum lacht, schaue ich amüsiert lächelnd durch die Reihen.
"Great music!", sage ich zu meinem älteren Sitznachbarn beim Rausgehen, nachdem die Zugabe gespielt wurde. Ich glaube kaum, dass er mehr Englisch spricht als ich Mandarin, aber er lacht mich wohlwollend an. Wir verstehen uns auch so.