Easy Rider (Ninh Binh)
Meine neue Reiseleiterin in Ninh Binh stellt sich im Gegensatz zu An gar nicht erst vor. Ich schätze, daran erkennt man die rauhere nordvietnamesische Art. Dafür ist sie genauso...


Veröffentlicht: 02.10.2025
Andere haben eine Bucketliste. Ich habe eine fuck it Liste. Die Ha Long Bay gehört in jedem Fall unter die Top 5. Eine dreistündige Busfahrt jeweils hin und zurück, mich mit Massen von Instagram-Touristen in eine enge Fähre stopfen und von Felsen zu Felsen gondeln zu lassen. Nö, mach ich nich. Den Eindruck bekommt auch der Hotelmanager in der Altstadt von Hanoi von mir und lässt nach mehrmaligen Überredungsversuchen schließlich von mir ab. Wir warten schweigend, bis mein Zimmer fertig zum Einchecken ist. "Mein Hanoi" ist nicht mehr das gleiche. Es ist sehr viel touristischer geworden, soviel steht fest. Und umso mehr fürchte ich Orte wie die berühmte Ha Long Bucht, zu der jährlich Millionen von Besuchern strömen. Ich habe sie damals schon bewusst links liegen gelassen. Sieben Jahre danach wird mir erneut bestätigt, dass es sich nicht lohnt, diesen Stress mitzumachen. Ich treffe Leo wieder, der von Ninh Binh aus um 4 Uhr morgens den Bus genommen hat. Der sollte ihn dann zu Ha Long bringen und anschließend nach der Rundfahrt nach Hanoi. Ein 14-Stunden-Tag. Überstunden schieben. Als Leo dann völlig verschlafen am Hafen die Menschenmengen gesehen hatte, merkte er, dass er sich übernommen hat. Reiseburnout. Sein Tempo - die oft nur einmaligen Übernachtungen in einem Ort und anschließende Übernachtfahrten zum nächsten waren einfach zu viel des Guten. Die Hälfte des Preises erhielt er als Rückerstattung und ein Ticket nach Hanoi. Jetzt will er es am nächsten Tag nochmal angehen, aber über eine nicht so bekannte Bucht zur Cat Ba Insel mit weniger Leuten, aber dafür noch spektakuläreren Aussichten.
Ich nehme auch eine Auszeit vom Rummel und buche eine zweitägige Tour nach Pu Luong, einem Nationalpark östlich der Stadt. Die Landschaft dort ist eine Kombination der hohen aufragenden Felsen aus der ansonsten flachen Gegend in Ninh Binh und den bergigen Reisfeldern rund um Sapa, das ich auf meiner ersten Vietnam-Reise schon besucht hatte. Pu Luong liegt auch genau auf halber Strecke zwischen den beiden Provinzen. Es ist aber weitaus unbekannter. Das wird auch ein Grund sein, warum meine Tourgruppe lediglich aus mir und einem älteren französischen Pärchen besteht. Nach dem Einchecken in meinem Holzbungalow, das mit Bambusstelzen direkt an den steilen Hang gebaut ist, geht es mit unserem Guide Quoc auf eine Wanderung durch die abgeschiedenen Dörfer zu einer Höhle und zurück.
Quoc gehört der Thai-Minderheit an. Er selbst würde noch Thai sprechen, aber seine Tochter z. B. lernt es nicht mehr in der Schule, höchstens später in der Familie. Wie finde er das, wenn seine Sprache und damit seine Kultur über die Generationen hin verschwindet, frage ich. Einerseits schade, andererseits wäre das Leben auch einfacher, wenn sie sich anpassen. Es wird sicherlich auch leichter hingenommen, da sich das Leben in der Provinz in letzter Zeit sichtlich verbessert hat. Wir kommen an asphaltierten Wegen und Brücken vorbei und Quoc berichtet stolz, dass diese erst in den letzten Jahren gebaut worden sind. Die Ernteerträge aus den Mais - und Reisfeldern würden gleichmäßig unter den Dorfbewohnern verteilt. Ein Hauch Kommunismus, Klassenunterschiede gibt es dennoch. Bauern, die durch Grundstücksverkauf zu Geld gekommen sind, haben sich schicke Pfahlhäuser aus edlem Holz gebaut. Der Tourismus hat durch die Geschäfte mit den lukrativen Homestays für Aufschwung gesorgt, aber auch die Regierung investiert. Schulen und Kindergärten gibt es jetzt auch in den vormals abgelegenen Tälern, die nun durch Wege verbunden sind, auf denen auch Motorräder fahren können. Die Bewohner nutzen allerdings immer noch die geflochtenen Körbe auf ihren Rücken als Transportmittel für Futterpflanzen für ihre Wasserbüffel, Schweine und Hühner. Eine alte Frau grinst uns an, als sie mit einem dieser Körbe vorbeiläuft. Ihre Zähne sind pechschwarz. Quoc zeigt auf einen Baum und erklärt uns, dass viele Thai die Blätter kauen, um ihre Zähne schwarz zu färben. Das würde böse Geister davon fernhalten, in ihre Körper einzudringen. Jüngere Thai würden die bitter schmeckenden Blätter allerdings nicht mehr kauen.
