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Brothers of the four seas (Hualien)

Veröffentlicht: 30.10.2025

Tour
Kayak-Tour in Hualien
Wassersport · 1h 30m
Attraktion
Hualien
Hualien, Taiwan
Attraktion
Wasserfall
Hualien, Taiwan
Attraktion
Bergpfade bei Hualien
Hualien, Taiwan
Attraktion
Strand bei Hualien
Hualien, Taiwan
Attraktion
Militärflugplatz in Hualien
Hualien, Taiwan
Sehenswert
Hualien
Hualien, Taiwan
Ich halte meine Kreditkarte zum dritten Mal an den Scanner, aber der Blick des Busfahrers signalisiert mir, dass sie immer noch nicht lesbar ist. Ich habe mir nicht zu viele Gedanken gemacht, wie ich vom Terminal in die Stadt komme. In der winzigen Ankunfts- und Abflughalle des kleinen Flughafens von Hualien gab es keinen Geldautomaten. Keine Taxiapp funktioniert hier und so stehe ich jetzt an der Bustür ohne Zahlungsmittel und Transportmöglichkeit da.

"It's okay, it's just a couple of cents.", sagt ein Fahrgast, der vor mir eingestiegen ist und wirft die besagten paar Cent in die Ticketkasse. "Thank you!", ich bin begeistert von der spontanen Hilfbereitschaft. Er ist aus Singapur und habe in Taiwan sein Lieblingsland gefunden, das er schon lange und immer wieder bereist. Zur Zeit ist er wegen der verheerenden Überschwemmung rund um Hualien in der Gegend, um die Aufräumarbeiten zu unterstützen. Viele Freiwillige aus dem ganzen Land wären gerade vor Ort, um zu helfen. Hualien habe viel durchmachen müssen. Seit einem schweren Erdbeben im letzten Jahr, bleiben die Touristen aus und viele Wanderwege im Taroko-Nationalpark sind immer noch gesperrt. Nun auch noch die heftigen Regenfälle, eine Hiobsgeschichte. Taiwan liegt von Natur aus im Taifungebiet. Aber die Taiwanesen sind von Natur aus solidarisch. 

Nachdem ich mich von dem freundlichen Singapurianer verabschiede, schaue ich auf mein Handy. Eine Abbuchung von ein paar Cent für die Busfahrt zeigt meine Kreditkarten-App an. Hat dann doch geklappt.


Im Hostel angekommen komme ich sofort mit meinem Zimmergenossen ins Gespräch. Ob er auch einer der freiwilligen Helfer wäre. Er deutet auf jedes einzelne Bett im Schlafsaal, ein paar von den Helfern nicken mit lächelnd zu. Eine Kompanie Volunteers und ich bin der einzige Gast, der nur zum Wandern hier ist.Einen weiteren dieser sogenannten "supermen", treffe ich im Dumpling-Restautant. Ob der Tisch noch frei ist, frage ich ihn und er mich, woher ich komme. Als er "Deutschland" hört, kommt ihm sofort "Carl Zeiss" in den Sinn. Er würde als Optiker arbeiten und die Jenaer Geräte für seine Sehtests benutzen. Wie sympathisch kann mich ein Land innerhalb nur weniger Stunden denn bitteschön empfangen? Hilfsbereitschaft, Solidarität und statt Drittes Reich ostdeutsche Unternehmen als Reaktion auf Deutschland.


Zurück im Hostel muss ich sofort mit den Fluthelfern anstoßen, neben Schnaps teilen sie mit mir Pampelmusen und Mondkuchen. Es ist gerade Vollmondfest und die beiden Lebensmittel werden bis zum Übermaß gegessen, erklären sie mir. Sicher auch ein Grund, dass sie mir die Teile rüberschieben wie kurz vor Marktschluss. Ich bin gerührt von der Gastfreundschaft und die älteren aus der Gruppe stellen sich vor: Mr Chen, Mr Chen und Mrs. Lee. Wir üben uns in dem üblichen Austausch, wenn die Sprachbarriere tiefere Gespräche verhindert: Alter raten, sich Vokabeln für "Prost" beibringen und Wohnorte auf Googlemaps zeigen. Nach einer Stunde verabschieden sie sich zum Schlafen gehen, schließlich haben die Freiwilligen im Gegensatz zu mir eine echte Aufgabe zu erledigen. "You made my arrival to Taiwan very easy.", gebe ich in meine Übersetzungsapp ein. Einer der Mr. Chens lächelt und legt seine Hand auf meine Schulter: "We are the world." Er tippt in sein Handy und die englische Übersetzung erscheint: "Brothers of the four seas". Ich recherchiere nach dem Satz später im bunk bed und stoße auf eine eine alte chinesische Weisheit: Übertragen auf die Neuzeit bedeutet die, dass Menschen aus allen vier Himmelsrichtungen Brüder sind und in Harmonie leben sollten.


