You-Me and Marco Polo
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Israel, Palästina und Jordanien

Veröffentlicht: 29.09.2018

Schon beim Flughafen Zürich merken wir, dass alles ein bisschen anders läuft, wenn man nach Israel statt nach Italien oder Spanien reist: Beim Check-In dürfen wir unsere Koffer nicht abgeschlossen abgeben, weil sie später nochmals aufgemacht und kontrolliert werden müssen. Und bei unserem Gate werden wir vor dem Boarding – wie alle anderen Fluggäste auch – vom Sicherheitspersonal je 10 Minuten zu unserem Israel-Aufenthalt befragt: Was wir dort wollen, ob wir alleine reisen, was wir beruflich machen, ob wir verheiratet sind usw. Am Ende des Gesprächs wird unser Handgepäck eingesammelt und 5 Minuten lang kontrolliert. Später erfahren wir auf Youtube, dass diese «Interviewer» tatsächlich so heissen, allesamt israelische Militärangehörige sind und jahrelang für die Ausübung ihres Berufs trainiert wurden, um Widersprüche der Fluggäste aufzudecken und potentielle Terroranschläge zu verhindern. In Anbetracht der vielen Israel- und Judenhasser in Israels Nachbarländern sicherlich eine gute Idee… und so stört es uns auch überhaupt nicht, als wir nach der Landung in Tel Aviv merken, dass unsere Koffer tatsächlich geöffnet und durchsucht wurden.

In Tel Aviv verbringen wir knapp 2 Wochen in einem AirBnB-Apartment und lernen Israel von einer sehr sympathischen Seite kennen: Es ist eine hippe, junge und sportverrückte Foodie-Stadt. Tel Aviv ist etwa gleich gross wie Zürich, hat vor der Haustüre das Mittelmeer und einen kilometerlangen Sandstrand mit knapp 100 Beachvolleyball-Feldern. Wir fühlen uns von Beginn an pudelwohl, gehen fast täglich mit unseren neuen Facebook-Freunden Volleyball spielen, trainieren Krav Maga (israelische Selbstverteidigung) und essen immer sehr gut – egal ob Streetfood oder Edel-Restaurant. Ein weiterer Pluspunkt ist, dass wir nicht als Touristen auffallen und meistens auf Hebräisch angesprochen werden. Wobei wir dann am «Sabbat», dem jüdische Ruhetag, ganz froh sind, dass wir nicht zur Mehrheit der konservativen, orthodoxen und ultra-orthodoxen Juden im Land gehören. Denn ihnen sind von Freitag- bis Samstagabend zahlreiche körperliche Anstrengungen untersagt, wie z.B. WC-Papier abreissen oder den Lichtschalter betätigen.

Daneben entdecken wir aber erstaunlich viele Gemeinsamkeiten zwischen Israel und der Schweiz: In beiden Ländern leben etwa gleich viele Leute (etwas mehr als 8 Mio.), in beiden Ländern sind etwa zwei Drittel der Landesfläche unbewohnt (in der Schweiz wegen der Berge, in Israel wegen der Wüste) und auch in Israel laufen ständig irgendwo Rekruten in Militäruniform mit Sturmgewehr herum. Wobei es in Israel deutlich mehr sind als in der Schweiz – aus drei guten Gründen: In Israel müssen auch Frauen ins Militär, in Israel dauert der Militärdienst wesentlich länger (2-3 Jahre) und viele Rekruten haben «nur» einen Bürojob im Militär und übernachten darum abends zuhause – entsprechend sind sie öfter mit dem ÖV unterwegs als in der Schweiz.

