Auf Kur
"Go to Da Lat, man!", ich habe die Worte des Neuseeländers noch im Kopf, als wenn es gestern gewesen wäre. Der Maori hatte mir sein persönliches Vietnam-Highlight ans Herz gelegt,...


Veröffentlicht: 14.09.2025
Die Sonne geht auf über Reisfeldern, Kanälen und Stränden rund um das Venedig Vietnams. Wieder einmal muss ich feststellen: Vietnamesen sind early birds. Vielleicht ein weiterer Grund, warum sie den Ami geschlagen haben. Während die noch opiumbetäubt im Unterstand lagen, hat der Vietcong schon vor Stunden angefangen, Tunnel zu graben und angespitzte Holzpfähle in die Erde zu rammen. Jetzt - in Friedenszeiten - beobachte ich im Morgengrauen, wie der Moped-Verkehr schon in vollem Gange ist, wie Gruppen Tai Chi Übungen machen, wie die Ladenbesitzer Sonnenschirme aufklappen und Plastikhocker zurechtrücken.
Ich beruhige mich mit dem Mantra: "Ich bin nicht der erste Rucksackreisende, den sie fährt". Jedes Mal werde ich beim Bergabfahren vor zur Fahrerin gedrückt, beim Bergauffahren muss ich mich fest an den hinteren Griff klammern, um nicht hinten runter zu fallen. Aber sie setzt mich sicher vor Lao's Homestay ab. Der empfängt mich direkt mit dem üblichen grünen Tee und einem Gästebuch, in dem er mir stolz sehr wohlwollende Einträge seiner Gäste zeigt. "Where from?" - "Đức". Er blättert zu ein paar Seiten, in denen Deutsche ihr Lob hinterlassen haben: "Man fühlt sich wie ein Teil der Familie... wundervolle vier Tage...Trung hat uns zu einer tollen Stelle zum Schnorcheln gefahren." Das klingt vielversprechend. Ich verschiebe mein erstes Mal Schnorchel aber auf morgen und signalisiere gestikulierend, dass ich nach einem Nickerchen erstmal zu Fuß die Insel erkunden möchte.
Auf einmal wird meine Aufmerksamkeit auf einen hellen Schrei gelenkt, den ich erst einem Vogel zuordne. Als ich näher komme, hüpft etwas durch die Baumkronen. Es sind Affen. Die schrillen Rufe gelten mir, denn sie werden zahlreicher und lauter, als ich die Straße weiterlaufe. Die Silhuette eines Makaken zeichnet sich auf einem Ast ab, aber den Geräuschen nach zu urteilen, müssen es noch mehr sein. Ich laufe stetig und behutsam durch den grün umrahmten Korridor. Janz ruich. Ich will ja nur durch. "Hey Fremder!" - Es fühlt sich an, als würde ich langsam durch die matschigen Straßen einer Wildwest-Kleinstadt reiten und hinter den Gardinen starren mich misstrauische Augenpaare an. Sind sie die Bedrohung oder bin ich es?
Schnorcheln ist ein Kinderspiel. Und doch stelle ich mich ziemlich unbeholfen an. Die Taucherbrille funktioniert wie eine Lupe. Damit kann ich auch mit meiner Kurzsichtigkeit einwandfrei sehen. Allerdings kommen mir dadurch die Fischschwärme und Korallen viel näher vor als sie sind. In Panik, ich würde dran vorbei schrammen, vergesse ich das Atmen durch den Mund und auch das Mundstück richtig zu umfassen und bekomme etwas Salzwasser in die Atemwege. Bah! Das passiert mir einige Male. Am Ende ist wohl auch mein Schnurrbart Schuld. An glatten Oberflächen haftet die Taucherbrille besser. Lao stellt mir sogar seinen Rasierapparat zur Verfügung. Da bleibt mir kaum eine andere Wahl, als die bloßen Äußerlichkeiten unterzuordnen. Ab isser. Trung fährt mich danach mit Moped zu einem anderen Strand und düst wieder ab. Alleine habe ich noch mehr Respekt vor der deep blue sea, auch weil jetzt am Nachmittag mit mehr Wellengang der Sand aufgewirbelt wird und die See noch trüber ist. Ich kann kaum mehr als zwei Meter weit blicken. Eine irrationale Angst umfängt mich. Thalassophobie, wie mich mein Bruder später aufklärt. Angst vor tiefen Gewässern. Schön, dass man heutzutage alles definieren kann. Vielleicht finde ich irgendwann eine Selbsthilfegruppe dafür. Fürs Erste finde ich mich damit ab, dass Tauchen und Schnorcheln nicht so meins ist und setze mich in einen der vielen Liegestühle unter Palmen. Am Strand liegen Müllsäcke, die ein Affe auf der Suche nach Futter durchwühlt. Ein Mann kommt mit einer Harke angerannt und verscheucht ihn. Was Touristen exotisieren, ist für die Einheimischen nerviger Alltag. Die Müllmänner und -frauen kommen hier mit dem Boot und der Abfall wird aufgeladen.
Auf dem Rückweg laufe ich die hügelige Straße zum Dorf, als ich auf einmal einen Affen auf dem Asphalt stehen sehe. Kein kleiner niedlicher, sondern ein ausgewachsener Muskel-Primat, der vor Stress nicht zurückschreckt. Der Makaken-Macker macht keine Anstalten, auch nur einen Schritt zur Seite zu gehen. Als ich mit gebührendem Abstand an ihm vorbeilaufe, macht er einen Satz vor und ich zwei zurück. Chabos wissen, wer der Babo ist.
Ein Russe versucht mit mir ein Gespräch per Übersetzungs-App. Er spricht in sein Handy, dass er zur Zeit in Mexiko leben würde. Er wäre es Leid, überall in Vietnam auf Russen zu treffen und hätte die "hyperaktiven Patrioten" in seinem Land satt. Vielleicht ist das einer von den Reflektierten, denke ich fälschlicherweise. Der Mann, den ich auf Anfang 50 schätze und der immer wieder seine deutsche Wurzeln betont, stellt sich als lupenreiner Rassist heraus. Auf seinen Kommentar zu unterschiedlichen Mentalitäten von "uns" und Lateinamerikanern folgt ein Satz der mit "Um Hitlers 'Mein Kampf' zu zitieren" beginnt und mit "Überlegenheit der weißen Rasse." endet. Ach Gottchen, ich dachte die Art von Leuten hätte ich in Osteuropa hinter mich gelassen. In mein Übersetzungsprogramm schreibe ich etwas von wegen "Diese Art Denken hat zur größten Katastrophe des 20. Jahrhunderts geführt.", aber er wird meine Weltsicht nicht ändern und ich nicht seine. Ich lasse den adipösen Herrenmenschen kettenrauchend am Tisch sitzen. "No more politics, good night."
Ich sitze am Ufer. Ein Mönch verbrennt einen Haufen trockenen Laubs und läutet eine Glocke. Über die Felsen am Strand läuft ein Vater mit einer Schüssel in der Hand und seinen beiden Söhnen im Schlepptau, beide im Bayern-Trikot. Wir grüßen einander: "Xin chào." - "Hello.. hey.. hello". Vielleicht waren sie Muscheln sammeln.
Sieht so Glück aus? Mit einem Sonnenbrand am Hafen den Einheimischen beim Leben und der Sonne beim Untergehen zuschauen - Sittin' on the dock of the bay, wasting time...
