Bonnie und Clyde
Die Zeit ist mal wieder viel zu schnell vorbeigerauscht und der Heimweg noch lang. Zum guten Schluß will ich euch jedoch nicht verschweigen, dass ich das gewissenlos...


Veröffentlicht: 19.12.2025



























Morgens halb sechs im Elsass. Unfassbares Höllengetöse reisst mir die Stöpsel aus den Ohren und mich unbarmherzig aus den süßesten Träumen von Straßen, in denen Wein und Honig fließen.
Ich reibe mir die verklebten Augen. Der Held sitzt neben mir im Bett und starrt mich schlaftrunken fragend an. Gemeinsam linsen wir durch die Vorhänge des Caravans und müssen entsetzt feststellen, dass nun die Invasion der Marsmenschen dem irdischen Elend ein endgültiges Ende setzt. Dagegen können auch die verrücktesten Despoten dieser Welt nichts mehr ausrichten.
Auf einer schrecklichen Höllenmaschine, die für meinen Geschmack für außerirdische Technik ruhig größer ausfallen könnte, sitzt ein grünes Männlein, von Kopf bis Fuß eingehüllt in einen Ganzkörperschutzanzug. Eine unheimliche Maske verbirgt sein gruseliges, schlammfarbenes, von dicken Warzen überzogenes Antlitz. Riesige Handschuhe verhüllen seine gewaltigen Schaufelbaggerhände. Zum endgültigen Schutz vor irdischen Strahlen, Bakterien und Viren umwabert das Wesen eine undurchdringliche gelbe Wolke: stinkendes Marsgas, das extraterrestrisches Leben gefährdende Killerstoffe ein für alle Mal absorbiert.
Doch bevor ich wieder anfangen kann, mein Ohnein-ohnein-ohnein anzustimmen, nimmt mich der Held beruhigend in den Arm, streichelt mir sanft übers Haar und erzählt mir eine wundersame Geschichte von früher. Denn eigentlich sollten wir wissen, dass rund um die Pfingsttage in vielen Weinbergen in den frühesten Morgenstunden gewirtschaftet wird. Einschlägige Erfahrungen können wir vom Lac de Salagou nachweisen, wo Monsieur die Touristen schon morgens um 5:00 aus ihrem unschuldigen Camperschlaf dröhnt.
https://vakantio.de/chateaugeschichten/rendezvous-mit-loriot
Auf einer raupenkettengetriebenen, extrem berggängigen Highendminiplattform werden mit laut tösenden Turbinen unglaubliche Mengen von toxischen Chemikalien zwischen den begrünten Weinstöcken vernebelt, auf dass der Riesling ein guter Jahrgang werde.
Nun, Morgenstund hat ja bekanntlich Gold im Mund und wir wollen uns heute sowieso in ein typisch französisches Marktgetümmel stürzen.
Das nächstgelegene findet sich in Riquewihr und ich denke warnend an die noch nicht so lange zurück liegenden Weihnachtsimpressionen aus diesem pitoresken Örtchen. Doch der Held schreckt vor keinem noch so engen Gewimmel zurück, denn wo Markt ist, ist eben auch Gedränge.
https://vakantio.de/chateaugeschichten/tour-de-noel-oder-wo-der-weihnachtsbaum-erfunden-wurde
Wir machen uns auf den Weg über die Elsässische Weinstraße, wobei wir feststellen, dass der Verkehr heute etwas dichter ist als vor einem halben Jahr. Natürlich sind Schnee und Raureif verschwunden, die Weinberge zeigen sattes Maigrün, bunte Blümchen schmücken die farbenfrohen Fachwerkfassaden.
Und allerorten knattern jede Menge kleine Weinbergtrecker mit hydraulischen Spinnenarmen und daran befestigten, kammartigen Blattschneidewerken durch die Landschaft, gesteuert von grün gewandeten Aliens, um die Weintriebe nach dem neusten Pariser Schick zu frisieren.
Der Mistral rumpelt mit im Camperstrom und bald erreichen wir Riquewihr.
Vor den Toren des Dörfchens finden wir heute einen legalen Parkplatz, die weihnachtlichen Verbotsschilder sind mittlerweile abgebaut. Bei hochsommerlichen Temperaturen und guter Dinge wandern wir, gemeinsam mit der italienischen Reisecommunity in Richtung Ortsmitte. Leider gab es im Internet keine konkreten Angaben zur Art des hiesigen Wochenmarktes, so dass wir sehr enttäuscht werden.
Ganze drei Stände finden sich neben der alten Stadtmauer und es ist nicht mal ein Gemüseverkäufer dabei. Unverrichteter Dinge und immernoch ohne Porree für eine köstliche Tarte ziehen wir unserer Wege.
Riquewihr hat sich nun endgültig aus unseren Reiseplänen disqualifiziert.
