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Easy Rider (Ninh Binh)

Veröffentlicht: 26.09.2025

Spaziergang
Bai Dinh Pagoda → … → Sunset Point
Ninh Binh, Vietnam
Bus
Parking lot of Bai Dinh complex → Start point of the Bai Dinh complex
Ninh Binh, Vietnam
Taxi
Homestay → … → Sunset Point
Ninh Binh, Vietnam
Attraktion
Bai Dinh Pagoda
Ninh Binh, Vietnam
Attraktion
Hoa Lu
Ninh Binh, Vietnam
Sehenswert
Sunset Point
Ninh Binh, Vietnam
Meine neue Reiseleiterin in Ninh Binh stellt sich im Gegensatz zu An gar nicht erst vor. Ich schätze, daran erkennt man die rauhere nordvietnamesische Art. Dafür ist sie genauso hartnäckig, mir Touren anzubieten. Sie kringelt ein, was ich alles sehen müsste und für nur 60 Dollar wäre alles an einem Tag abgefrühstückt. Ich bewahre das freundlich aber bestimmte Gesicht eines Blackjack-Dealers und versuche es mit der Hinhalte-Taktik: "Thank you. I'm gonna think about it." Für die nächsten drei Tage möchte ich bitte keine Zeitvorgaben, Laufen im Pulk und "Where are you from?"-Smalltalk-Angebote von wohlwollenden Mitreisenden. Immerhin kann meine Homestay-Besitzerin die Leihgebühr für mein Fahrrad auf ihre Rechnung setzen.

Im Nachtzug von Hue nach Ninh Binh habe ich tadellos geschlafen. Also mache ich mich auf zu einer Radtour durch die felsendurchzogenen Reisfelder-Landschaft. Das Fahrrad ohne Gänge fährt sich easy und ich komme gut voran. Ich wandere eine Felstreppe hinauf, an deren Ende sich eine in den Stein gehauene Pagode befindet. Ich staune über die Fledermäuse in der Höhle, die nur wenige Meter über meinem Kopf umher schwirren. Es wird nicht die letzte Höhle gewesen sein und auch nicht die letzte Fledermaus. 

Weiter geht's Richtung Bird Park, eine der Hauptattraktionen in Ninh Binh. Auf dem Weg nehme ich zwei weitere begehbare Höhlen mit und eine, durch die man mit dem Boot gefahren wird. Die schweren Metallboote fahren oft ältere Männer und Frauen, die die Paddel mit den Füßen bedienen.

Im Boot geht es weiter ins Vogelbeobachtungsgebiet. Das philippinische Pärchen im Boot hinter mir geht ins Flüstern über, nachdem wir die Lärm-Verbotsschilder passieren. Eco-Tourismus, zumindest theoretisch, denn die koreanische Reisegruppe im anderen Boot quatscht laut weiter. Die hunderte von Störche auf den Mangroven scheinen sich schon an die langsam vorbeischwimmenden Boote gewöhnt zu haben und zanken untereinander auf den Ästen. Kranichschwärme fliegen in Formation zwischen den grünen Felsen hindurch. Gedämpfte "Oh"- und "Wow"-Rufe sind von den Booten zu hören, denn der Sonnenuntergang macht die Kulisse perfekt. Wieder an Land beeile ich mich besser, denn mein Leihrad hat kein Licht.


Die Tour zum Nationalpark Cuc Phuong am nächsten Tag verspricht nicht allzu viel. Deshalb habe ich sie gewählt. Ein Besuch in einer Primaten-Auffangstation, ein Höhle und eine kurze Wanderung durch den Wald. Gediegen im Vergleich zu anderen Touren. Sogenannte "Highlights"-Führungen habe ich gelernt zu vermeiden.

Um nicht eine neue Pandemie entstehen zu lassen, laufen wir mit Masken durch das Rescue Center. Die Affen werden hier gefüttert, nachdem sie vor Wilderern gerettet wurden und dann später in sichereren Gebieten wieder ausgesetzt. Nur Babyaffen oder verletze Tiere, die nie wieder selbstständig leben können, bleiben hier für immer. Mir bleibt nichts anderes übrig, als das zu glauben, auch weil ich online nichts Gegenteiliges lese. Die Käfige sind dennoch klein und in keinem Fall artgerecht. Der Zoo Leipzig unterstützt das Projekt. Hier zumindest scheint das ein Gütesiegel zu sein. Die Slow Loris bekommen wir gar nicht erst zu Gesicht, da sie nachtaktiv sind. Fast wie computeranimiert sehen die Languren aus. Sie haben fein gezeichnete farbenfrohe Gesichter, die komplett menschlich wirken. Abergläubige Chinesen denken, sie könnten aus ihnen Potenzmittel gewinnen und halten sie daher jagenswert.


