Kota Kinabalu – weltoffene Stadt am Meer
Szenenwechsel in Nord-Borneo Mitte Mai 2025: vom eher spröden Sultanat Brunei in die lebensfrohe malaysische Hafenstadt Kota Kinabalu.

Veröffentlicht: 22.05.2026















Die Philippinen sind ein gefragtes Ziel für Badeferien und für Aktivitäten wie Schnorcheln, Tauchen, Bootsausflüge und Fischen. Man kann sich auch prächtig dem Müssiggang hingeben. Boracay, eine der beliebtesten Feriendestinationen Südostasiens, ist nicht wegen ihres kilometerlangen, weissen Sandstrandes und für wilde Partys bekannt. Die langgezogene Insel Palawan im Westen der Philippinen mit zahllosen vorgelagerten Inselchen protzt mit paradiesischen, oft versteckten und einsamen Stränden.
Natürlich wäre die Versuchung gross gewesen, erneut in Palawan zu faulenzen, das ich bereits kenne. Ich aber habe mich für die härtere Tour entschieden: Philippinischen Städten eilt der Ruf voraus, eher mühsam und rau zu sein. Aber wenn ich ein Land besser kennenlernen will, muss ich auch Städte besuchen. Also bereise ich nacheinander Davao, Cebu und Angeles City. Den Grossraum Manila mit seinen rund 15 Millionen Menschen lasse ich diesmal aus.
Von Kota Kinabalu, der Hauptstadt des malaysischen Bundesstaates Sabah in Nordost-Borneo, bin ich am 19. Mai 2025 gut eintausend Kilometer quer über die Celebessee nach Osten geflogen. Davao mit fast zwei Millionen Einwohnern ist die drittgrösste Stadt der Philippinen und die wichtigste auf Mindanao, der zweitgrössten Insel der Philippinen.
Mindanao hat eine Fläche von gut 94.600 Quadratkilometern, ist also fast doppelt so gross wie die Schweiz und deutlich grösser als der Freistaat Bayern. Das Schweizer Aussendepartement EDA rät von Reisen nach Mindanao ab: Es komme zu Kämpfen zwischen der Armee und bewaffneten Gruppierungen. Zudem bestehe ein Risiko von Anschlägen, Überfällen und Entführungen.
Die drittgrösste Stadt der Philippinen
Eine explizite Ausnahme macht das EDA mit Davao. Weshalb soll ausgerechnet diese Grossstadt sicherer sein als ihr Umland? Auf der Suche nach Antworten stromere ich tagelang durch die Stadt. Am Sonntag besuche ich die Kathedrale des Heiligen Petrus, einen brutalistischen Betonbau aus den 1960er-Jahren. Die Messe ist keine andächtige Angelegenheit wie bei uns. Gläubige kommen und gehen. Es wird geschwatzt, gelacht und gesungen. Alte Frauen rutschen auf Knien in Richtung des Altars. Fröhliche Familien präsentieren ihre frisch getauften Babys für Fotos und Selfies.
Die Philippinen wurden von 1565 bis 1898 von Spanien beherrscht und intensiv missioniert. Etwa vier von fünf Filipinos sind katholisch. «Anders als bei Euch gibt es hier noch eine weit verbreitete, echte Volksfrömmigkeit», sagt ein Priester, mit dem ich vor der Kathedrale rede. Meinen Einwurf, dass es auf den Philippinen weniger gesittet zu und her gehe als zum Beispiel im buddhistischen Thailand, will er nicht gelten lassen.
Kathedrale neben Stundenhotels
An der San-Pedro-Strasse, der Hauptstrasse im Stadtzentrum, an der die Kathedrale steht, tagt auch der Stadtrat (die Legislative), und das alte Rathaus befindet sich ebenfalls hier. Mir fallen drei Dinge auf. Erstens die archaischen Transportmittel: Wie überall auf den Philippinen verkehren hier die sogenannten Jeepneys, unbequeme Kleinbusse, die an Weltkriegs-Jeeps aus den USA erinnern; Fahrradtaxis, genannte Redi-Cabs, funktionieren mit der Muskelkraft ihrer Fahrer; die meisten von ihnen sind von Motorrädern mit angebauter, rudimentärer Kabine für zwei bis vier Passagiere, genannt «Tricycles», abgelöst worden.
Zweitens preisen sich Stundenhotels an, klimatisiert, mit Gratis-WIFI, drei Stunden für 168 Pesos oder umgerechnet zweieinhalb Euros. Und drittens reiht sich ein «Pawn Shop» an den nächsten, Läden, in denen man Habseligkeiten gegen ein Bisschen Cash verpfänden kann. Ich betrete einen von ihnen: Billiguhren, Schmuck, alte Handys und Laptops, sogar Kleider, Pfannen und Geschirr, die von ihren Vorbesitzern nicht mehr ausgelöst werden konnten, stehen zum Verkauf.