Wir entdecken aber natürlich auch zahlreiche Unterschiede zu unserem Land. Der ungerechteste ist: Die Israelis haben ständig Ferien! Pro Kalenderjahr gibt es rund 40 (!) Feiertage, an denen nicht gearbeitet wird. Alleine im Monat unseres Aufenthalts wurde Neujahr, Jom Kippur (der höchste Feiertag) und Sukkot (ein wichtiges Familienfest) gefeiert. Kombiniert mit Sabbat und Wochenende führt dies dazu, dass die Israelis im September 2018 – ohne Ferien zu nehmen – genau 10 Tage arbeiten müssen. Umso besser für uns, denn die Israelis machen in solchen Konstellationen natürlich das, was wir Schweizer auch machen würden: «d’Brugg» bzw. einen Monat Ferien. So müssen wir in Israel nie irgendwo anstehen oder bei unseren Ausflügen etwas im Voraus reservieren. Womit unser Nahost-Trip erst richtig ins Rollen kommt :-)

Wir besuchen Jerusalem, die spannendste und mit Abstand grösste Stadt Israels. Seit 2’700 Jahren soll die Offenbarung Gottes (die 2 Steintafeln von Moses mit den 10 Geboten) dort aufbewahrt werden (für Indiana-Jones-Fans: in einer Holzkiste namens «Bundeslade»). Sie bildet die gemeinsame Grundlage der drei grössten Weltreligionen unserer Zeit (Judentum, Christentum und Islam). Da sie alle ihren Ursprung in Jerusalem haben, pilgern entsprechend viele Juden, Christen und Muslime jedes Jahr dorthin. Die Juden zur Klagemauer, die Christen zum Jesus-Grab und die Muslime zum Felsendom. Pro Jahr sind das 4 Mio. Menschen (zum Vergleich für Bier-Gläubige: Ans Oktoberfest nach München pilgern jährlich 6 Mio. – in einem Monat). Da sich diese 3 heiligen Orte in einem Radius von 400 Meter befinden, ist die Stimmung in Jerusalem immer leicht angespannt. Trotz enormem Sicherheitsaufgebot kommt es hier leider immer wieder zu tödlichen Auseinandersetzungen, vor allem zwischen Isrealis und Palästinensern.

Womit wir bei unserer nächsten Station wären: Rund um Jerusalem liegt das so genannte «Westjordanland», auch Palästina oder West Bank genannt. 137 von 193 UNO-Mitgliedstaaten anerkennen dieses Gebiet (inkl. Gaza-Streifen) als souveränen Staat an – die Schweiz übrigens nicht. Israel wird von etwa gleich vielen UNO-Mitgliedstaaten ebenfalls nicht als Staat anerkannt – darunter übrigens Kuba :-). In unserem «Lonely Planet»-Reiseführer lesen wir aber, dass sich ein Ausflug ins Westjordanland lohnt und es für Touristen sicher sei, unter anderem, weil dort die moderate Fatah und nicht (wie im Gaza-Streifen) die radikal-islamische Hamas die Kontrolle hat. Trotzdem haben wir ein ungutes Gefühl, da wir uns zu wenig mit der aktuellen politischen Lage auskennen. Vernünftig wie wir sind, holen wir uns darum bei unseren neuen Freunden in Tel Aviv ein paar Zweitmeinungen ein. Das hätten wir wohl lieber bleiben lassen sollen! Die Rückmeldungen bewegen sich zwischen einem moderaten «Ich käme nicht mal auf die Idee, dorthin zu reisen» bis hin zu «Seid ihr lebensmüde oder was?!».

Nach etwas Überzeugungsarbeit kann Marco dann Yumi trotzdem motivieren, nach Palästina zu reisen, um sich selber ein Bild und eine Meinung vor Ort zu machen. Und weil man das am besten individuell macht, verzichten wir auf eine organisierte Tour und nehmen stattdessen den Direktbus #218 von Jerusalem nach Ramallah. Unsere Abenteuerlust gepaart mit einem Schuss Naivität führt dazu, dass wir die einzigen Touristen im Bus sind. So weit, so gut. Bei der Busfahrt durch die Militärcheckpoints und vorbei an den jüdischen Siedlungen im Westjordanland wird es aber langsam ungemütlich. Die jüdischen Siedlungen sind umgeben von einem Stacheldrahtzaun und einer 8 Meter hohen Mauer. Ursprünglich wurden die jüdischen Siedlungen nur mit einem Zaun abgesichert, die Mauer kam nach der zweiten Intifada dazu – als zusätzlicher Schutz gegen palästinensische Scharfschützen, die auf jüdische Soldaten und Siedler feuerten. Genau in diesem Moment erinnern wir uns, dass wir in Tel Aviv ständig auf Hebräisch angesprochen wurden. Und wir erinnern uns an die Zeilen im Lonely Planet, dass bei der Einreise nach Palästina eine Passkontrolle stattfinden soll… und dass die Schweiz Palästina nicht anerkennt. Zu unserer Überraschung spricht uns aber niemand an und auch niemand will unseren Pass sehen. Im Gegenteil: Unser Bus wird von den israelischen Sicherheitskräften desinteressiert durchgewunken und 30 Minuten später stehen wir im Stadtzentrum von Ramallah.

