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Wer vie was - Vietnam für Einsteiger

Veröffentlicht: 18.09.2025

Sehenswert
Vietnam
Vietnam
Sehenswert
Hoi An
Hoi An, Vietnam
Sehenswert
Da Lat
Da Lat, Vietnam
Motorroller


Warum Laufen, wenn man Roller fahren kann. Westler, die nicht gerade schlendernd oder shoppend auf den mit Mopeds vollgestellten engen Gehwegen unterwegs sind, sondern zielstrebig von A nach B gehen, werden direkt Mitfahr-Angebote unterbreitet: "Sir, where you going?", "Grab?" Grab ist die Uber-App in Südostasien, über die man sich auch auf dem Rücksitz eines Motorrads mitnehmen lassen kann. 

Das Leben in Vietnam findet auf, neben und zwischen dem Fortbewegungsmittel Nummer 1 statt. Einige Grab-Fahrer haben ihre Sitze zu regelrechten Liegestühlen umgerüstet, auf denen sie zwischen den Fahrten Siesta halten. Man möchte Applaudieren wie bei einer Zirkusnummer, wenn man zum ersten Mal sieht, wie eine Mutter ihre drei Kinder auf dem Scooter zur Schule fährt. Für sie ist es ein Morgen wie jeder andere. Motorradfahrer transportieren Mengen an dreifach übereinander gestapelten und verschnürten Kisten, die bei einem deutschen WG-Umzug nicht mal in einen Sprinter passen würden. Zwischen dem Lenker schaut fröhlich hechelnd ein Hund hervor, während Herrchen mit 50 km/h die zögernd über die Straße wankenden Touristen umschifft. Ein seitlich angebrachter mit Feuerholz gefüllter Ofen brennt weiter und erhitzt beim Fahren die Teigtaschen. Das spart Zeit, wenn der Bäcker von einem Verkaufsort zum nächsten fährt.

Spätestens seit dem wirtschaftlichen Boom, den das Land in den 90er Jahren erlebte, ist die Rate der Motorradnutzung mindestens genauso hoch wie die der Alphabetisierung. Eine Steuer auf Autos, die nach Größe bemessen teilweise bis zu 150 % des Kaufpreises beträgt, sorgt dafür, dass das auch künftig so bleibt. Ein weiterer Grund dürften die oft schmalen Gassen in den Städten und die baufälligen Straßen auf dem Land sein, die sich mit dem Roller besser fahren als mit dem Auto.

Aber auch vor dem Siegeszug der Scooter waren die Vietnamesen auf zwei Rädern unterwegs. Das Fahrrad wurde über die französische Kolonialmacht populär. Bis in die 80er Jahre muss der Verkehr auf den Straßen Hanois ähnlich geschäftig gewesen sein wie heute, nur wesentlich leiser und langsamer. Die quäkende Hupe ersetzte schließlich die helle Fahrradklingel.

Eine neue Verkehrswende vollzieht sich derzeit durch den Aufstieg einer vietnamesischen E-Auto-Firma namens VinFast, die sich vor allem auf den Bau von elektronischen Rollern konzentriert hat.



Ca Phê


Vietnamesen übernehmen nicht einfach kulinarische Errungenschaften. Sie passen sie an und verbessern sie. Heißen Kaffee bei 30 Grad im Schatten will keiner trinken. Also wird das Glas mit Eiswürfeln aufgefüllt - erfunden ist der vietnamesische Eiskaffee. Wie viele Eiswürfel? So viele wie bis oben hin reinpassen. Der Rest ist Kaffee und süße Kondensmilch. Weil so etwas wie ein Reinheitsgebot hier nicht existiert, kommt darüber hinaus der Kaffee in verschiedenen Geschmacksrichtungen einher, die selbst über die Bandbreite Berliner Hipster-Cafés hinausgeht. Kokosnusskaffee kommt mit Kokosraspeln und einer Kugel Eis daher. Wieselkaffee, oder auch Katzenkaffee, wird aus den halb verdauten ausgeschiedenen Kaffeebohnen der Tiere gebraut. Wer glaubt, Kaffee mit Ei oder mit Salz wäre eine Verletzung des guten Geschmacks, kann sich beim Probieren eines Egg Coffee in Hoi An oder Salted Coffee in Da Lat eines Besseren belehren lassen.

