Vor so ziemlich genau sieben Jahren bin ich mit einer Erkältung aus Saigon ausgereist. Mit Erkältung reise ich wieder ein. Vielleicht eine Folge fremder Keime, langer Busfahrten und der zwei 10-stündigen Touren durch die Ruinen von Angkor. Im Schlafbus liegend klemme ich mir - als Ersatz für Aspirin - meine Inhalierdose mit thailändischer Kräutermischung zwischen Mund und Mütze und lasse mir den frischen Geruch in die Nase ziehen. Mein Kopf dröhnt. Ich ziehe die Gardine vor und blicke zum ersten Mal seit Grenzübertritt raus auf Vietnam. Draußen ziehen Armeen von behelmten Mopedfahrern durch die nächtlichen Straßen Saigons. Rote Flaggen mit goldenem Stern und kommunistischem Hammer sowie große Banner mit Abbildung der stolzen werktätigen Massen zeugen von den Feierlichkeiten zum Unabhängigkeitstag Vietnams vor zwei Tagen. Überall blinkt es neon-grün und -rot. Reizüberflutung für mein träges Gehirn.
Sobald mich der Grab-Fahrer am Eingang zu meinem Hotel absetz, ahne ich, dass ich mich verbucht habe. Rot-gelbe Leuchtreklame verspricht günstige Preise: "70k VD = 2h". Offensichtlich bin ich in einer Gegend mit Stundenhotels gelandet und meins ist eines davon. Klassisch am falschen Ende gespart.
Ich öffne in meinen kahlen gefliesten Zimmer den Kühlschrank und zwei Kakerlaken springen mir entgegen. Ach, so kenne ich mein Vietnam. Als ich ins Bett gehen möchte, fallen mir zwei winzige Insekten in den Laken auf, die mir verdächtig wie Bettwanzen vorkommen. In Siem Reap hatte ich im Hostel noch mit einer Mongolin gesprochen, die mir ihr Leid geklagt hatte. Nach einem Zimmerwechsel wurde sie in beiden Räumen von den Blutsaugern befallen. Mitfühlend hatte ich ihr mein Afterbite überlassen.
Ich will nicht das gleiche Schicksal erleiden und frage am Empfang nach einem anderen Zimmer. Ich erhalte ein kostenloses Upgrade für eines ohne Schädlinge. Vermutlich zumindest. Der eifrig freundliche Junge am Empfang lässt mich im neuen Raum nachschauen. Da sich Bettwanzen für gewöhnlich in den Matratzen aufhalten und erst zu einem günstigen Zeitpunkt aktiv werden, inspiziere ich alibimäßig das Bett und füge mich. Das zweite Zimmer liegt noch näher in Hörweite zum innerstädtischen Highway. Saigon schläft nicht, ich dann irgendwann doch.
Am Morgen steigt mir der vertraute Geruch aus Diesel, Phó und Abfall in die Nase. "Ich bin wieder hier...", denke ich und beobachte die Massen an "moto bikes", die sich wie Fischschwärme durch das Straßennetz der Stadt bewegen. Ich laufe über die dicht befahrene Fahrbahn und kann es noch. Der Trick ist, selbstbewusst das Tempo zu halten und gleichzeitig den Blick halb vor, halb auf den Verkehr zu richten.
Alles in Thailand und Kambodscha hatte einen Hauch von Vietnam. Und in beiden Ländern hatte ich zweifellos tolle Erlebnisse. Aber getreu dem Baden-Württembergischen Lokal-Marketing wollte ich dort an die Wände plakatieren: "Nett hier, aber waren Sie schon mal in Vietnam?".