Wir kehren der Weinstraße den Rücken, zu dicht wird uns der Wochenendverkehr. Doch auch die kurvigen Bergstraßen der Vogesen sind eng befahren. Vor allem den unzähligen Motorradfahrern sind wir ein Dorn im Auge und Hindernis auf dem Weg zur laut knatternden Freiheit.
Alle wollen auf den Col de la Schlucht, auf dem kein einziges Plätzchen für die wohlverdiente Siesta mehr frei ist. Erst einige Kilometer später lacht uns die Sonne auf einem Wintersportparking. Hier gönnen wir uns gemeinsam mit Campern aller Klassen eine Rast. Reisende aller Klassen dröhnen, bollern, donnern, preschen, lärmen, rasen, toben, poltern mit Fahrzeugen aller Klassen an uns vorbei.
Allein der Schlafmangel, ausgelöst durch den frühen Marsvogel lässt uns in ein komatöses Mittagsnapping fallen.
Am späten Nachmittag finden wir endlich Ruhe in Faucogney-et-la-Mer.
Das Örtchen liegt auf einem südlichen Ausläufer der Vogesen, dem Plateau des Mille Étangs. Der Name kann ruhig wörtlich genommen werden: auf der Hochebene verstecken sich Unmengen kleiner Teiche, leider oft nicht zugänglich oder in Privatbesitz und als Kuhtränke oder Angelteich ausgewiesen.
In Faucogney versucht man, sich für den sanften Tourismus attraktiv zu machen. Immerhin gibt es eine Boulangerie, eine Pâttisserie, eine Bar Tabac und ein Postkartenmuseum. Außerdem darf es sich Cité caractére de Franche-Comté nennen und hat einen Wohnmobilstellplatz zu bieten. Leider wird die letzte der vier Parkboxen bei unserer Ankunft gerade besetzt. Wir sind dort sowieso nicht gern gesehen: für Caravans IN-TER-DIT!
Wir weichen auf den zentralen Festplatz mit Tapsenklo, Trinkwasser, Steckdose und Myriaden von Mauerseglern aus und haben regen Anteil am Dorfgeschehen. Der nahe Glascontainer ist gut frequentiert und bietet erstklassige Gelegenheit zum Austausch von Neuigkeiten.
Im ehemaligen, sehr beeindruckenden Kontorhaus am Rande des Platzes bewohnen Madame und Monsieur zwei große Wohnungen. Wir vermuten eine heimliche wilde Ehe.
Morgens öffnen sich die Tür- und Fensterläden, er setzt sich mit Kaffee und Zeitung unter den Sonnenschirm, sie hängt die Wäsche auf. Vor 10:00 Uhr muss man nicht miteinander reden. Dann fragt sie ihn aber doch, ob er noch schmutzige Hemden zum Waschen hat und außerdem kocht sie heute Bohneneintopf. Als Ausgleich hackt er für sie täglich fünf Scheite Holz für den Winter mit.
Beim Spaziergang zu den Sehenswürdigkeiten plaudert Monsieur Bonhomme mit langem weißen Bart und wenigen Zähnen mit uns über Touristen, Motorradfahrer und Wohnwagen. Er freut sich sichtlich über unser außerordentliches Lob zur Schönheit der Gegend und des Örtchens.
Am Ende einer Gasse entdeckt der Held ein altes, aus Bruchsteinen gefügtes Werkstattgebäude mit Holztor und gusseisernen Fensterrahmen. Natürlich muss er seine lange Nase an die schon blinden Scheiben drücken und beäugt freudestrahlend den Inhalt dieser verlassenen Räume.
Im Inneren finden sich Hobelbänke, Schraubstöcke, eine Drehbank und eine historische, mit Lederriemen und Transmission betriebene Universalfräse für Holz- und Metallbearbeitung - wie er mir erklärt.
Monsieur tippt auf eine alte Stellmacherei und ich kann seinen leuchtenden Augen und dem begierlichen Blick ansehen, dass er das Interieur mitsamt Gebäude am liebsten in den Kangoo verfrachten würde.
Im Office de Tousime will der diensthabende junge Mann eigentlich gerade Feierabend machen, überlässt uns aber gern noch ein paar Broschüren, was ihn dann dermaßen durcheinanderwirbelt, dass er ganze drei Mal nachprüfen muss, ob er die Tür nach unserem Besuch auch wirklich abgeschlossen hat.
Heute Morgen promeniert Madame Bouteille an unserem Übernachtungsplatz vorbei. Sie erkundigt sich nach unserem Befinden und wir reden ein wenig übers Wetter. Heute wird es wieder heiß und Gewitter sind angesagt. On n'a pas le choix.
Nein, beim Wetter hat man keine Wahl.
Dann entledigt sie sich ihrer leeren Weinflasche, der tägliche Gang zum Glascontainer muss schließlich vollbracht werden.
Wir verlassen das Städtchen gut erholt und sehr entspannt. Das Postkartenmuseum öffnet erst am Nachmittag und unser Weg führt uns weiter an den Ognon. Schließlich wollen wir die unzähligen Kurven, Schleifen und Kehren mit dem Paddelboot erkunden. On y va!