"Nicht noch ne Höhle..", denke ich, aber die größte Kalksteinhöhle im Nationalpark, zu der uns Quoc zum Abschluss der Wanderung führt, ist tatsächlich spektakulärer als ich angenommen hatte. Ganz tief hinein sollen wir allerdings nicht, die Stufen sind zu rutschig. Also stehen wir ehrfürchtig vor dem 200 x 200 Meter großem Eingang und hören die Fledermäuse fiepsen.
Abends genieße ich den nicht weniger beeindruckenden Sonnenuntergang über dem Tal, in dem vereinzelt Lichter aus Häusern und Mopeds leuchten. Früh um 4:30 Uhr krähen die Hähne pünktlich zum Sonnenaufgang. Also setze ich mich wieder auf den Balkon und schaue der Sonne beim Aufsteigen zu. Tief hängende Wolken brechen sich an den Hügeln wie Wellen in Zeitlupe. Nach einer kurzen Wanderung über die Dörfer mit abschließender Flussfahrt verabschiedet sich Quoc von uns und ich nehme den Bus zurück nach Hanoi. Ich hadere, ob ich nicht hätte länger bleiben sollen.
Nach dem idyllischen Ausflug nach Pu Luong fällt mir bei meiner Rückkehr umso mehr der Wandel der Altstadt auf, der sich dort seit 2018 offenbar vollzogen hat. Wehmütig laufe ich durch die Straßen. Es stinkt nicht mehr, die Straßen sehen aufgeräumt aus und wo sind all die kleinen Plastikhocker hin? Stattdessen sitzen westliche Rollkoffer-Touristen bräsig auf Lehnstühlen vor klinisch nüchternen Restaurantketten. KFC, McDonald's, Haegen Daz, Zara. Saigon mag 1975 gefallen sein, die Amis besiegt. Der Kapitalismus hat am Ende dennoch gewonnen. Meine von früher gespeicherten Orte auf Google Maps, meistens Cafés und Rooftop-Bars, die ich über meinen Lonely Planet-Reiseführer gefunden habe, sind entweder nur noch bloße Koordinaten oder "dauerhaft geschlossen". Was war schneller, Corona oder der Reisehype? Der Aufstieg ist rasanter als manche Innenarchitekten Schritt halten können. Im einem Hotel, das ich in der Altstadt gebucht habe, ist der Name auf der Glastür am Eingang laminiert. Wo vormals das 's' in Hostel stand, ist eine Lücke. Es wurde einfach weggekratzt. So macht man aus einem Hostel ein Hotel.
Einer Polin, die mit mir im gleichen Restaurant sitzt, klage ich mein Leid. Sie ist zum ersten Mal im Land und muss mir jetzt beim Lamentieren zuhören. Ich erzähle ihr von "früher". Wie die Hühner über die Straße liefen, Suppen aus den offenen Wohnküchen heraus auf der Straße verkauft wurden. Von dem Verkaufsstand eines älteren Vietnamesen, bei dem ich früh um 4 nahe dem Bahnhof ein Cola-Schokoriegel-Frühstück für 40 Cent zusammengestellt habe. Wie wir auf den 20 cm hohen Hockern saßen und uns mit Gestik, meinem Englisch und seinem Schulfranzösisch verständigten. Wie ich an der einen Kreuzung, die ich jetzt nicht mehr wieder erkenne, saß und bei Pho-Suppe dem zähen Verkehr zusah. Darin ein Auto, das sich, als ich fertig mit Essen war, gerade einmal 10 Meter vor bewegt hatte. Ich beschreibe, wie man, wenn man einen anderen westlichen Reisenden auf der Straße gesehen hat, kurz innehielt und sich manchmal zugenickt hat, wie Busfahrer sich grüßen. Ich bedanke mich für das Therapiegespräch bei der Polin. Im Prinzip bin ich in der Rolle des Kaliforniers, der mir in Tiflis kopfschüttelnd erzählt hat, wie sehr sich das Land nach acht Jahren dem Massentourismus geöffnet hat.
