Erinnerungen (Hoi An / Hue)
"An" ist der Name der Hotelbetreiberin, wie in "Hoi An", erklärt sie mir. Sie breitet die Broschüre mit der Karte der gleichnamigen Stadt vor mir aus. Wie eine Ärztin bei einer...


Veröffentlicht: 26.09.2025
Im Nachtzug von Hue nach Ninh Binh habe ich tadellos geschlafen. Also mache ich mich auf zu einer Radtour durch die felsendurchzogenen Reisfelder-Landschaft. Das Fahrrad ohne Gänge fährt sich easy und ich komme gut voran. Ich wandere eine Felstreppe hinauf, an deren Ende sich eine in den Stein gehauene Pagode befindet. Ich staune über die Fledermäuse in der Höhle, die nur wenige Meter über meinem Kopf umher schwirren. Es wird nicht die letzte Höhle gewesen sein und auch nicht die letzte Fledermaus.
Weiter geht's Richtung Bird Park, eine der Hauptattraktionen in Ninh Binh. Auf dem Weg nehme ich zwei weitere begehbare Höhlen mit und eine, durch die man mit dem Boot gefahren wird. Die schweren Metallboote fahren oft ältere Männer und Frauen, die die Paddel mit den Füßen bedienen.
Im Boot geht es weiter ins Vogelbeobachtungsgebiet. Das philippinische Pärchen im Boot hinter mir geht ins Flüstern über, nachdem wir die Lärm-Verbotsschilder passieren. Eco-Tourismus, zumindest theoretisch, denn die koreanische Reisegruppe im anderen Boot quatscht laut weiter. Die hunderte von Störche auf den Mangroven scheinen sich schon an die langsam vorbeischwimmenden Boote gewöhnt zu haben und zanken untereinander auf den Ästen. Kranichschwärme fliegen in Formation zwischen den grünen Felsen hindurch. Gedämpfte "Oh"- und "Wow"-Rufe sind von den Booten zu hören, denn der Sonnenuntergang macht die Kulisse perfekt. Wieder an Land beeile ich mich besser, denn mein Leihrad hat kein Licht.
Um nicht eine neue Pandemie entstehen zu lassen, laufen wir mit Masken durch das Rescue Center. Die Affen werden hier gefüttert, nachdem sie vor Wilderern gerettet wurden und dann später in sichereren Gebieten wieder ausgesetzt. Nur Babyaffen oder verletze Tiere, die nie wieder selbstständig leben können, bleiben hier für immer. Mir bleibt nichts anderes übrig, als das zu glauben, auch weil ich online nichts Gegenteiliges lese. Die Käfige sind dennoch klein und in keinem Fall artgerecht. Der Zoo Leipzig unterstützt das Projekt. Hier zumindest scheint das ein Gütesiegel zu sein. Die Slow Loris bekommen wir gar nicht erst zu Gesicht, da sie nachtaktiv sind. Fast wie computeranimiert sehen die Languren aus. Sie haben fein gezeichnete farbenfrohe Gesichter, die komplett menschlich wirken. Abergläubige Chinesen denken, sie könnten aus ihnen Potenzmittel gewinnen und halten sie daher jagenswert.
Am Abend treffe ich Leo wieder, den ich schon in Hoi An kennengelernt hatte. Mit seinem intensiveren Reisetempo war er zwischenzeitlich bereits im Nationalpark Phong Nha. Es ist ein Naturparadies, in dem ich 2018 mit einer Gruppe eine Dschungelwanderung inklusive Höhlenerkundung erlebt hatte. Er bestätigt mir, dass es sich immer noch um den gleichen eher ruhigen Backpacker-Ort handelt, den ich in Erinnerung habe.
Leo erzählt mir außerdem von der organisierten Motorrad-Tour von Hoi An über die Berge bis nach Hue. Easy Rider heißt es, wenn man für Tages- oder Mehrtagestouren auf dem Rücksitz eines Motorrads sitzt und sich von Aussichtspunkt zu Aussichtspunkt fahren lässt. Sein Fahrer war sehr freundlich und hat auskunftsfreudig auf Leos interessierte Fragen über Politik und Gesellschaft geantwortet. Mein Mitreisender erzählt mir, dass viele Vietnamesen arbeiten, bis sie 80 sind, weil sie erst dann eine verschwindend geringe Rente erhalten. Die meisten wären auf die Unterstützung ihrer Kinder angewiesen, die allerdings auch oft in unterbezahlten Servicejobs arbeiten. Nur als Angestellter der Regierung würde man schon ab 65 eine gute Pension bekommen.