Ramallah, die inoffizielle Hauptstadt Palästinas, präsentiert sich etwa so, wie wir sie uns vorgestellt haben: Auf den Strassen sind vor allem Männer unterwegs, und 90% der Frauen, die herumlaufen, sind mit Kopftuch verhüllt. Wir spazieren den wichtigsten Strassen entlang und suchen erfolglos nach einem einladenden Café, wo wir uns hinsetzen und ein wenig «people watching» betreiben können. Nach einer halben Stunde herumirren bei knapp 40 Grad verstehen wir langsam, warum es keine Outdoor-Cafés gibt – wer will bei dieser Hitze schon draussen sitzen! Wir geben leicht entnervt auf, da wir langsam verschmachten und auf die Toilette müssen und suchen das nächstbeste Lokal. Wir landen in einem kleinen Raum mit 3 Tischen, 6 Stühlen, einer Küche und 3 Palästinensern dahinter. Ein Mann und die beiden Frauen, die gerade in der kleinen Küche etwas zubereiten, schauen uns verwundert an. Wir fragen höflich auf Englisch, ob sie Kaffee im Angebot hätten, und sie geben uns lächelnd mit ihren Händen und in ihrem gebrochenen Englisch zu verstehen, dass wir willkommen seien und eintreten sollen. Im Handumkehren sitzen wir am Tisch und es wird uns sofort heisser Kaffee serviert, dazu gibt es ein Stück Kuchen. Die Toilette hinter der Küche dürfen wir selbstverständlich auch benutzen. Erst jetzt realisieren wir langsam, dass das Lokal gar kein Indoor-Café sondern irgend ein Food-Kurier ist. Den Kaffee, den sie uns servieren, haben sie gar nicht in Angebot, sondern einfach immer auf dem Herd. Und die Idee ist auch nicht, dass wir irgendetwas bestellen oder zahlen sollen, sondern wir wurden soeben einfach als «Hilfesuchende» von einer palästinensischen Familie zu Kaffee und Kuchen eingeladen! Wie wir später erfahren, ist das für die Palästinenser das Mindeste an Gastfreundlichkeit in so einem Moment. Das erklärt dann wohl auch, warum sie unser zahlungswilliges Angebot mehrmals ablehnen und wir kurz darauf noch eine Visitenkarte von einem lokalen Schuhmacher in die Hand gedrückt bekommen, der uns herzlich dazu einlädt, uns (ebenfalls gratis) überall in Palästina hinzufahren und abzuholen, falls wir uns verirren sollten.

Das passiert zum Glück nicht. Unsere Palästina-Tour geht in Jericho weiter, wo wir noch weitaus spannendere Begegnungen mit Palästinensern haben werden. Wir halten uns zwar brav an die Empfehlung des Lonely Planets, bei Gesprächen mit Einheimischen politische Themen möglichst zu vermeiden. Aber irgendwie kommt es ganz von alleine immer anders: Der junge, sympathische Mann im verwaisten Tourismusbüro von Jericho erzählt uns nach 30 Sekunden, dass es eine Schande sei, dass den Palästinensern 1948 (mit der Staatsgründung Israels) ihr Land von den Juden weggenommen wurde… dass seine Grosseltern vertrieben wurden… und dass alle Palästinenser seither Gefangene im eigenen Land seien. Er erklärt weiter, dass Palästina ein sehr offenes und gastfreundliches Land ist und jeden willkommen heisst und einreisen lässt. Das können wir aus eigener Erfahrung bereits nach wenigen Stunden in Palästina bestätigen! Dann fährt der junge Mann fort, dass es ungerecht und falsch sei, alle Palästinenser in der westlichen Welt als Terroristen abzustempeln und sie mit Mauern von der Welt abzuschotten. Der junge Mann, der in seinem ganzen Leben noch nie das Westjordanland verlassen hat, trotzdem sehr gut Englisch spricht und die Welt bereisen möchte – es aber nicht kann – tut uns ziemlich leid.