"Wer ruckelt da an meinem Bett?", denke ich als ich am Morgen unsanft aus dem Schlaf geweckt wurde. Ich schiebe den Vorhang des Doppelstockbetts vor und schaue mit ungläubigen Augen einen der verbleibenden Volunteers an: "Was this an earthquake?" Aber sein abgeklärter Blick sagt schon alles. Es waren schließlich nicht mehr als fünf Sekunden. Was will ich auch sonst erwarten in einer Erdbebenregion. What you see is what you get. "Warnung des Präsidenten, Erdbeben in der Region Hualien", die Warnmeldung auf meinem Handy sehe ich zu spät. Dass menschliche Wärme und ständige Bedrohung das taiwanische Ying und Yang sind, merke ich auch daran, dass aller paar Stunden ein Düsenjet lautstark durch den Himmel ballert.


Mit dem Zug fahre ich zum Treffpunkt für eine Kayak-Tour, die ich schon in Hongkong gebucht hatte. Der Zug fährt nur vereinzelt und ich verbringe die 1 1/2 Stunden Wartezeit vor dem Schuppen mit den Plastikbooten damit, auf die hohen Berge zu starren, die nahezu senkrecht hinter der Küste hervorschießen. Die Wellen brechen sich meterhoch am Strand. Ob das so eine gute Idee war, hier direkt auf der offenen See Kayak zu fahren..? Ein Jeep kommt angefahren und aus steigt ein braungebrannter Mann in Badehose um die 50. Er steckt sich eine Kippe in seinen Mund voller Zahnlücken und weist mich an, meine Wertsachen im Container einzuschließen. Die Gruppe besteht neben mir nur aus einer taiwanischen Familie mit zwei kleinen Töchtern, die noch ganz motiviert aussehen.

Nachdem uns unser Kayak-Guide mit Schwimmwesten ausgestattet hat, setzen wir uns bereit in seinen Jeep. Die vierköpfige Familie auf den Bänken der Ladefläche, ich auf dem Beifahrersitz. "Blacky", wie er sich bei WhatsApp nennt, versucht den Motor zu starten, aber der stottert nur kurz auf. Nach einem kurzen Blick unter die Motorhaube, drehe ich auf Befehl den Schlüssel und die Rostlaube läuft wieder. Der Wagen wäre 15 Jahre alt, meint der Badehosen-Tarzan, aber ich hätte es auch geglaubt, hätte er 35 gesagt.


Wir fahren nur einen kurzen Weg zu den Booten, die schon am Strand bereitliegen. Ich solle im ersten Boot vorausfahren und die anderen würden dann nachkommen. "Your glasses!", er nimmt mir meine Brille ab und steckt sie in eine Plastikbüchse zu seiner Zigarettenschachtel. Ich bin tatsächlich beruhigt, denn damit ist meine Brillen genauso gesichert wie seine heiligen Kippen. Ohne großes Zögern schiebt er mich - blind wie ein Maulwurf - in die Fluten und eine Sekunde später hat mich das Kayak auch schon abgeworfen. Das armselige Schauspiel wiederholt sich ein weiteres Mal und ich krauche aus der mannshohen Welle an den Strand. Hätte ich meine Brille aufgehabt, wäre die schon beim ersten Versuch verloren gegangen, genau wie jetzt meine Flipflops, aber die sind leichter ersetzbar. Beim dritten Anlauf klappt es und ich paddel um mein Leben, um Meter zu machen und nicht wieder mit der nächsten Welle angespült zu werden. Das Meer bleibt unruhig. Ich lege das Kayakpaddel vorsichtig zur Seite, um mir schnell meine Sonnenbrille aufzusetzen, die ich in meiner jetzt klatschnassen Bauchtasche verstaut habe. Immer wieder gerät das Kayak etwas unter die Wellen und Wasser ins Boot. Aber das ist ja aus Plastik und innen hohl, also unsinkbarer als die Titanic. Mittlerweile bin ich ca. 100 Meter vom Strand entfernt und beobachte, wie sich alle anderen immer noch nicht ins Meer gewagt haben oder es noch nicht geschafft haben. Plötzlich sehe ich, wie Blacky und die Familie in den Jeep steigen und wegfahren. Das wird ja immer besser.. aber sie fahren nur ein paar hundert Meter weiter, vermutlich eine bessere Stelle, um mit den Booten ins Wasser zu kommen. Ich paddel hinterher und sehe, dass es zumindest die Mutter mit einer der Töchter im Boot geschafft haben. Der anderen wäre es zu unheimlich und da sei Papa mit ihr an Land geblieben, meint die Frau als ich in Rufweite bin. Jetzt kommt auch Captain Ahab hinterher und gibt uns ein paar Kurzinfos zur Küste von Hualien jeweils in Mandarin und Englisch, sobald wir auf einer Wellenlänge sind. Die Auswirkungen des Erdbebens im letzten Jahr könne man immer noch sehen, sagt er und zeigt auf Erdrutschschneisen an den Hängen der mächtigen Berge. Ob ich meine Brille bräuchte, fragt er mich. Nee, ich deute auf meine Sonnenbrille. Blacky packt trotzdem seine Schachtel aus, in der meine Brille mit seinen Zigaretten liegen und zündet sich erstmal eine an.