Es sind diese Dinge, die man beim Durchreisen leicht ausblenden oder verklären kann und ich schließe mich da mit ein. Wenn ich ältere Menschen bei der Feldarbeit, auf Rikschas oder an ihren kleinen Verkaufsständen beobachtet habe, ist mir häufig der naive Gedanke durch den Kopf gegangen: "Ach, schau mal an. So aktiv auf die alten Tage.". Aber der alte Vietnamese auf dem Boot padelt mit den Füßen durch die Höhlen von Ninh Binh ganz offensichtlich nicht aus dem gleichen Grund aus denen der 70-jährige Fred im Fitnessstudio am Rudergerät sitzt.
Im gesamten Komplex kommen wir uns ziemlich einsam vor. Bis auf ein paar andere Touristen, sind wir die einzigen auf dem Gelände, das vielleicht in etwa ein Zehntel Saarland entspricht. Zwar geht der Ursprung von Bai Dinh auf die vietnamesische Kaiserzeit zurück, davon sind aber nur ein paar Schreine in Höhlen übrig, die heute Fledermäuse bewohnen. Alles andere wurde vor etwa zwanzig Jahren errichtet. Als internationaler Pilgerort bieten die vielen Tempel Platz für hunderte Buddhisten gleichzeitig. Ein Kongresszentrum ermöglicht Tagungen. Hunderte Pissoirs in der Herrentoilette im Eingangsbereich verhindern Schlange stehen, wenn mal eine Delegation Mönche auf einmal muss. Neben Einhörnern, die wie Löwen aussehen, Phoenixen und Drachen zählen Schildkröten zu den heiligen Tieren in Vietnam. An die tausend Stein-Statuen von ihnen mit weisen Sprüchen auf dem Panzer reihen sich in den Gängen aneinander. Pathetische Musik plärrt aus den Lautsprechern und wir fragen uns, ob die Gläubigen nur an bestimmten Tagen hier massenhaft aufschlagen oder warum die Anlage heute nicht ausgelastet scheint. Es ist Sonntag, aber da sind ja auch deutsche Gotteshäuser leer.
Viel interessanter ist hingegen, dass Kinder das Freilichtmuseum als Übungsfeld für ihren Englischunterricht nutzen. Teils in kleinen Gruppen, teils als komplette Klasse in Begleitung von Lehrern verwickelt sie die Touristen in Gespräche. "Hellow, how ah you?", "Where you from?". Drei Kids folgen mir durch eine Pagode und geben mir mit Kinderfragen Gelegenheit, um über die eigentlichen Dinge im Leben zu nachzudenken: "What's your favourite sport?", "What's your favourite food?", "What is your favourite animal?". "Hm.. monkey, no wait.. cat!". Ich finde heraus, dass alle drei in der Schule am liebsten Mathe mögen. Ungewöhnlich. Mit komplexeren Rückfragen sind sie allerdings etwas überfordert. Sobald sie mit ihrem auswendig gelernten Fragebogen zu Ende sind, geht's zum nächsten Touri und sie winken zum Abschied: "Bye, bye! Tam biet!"
Die beiden Holländer sind das Gegenteil von Antonio, der 5-Minuten-Terrine unter den Reisenden, bekannt aus der Angkor Wat-Folge. Sie hätten vor ein paar Monaten ihr Haus verkauft und nehmen sich jetzt quasi als Slow Traveler alle Zeit der Welt für die Welt. Am Anfang klappern sie ein paar Sehenswürdigkeiten ab und danach bleiben sie eine oder auch zwei Wochen am selben Ort, bevor sie dann in aller Gemütlichkeit weiterziehen. Im Gegensatz zu den selbsternannten "Foodies", die jede Mahlzeit ein neues Gericht ausprobieren müssen, besuchen die beiden zum Mittag- oder Abendessen immer den gleichen liebgewonnenen Streetfood-Laden. Das finde ich sehr sympathisch, schließlich bin ich der Erfinder der "Ort der Gewohnheit"-Regel. Das einzige Problem sei nur, dass sie sich noch nicht dem frühen vietnamesischen Tagesrhythmus angepasst haben. Manchmal endet das Zeitfenster fürs Frühstück schon gegen halb 10. "But then we just go and sleep some more after.", berichtet die freundliche Holländerin mit Kurzhaarschnitt und lacht. Ich kann sie außerdem beruhigen, dass Kambodscha zumindest im touristischen Siem Reap alles andere als kriminell und gefährlich ist und ermutige sie, sich Angkor Wat anzuschauen. Mit ihrem Reisetempo sehen sie sicher mehr als ich in den zwei Tagen. Als es dunkel wird, nehme ich mir ein Grab-Taxi und wir bedanken uns beieinander für das nette Gespräch. Der Umweg zum Sunset Point hat sich klar gelohnt.