Die Liebe zum Plastik in Vietnam lässt sich in Vietnam am besten beim Kaffee bestellen beobachten. Wenn man Kaffee am Platz bestellt, wundert man sich, dass dieser dann oft in der vermeintlichen to go Variante im Plastikbecher gebracht wird. Wer zum Mitnehmen ordert, dem wird dieser Plastikbecher dann noch zusätzlich in einer angeschweißten Plastiktragetasche mit einem in Plastik eingepackten Plastikstrohhalm überreicht.



Pho


Wenn der begeisterte Vietnam-Backpacker zurückkehrt, ist ein Satz, den man oft zu hören bekommt: "Also das vietnamesische Essen dort ist ja gaaaanz anders als hier." Das liegt in der Natur der Sache, lässt sich aber am besten am Nationalgericht Pho belegen. Statt wie in deutschen Pho-Restaurants von Anfang an alle Zutaten in die Schüssel zu geben, wird einem im Ursprungsland der beliebten Nudelsuppe ein Teller mit Kräutern und Salatblättern gereicht. Was der Vietnam-Neuling leicht als Vorspeise missinterpretieren könnte, ist die Beigabe, die dann frisch in die heiße Suppenschüssel gegeben wird. Die kleinen fahrbaren Kochnischen stehen an allen Ecken und Enden und sind oft spezialisiert auf Pho Ga (Hühnersuppe), Pho Bo (Rindersuppe) oder Pho Chay (vegetarische Suppe). Man lernt den Einsatz von Stäbchen dabei intuitiv, ob man will oder nicht. Die vielen Suppengeschäfte, in denen man Gabeln vergeblich sucht, sind ausschließlich auf Einheimische ausgerichtet, die auf den zahlreichen 30 cm hohen Plastikhockern sitzen und laut schlürfend ihre Mittagspausen-Pho genießen.



Gesellschaft


Die Alterspyramide in europäischen Ländern steht Kopf, in Vietnam zeigt die Spitze nach oben. Die Zahl der Geburten lag vor einigen Jahrzehnten so hoch, dass eine Zwei-Kind-Politik eingeführt wurde, die erst in diesem Jahr wieder offiziell abgeschafft worden ist. Trotz steigender westlicher Einflüsse bleibt auch die jüngere Generation in ihren Werten und Rollenbildern so traditionell, dass Paare immer noch früh relativ viele Kinder bekommen. Was neu ist verglichen mit der Kriegs- und Nachkriegsgeneration: Die Öffnung des Landes und daraus folgende westliche Einflüsse haben dazu geführt, dass viele junge Vietnamesen nicht nur flüssig Englisch sprechen, sondern sich selbst - ähnlich wie die Taiwanesen - englische Spitznamen geben. Dong, aka Harry, ist Harry Potter Fan. Kat, eigentlich Thao, mag Katzen.

Bestimmte Gesten und Verhaltensweisen ändern sich auch in der Generation Z nicht: Wie in südostasiatischen Ländern aus Respekt üblich wird Geld beim Bezahlen prinzipiell mit beiden Armen überreicht. Eine Hand hält die Geldscheine, die zweite ist am Ellenbogen des anderen Arms angewinkelt. Privatwohnung und buddhistische Tempel, aber auch manche Hotels, Apotheken oder Massagestudios sollten nicht mit Schuhen betreten werden.

Das Schönheitsideal richtet sich nach dem Koreas. Je bleicher, desto attraktiver. Auch deshalb sieht man die meisten Frauen auf Scootern von Kopf bis Fuß in Kleidung bedeckt. Um sich nicht der bräunenden Sonne auszusetzen, tragen viele im Freien Hüte und Gesichtsmasken, die manchmal sogar die Stirn mit einschließen. Kurze Hosen tragen neben den Ausländern maximal Fischer oder Bauern auf dem Land.

Die vielen jungen Pärchen sieht man höchstens Händchen haltend. Küssen in der Öffentlichkeit ist Tabu. Hingegen sind Fragen nach dem Alter oder dem Beziehungsstatus kein Problem. Oft kann es vorkommen, dass eine Kellnerin ihre ausländischen Gäste fragt: "How old are you?" oder "Are you married?". Das sollte im Zweifelsfall nicht als Flirt missverstanden werden, sondern lediglich als harmloses Smalltalk-Angebot.



