Es ist 8.50 Uhr und ich sitze in der Hotellobby. Vor zwanzig Minuten hätte mich mein "Easy Rider" abholen sollen. Der "Ha Giang Loop" in
Vietnam nahe der Grenze zu
China ist obligatorisch. Die mehrtägige Motorrad-Rundfahrt, bei der man entweder selbst fährt oder in der "Easy Rider"-Variante hinten aufsitzt, wird von zahllosen Hostels und Tour-Unternehmen angeboten. In der Sparvariante ist man dann oft in Gruppen von 30 Leuten unterwegs und übernachtet in übergroßen Schlafsälen von Unterkünften, die den Namen "Homestay" nicht mehr verdienen. "Happy Water", ein Synonym für den vietnamesischen Reisschnaps, fließt ohne Ende. Damit wird sich die Rüstung lackiert, um sich dann zum Karaoke jede Nacht vor die anderen 29 Mitfahrenden zu trauen und am nächsten Tag verkatert aufs Motorrad zu schwingen. Was für einen 20-jährigen Engländer "the time of my life" ist, ist für mich die pure Hölle. Dennoch lohnt sich Ha Giang für seine Landschaft. Die dicht bewaldeten Berge, tiefe Schluchten und zwischendrin Reisfelder und kleine Dörfer der Minderheiten Tay und Hmong sind absolut sehenswert. Also habe ich recherchiert und eine Firma gefunden, die zwar den Ha Giang Loop abfährt, dafür aber den Schwerpunkt auf Outdoor-Aktivitäten legt, wie Wandern und Kayak fahren. Die Gruppengröße ist begrenzt und das Unternehmen scheint kaum bekannt zu sein, was dafür spricht, dass nicht jeder Gary oder James aus Manchester mitfährt.
Nur die Organisation ist nicht so die Stärke. Nach Ablauf des akademischen Viertels schreibe ich meinem Kontakt auf WhatsApp, dass ich jetzt im Hotel warte. Als Antwort kommt: "Hey Max, I'm sorry. It's my fault. I thought you would start tomorrow." Och nö. Dabei habe ich extra geschrieben, dass ich gestern von Hanoi nach Ha Giang aufbreche und dann heute im Hotel startklar bin. Ein Missverständnis, dass damit zusammenhängt, dass es Tag 0 und Tag 1 gibt. Tag 0 umfasst im Rundumpaket die Abholung und Fahrt ab Hanoi, die ich aber schon selbst übernommen habe. An Tag 1 beginnt die eigentliche Tour. Ein Konzept, so verwirrend, dass man ja hätte sicherheitshalber nochmal nachfragen könnte.. Verschieben ist keine Option, denn das Wetter ist gerade zwischen zwei Stürmen akzeptabel bewölkt. Jedenfalls verspricht mir die Organisatorin nach einigem Hin- und Herschreiben, dass mich ein Fahrer abholt und mich dann alleine fährt. Eine Tour ganz individuell, das nehme ich gerne an.
"Leo" heißt mein Fahrer, genau wie mein slowakischer Mitreisender, der mich schon in Ninh Binh mitgenommen hat. Ich sehe das als gutes Omen. Nachdem meine nötigen Sachen regenfest im Plastiksack auf dem Gepäckträger verstaut sind, könnte es eigentlich losgehen. Aber als ich nach Knie- und Armschonern frage, müssen wir nochmal beim Tourbüro anhalten. Die Schutzbekleidung gehört zum Standard bei den meisten Tourbetreibern. Nichts für ungut, denke ich, aber so fühle mich mich einfach sicherer. In voller Montur gebe ich einen albernen Anblick ab. Wenn es aus Eimern schüttet, trage ich nämlich zusätzlich noch das typische vietnamesische Regencape: Einen Plastiksack oben mit drei Löchern für Kopf und Arme, unten einen als Hose sowie zwei Plastiksack-Schuhe. Darüber dann die Schoner und der Helm. Wenn das Wetter dann plötzlich in sonnig unschwingt, schwitzte ich wie verrückt. Dennis Hopper in "Easy Rider" sieht anders aus.
Nach den ersten Aussichtspunkten und Smalltalk während der Fahrt ("Are you married?" - "No, are you?" - "I have a wife and one daughter"), halten wir zur Mittagspause. Leo mischt einen ausgezeichneten Limetten-Knoblauch-Dip und wir besprechen bei Frühlingsrollen den Tourplan. Scheinbar ist alles eher vage, nicht wie in der Tagesplanung der ursprünglichen Gruppentour. Aber das hat den Vorteil, dass Leo auf meine Wünsche eingehen kann. Ich mache schnell klar, dass ich auf jeden Fall die in der Tourbeschreibung erwähnte Wanderung machen und die Hmong-Dörfer sehen möchte. Er überlegt und scheint sich geistig einen Schlachtplan auszumalen. Fürs Erste müssten wir Meter machen, schließlich sind wir aufgrund der Fehlplanung zu spät losgekommen. 160 km über die steilen Serpentinen schlauchen ganz schön. Ich muss mich jedesmal an den Gepäckträger krallen, wenn es bergauf und bergab geht, um nicht vor oder zurück zu rutschen.
