Wer vie was - Vietnam für Einsteiger
Motorroller Warum Laufen, wenn man Roller fahren kann. Westler, die nicht gerade schlendernd oder schoppend auf den mit Mopeds vollgestellten engen Gehwegen unterwegs sind,...


Veröffentlicht: 23.09.2025
"An" ist der Name der Hotelbetreiberin, wie in "Hoi An", erklärt sie mir. Sie breitet die Broschüre mit der Karte der gleichnamigen Stadt vor mir aus. Wie eine Ärztin bei einer Beratung zur Schönheits-OP kringelt sie darauf die relevanten Stellen ein, die gemacht werden müssen. "The bamboo circus show is here. There is the restaurant recommendation for Cao Lau. This is the tailor who can fix your clothes." Zum Glück überschneiden sich meine Pläne für die nächsten zwei, drei Tage in Hoi An und ihre Überzeugungen, wie ein Tourist seine Zeit in der Stadt am besten verbringt. Die meisten Hotels bieten alle möglichen Services für ihre Gäste an, inklusive Wäsche waschen, Touren organisieren und Fahrten zum nächsten Reiseziel buchen. Das nutzt man dann auch besser, sonst gibt's Ärger.
Die erste Tour, die An für mich organisiert, ist eine Stadtführung durch die malerische Altstadt von Hoi An. Wenn man sich auf Hoi An über den Hype hinaus einlässt, erkennt man durchaus den Charme des Touristenmagneten. Dem Polen Kazimierz Kwiatkowski ging es ähnlich, als er 1985 zum ersten Mal Hoi An besuchte. Wobei er statt noblen Läden mit Maßschneidern und Karaoke-Bars damals nur einen verschlafenen Fischerhafen und baufällige Häuser vorfand. Er setzte sich ab da an dafür ein, die historische Altstadt zum UNESCO-Kulturerbe zu ernennen. Den Erfolg seiner Bemühungen durfte er leider nicht mehr miterleben, da er 1997, zwei Jahre vor der Auszeichnung, starb. Für sein Wirken und seine Unterstützung, die 400-Jahre alten Häuser zu restaurieren und das alte Stadtbild wieder in Stand zu setzen, bedankten sich die Bewohner von Hoi An mit einer überlebensgroßen Büste des Architekten. Der bärtige Kwiatkowski lächelt seitdem freundlich im Zentrum der Altstadt und noch immer zünden seine Bewunderer Duftkerzen vor dem Denkmal an.
Ich lerne außerdem, dass mein Geburtsjahr das Jahr des Pferdes ist. Im japanischen und chinesischen Viertel besuchen wir buddhistische Pagoden und Häuser der ausländischen Händler. Vor 400 Jahren war Hoi An eine berühmte Handelsstadt. Danach versiegten die Flüsse und ähnlich wie in Brügge zur gleichen Zeit endete hier innerhalb von wenigen Jahren die Blüte des Seehandels.
Geht man auf den Zeitstrahl noch weiter zurück, landet man bei den Cham, die die Gegend rund um Hoi An beherrschten und ursprünglich von Indonesien aus einwanderten. Die nächste Tour führt mich zu den hinduistischen Tempeln der Cham aus dem 10. Jahrhundert, nach My Son. Auch diese Tempelanlagen stehen dank des polnischen Architekten auf der UNESCO-Liste. Ein Großteil der Anlage wurde von der US-Armee zerbomt. Der Vietcong nutze es als militärisches Hauptquartier. Jetzt sind internationale Archäologen dabei, die Ruinen zu restaurieren.
Nachdem ich Angkor Wat bewundern durfte, bin ich in My Son etwas unterwältigt. Aber es ist interessant, die Spuren der anderen Hochkultur zu sehen, die im ständigen Konflikt mit den Khmer von Angkor standen. Ich frage außerdem bei unserer Tourguide nach und sie berichtigt die Angaben des Guides in Angkor Wat. Anders als der behauptet hat, waren die Cham nicht muslimisch, sondern hinduistisch als sie gegen die Khmer kämpften. Sehr viel später erst konvertierten manche der Cham zum Islam, die meisten davon leben heute in Kambodscha. Daher rührt wahrscheinlich die Fehlinfo des kambodschanischen Fremdenführers.