Politik


Die Partei hat immer Recht. Und tatsächlich ist nachvollziehbar, warum eine Menge Vietnamesen so denken. Die kommunistische Partei unter Ho Chi Minh hat Vietnam in die Unabhängigkeit geführt, das Land erfolgreich gegen Franzosen und die USA verteidigt und die Einheit wiederhergestellt. Wie und unter welchen unterdrückenden und gewalttätigen Maßnahmen, interpretiert die von der Ein-Partei-Diktatur vorgegebenen Geschichtsschreibung mit Auslassungen von Ereignissen und Umdeutung.

Aber dass sich die vietnamesische Geschichte leicht als Erfolgsstory lesen lassen kann, ist unbestreitbar. Der Fortschritt lässt sich spätestens seit der Marktliberalisierung ab den 90er Jahren für die meisten Vietnamesen im Alltag spürbar feststellen. Eine Medienkontrolle und Zensur so allumfassend wie in China hält die Regierung auch daher für nicht nötig. Sie verwebt Nationalismus mit Kommunismus und der Loyalität zur Partei. Die vom Jubiläum zum Unabhängigkeitstag übrigen roten Flaggen stehen dafür Symbol. In Reihe hängen der goldene Stern und Hammer und Sichel nebeneinander. 

Selbst bei kritischeren, nicht so angepasst und traditionell lebenenden Vietnamesen wird man eine gewisse Akzeptanz für den Status Quo vorfinden. Wahrscheinlich spricht das auch für den Pragmatismus des widerstandsfähigen Volkes. Man ist eher froh, nicht in einer komplett gesteuerten Gesellschaft wie der chinesischen zu leben. Ein Vergleich, der auf Grund der politischen und geografischen Nähe allgegenwärtiger erscheint als der zur westlichen Hemisphäre.

Für einen Großteil der jungen Gesellschaft Vietnams ist ihr System eines von vielen in der Welt, prinzipiell nicht besser oder schlechter als andere. Es funktioniert für ihr Land und die Vergangenheit scheint ihnen Recht zu geben.



Norden / Süden 


Der Vietnam-Tourist findet sich häufig auf ausgetretenen Pfaden, denn man bereist das Land in der Regel auf einer von zwei Routen: Nord nach Süd oder Süd nach Nord. Die geografische Schrimp-Form lässt kaum eine andere Möglichkeit zu. Wenn man dann anderen entgegenkommenden Reisenden begegnet, kann man praktischerweise Tipps und Empfehlungen zu den jeweiligen Landesteilen austauschen: "Wenn du in Hoi An bist, unbedingt Rice Chicken in dem einen Restaurant probieren.", "In Hanoi musst du in diese eine Rooftop Bar gehen.".Wie in West- und Ostdeutschland gibt es auch 50 Jahre nach der Einheit in beiden Landesteilen Vietnams noch Unterschiede, seien sie wirtschaftlich, kulturell oder sprachlich.

Der ärmere Norden soll durch steuernde Maßnahmen wie gezielter Ansiedelung von Industrie gleichgestellt werden. Die Schwäche der Wirtschaft wird im Narrativ der Regierung nach wie vor mit den Auswirkungen des Krieges erklärt. Angesichts der Ausmaße der Bombardierungen durch die amerikanischen Airforce dürfte das durchaus mehr als bloße Propaganda sein.

Dagegen führten die zwei Jahrzehnte unter kapitalistischen Vorzeichen und Wirtschaftshilfen der USA dazu, dass im Süden mehr Menschen im Mittelstand lebten. Strukturen und Mentalitäten, die dort weiterhin existierten, haben möglicherweise dazu geführt, dass sich nach den Reformen von 1986, die Wirtschaft dynamischer entwickelte als im nördlichen Landesteil. Diese und andere Gründe mögen dazu beitragen, dass es das Klischee vom gelassenen, offenen und freundlichen Südvietnamesen gibt und das des arbeitstüchtigen, aber etwas verschlosseneren Nordvietnamesen. Da durch Wegzug der jüngeren Generationen für das Studium oder die Arbeitssuche die Mobilität im Land steigt, verwaschen sich solche Unterschiede zwar mehr und mehr. Aber noch immer fühlen sich selbst westliche Touristen, die "Authentizität" und das traditionelle Vietnam suchen, im Norden wohler und die, die touristischere Infrastruktur bevorzugen, verbringen mehr Zeit in den südlichen Metropolen wie Ho Chi Minh City oder Da Nang.

Auf einen Blick

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Kulturell
  • Egg Coffee in Hoi An
  • Salted Coffee in Da Lat
  • Pho als Nationalgericht
  • Unterschiede zwischen Nord- und Südvietnam
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