Am letzten der Viewpoints für Tag 1 stehen wir über einer endlos tiefen Schlucht. Leo sieht aus, als hadere er. Er wäre sich nicht sicher, ob wir die Wanderung bis unten zum Fluss wagen sollen oder doch lieber mit dem Motorrad zum Hafen fahren und dann das Boot nehmen sollen. Der Bergbach an neben dem Pfad fließt, könnte wegen dem Regen mehr Wasser als sonst führen. "Okay, let's do it.", trifft er für uns die Entscheidung. Runter geht es zunächst mit dem Motorrad, bis wir auf einen asphaltierten Weg einbiegen, der gerade einmal einen halben Meter misst. Wir fahren die Maschine in einem Holzverschlag. Für ein paar tausend Dong parken wir es über Nacht bei einer Familie des kleinen Dorfes am Hang. Die Scheune erinnert mich an die Museen der georgischen Wehrtürme in Mestia. Metallwerkzeuge hängen an langen Nägeln, die in die Bretter geschlagen sind.
"Hiking with Crocks", lacht Leo mich an. Es quietscht jedes Mal, wenn er mit seinen Gummilatschen einen Schritt vor den anderen setzt. Er ist nicht der erste vietnamesische Guide, der mit den beliebten Crocks durchs Gestrüpp führt. Aber an dem steilen matschigen Talhang ist es die größtmögliche Schwierigkeitsstufe. Nachdem wir als Snack Agaven vom Baum pflücken, zeigt sich am Bach sein Schuhwerk als das überlegenere. Er stiefelt damit einfach durch den reißenden Strom. Da steh ich blöd mit meinen Decathlon-Wanderschuhen. Leo türmt ein paar Steinbrocken zu einer Stufe im Wasser und so kann ich trockenen Fußes auf die andere Seite hüpfen. Unten kommen wir im "Eco-Homestay" an.
Ich habe aber noch Kayak fahren auf der Liste, also führt mich Leo runter zum Steg. Als er mir ins Boot hilft und es ins Wasser stößt, kapiere ich: "Ah, das mache ich also ganz alleine." Mit Schwimmweste und Paddel habe ich schließlich alles, was ich brauche. "Be back for Lunch at 7." Ja, Mama.
Ich fahre in der Dämmerung in Richtung der beiden Felswände, die mich an die Herr der Ringe Szenen am Ende des ersten Teils erinnern. Mit dem Soundtrack im Ohr fehlt nur das Lembas-Brot und der Ring an der Kette.
Beim Abendessen treffe ich auf die junge Reisegruppe, die parallel zu mir unterwegs ist und aus ein paar Amis, Neuseeländern und einem Australier besteht. Sie hätten mehr oder weniger versehentlich den Ha Giang Loop als Bus- und nicht als klassische Motorradfahrt gebucht. Um dennoch das Gefühl von Natur zu erleben, "campen" sie jetzt. Naja, die Zelte stehen direkt zwischen den Stufen und den Holzhäusern. Das hat eher was von bei den Eltern im Garten zelten. Ich bin froh für 20 € Aufpreis mein Bungalow zu haben.
Nach ein paar Runden Happy Water geht es zum Karaoke-Teil über. So richtig ökologisch für ein "Eco"-Homestay ist das ja nicht, denke ich. Wenn sich die Tierwelt jede Nacht das internationale Gejaule anhören muss mit den immer gleichen Backstreet Boys Liedern. Naja, hilft nichts. Ich singe auch. Bei der australischen Vietnam-Veteranen-Hymne "Khe Sanh" singen der Australier und die Neuseeländerinnen den Refrain am Ende mit. Als wir 2018 den ehemaligen Militärflughafen Khe Sanh bei der DMZ-Tour besucht hatten, machte mich ein älterer Australier auf das Lied aufmerksam. Ich wusste bis dahin nicht mal, dass Australien im Vietnamkrieg beteiligt war. Nur mit ein paar Soldaten und einer Handvoll Flugzeugen. Keine davon hätten allerdings in Khe Sanh gedient, hatte er erzählt.
Leo singt auch und das gar nicht schlecht. Er hatte erwähnt, das er vor seiner Arbeit als Easy Rider im Wasserwerk gearbeitet hatte. Aber immer nur die gleichen Knöpfe drücken, war ihm zu langweilig. Da hat er entschieden, Englisch zu lernen und als Fahrer selbstständig für verschiedene Ha Giang Loop Firmen zu arbeiten. Dem Wasserwerk fühlt er sich aber nach wie vor verbunden, denn bevor er zu singen anfängt, erzählt er, dass dieses vietnamesische Lied den Arbeitern gewidmet ist, die den Staudamm gebaut haben. Es ist der Damm, an dessen gestauten Fluss wir jetzt sitzen und auf dem ich gerade noch Kayak gefahren bin.