Befreiung
Zwischenstopp in Singapur zwischen Zürich und Hanoi.

Veröffentlicht: 26.04.2026
Ich war also im November 2024 im Hotel du Palace in Hanoi abgestiegen. Bis ich den Preis meines fensterlosen Zimmers ermittelt hatte, war einige mentale Akrobatik nötig. Denn die Vietnamesen leisten sich eine Währung mit sehr vielen Nullen. So wäre der junge Mann, der die Koffer aufs Zimmer schleppte, mit dem ursprünglich vorgesehenen Trinkgeld von 1000 Vietnamesischen Dong nicht glücklich gewesen. 1000 Dong, für die es eine Banknote gibt, sind umgerechnet gut drei Eurocents.
Das Hotelzimmer, mit allem ausgestattet, was der Reisende braucht, ausser eben einem Fenster, war mit 2,8 Millionen Dong für drei Nächte ausgeschrieben. Das klingt nach viel. Bei einem Wechselkurs von 0.000032 kommt man dann auf 89 Euro oder knapp 30 pro Nacht, Frühstück inklusive.
Als Initiationsritus sozusagen (oder prosaischer: weil ich in der Schweiz keine Zeit mehr hatte) gehe ich zum Coiffeur in einer Nebenstrasse. Er macht sich akribisch über mein ergrautes Haar her und verlangt nach verrichteter Arbeit 150'000 Dong oder 5.25 Franken.
Bevor ich mich auf die nächtlichen Strassen Hanois wage, auf denen ein permanenter Strom von Motorrollern zirkuliert, genehmige ich mir im «Family Restaurant Au Lac» ein Diner: Frittierte Fischhäppchen werden zusammen mit Kräutern, Ananasstücken, feingeschnittenem Gemüse und Zwiebeln in ein Reispapier eingewickelt und wie eine Frühlingsrolle gegessen. Nach ein paar missglückten Versuchen klappt das ganz gut, und ich verzeichne mein erstes Essen in Vietnam als beglückendes Erlebnis.
Per WhatsApp und Facebook treffen erste Fotos aus dem verschneiten Zürich, Bern und Luzern ein und Nachrichten vom Zusammenbruch des Öffentlichen Verkehrs in mehreren Schweizer Städten. Ich habe das Gefühl, genau zum richtigen Zeitpunkt aufgebrochen zu sein.