Kurze Zeit später lernen wir einen Mann namens Samer kennen. Da er als Souvenirhändler ebenfalls im Tourismusbereich tätig ist, ist er mindestens so gelangweilt wie der junge Mann von vorhin – denn ausser uns ist praktisch niemand in Jericho unterwegs. Wir kommen schnell ins Gespräch, kriegen ruckzuck wieder einen Gratis-Kaffee und hören nach 30 Sekunden wieder das gleiche Klagelied: Vertrieben, eingesperrt, zu Unrecht als Terroristen abgestempelt – dabei sind alle offen und gastfreundlich. Dann kommt plötzlich eine überraschende Wendung, die unsere Augenbrauen kurz hochzucken lässt, während wir weiterhin lächelnd und nickend Samer zuhören: «Der Islamische Staat und die IS-Kämpfer sind nicht real sondern eine Erfindung der Amerikaner und Israelis, um alle Araber in den westlichen Medien als Terroristen abzustempeln.» Nach ein paar Aha’s und OK’s unsererseits erzählen wir Samer, der übrigens nach wie vor sehr nett und vertrauenswürdig ist, dass wir weiter zum Toten Meer müssen. Ein Telefonanruf und 2 Minuten später steht sein Kollege Raed vor der Tür, der uns mit seinem Auto gerne zur richtigen Busstation fährt.

Auch Raed wiederholt die Aussagen seiner Vorgänger, redet von der Ungerechtigkeit, dass alle Palästinenser pauschal als Terroristen abgetan werden und richtet dazu gleich noch einen Appell an uns: Wir sollen der Welt erzählen, dass die Palästinenser sehr nett, offen, gastfreundlich und hilfsbereit sind. «Wir leben sogar mit den Christen friedlich in unserem Land zusammen», sagt Raed lächelnd. So weit, so gut. Danach wird Raed ernst: «Einzig diese geldgierigen Scheissjuden sind hier nicht willkommen! Diese zionistischen Schweine haben uns unser Land weggenommen und breiten sich auf der ganzen Welt wie eine Seuche aus!». Nach einem kurzen Moment des Zweifels, ob wir wirklich auf dem Weg zur Bushaltestelle sind, staunen wir über seine Undifferenziertheit gegenüber «den Juden», hat doch der gleiche Raed vor einer Minute erzählt, wie ungerecht es sei, «die Palästinenser» in einen Topf zu schmeissen. Mit der Zeit wird uns aber klar, woher seine Haltung herrührt: Er erzählt uns, dass er zwei Mal im Gefängnis sass, weil er während beiden Intifadas auf israelische Soldaten geschossen habe. Nochmals überprüfen wir kurz auf unseren Handys mittels GPS, ob wir wirklich auf dem richtigen Weg zu Bushaltestelle sind. Ja, sind wir. Am Ende der Fahrt werden wir von Raed herzlich eingeladen, beim nächsten Mal seine Familie und seine Kinder zusammen mit unseren Kindern zu besuchen. «Of course!» verabschieden wir uns und hoffen, dass uns möglichst bald ein Bus zurück nach Israel fährt.

Oh, bevor wir vergessen, unser Versprechen einzulösen: Die Palästinenser sind wirklich sehr nett, offen, gastfreundlich und hilfsbereit! Was aber leider auch wahr ist: Sie (ja, sie alle!) leiden seit der Staatsgründung Israels – also seit drei Generationen – unter einem kollektiven Trauma, das ihr Leben beherrscht.