Unser Guide hat sichtlich Freude daran, seine Tourgäste zu gruseln. Er erzählt lang und breit, wie Tiger vor 1000 Jahren die Waldbewohner einen nach dem anderen am Nacken aus den Dörfern zerrten und töteten. Tiger gibt es in Vietnam nicht mehr. Dafür Schlangen. In der Höhle zelebrieren wir die obligatorische Schweigeminute im Dunkeln. Für die bessere Atmo schalten wir alle Lampen für eine Weile lang aus. Während wir blind in der Höhle stehen, erzählt uns unser Guide, dass er hier vor einer Woche eine Schlange gesichtet hat. Als die Lampen wieder an sind und wir rauslaufen, zeigt er uns seine Videoaufnahme von der Viper. An der gleichen Stelle, an der wir stehen, sehen wir auf seinem Handy, wie sie die Höhlenwand hochkriecht auf der Suche nach leckeren Fledermäusen.

Am Abend treffe ich Leo wieder, den ich schon in Hoi An kennengelernt hatte. Mit seinem intensiveren Reisetempo war er zwischenzeitlich bereits im Nationalpark Phong Nha. Es ist ein Naturparadies, in dem ich 2018 mit einer Gruppe eine Dschungelwanderung inklusive Höhlenerkundung erlebt hatte. Er bestätigt mir, dass es sich immer noch um den gleichen eher ruhigen Backpacker-Ort handelt, den ich in Erinnerung habe.

Leo erzählt mir außerdem von der organisierten Motorrad-Tour von Hoi An über die Berge bis nach Hue. Easy Rider heißt es, wenn man für Tages- oder Mehrtagestouren auf dem Rücksitz eines Motorrads sitzt und sich von Aussichtspunkt zu Aussichtspunkt fahren lässt. Sein Fahrer war sehr freundlich und hat auskunftsfreudig auf Leos interessierte Fragen über Politik und Gesellschaft geantwortet. Mein Mitreisender erzählt mir, dass viele Vietnamesen arbeiten, bis sie 80 sind, weil sie erst dann eine verschwindend geringe Rente erhalten. Die meisten wären auf die Unterstützung ihrer Kinder angewiesen, die allerdings auch oft in unterbezahlten Servicejobs arbeiten. Nur als Angestellter der Regierung würde man schon ab 65 eine gute Pension bekommen.

Es sind diese Dinge, die man beim Durchreisen leicht ausblenden oder verklären kann und ich schließe mich da mit ein. Wenn ich ältere Menschen bei der Feldarbeit, auf Rikschas oder an ihren kleinen Verkaufsständen beobachtet habe, ist mir häufig der naive Gedanke durch den Kopf gegangen: "Ach, schau mal an. So aktiv auf die alten Tage.". Aber der alte Vietnamese auf dem Boot padelt mit den Füßen durch die Höhlen von Ninh Binh ganz offensichtlich nicht aus dem gleichen Grund aus denen der 70-jährige Fred im Fitnessstudio am Rudergerät sitzt.


Da Leo schon in Thailand Motorraderfahrung gesammelt hat, nimmt er mich kurzerhand mit auf dem Rücksitz zu den Orten, die mit dem Fahrrad nicht zu erreichen wären. Am Homestay leiht er sich den Scooter und ich mir einen zweiten Helm. Unser Weg zu einer der größten buddhistischen Pagoden Bai Dinh führt zunächst zum Parkplatz der riesigen Anlage. Von dort aus werden wir per Shuttlebus abgeholt und am Startpunkt abgesetzt. Wenn man sich die 1. Klasse des Tickets holt, kann man sich vom Shuttle sogar von Tempel zu Tempel bringen lassen. Das haben wir ja nicht nötig - wir sind schließlich Europäer und können laufen. Das Highlight ist der 100 Meter hohe Turm, auf den man sich per Fahrstuhl zur Aussichtsplattform bringen lassen kann. Die darf man erst betreten, nachdem man vorschriftsmäßig und im Uhrzeigersinn die beiden Buddha-Statuen, einmal im Erdgeschoss und einmal in der obersten Etage, umrundet hat. Ich spucke große Töne: Wenn's ne Treppe gibt, dann laufe ich, ist doch klar. Als wir aber nach sechs Kilometern und mehreren hundert Treppen einmal alle Tempel abgegrast haben und bis zu den historischen Höhlentempeln und zurück gelaufen sind, sind wir in der Hitze so durchgeschwitzt, dass ich in der höchsten Stupa Asiens dann doch kapitulierend den Fahrstuhl nehme. Immerhin kann ich auf dem Weg nach unten um die 400 Stufen zählen.