Die Menschen sind direkter, derber und ehrlicher, aber allermeistens ebenso freundlich und lustig. Auf der Suche nach einem Café finde ich eine regelrechte Großstadt-Oase mit Liegestühlen, Ventilatoren und einem Betreuungsschlüssel von 1:1. Auf 5 Kunden kommen 5 Leute in der Bedienung. Ich versuche meinen ersten vietnamesischen Kaffee (mit der berühmten süßen Kondensmilch) zu bestellen und scheitere, weil mir stattdessen ein Americano gereicht wird. Die einzig Englisch sprechende Bedienung bringt mir bei, wie ich die Betonungen setze: "Cà phê sūa." Ein Kellner hinter der Kasse versucht sich im Gespräch mit mir im gebrochenen Englisch, verfällt aber immer wieder ins Chinesische. "He likes Chinese man, he's gay.", kommentiert seine Kollegin lachend und schulterzuckend. "I'm gay!", steigt der Geoutete mit ein und wir lachen alle drei. Sie möge ja Amerikaner oder Russen, die hätten nicht so eine flache Nase und gibt mir ein Kompliment für meine. Sind das also die viel zitierten "Soft Powers" der Großmächte im neuen kalten Krieg? Einfluss durch sexiness. Die Kellnerin sagt, dass sie sich am liebsten umoperieren und eine westliche Nase machen lassen würde, wäre es nicht so schmerzhaft und teuer. "Ah, you don't need that. You're beautiful as you are.", versuche ich den Flirt zu erwidern und ihr die OP-Idee gänzlich auszureden. "Oh, thank you!", bedankt sie sich kichernd und verabschiedet sich von mir in den Feierabend.
In einem der 7/11 Supermärkte, die hier noch nicht ganz so überhand genommen haben wie in Thailand, stehen Gruppen von quaselnden Schülern an den Kassen an. Die weißen Schuluniformen mit rotem Tuch seien vietnamesische Tradition, erklärt mir Vū, der sich neugierig hinter mir anstellt und mich schüchtern, aber ohne Umschweife anquatscht. Sein Englisch hat neben dem typischen vietnamesisch abgehackten Akzent einen amerikanischen Slang, den er sich bestimmt bei US-Serien abgeguckt hat. Er fahre jetzt mit seinem Roller nach Hause, erzählt der 7.-Klässler. Wann dürfe man denn legal Scooter fahren, frage ich ihn. Praktisch zu jedem Alter, höre ich aus seiner Antwort heraus. "I was 7 when I first drove my scooter.", meint Vū. Sein Helm wäre neulich in zwei Hälften gebrochen, nachdem er einen Unfall mit einem Auto hatte. Danach hätte er sich wieder langsam ans Fahren gewöhnen müssen, sagt er und deutet auf seinen Kopf: "Trauma." Soso, aber ich glaube dem jungen Teenager. In
Vietnam gibt es nichts, was es nicht gibt. Und das gilt besonders für Motorroller. Wenn sich zwei ausländische Touristen in Vietnam treffen, dann wird oft das Spiel gespielt: "Dinge, die man schon auf einem Moped gesehen hat." Eine vierköpfige Familie oder ein Hund als Beifahrer ernten da nur ein müdes Lächeln. Kinder als Fahrer sind ebenso keine Seltenheit. Sicher gibt es im ländlichen Vietnam Heranwachsende, die mit Papa als Fahrlehrer hinten drauf selbst ihren ersten Scooter gefahren sind, bevor sie ihren ersten Satz gesprochen haben...
Mein Ort der Gewohnheit wird ein kleines familiengeführtes Phó-Restaurant mit zwei Schoßhündchen, die sich bettelnd neben die Kundschaft legen. Neben der Suppenschüssel stehen Chili-Schoten und Knoblauchzehen, optional zum Hinzufügen. Genau das richtige gegen eine Erkältung. Am zweiten Abend erkennt mich die freundlich lächelnde Kellnerin wieder. Sie bringt mir die gleiche vietnamesische Limodose wie am Vortag. Einmal wie immer, bitte. Ich steigere mich von zwei roten Chili-Stücken auf drei. Living on the edge.