Ein paar Tage später reisen wir im Süden Israels auf dem Landweg nach Jordanien. Über Jordanien wussten wir vor unserer Reise praktisch nichts, ausser dass irgendwo die berühmte Felsenstadt Petra liegt (Indiana-Jones-Fans aufgepasst: Das ist der im Canyon versteckte Tempel, wo der «heilige Gral» aufbewahrt wird). Vom Roten Meer aus organisieren wir einen Mietwagen und touren damit 1 Woche durch das Königreich. Wir horchen auf, als wir erfahren, dass der aktuelle König Jordaniens mit einer Palästinenserin verheiratet ist (Königin Rania). «Macht Sinn», sagt Marco zu Yumi, «sie ist bestimmt nett, offen und hilfsbereit». :-) Die noch naheliegendere Erklärung ist aber eine andere: Über 50% der jordanischen Staatsbürger sind ursprünglich Palästinenser. Sie kamen nach der Staatsgründung Israels ab 1948 in mehreren Flüchtlingswellen nach Jordanien, konnten sich hier niederlassen und erhielten die jordanische Staatsbürgerschaft.

Unser erster Stopp führt uns aber zunächst zu den «echten» oder ursprünglichen Jordaniern, nämlich zu den Beduinen, die in der Wüste leben. Die flache Wüstenlandschaft, die mit steilen und hohen (Sandstein-)Bergen gespickt ist, ist beeindruckend. Neben der obligaten Jeep- und Klettertour verbringen wir zwei Tage und Nächte in einem Beduinencamp. Dort lernen wir den 23-jährigen Beduinen Idris – Spitzname Id – kennen. Er hat insgesamt 7 Geschwister, was aus seiner Sicht eine eher kleine Familie ist. Das liegt auch daran, dass sein Vater nur eine Frau hat (erlaubt sind deren vier). Er erzählt uns, dass sein Vater kurz vor der Heirat mit einer zweiten Frau steht. Das wirft natürlich ein paar Fragen auf, und es entwickelt sich eine sehr offene Diskussion mit Id. Er erklärt uns unter anderem, warum es durchaus Sinn macht, als Mann mehrere Frauen heiraten zu dürfen. Nämlich weil natürlicherweise mehr Mädchen als Jungen auf die Welt kommen (stimmt!) und weil keine Frau das Schicksal erleiden soll, bis ans Lebensende unverheiratet und alleine zu bleiben (macht Sinn!). Das Problem: Wenn ein Mann mehr als eine Frau hat, muss er für beide gleich gut sorgen und sie beide gleich gut behandeln, was sowohl finanziell als auch psychisch anspruchsvoll ist (das glauben wir!). Und die Tatsache, dass ein mehrfach verheirateter Mann abwechselnd eine Nacht mit der einen Frau im ersten Zelt und die nächste Nacht mit der anderen Frau im zweiten Zelt usw. verbringen muss, macht die Mehrfachehe auch noch zu einer körperlich anstrengenden Sache für den Mann. Die Beduinen setzen deshalb seit Jahrhunderten – ohne Witz – Kamelmilch als natürliches Viagra ein :-)

Umgekehrt interessiert sich Id natürlich sehr für unser Leben in der Schweiz und in erster Linie für alle rechtlichen und gesellschaftlichen Freiheiten, die wir haben. Zum Beispiel, ab welchem Alter man ohne zu heiraten eine Freundin haben darf, wie das funktioniert, wenn man vom Elternhaus auszieht und eine eigene Wohnung sucht usw. Er überlegt ernsthaft, nach Europa auszuwandern, weil sein Leben als Beduine in der jordanischen Wüste nicht gerade mit vielen Freiheiten verbunden ist. Er ist sehr überrascht zu hören, dass es nicht so einfach ist, eine Niederlassungsbewilligung zu bekommen, oder dass aufgrund des aktuellen Flüchtlingsstroms ausländerfeindliche Stimmen in Europa Aufwind haben. Für ihn ist es nicht wirklich vorstellbar, dass man einem Fremden gegenüber nicht gastfreundlich und hilfsbereit sein kann. Er meint, dass viele Jordanier es als gottgewollte Aufgaben sehen, Fremden zu helfen – zum Beispiel syrische Flüchtlinge aufzunehmen. Die Zahlen belegen seine Aussage: In Jordanien leben mittlerweile über 1 Million syrische Flüchtlinge, das sind mehr als 10% aller Einwohner Jordaniens. Der Wind scheint aber langsam zu drehen: Vor allem seit die oft gut ausgebildeten (und billigen) Syrer in Jordanien Arbeitsbewilligungen erhalten und die Einheimischen auf dem Arbeitsmarkt konkurrenzieren, werden selbst im gastfreundlichen Jordanien die ausländerfeindlichen Stimmen lauter.