Im gesamten Komplex kommen wir uns ziemlich einsam vor. Bis auf ein paar andere Touristen, sind wir die einzigen auf dem Gelände, das vielleicht in etwa ein Zehntel Saarland entspricht. Zwar geht der Ursprung von Bai Dinh auf die vietnamesische Kaiserzeit zurück, davon sind aber nur ein paar Schreine in Höhlen übrig, die heute Fledermäuse bewohnen. Alles andere wurde vor etwa zwanzig Jahren errichtet. Als internationaler Pilgerort bieten die vielen Tempel Platz für hunderte Buddhisten gleichzeitig. Ein Kongresszentrum ermöglicht Tagungen. Hunderte Pissoirs in der Herrentoilette im Eingangsbereich verhindern Schlange stehen, wenn mal eine Delegation Mönche auf einmal muss. Neben Einhörnern, die wie Löwen aussehen, Phoenixen und Drachen zählen Schildkröten zu den heiligen Tieren in Vietnam. An die tausend Stein-Statuen von ihnen mit weisen Sprüchen auf dem Panzer reihen sich in den Gängen aneinander. Pathetische Musik plärrt aus den Lautsprechern und wir fragen uns, ob die Gläubigen nur an bestimmten Tagen hier massenhaft aufschlagen oder warum die Anlage heute nicht ausgelastet scheint. Es ist Sonntag, aber da sind ja auch deutsche Gotteshäuser leer.


Auf dem Rückweg setzt mich Leo sicher vor den antiken Ruinen der alten Hauptstadt Hua Lu ab. Er gibt sich die volle Ladung Ninh Binh und fährt weiter für eine Bootsfahrt durch die pittoresken Felsenschluchten. Von Hoa Lu bin ich leicht enttäuscht. Das einzige Überbleibsel aus der Zeit als es imperialer Regierungssitz war, ist eine kleine Ausgrabungsstätte mit ein paar freigelegten Fliesen, die sich im hinteren Teil einer Pagode versteckt. Die restlichen Bauten stammen aus dem 17. Jahrhundert. Was will ich auch groß erwarten. Hoa Lu war lediglich für 40 Jahre lang Hauptstadt. Die erste Dynastie, die sich gegen die tausendjährige chinesische Besatzung behauptet hatte, währte nur einige Jahrzehnte. Danach übernahm eine andere Herrscherfamilie das Land und verlegte den Verwaltungssitz nach Hanoi. Die Informationen sind spärlich. Ich lese parallel im Internet nach und hänge mich als Kulturschnorrer kurzzeitig an eine englischsprachige Führung.

Viel interessanter ist hingegen, dass Kinder das Freilichtmuseum als Übungsfeld für ihren Englischunterricht nutzen. Teils in kleinen Gruppen, teils als komplette Klasse in Begleitung von Lehrern verwickelt sie die Touristen in Gespräche. "Hellow, how ah you?", "Where you from?". Drei Kids folgen mir durch eine Pagode und geben mir mit Kinderfragen Gelegenheit, um über die eigentlichen Dinge im Leben zu nachzudenken: "What's your favourite sport?", "What's your favourite food?", "What is your favourite animal?". "Hm.. monkey, no wait.. cat!". Ich finde heraus, dass alle drei in der Schule am liebsten Mathe mögen. Ungewöhnlich. Mit komplexeren Rückfragen sind sie allerdings etwas überfordert. Sobald sie mit ihrem auswendig gelernten Fragebogen zu Ende sind, geht's zum nächsten Touri und sie winken zum Abschied: "Bye, bye! Tam biet!"


