Goodnight Saigon
Vor so ziemlich genau sieben Jahren bin ich mit einer Erkältung aus Saigon ausgereist. Mit Erkältung reise ich wieder ein. Vielleicht eine Folge fremder Keime, langer Busfahrten...


Veröffentlicht: 11.09.2025
Als ich jetzt sieben Jahre später in Da Lat ankomme, muss ich das erste Mal seit Georgien wieder meinen Pullover rausholen. Es gewittert und donnert gewaltig und die Temperaturen sinken unter 20 Grad. Zu Zeiten der Besetzung hatten die Franzosen sich hier ein kleines Paris geschaffen, mit Villen und repräsentativen Häusern, in denen die Kolonialherren residieren und sich im eher europäischen Klima erholen konnten.
Ich mache nichts dergleichen, sondern muss mich weiterhin erholen. Immer noch schlafe ich schlecht, weil nachts mein Husten wieder einsetzt. Drei Tage kommt's, drei Tage bleibt's, drei Tage geht's. Ich gehe dennoch zum Arzt, auch weil ich mitbekomme, dass eine Art Grippewelle in Südostasien grassiert. Der aber attestiert mir, dass es sich in meinem Fall lediglich um allergische Symptome handelt. Also einfach nur ein weiterer Westler, der die ungewohnte Umgebung nicht verträgt. Für diese simple Diagnose stellt er dem deutschen Hypochonder großzügigerweise nicht mal ein Honorar in Rechnung.
Ich lese über einen angeblichen Fluch, der über Da Lat liegt. Wenn man als verliebtes Pärchen den Ort besucht, dann trennt man sich danach. Anekdotische Evidenz, die es zum Tiktok Trend geschafft hat. Naja, wenn man als Paar die ersten freien Tage zusammen verbringt, dann stellt man unter Umständen fest, dass man nicht füreinander geschaffen ist. Da kann die arme Stadt, die man für seine Flitterwochen gewählt hat, nichts für. Trotz der üblen Nachrede und der Regenzeit wuseln frisch Verliebte durch Da Lats Straßen. Ob Hand in Hand um den Stadtsee schlendernd, posierend vor den zahlreichen picture points mit romantischem Hintergrund oder er Scooter fahrend, sie hinten aufsitzend - Liebe scheint hier noch wie im guten alten Disneyfilm zu funktionieren.
Die Zugänge zum kleinen Berg, auf den ich draufwandern möchte, sind durch Tore und Sicherheitsposten gesperrt. Ich lerne später, dass er einem Investor gehört, der teure Privattouren organisiert. Soviel zum Sozialismus.
Stattdessen besuche ich einen buddhistischen Tempel nahe der Seilbahnstation und schließe unwillkürlich die Augen, als ich im Schneidersitz vor der Buddha-Statue sitze. Hätte ich jetzt noch meine elephant pants an, wäre ich die Verkörperung des westlichen Backpackers, der "seine Spiritualität wiederentdeckt hat". Hab ich aber nicht. Wie in allen anderen religiösen Gebäuden genieße ich die Stille und nehme das Blätterrauschen und Vogelzwitschern von draußen wahr. Ein Mönch schlägt andächtig die Glocke, jedesmal wenn echte Gläubige die Halle betreten, um zu beten und ein paar Dong zu spenden. In den Pausen dazwischen hängt er ganz weltlich auf seinem Hocker und wischt durchs Handy.
Unser Abstieg zu dritt ist nicht weniger kurzweilig. Die beiden Vietnamesen erzählen mir einiges über die Unterschiede zwischen Norden und Süden. Ich hingegen versuche mit dem Klischee aufzuräumen, Deutsche wären absolut hart arbeitende Workoholics. Mitnichten. Warum sollte man sonst ständig so viele Deutsche im Ausland antreffen? Mit maximal zehn Urlaubstagen im Jahr wie bei den Amis wäre das nicht zu bewerkstelligen.
Während meines Kurzaufenthalts in Nha Trang stelle ich fest, dass die Stadt von Russen überfüllt ist. Selbst Restaurantmenüs sind in Russisch. Ein Grab-Fahrer hält mir zur Bestätigung sein Display mit meinem Namen entgegen: "Da?". In Po Nagar, einer Ruine der alten Cham (die Gegenspieler des Khmer-Reiches), verwarnt ein genervter Wachmann eine Blondine, die trotz eindeutiger Pictogramme im Tempelinneren ihre Handykamera zückt: "net fotografiy".
Ich bin froh, den Küstenort voller Malls, Resorts und hochgeschossiger Hotels im Schlafwagen zu verlassen. Der Schaffner blickt nur kurz in seine Passagierliste und dann in mein Abteil. Ich bin der einzige hier mit einem schwierig auszusprechenden Namen und er gibt thumbs up: "Max Im Lian?". - "Yes, that's me."
