Pfahlbauer und Ölbohrer in Brunei
Das Sultanat Brunei an der Nordküste Borneos ist winzig, stinkreich und strikt muslimisch. Doch als so langweilig wie sein Ruf erwies es sich bei meinem Besuch im Mai 2025 nicht.

Veröffentlicht: 21.05.2026












Vom Sultanat Brunei flog ich Mitte Mai 2025 (mangels einer vernünftigen Verbindung auf dem Landweg) in einem äusserst properen Airbus A320neo der Royal Brunei Airlines 200 Kilometer oder eine halbe Flugstunde Richtung Nordosten nach Kota Kinabalu. Brunei hat einen hochmodernen und so sauberen Flughafen, dass mir ein Spruch von James Joyce in den Sinn kam: Der Schriftsteller sagte über die Bahnhofstrasse in Zürich, sie sei so sauber, dass man dort eine ausgeschüttete Minestrone «vom Boden aufessen» könnte.
Der Spruch gilt auch für den putzigen Flughafen von Brunei, der für die paar täglichen Flüge klar überdimensioniert und praktisch menschenleer ist. Check-in, Security und Passkontrolle waren in geschätzten drei Minuten erledigt. Zeit genug, nicht für eine Minestrone, aber für ein Roti mit Chicken Curry in einem gediegenen Restaurant im ersten Obergeschoss der Abflughalle.
Roti, in Thailand, Indonesien und Malaysia eine beliebte Spezialität, verdient eine Erwähnung: dünne, geschichtete Teigblätter mit viel Butter, die auf einer heissen Platte knusprig gebraten werden. Entweder wird Roti als Süssspeise serviert, indem man frisches Kokosfleisch oder Banane zwischen zwei Schichten legt und das Ganze mit gezuckerter, eingedickter Kokosmilchsauce beträufelt; oder aber man isst, wie hier, Roti mit Curry, das zB mit Huhn, Kurkuma, Kreuzkümmel, Chili, Kardamom und Curryblättern zubereitet wird.
Extravertierte Hafenstadt
Der Kontrast zwischen dem eher spröden Sultanat Brunei und der lebensfrohen Stadt Kota Kinabalu mit ihren rund 600.000 Einwohnern könnte kaum größer sein. Das Völkergemisch in der umtriebigen Hafenstadt zeugt von internationalen Beziehungen in Richtung Philippinen und Indonesien und darüber hinaus. Besorgt blickt man hingegen auf das Südchinesische Meer vor der Haustür, das von der Volksrepublik China zunehmend bedrängt wird. (Die umstrittenen Spratly-Inseln, die China beansprucht und als künftige südliche Bastion im Meer betrachtet, sind weniger als 400 Kilometer entfernt.)
Kota Kinabalus Weltoffenheit manifestiert sich unter anderem mit einer besonders attraktiven Bar- und Restaurantszene an der so genannten Waterfront.
Wir tendieren zur Idee, europäische Städte hätten am meisten unter dem Zweiten Weltkrieg gelitten, Stichwort Dresden, Warschau, Stalingrad, Coventry. Diese eurozentrische Fehlinterpretation wird in Kota Kinabalu, das unter britischer Kolonialherrschaft Jesselton hiess, widerlegt. Die Stadt wurde während des Krieges (ähnlich wie die philippinischen Millionenstädte Manila und Cebu) mehr oder weniger ausradiert; eines der wenigen übrigengebliebenen Bauwerke ist der Atkinson Clock Tower von 1905 in der Stadtmitte.
Jesselton und der heutige malaysische Bundesstaat Sabah im Nordwesten Borneos, damals Britisch-Nordborneo, liegen an einer strategisch wichtigen Lage mit bedeutendem Seehafen und Flugplatz und waren deshalb zwischen den Alliierten und den Japanern stark umkämpft. Die Zerstörung der Stadt erfolgte in drei Phasen: Vor dem Einmarsch der japanischen Truppen im Dezember 1941 zerstörten die fliehenden britischen Funktionäre und Streitkräfte Teile der Infrastruktur, um den Japanern «verbrannte Erde» zu hinterlassen.
Im Oktober 1943 erhob sich die lokale Bevölkerung gegen die erdrückende japanische Militärverwaltung. Die Rebellen befreiten Jesselton für kurze Zeit; nachdem sie den Aufstand im Frühjahr 1944 niedergeschlagen hatten, verübten die Japaner Massenmorde an der Bevölkerung und brannten ganze Stadtteile und Dörfer der Umgebung systematisch nieder.
Definitiv vernichtet wurde die Stadt ab Ende 1944 bei massiven Luftangriffen der Alliierten, um die Rückeroberung Borneos vorzubereiten. Die meisten Gebäude waren damals aus Holz gebaut, was zu flächendeckenden Bränden führte, als Jesselton mit Brand- und Sprengbomben attackiert wurde.
Benannt nach dem höchsten Berg
Ab 1946 wurde Jesselton, zuerst wieder unter britischer Verwaltung, ab 1963 als Teilstaat der neu gegründeten Föderation Malaysia, wieder aufgebaut. 1967 legte die Stadt ihren kolonialen Namen ab und nannte sich fortan Kota Kinabalu («Stadt Kinabalu»), benannt nach dem nahe gelegenen Mount Kinabalu, dem mit knapp 4100 Metern höchsten Berg Borneos.