Zurück in Hoi An lerne ich mehr über die 53 verschiedenen Minderheiten Vietnams. In einer Fotoausstellung hat ein Franzose alle diese Ethnien erfasst. Er ist in den letzten drei Jahrzehnten durch das gesamte Land gereist ist, musste bei vielen Stämmen in den unzugänglichen Orten erst Vertrauen gewinnen, bevor er das Leben möglichst authentisch dokumentieren durfte. Es ist deshalb eine sehr persönliche ethnologische Ausstellung. Neben Landschaftsaufnahmen und Kostümen sind es vor allem die Portraits, die in meiner Erinnerung hängen bleiben. 100-jährige faltige Gesichter grinsen in die Kamera. Der Fotograf zitiert eine Frau: "Why didn't you come here when I was young and beautiful."
Mit 84 % der Einwohner sind die Kinh die größte Ethnie Vietnams. Es war auch das Volk, das das Viet-Imperium begründet hat. Es hat seinen Auftritt in der Hoi An Memories Show am Abend. Über 500 Menschen sind bei der Performance Show am Werk voller pathetischer Gesänge und imposanter Tanzeinlagen. Die Geschichte der Stadt wird fünfmal die Woche aufwendig inszeniert und zieht vor allem vietnamesische Patrioten nach Hoi An. Durch die fünf Teile der Vorstellung hindurch spinnt eine weiß gekleidete Vietnamesin an einem Webstuhl den metaphorischen Erinnerungsfaden.
In einem Kapitel der Show wird die Übergabe der Stadt von den Cham an die Viet gezeigt. Als Hochzeitsgeschenk für seine Kinh-Braut übergab der damalige König der Cham die Stadt an die Vietnamesen. Unter den Untertiteln "the cultural harmony between the Vietnamese and Cham civilizations through the wedding" reiten Braut und Bräutigam auf Elefantenatrappen ein. Der Hofstaat tanzt und feiert den Frieden. Die gewaltsame Zerstörung des Champa-Reiches durch das Viet-Imperium 1 1/2 Jahrhunderte später und die Vertreibung der verbliebenen Cham in den Süden wird nicht erwähnt. Das lässt sich in der einstündigen Choreographie nicht mehr unterbringen und sich fairerweise auch nicht sehr gut mit Tanz und Gesang darstellen. Stattdessen endet die Show mit Wasser- und Feuerfontainen. Hoi An hat es durch den Erinnerungsfaden der Geschichte geschafft und ist stolz darauf. Das Publikum ist es auch.
Am zweiten Abend besuche ich mit dem Slowaken Leo, den ich auf der My Son-Tour kennengelernt habe, die Bamboo Circus Show. Die Bühne ist kleiner und indoor, dafür ist der Zirkus mindestens genauso beeindruckend wie die Tanz-Performance. Die Nummern sind dieses Mal komplett handgemacht, anders als in der Vorstellung am vorigen Abend mit Musik aus der Konserve und Licht- und Feuereffekten als würden Helene Fischer und Ramstein gleichzeitig auftreten. Der Bambuszirkus wird von Trommeln und Tröten live begleitet. Die Athleten schwingen sich über die komplette aus Bambus bestehenden Konstruktionen, die mit Seilen immer wieder neu zusammengebunden werden. Am Ende springt der Hauptartist mit zusammengebundenen Augen blind von Stab zu Stab, während seine Kollegen unten liegend das Gerüst mit aller Kraft zusammenhalten.
Nachdem ich mir das volle Touristen-Programm in Hoi An gegeben habe, hole ich mir zum Abschied von der Hotelchefin An meine Teilnehmer-Medaille ab. Eine Reihe von Tontieren steht vor mir auf dem Rezeptionstresen. "In which year you were born?", fragt sie mich. "In the year of the horse!", wenigstens etwas ist während der Touren bei mir hängengeblieben. Ich stecke meine Figur in meinen Rucksack und steige in den Bus. Auch der wurde selbstverständlich von An organisiert.
