Nachtzug nach Hué
Mit dem Nachtzug fuhr ich nach Hué, der Stadt der letzten vietnamesischen Kaiser.


Veröffentlicht: 27.04.2026
In Hué besichtigte ich an einem Tag etwa ein halbes Dutzend Paläste und Grabmäler und fuhr auf einer traditionellen Barke auf dem Parfümfluss. Nach so viel imperialem Pomp brauchte ich ein Kontrastprogramm und speiste zweimal in einer Strassenküche. Das Essen, einmal gebratener Reis mit Meeresfrüchten, einmal geschmorter Schweinebauch mit Gemüse, war hervorragend, die Bedienung superfreundlich, ein kühles lokales Bier dazu und das Ganze für umgerechnet drei Franken – das nenne ich wirklich kaiserlich.
Das einzige, was mich beim Street Food ebenso nervte wie in fast sämtlichen Läden, Spas, Kaufhäusern, Restaurants und Hotel-Lobbys von Nord bis Süd waren die verkitschten Cover-Versionen ohnehin schon kitschiger Weihnachtslieder, die aus jedem Lautsprecher plätscherten und plärrten: «Jingle Bells», «Last Christmas», «Feliz Navidad», «I'll Be Home for Christmas». Ich mochte sie schon bisher nicht, die Kitschbrüder vom Schlag eines Bing Crosby, José Feliciano oder Frank Sinatra, doch nach diesen Wochen in Vietnam habe ich gelernt, sie richtig zu hassen.
So richtig kitschig wurde es allerdings erst in Nha Trang, einer Küstenstadt rund 600 Kilometer südlich von Hué. Ich wollte dort Anfang Dezember 2024 eine Woche Badeferien verbringen, was nicht wirklich gelang, weil es fast ständig regnete. Die optischen Entgleisungen in Nha Trang übertrafen jene von Hué womöglich noch: Weihnachtsbäume in den Einkaufszenten und Hotel-Lobbys; Styropor-Schneemänner mit Samichlausmützen in exotischen Gärten; Rentiere mit Weihnachtspaketen auf dem Schlitten; Weihnachtsbäume, mit künstlichem Schnee bestäubt, am Strand – dem schlechten Geschmack sind gerade vor Weihnachten keine Grenzen gesetzt.