Extra für diesen Berg reisen übrigens viele Leute an. Anders als die meisten Viertausender in den Alpen kann man seinen Gipfel sozusagen erwandern, ohne bergsteigerische Erfahrung, ohne Klettern, ohne Seile und Steigeisen. «Man muss nur eine gute Kondition haben», versicherte mir ein lokaler Travel Agent. Ich verzichtete trotzdem, denn ich schleppe für meine unbefristete Reise zwar etwelches Gepäck mit, doch für Schuhwerk oder Bekleidung für den Berg hat es nicht gereicht.
Dafür habe ich eine Flussfahrt auf dem Klias gebucht, einem Fluss, den wir nach etwa einer Stunde im Minibus erreichen. Die berühmten Nasenaffen sollten wir zu sehen bekommen, falls wir etwas Glück hätten, auch Krokodile, Makakken und dann, nach Einbruch der Dunkelheit, ein unglaubliches Leuchtballett von Millionen Glühwürmchen.
Um es kurz zu machen: keine Krokodile, keine Nasenaffen, nur ein paar gelangweilte Makakken und nachts tatsächlich Schwärme von blinkenden Glühwürmchen, die einige Teilnehmerinnen auf der Bootstour zu Tränen rührten. Dazwischen hatten wir an der Mündung des Flusses, am Menpakul-Strand, einen Zwischenhalt eingelegt, um einen orgiastischen Sonnenuntergang und eine wilde Feuershow zu geniessen.
Alter Turm, neue Moschee
Weil es relativ neu ist, wirkt das Stadtzentrum irgendwie steril: Um den Atkinson Clock Tower als Mittelpunkt erstrecken sich Strassenzüge mit Verwaltungs- und Bürogebäuden, Einkaufszentren und Hotels. Nicht gerade einladend, wäre da nicht der Filipino Market an der Uferpromenade, ein zentraler Marktplatz für frische und getrocknete Fische und Meeresfrüchte, Gemüse, Alltagsgegenstände und Kunsthandwerk.
Etwa zwei Drittel der Menschen in Kota Kinabalu sind Muslime, ein Viertel Christen, der Rest Buddhisten, Hindus und so weiter. Aber der Islam manifestiert sich auch hier wie in ganz Malaysia am selbstbewusstesten. Etwa drei Kilometer ausserhalb des Zentrums besuche ich die imposante Stadtmoschee Masjid Bandaraya, angelegt für bis zu 12.000 Gläubige.
Das moderne Bauwerk wurde im Jahr 2000 eröffnet und liegt in einer künstlichen Lagune. Mit ihren vier imposanten Minaretten, der riesigen blauen Kuppel, der hellen Aussenfarbe und den arabisch inspirierten Formen, die sich im Wasser spiegeln und abends raffiniert beleuchtet werden, demonstriert die Moschee den zunehmenden Machtanspruch des Islams und macht sogar auf mich als eingefleischter Nicht-Gläubiger Eindruck.
Paradies für Taucher
Die Nordküste von Sabah gehört zu den biologisch reichsten Meeresregionen Südostasiens. Es gibt tropische Korallenriffe, welche Kota Kinabalu und die fünf vorgelagerten Inseln des Tunku Abdul Rahman Marine Parks zu einem Paradies für Schnorchler und Taucher machen.
Die Inseln des Meeresparks, nach dem Vater des modernen Malaysias benannt, sind teilweise vom Stadtzentrum aus zu sehen und in nur fünfzehn, zwanzig Minuten mit Booten erreichbar: Sie bieten ein tropisches Idealbild mit traumhaften Stränden, welche unberührten Regenwald säumen, und den Korallen, Fischschwärmen und anderen Meerestieren, die in den aufregendsten Formen und Farben auftreten.
Das Meer wird geplündert
Traditionell werden im Südchinesischen Meer Thun- andere Hochseefische, Schnapper und Zackenbarsche, Sardinen, Makrelen und in Küstennähe Garnelen und Krabben gefischt, wie mir Fischer erklären, die sich nach der Rückkehr vom nächtlichen Fischfang auf der Hafenmole zu einem Schwatz eingefunden haben. Ausladende Fischtheken und Berge von getrockneten Fischen und anderem Meeresgetier an vielen Ständen im Filipino Market zeugen von ergiebigen Fahrten.
Doch laut den Fischern, die ihre traditionellen Boote direkt im Stadtzentrum anlegen, ist der Fang in den letzten Jahren deutlich zurückgegangen: China hat die weltweit grösste Hochseefischereiflotte und plündert das Südchinesische Meer systematisch aus. Und die Chinesen, erklärt mir ein alter Mann; sie fischen auch gezielt in umstrittenen Gewässern und werden dabei oft von Schiffen der Kriegsmarine oder der chinesischen Küstenwache begleitet, die gelegentlich Fischerboote anderer Nationen bedrohen oder vertreiben und im Extremfall sogar aufbringen.
Auf den Fotos wirkt die Fischereiflotte von Kota Kinabalu wie ein perfektes Postkartenmotiv. Aber was wir Touristen mit Wohlgefallen konsumieren, verbirgt, wie so oft, eine weniger idyllische Wirklichkeit.