Ich laufe misanthropisch durchs Zentrum und beobachte das Treiben. Auf einem Platz werfen Souvenirverkäufer die gleichen neonleuchtenden Federn in die Luft, die einem auch in jeder europäischen Großstadt angedreht werden. Wie auf der Karlsbrücke sitzen am See Karikaturisten bereit, um einen zu zeichnen. Ich könnte auch durch Prag oder Barcelona laufen, die Unterschiede sind marginal. Eine Masseuse vor ihrem Laden hält mitten in ihrem Streitgespräch per Video call am Handy inne und spricht gelangweilt halb in meine Richtung ihren einstudierten Satz "Hello Massahhh", nur um eine Sekunde später im gleichen Ton weiterzuzetern. In der neuen "Pubstreet" werde ich aufdringlich in die generischen Clubs und Kneipen gedrängt und gefragt, ob ich Drogen will. Nee danke, das ist alles Dröhnung genug.
Ich setze mich in einen Park und schaue ein paar Vietnamesen in allen Altersgruppen beim Tanzen zu. Wenigstens etwas ist geblieben. Die abendliche Freilicht-Tanzstunden finden nicht mehr nur zu vietnamesischen Schlager statt sondern jetzt auch zu Ace of Base. "All that she wants", man kann eben nicht alles haben. Und wer bin ich schon, über die Veränderung im Land zu urteilen - ein weiterer Stein im Mosaik, der mit seiner Reise die Nachfrage ankurbelt. Es liegt eben auch in der Mentalität Vietnams, sich anzupassen und Veränderungen für sich zu nutzen.
Aber muss das immer mit Gentrifizierung einhergehen, muss sich dafür eine Stadt seiner kulturellen Identität berauben lassen und sich bis zur Unkenntlichkeit an Touristen und ihre seelenlosen materialistischen Bedürfnisse verkaufen? Kann das nicht auch anders funktionieren..? Sanfter Tourismus ist möglich, wie ich im Nationalpark von Pu Luong gesehen habe. In einer Großstadt ist das vielleicht nicht so einfach.
Ich beschließe, Hanoi nochmal eine zweite Chance zu geben und buche mein nächstes Hotel in einem der Außenbezirke. Schließlich gibt es mehr als nur die Altstadt. Ich laufe durch gewundene Gassen mit einfachen Läden und Bistros, fühle mich an damals erinnert und mich mit Hanoi wieder etwas versöhnt. Im Diplomantenviertel sehe ich an einer Mauer das Portrait meines Vorgesetzten. Der Architekt und Vizepräsident der Akademie der Künste Anh-Linh Ngo reiht sich dort vor der deutschen Botschaft unter anderem neben Mai Thi, der berühmten Youtuberin, und anderen deutsch-vietnamesischen Promis.
Auf der trainstreet treffe ich den US-Amerikaner Omar über nomadtable. Wir warten auf den 19:30er Zug, der hier durch die bekannte Gasse fährt. Nur wenige Zentimeter rauschen die wackelnden Wagons an den Touristen vorbei, die bei Bier und Cocktails in der ersten Reihe sitzen. Der Zug hat zwanzig Minuten Verspätung. Trotzdem gibt es tosenden Applaus, nachdem er durchgerast ist. Und mein armer ICE kassiert in Berlin nur genervtes Augenrollen.
Omar nimmt mich mit zu einem Language Exchange. In einem Café treffen sich hier regelmäßig Vietnamesen, in Hanoi lebende Ausländer und Reisende zum Sprachaustausch. Ich lerne kaum Vietnamesisch, dafür aber Hau und Kirks kennen. Kirks ist sein selbstgewählter Spitzname, von dem er glaubt, dass er deutsch klinge. Ich lasse ihn in dem Glauben. Sie möchten beide nach Deutschland auswandern, sie als Krankenschwester, er als ITler. Die Hanoians geben mir außerdem ein paar Tipps für Orte außerhalb der Tourizonen.
Ich muss mir die Hinweise für das nächste Mal vormerken, denn mein Bus fährt mich am Tag darauf nach Ha Giang.
Ich habe mich auf Hanoi gefreut und es anders vorgefunden, als ich es in kennengelernt hatte. Aber ich habe auch meinen Frieden damit geschlossen. Schließlich ist es in erster Linie meine verklärte Erinnerung, die mich getäuscht hat. Die Stadt kann da nichts für.
Während der Zug, den ich ab Ninh Binh genommen hatte, in der Hauptstadt einrollte, trällerte theatralisch ein Lied über die Lautsprecher. Was wie ein Schlager aus den 70ern klang, zeigte mir Shazam als Pop-Ballade von 2018 an: Le Quyen - Troi Ha Noi Xanh - "Der blaue Himmel über Hanoi". In Vietnam mag sich vieles geändert haben, der Kitsch bleibt der gleiche.
Möge der blaue Himmel von Hanoi immer blau sein, singt Le Quyen in ihrer Hymne an die Stadt. Möge er, ich habe ihn nie blau zu Gesicht bekommen. Für mich war er entweder immer regenwolkengrau oder smogverseucht.