Der Himmel verdunkelt sich und die Wellen werden noch größer. "We have to go back, it's too dangerous.", wenn selbst der ruchloseste aller Guides das sagt, glaubt man ihm besser. Blacky legt sich die Schwimweste wieder an, die er vorhin zum Rauchen noch abgelegt hatte und wir kehren in Richtung Jeep zurück. "Ob die Landung genauso holprig wird, wie der Start", frage ich mich, als ich mich noch zwanzig Meter vor dem Ufer befinde. Ein paar Sekunden später habe ich meine Antwort, als ich kopfüber im Wasser lande und mein Kayak über mir fast einen Looping macht. Zumindest sitzt mir meine Sonnenbrille noch auf der Nase und meine Flipflops hat mein Kayaklehrer am Ende auch gerettet, wie sich herausgestellt. Als wir alle vier angespült und die Boote an Land gezogen sind, will uns Blacky wenigstens noch den Felsen in Gorillaform vom Strand aus zeigen, den wir wegen des Wetterumschwungs nicht mehr vom Meer aus sehen konnten. Die Steine schlagen laut an den Unterboden, während wir im zweiten Gang holpernd über den Kies rasen. Zwischen tosendem Meer auf der einen und den hohen Felsen auf der anderen Seite wirkt es wie ein Fernsehspot aus den 90ern: "Jeep - any ground can be a road If you want it to be one." - oder so in der Art... "What were you thinking when we drove off.", fragt mich lachend die Mutter in Anspielung auf die Situation von vorhin als sie mit dem Jeep vermeintlich wegfuhren. "Let the foreigner drown!", rufe ich augenzwinkernd zurück.


Am nächsten Tag lasse ich mich zu einem Ausgangspunkt für zwei Wanderungen fahren. Der Taxifahrer ruft mir noch etwas hinterher, als ich aussteige. Er zeigt auf einen Holzkasten, der mit Bambusstöcken gefüllt ist und macht eine Schlagbewegung: "For the monkeys!". Aha, mit einem Stock soll ich also die Affen fernhalten. Als ich herantrete, sehe ich, dass es ursprünglich eine andere Funktion dafür gab: "Avoiding snakebites. Use the long stick to scare snakes away." Na Klasse, meine Nemesis. Bei jedem Schritt schlage ich mit dem Bambusstab laut auf den Boden. Vielleicht hilft es, vielleicht haben die Affen auch alle Schlangen vertrieben. Sie bleiben ein Phantom auf meiner Reise. Am Wasserfall scheint sich auch niemand Sorgen zu machen. Die Einheimischen halten die Füße ins Wasser und stellen sich unter die Sturzbäche. Alle haben ein Lächeln auf den Lippen und ich fühle mich willkommen. Kleine Fischschwärme schwimmen durchs klare Wasser und Schmetterlinge flattern herum.

Auf der zweiten Tour machen Makaken auf den Wegen lauernd und in den Bäumen kletternd mit grellen Schreien auf sich aufmerksam. Mit meinem Stock auf den Boden stampfend signalisiere ich, dass ich bewaffnet bin. Ich will keinen Streit, aber bin bereit, mich zu wehren. Ich schaue auf das friedliche Hualien am Fuße des Berges und auf den Militärflugplatz, von dem immer wieder Düsenjets starten. Taiwan will keinen Krieg, aber ist bereit, sich zu wehren. "Please return after use.", sagt das Schild an dem Kasten mit den Bambusstöcken. Ich lege meinen unbenutzt zurück.

Auf einen Blick

Automatisch aus dem Beitrag extrahiert
Dauer
2 Tage
Wetter
Sommer
Begleitung
Allein
AbenteuerlichAbseits der PfadeEntspannend
  • Kayak-Tour an der Küste von Hualien
  • Wanderungen zu Wasserfall und Bergpfaden
  • Makaken auf den Wegen
  • Erdbebenregion und Warnmeldungen
  • Bambusstäbe gegen Schlangen
BambusstockSchwimmwesteKayakpaddel
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