Über dem Nebelmeer
Mittlerweile haben wir die Einflugschneise nach Étretat erreicht, die Wohnmobildichte wird höher, die Anzahl gesperrter Zufahrten ebenso.


Veröffentlicht: 27.06.2026




















Nach dem Bericht über unser Abenteuer mit der hiesigen Gendarmerie, erreicht uns die Information aufmerksamer Leserinnen, dass Flüchtlingsschlepperbanden aus Deutschland mit 60 Personen fassenden, offenen Schlauchbooten, Schwimmwesten und weiterem Equipement beliefert werden. Die Kontrolle unserer Räuberhöhle könnte Folge einer Verdächtigung gewesen sein, eben solches Material an die französische Küste zu liefern.
Das kann schon sein, denn am Strand in Dannes erleben wir einen großangelegten Einsatz der örtlichen Behörden. Feuerwehr, Rettungsdienst, Hubschrauber, Taucher, Speedboote und ein Seenotretter bringen ein großes, schwarzes Schlauchboot an Land.
Das ganze spielt sich in etwa einem Kilometer Entferung ab. Wir gehen in die entgegengesetzte Richtung, denn wir wollen nicht gaffen oder noch schlimmer, im Weg herumstehen.
Doch auch hier finden wir weit verstreute Klamotten im Sand. Hosen, T-Shirts, Schuhe, offensichtlich aus einem abgefangenenen Schlepperboot am Strand liegen gelassen.
Frankreich hat mit Großbritannien ein Abkommen geschlossen und verhindert das Übersetzen von Flüchtlingen durch den Ärmelkanal. Es ist übel, was mit den Menschen rund um Calais passiert, die in den Wäldern auf ihre teuer zu bezahlenden Schleuser warten und im schlimmsten Fall bei der Überfahrt ertrinken und ihr Ziel nicht mehr erreichen.
Jetzt sind wir in der Bretagne und die Hitzewelle ist auch hier angekommen. Die geplanten Erkundungstouren durch die Dörfer und Städte verschieben wir auf die frühen Morgenstunden und irgendwann sparen wir uns auch das. Bei knapp 40°C können Spaziergänge zwischen aufgeheizten Steinhäusern nicht gegen Erholung an windgekühlten Stränden anstinken. Die Tage werden mit jedem Kilometer Richtung Westen länger und die Sonnenuntergänge farbenfroher.
Die Stehplätze für die Nacht sind zum Teil hart umkämpft. Wir kommen rechtzeitig auf einem Parkplatz mit grandiosem Blick an und ergattern eine Lücke in der ersten Reihe.
Zum Abendessen weht ein kühles Lüftchen und die versammelte Campergemeinde freut sich.
Das gutbürgerliche französische Ehepaar neben uns setzt sich zum Apéro vor das überlange Luxuswohnmobil und macht mich mit eisgekühlten Getränken aus dem klimatisierten Fahrzeug ein bisschen neidisch.
Wir kommen mit unserem "Kühlschrank" zwar gut klar. Eier, Käse, Schinken und Brause werden vor Raubtieren gut geschützt verpackt und kommen über Nacht ins feucht Gras, wo sie am Morgen prima gekühlt sind. Dann wird alles in dicke Lagen Decken gehüllt, mehrere Schichten Daunen isolieren bestens.
Doch ein eisgekühlter Rosé in einem Glas, von dem die kondensierte Feuchtigkeit auf den heißen Asphalt tröpfelt, macht bei diesen Temperaturen einen unwiderstehlichen Eindruck.
Die Pössl-Camper kommen zu spät und müssen sich mit dem Platz in der zweiten Reihe zufrieden geben. Ich tippe bei den beiden Damen aus Rennes ja auf ein sich gleichgeschlechtlich liebendes Pärchen. Zappa hält dagegen, dass es sich um Schwestern handeln müsse. Zugegeben, die grauen Kurzhaarfrisuren ähneln sich wie ein Ei dem anderen, aber die Beine haben doch sehr unterschiedliche Längen und Formen.
Interessant ist das Paar links neben uns, das mit zwei Kombis unterwegs ist.
Sie trägt Ganzkörpertätowierungen und wir tippen auf eine vegane, autonome Antifaschistin aus Heidelberg, die mit ihrem schwarzen, grimmig dreinschauenden Hund im schwarzen Peugeot campiert.
Er kocht für sie den Kaffee, trägt Hipsterbart und ein buntes Tattoo auf der Schulter, ist laut Kennzeichen Bretone aus dieser Gegend und reist im weißen Dacia ohne Tier und ohne Haare.
Wir dikutieren mehrere Varianten: entweder sie haben sich auf einer Online-Plattform kennengelernt und testen hier ihre Basics.
Oder sie trafen sich auf dem letzten Stellplatz, fanden sich sympathisch und werden nie mehr auseinander gehen.
Oder er bietet ihr hier auf diesem romantischen Felsen lediglich seine Dienste als Kaffeekocher an.
Wir werden es nie erfahren, denn jetzt quetscht sich Monsieur Rumpelkiste in das bisschen Platz zwischen uns und nimmt jede Sicht. Nachdem er ausgestiegen ist, sich mit allen über die frische Brise freut und von dem distingierten Luxus-Paar mit Missachtung gestraft wird, setzt er sich in sein klappriges Wohnmobil, macht die Schotten dicht und glotzt den Rest des Abends auf sein Handy. Ich kann es genau sehen!
Wir machen noch einen Spaziergang in den kühlen Abendstunden und kriechen dann in die Räuberhöhle. Morgen ist wieder ein heißer Tag und es liegen noch unendlich viele schöne Orte vor uns.