Der Zufall will es, dass wir in der Wüste ein syrisches Flüchtlingspaar kennenlernen. Sie bereiten jeweils Frühstück und Abendessen für die Touristen vor, die in den Beduinencamps übernachten, und reinigen die Anlagen im Camp. Nach einer Klettertour am Vormittag steigen wir auf einen der umliegenden Berge, wo wir unter einem schattigen Felsvorsprung Schutz vor der brennenden Sonne suchen. Als wir dort sitzend ein paar Erdnüsse verzehren, kommt die (hochschwangere) syrische Frau auf uns zu, die sich ebenfalls gerade in der Nähe mit ihrem Mann ausruht bzw. sich vor der Sonne schützt. Die Kommunikation fällt schwer, da wir eindeutig zu wenig Arabisch können. Die sympathische Frau kommt aber trotzdem immer wieder für einen «Schwatz» zu uns vorbei, bietet uns ihre Outdoor-Matratze zum Schlafen an, macht Tee für uns alle, trinkt mit uns und kommt ein paar Stunden später wieder vorbei – diesmal mit einem reichhaltigen Essen, welches sie im Beduinencamp zubereitete und zu unserem schattigen Berg hinauf schleppte. Uns fehlen die Worte, die uns ohnehin schon gefehlt haben, denn ihre Gastfreundschaft und Herzlichkeit sind schlicht überwältigend.

Von der Wüste reisen wir weiter nach Petra, um eines der 7 neuen Weltwunder zu besuchen. Von den ursprünglichen oder «alten» 7 Weltwundern stehen ja nur noch die Pyramiden in Ägypten. Unsere Erwartungen sind entsprechend hoch – und wir werden nicht enttäuscht: Die unzähligen Gräber und Gebetsräume, die vor über 2000 Jahren in die Felsen gemeisselt wurden, sind extrem imposant. Vielleicht ist die antike Stadt bis heute so gut erhalten, weil es dort schlicht zu heiss ist, um auf die Idee zu kommen, Krieg zu führen :-) Zur «Abkühlung» fahren wir anschliessend zum Toten Meer weiter, wo die Luft angenehme 40 Grad und das Wasser 33 Grad warm ist. Viele Kurhotels liegen dort aneinandergereiht, weil das supersalzige Wasser und die Schlammpackungen sehr gesund sein sollen. Als wir uns die Gäste und die passende Hotelgastronomie näher ansehen (Patisserie zum z’Morge, Pommes zum z’Mittag, Steak zum z’Nacht), ist für uns schnell klar, dass ein zu langer Aufenthalt am Toten Meer wohl nicht besonders gesund sein kann – und fahren weiter nach Amman, zur Hauptstadt Jordaniens.

In Amman erleben wir eine nicht ganz stressfreie Zeit. Angefangen mit dem Mietwagen während der Rush Hour durch die 4-Millionen-Metropole zu fahren, hin zur abenteuerlichen AirBnB-Unterkunft bei unserem neuen jordanischen Freund Yazan und seinem Schäferhund. Später gleich mehr dazu. Auch sonst gefällt uns Amman zu Beginn nicht wirklich, aber kaum in Downtown angekommen, ändern wir unsere Meinung: Plötzlich sind wir in einer arabischen Stadt unterwegs, wo es überall Cafés, Restaurants und Bars mit Aussensitzplätzen gibt, Frauen mehrheitlich ohne Kopftuch und trendy unterwegs sind und sogar Alkohol auf der Strasse verkauft wird. Die vergleichsweise vielen Europäer und Amerikaner, die dort als Touristen unterwegs sind oder in Amman arbeiten, tragen ebenfalls ihren Teil zum durchmischten Stadtbild bei. Viele von ihnen arbeiten angeblich für Medien und Hilfswerke, die in den benachbarten Krisenländern Syrien & Irak tätig sind.