In Richtung Norden reise ich weiter nach Hue. Hier bin ich wieder auf mich alleine gestellt. Allerdings bleiben mir vor dem Umstieg in den Zug nach Ninh Binh nur wenig Zeit in der ehemaligen südvietnamesischen Grenzstadt. Ich verbringe also die vier Stunden damit, in Erinnerungen an meine Reise vor sieben Jahren zu schwelgen. "Seven years ago!" wird zum Mantra meiner Reise durch das Land. Wenn mich Menschen fragen, ob ich schonmal hier war oder auch ungefragt, schleudere ich ihnen die Info begeistert entgegen. Vielleicht möchte ich den Leuten damit sagen, wie sehr ich ihr Land mag, dass ich sogar zum zweiten Mal hier bin. Vielleicht möchte ich auch ein wenig als vermeintlicher "Vietnam-Kenner" angeben und mich von den anderen Partytouristen abheben, die wie Mongolen einmal durchreiten. Jedenfalls sind die Reaktionen oft sehr warmherzig. Ich kehre in ein Restaurant wieder zurück, in dem mir 2018 gratis grüner Tee gereicht wurde, weil mir nach einen Biss in eine grüne Chili die Augen tränten. Als mir die Kellnerin zeigt, wie man das Reispapier richtig rollt, gebe ich zu verstehen, dass ich schon einmal hier war. Ich stelle mich dennoch mindestens genauso ungeschickt beim Rollen drehen an, wie schon vor sieben Jahren. Die Kellnerin gibt mir zum Abschied einen Werbe-Schlüsselanhänger des Restaurants. "A little souvenir. Seven years ago.", lächelt sie mich an. Ich könnte heulen, aber diesmal wäre nicht die grüne Chili schuld.
Hue war im Krieg die letzte Bastion Südvietnams. Wer je den Film Full Metal Jacket bis zum Ende und weiter als zur berühmten Ausbildungsszene ("Sie sind so hässlich, Sie könnten glatt ein modernes Kunstwerk sein.") gesehen hat, wird sich an die Schlachtszenen der Tet-Offensive in Hue erinnern. Kubrick hatte Flugangst und hasste es zu reisen, weshalb die Szenen nicht in Südostasien, sondern in London gedreht wurden. Viele Veteranen nehmen aber den weiten Flug nach Hue auf sich, um sich mit ihrem Trauma auseinander zu setzen. Mit so einem US-Marine saß ich 2018 im Bus, der uns unter anderem zur ehemaligen Flugzeug-Basis Khe Sanh brachte. Der um die 70-jährige Ami zeigte auf einen benachbarten Hügel und beschrieb kurz, wie er mit anderen Spezialeinheiten mit Macheten den Weg durch den Dschungel freischlug. Ich glaube, irgendwas mit Hügel sichern oder Vietcong aufspüren, war seine Mission, aber meine Erinnerung daran ist verschwommen.
Ein Treffpunkt der Veteranen ist die "DMZ-Bar", an deren Decke eine dreidimensionale Karte der Demilitarized Zone zwischen Nord- und Südvietnam angebracht ist. Ich bin mir außerdem sicher, dass ich, als ich in der Bar war, einen echten amerikanischen Helikopter gesehen habe, der von der Decke hing. Ich will den Heli nochmal sehen und spreche das Personal darauf an. Sie sind leicht verwirrt, führen mich aber nach Kommunizieren über die Übersetzungsapp in einen weiteren Raum, in dem ein kleines maximal ein Meter großes Modell des "Huey" hängt. Ungläubig suche ich im Internet nach Fotos. Das muss es doch gegeben haben oder hat der TÜV dem ganzen ein Ende bereitet? Erst dann reift die Erkenntnis in mir, dass ich das Ganze völlig falsch abgespeichert habe. Da hing nie ein Helikopter. Ich war nicht mal in der Bar, sondern habe nur im Lonely Planet darüber gelesen, dass es diese kleine Attrappe gab. Daraus hat mein Gehirn dann einen kompletten Original-Hubschrauber gemacht, der selbst für die lockeren vietnamesische Baugesetze eine Nummer zu heiß wäre. Mein Erinnerungsfaden ist offenbar noch lückenhafter als der in der Memories Show von Hoi An.