Mein Privattaxi namens Leo ist sicher noch auf der dreistündigen Flussfahrt unterwegs, denke ich. Für meinen Rückweg zum Homestay bin ich also auf mich gestellt. Auf Google Maps finde ich einen Ort in der Landschaft: "Sunset Point". Wenn ich jetzt los laufe, komme ich praktischerweise genau zum Sonnenuntergang dort an. Mein Weg führt mich durch Gassen von Dörfern, die idyllisch zwischen den senkrecht in die Höhe ragenden Felsen und Bächen liegen. Hühner und Hunde laufen zwischen Müllhaufen und Bauschutt umher. Ein Mädchen winkt mir vom Rücksitz ihrer Mutter zu, als sie mit dem Roller vorbeifahren. Zwei Jungs stehen neben ihren Rädern und rufen "Hello Sir!". Wieder merke ich, dass sich die Reiseregel bestätigt: Sobald man einen Schritt heraustritt und sich außerhalb der ausgetretenen Touristenpfade bewegt, werden die Reaktionen natürlicher, die Menschen freundlicher. Statt falschem Auf-die-Schulter-klopfen und "Bro, how are you?" ein ehrliches Lächeln.


Am versprochenen Sonnenuntergangs-Aussichtspunkt sehe ich, dass ich nichts sehe. Zumindest die Sonne ist zwar noch nicht untergegangen, aber schon hinter den Felsen verschwunden. An dem Geländer einer Brücke sitzt ein holländisches Pärchen um die 50. Sie vermuten, dass "Sunset Point" einfach nur der Name des Geschäfts um die Ecke ist. Sie sind froh, nicht als einzige darauf "hereingefallen" zu sein. Die Sicht ist dennoch spektakulär, auch wenn man die Sonne nicht direkt untergehen sieht. Ein See erstreckt sich vor uns, die Felsen im Hintergrund in Dämmerlicht getaucht. Fledermäuse fliegen unter der Brücke Pirouetten um unsere baumelnden Beine herum.

Die beiden Holländer sind das Gegenteil von Antonio, der 5-Minuten-Terrine unter den Reisenden, bekannt aus der Angkor Wat-Folge. Sie hätten vor ein paar Monaten ihr Haus verkauft und nehmen sich jetzt quasi als Slow Traveler alle Zeit der Welt für die Welt. Am Anfang klappern sie ein paar Sehenswürdigkeiten ab und danach bleiben sie eine oder auch zwei Wochen am selben Ort, bevor sie dann in aller Gemütlichkeit weiterziehen. Im Gegensatz zu den selbsternannten "Foodies", die jede Mahlzeit ein neues Gericht ausprobieren müssen, besuchen die beiden zum Mittag- oder Abendessen immer den gleichen liebgewonnenen Streetfood-Laden. Das finde ich sehr sympathisch, schließlich bin ich der Erfinder der "Ort der Gewohnheit"-Regel. Das einzige Problem sei nur, dass sie sich noch nicht dem frühen vietnamesischen Tagesrhythmus angepasst haben. Manchmal endet das Zeitfenster fürs Frühstück schon gegen halb 10. "But then we just go and sleep some more after.", berichtet die freundliche Holländerin mit Kurzhaarschnitt und lacht. Ich kann sie außerdem beruhigen, dass Kambodscha zumindest im touristischen Siem Reap alles andere als kriminell und gefährlich ist und ermutige sie, sich Angkor Wat anzuschauen. Mit ihrem Reisetempo sehen sie sicher mehr als ich in den zwei Tagen. Als es dunkel wird, nehme ich mir ein Grab-Taxi und wir bedanken uns beieinander für das nette Gespräch. Der Umweg zum Sunset Point hat sich klar gelohnt.

Auf einen Blick

Automatisch aus dem Beitrag extrahiert
Dauer
1 Tag
Wetter
Sommer
Begleitung
Mit Freunden (2)
AbenteuerlichKulturellEntspannend
  • Bai Dinh Pagoda
  • Hoa Lu
  • Sunset Point
  • Höhlentempel
  • Fahrt mit Scooter und Shuttlebus
ScooterHelmGrab-Taxi
KulturGeschichteNaturAbenteuer
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Antworten (1)

Darrynvor 11 Monaten
Ah, I had the exact same experience at Hoa Lu. The guesthouse didn't have a bed for ne when I arrived before dawn. After trying to catch some sleep on a bench, I took their scooter out for an early morning ride. Somehow, even at 8am, Hoa Lu was bustling with hundreds of school kids, most of them curious about the sole white guy there. They were more memorable than the site itself

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