Von unserem AirBnB-Gastgeber Yazan erfahren wir später, dass etwa 10% der arabischen Einwohner in Amman so wie er «liberal» sind, also zu den nicht-praktizierenden Muslimen gehören. Wir teilen seine Wohnung mit ihm und seiner Schäferhundin Misha, die uns gleich bei der Eingangstür begrüsst, indem sie uns anspringt (bei Yumi: bis auf Kopfhöhe) und uns aus purer Freude durch unsere Kleidung hindurch am Oberkörper zerkratzt. «Sie ist immer so aufgeregt, wenn sie neue Leute kennenlernt», meint Yazan – und fügt an: «Ihr braucht keine Angst vor ihr zu haben». Naja, denken wir, solange sie alle Gäste so begrüsst, werden ihre scharfen Krallen wenigstens regelmässig abgewetzt und sind dann nicht mehr lebensgefährlich. Die Übernachtung bei Yazan hat es dann genauso in sich: Einerseits können wir ohne Ohropax nicht schlafen, weil Yazan am gleichen Abend zwei unterschiedliche Frauen bis 5 Uhr morgens zu Besuch hat («wänn scho, dänn scho!»). Andererseits – und das ist weitaus mühsamer – muss Marco nach 2 Minuten im Bett liegend Yumi fragen, ob sie auch das Gefühl habe, dass sie ständig gebissen werde. «Ja, das dachte ich gerade auch!» Na toll, wir liegen also gerade in einem Bett voller Flöhe oder Bettwanzen! Zum Glück hat Marco in weiser Voraussicht beim Tropeninstitut Zürich eine Sprühflasche MükoRex gekauft! Mit MükoRex kann man Textilien besprühen und alle Kaltblütler wie Moskitos, Flöhe und Bettwanzen für mehrere Wochen platt machen. Marco sprüht das Teufelszeug also grosszügig auf Matratze, Kopfkissen, Decke und sogar auf die Pyjamas, so dass wir uns kurze Zeit später beruhigt und wohlig in unser feuchtes Bett begeben können, das natürlich die ganze Nacht hinüber feucht bleibt… aber garantiert keine Kaltblütler mehr hat! :-)

Am nächsten Tag wird es Zeit, Jordanien zu verlassen. Zwischen uns und unserem nächsten Reiseziel, Bangkok, steht nur noch dieser dumme Schäferhund. Yazan lässt nämlich per WhatsApp mitteilen, dass er leider aus dem Haus musste, wir uns aber wegen dem Hund (der sich gerade frei in der Wohnung bewegt), nicht die geringsten Sorgen machen müssen. Mit einer ausgeklügelten Strategie gelingt es uns, dieses letzte Hindernis auf dem Weg zur Freiheit zu überwinden – ohne Vollkörperkontakt und ohne neue Schnittwunden. Wie genau, das erzählen wir euch gerne, wenn wir wieder zurück sind :-)


Liebe Grüsse
Yumi & Marco


P.S.: Falls ihr euch über den Titel unseres Blogs gewundert habt (You-Me & Marco Polo): Es ist der einfachste Weg, um im Ausland unsere Namen zu erklären :-)

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Antworten (1)

Jessica
Hallo ihr zwei!!! Wow en super spannende, luschtige und interessante bitrag. S'beschte woni mir ha chöne merke isch das mit de ferie und 40 fiertigä😁👌 (nur scho wäge dem überleg ich mir uszwandere😝). Die gastfründlichkeit und herzlichkeit isch unglaublich..bin ehrlichgseit extrem überrascht. Haha de schäferhund😂...han de gsichtsusdruck vo de yumi vor mine auge gha wonis glasä han (han so müesse lache). Die supercooli idee vom marco mit dem insektespray isch natürli hervorragend gsi.. hahaha..die szene hani mir au bildlich vorgstellt und wieder soooo müesse lache😂. Ich wünsch eu witerhi ganz viel spannendi und interessanti momänt wie bis jetzt. Hebed eu sorg... ich freu mich scho uf de nögscht bitrag!!! Besitos para los dos... divertiros!!!

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