Davao wirkt an manchen Stellen vernachlässigt, hat aber einen morbiden Charme. Das New Davao Theatre, ein verlassenes Kino an der C.M. Recto Street, brannte Ende Mai 2024 samt benachbarten Gebäuden wie dem ebenfalls verlassenen Davao Hotel ab. Doch die Brandruinen sind auch nach mehr als einem Jahr nicht abgeräumt. Davao City gilt im nationalen Vergleich nicht als arme Stadt. Doch stolpere ich in schummerigen Nebengassen im Stadtzentrum nachts über Menschen, die auf den Bürgersteigen schlafen.
Mitten in der Finsternis eine gleissende Oase: Männer spielen an einem von Gaslaternen ausgeleuchteten Tisch ein improvisiertes Glücksspiel mit Spielkarten. Sie schreien, gestikulieren und beachten mich kaum. Aus den ärmlichen Häuserzeilen des nächtlichen Quartiers sticht ein modernes, hell erleuchtets Café hervor. Die Betreiberin heisst Margie und ist gut 40; zur Hand geht ihr ihre 18-jährige Nichte Kimberley. Da Englisch auf den Philippinen schon in der Primarschule gelehrt wird, sind Gespräche hier viel einfacher als in manchem anderen südostasiatischen Land.
Büprgermeister mit eiserner Faust
Margie serviert einen perfekten Espresso, und wir besprechen, wie ein Tourist mitten in der Nacht unbehelligt durch armselige Viertel einer Grossstadt wie Davao schlendern kann. Margie antwortet mit einem Namen: Rody Duderte. 1972 rief der philippinische Präsident Ferdinand Marcos den Notstand aus und regierte fortan diktatorisch. Es gab auf Mindanao einen kommunistischen Aufstand; antikommunistische Bürgerwehren versuchten, ihn niederzuschlagen. Und auch islamistische und ethnische Rebellengruppen wüteten mitten in Davao. «Es gab jeden Tag Tote», sagt Margie.
1988 wurde ein gewisser Rodrigo Duterte, Staatsanwalt und Sohn eines ehemaligen Gouverneurs, zum Mayor, also Bürgermeister gewählt. Seine Botschaft an Kriminelle und Banden war simpel: verschwindet, oder ich bringe Euch um. «Rody hat aus Davao eine sichere Stadt gemacht», sagt Margie. «Dafür lieben wir ihn.» Aber er hat doch unzählige Menschen umbringen lassen und Todesschwadronen losgeschickt? Margie kommt in Fahrt: «Es wurden ja keine Unschuldigen ermordet, nur Banditen, Terroristen und Drogenhändler.»
Duterte regierte Davao von von 1988 bis 1998, von 2001 bis 2010 und von 2013 bis 2016, als er zum philippinischen Staatspräsidenten gewählt wurde. Seine Nachfolgerin war 2010 und 2016 seine Tochter Sara Duterte -Carpio, die ihrerseits seit 2022 Vizepräsidentin des Landes ist. Präsident ist Ferdinand Marcos Junior, der Sohn des gleichnamigen ehemaligen Diktators.
Nach Den Haag ausgeliefert
Präsident Marcos und Vizepräsidentin Duterte verbindet eine innige Feindschaft, die darin kulminiert, dass nun ein Amtsenthebungsverfahren gegen Sara Duterte läuft. Es war Marcos, der dafür sorgte, dass Rodrigo Duterte am 11. März 2025 verhaftet und an den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag ausgeliefert wurde. Er befindet sich in Holland im Gefängnis; ihm wird der Prozess wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit gemacht. Menschenrechtsgruppen schätzen, dass sein Krieg gegen Drogen und Kriminalität bis zu 30.000 Opfer forderte.
In Davao, der Hochburg seiner Familie, hat das seinen Ruf noch gefestigt. Als der Ex-Präsident, 79 Jahre alt, bereits in Holland im Gefängnis sass, wurde er am 12. Mai 2025 erneut zum Bürgermeister von Davao City gewählt – mit überwältigenden 89 Prozent der Stimmen –, sein jüngster Sohn Sebastian (37) gleichzeitig zum Vizebürgermeister. Die Wahlen sind längst vorbei, aber die Plakate für Rody und Baste hängen noch.
Auf einer Bühne vor dem Stadthaus findet jeden Abend eine Andacht für Duterte statt. «Duterte ist unser Messias», sagt mir ein pensionierter Beamter. «Er hat uns zugehört. Er hat uns verstanden. Er hat unsere Probleme ernstgenommen. Er hat uns geholfen.» Aber ob der alte Mann jemals aus den Niederlanden zurückkehren wird, ist ungewiss
