10. Mit dem Zug ins Rieti-Tal
Heute, liebe Freunde, soll es keinen Nervenkitzel geben, das ist mein Tagesziel. Ich verabschiede mich von dem netten Ehepaar und dem hilfsbereiten Hausherren, mit denen ich...


Veröffentlicht: 25.04.2025











Meine erste Begegnung heute: eine Pilgerin aus Israel, Anata. Sie kommt mir entgegen und fragt mich, ob sie mich fotografieren dürfe. Ich sei die erste grauhaarige Frau, die sie alleine auf dem Pilgerweg sehe. Man weiß nun nicht, ob diese Frage positiv oder begativ zu bewerten ist. Auf jeden Fall hat sie bei uns beiden für große Erheiterung gesorgt. Selbstverständlich werden dann noch die Eckdaten ausgetauscht: "Wann wirst du in Rom sein?" "Welchen Weg nimmst du?" "Vielleicht sehen wir uns ja nochmal. Wäre schön."
Rom: Der Tod des Papstes ist gerade überall das Thema Nummer Eins. Aus den Häusern hört man die Fernsehberichte. (Heute ist in Italien Feiertag, Tag der Befreiung, und die Leute haben Zeit.) Die einen flüchten aus Rom und den Menschenmassen. Die anderen überlegen, wie sich die Amtszeit ausgewirkt hat und was nun kommt. Andere haben Sorge, kein Zimmer mehr im Umfeld von Rom zu finden.
Die Israelitin Anata hat vor drei Wochen ihr Zimmer in Rom für 165 Euro gebucht, heute steht in demselben Hotel ein Zimmer der gleichen Kategorie für 595 Euro zum Angebot. An dem 2. Mai sinkt der Preis wieder auf 250 Euro.
Heute bin ich über Cantalice nach Poggio Bustone unterwegs. Eine relativ kurze Strecke, weiter in die Berge. Die Steigungen sind für die einzige grauhaarige Frau alleine auf dem Pilgerweg nicht besonders anstrengend und der Tag zeigt sich erst einmal von der sonnigen Seite, aber nicht lange.
Man glaubt nicht, wie schnell das gehen kann, und der Himmel stürzt in gewaltigen Regengüssen herunter. Wieder nahe Gewitter, wieder einen Gang zulegen. Irgendwo Unterstand suchen und warten.
Hauptsache, man ist mal wieder klitschnass und keine 30 Minuten später scheint wieder fröhlich die Sonne.
Der Ort Cantalice berührt mich. Eine Burgruine, daneben eine Kirche, dem Heiligen Felice geweiht, und die mittelalterliche Altstadt. Sie sind auf einen sehr steilen Bergrücken gebaut. Wer hier geboren wird, sollte dringend schwindelfrei sein.
Man hat den Eindruck, man schaut diesem Ort gerade beim Sterben zu. Viele sehr alte Menschen und einige Junge, die nicht viel Frohsinn ausstrahlen. Ein Mann spricht mich an. Alles werde dem Erdboden gleichgemacht, sagt er. Die Regierung, ein Fiasko, die EU, schlecht für Italien. Früher sei alles besser gewesen, nun werde Italien seiner Identität beraubt. Ich solle mich hier doch mal umschauen. Alles desolat.
Es ist schwierig, dem Herrn zuzuhören, noch schwieriger ist es, darauf zu reagieren. Ich ziehe mich aus der Affaire, indem ich mit Hilfe meines DEEPL-Freund-und-Übersetzungsprogramms sage: "Lassen sie es uns positiv sehen. Die EU hat aus uns Freunde und Partner gemacht." So konnte ich die Salve beenden und wir haben wir uns schließlich freundschaftlich verabschiedet. Schwieriges Thema. Seine Beobachtungen teile ich, seine Erklärung nur bedingt.
Mein erster Eindruck von Poggio Bustone: Das Ziel kann hier so nah und doch so fern sein. Ich bin nur wenige Meter von meinem Ziel entfernt, um dorthin zu kommen, muss ich aber ein paar längere Serpentinen nehmen.
Später sehe ich, dass sich durch die Stadt viele Treppen kreuz und quer ziehen. Ein Labyrinth allerdings, in dem man sich schnell verirren kann.
Bei Ortsbeginn marschiert plötzlich ein Hund neben mir. Er weicht mir nicht mehr von der Seite, mehr als eine halbe Stunde lang. Als ich mein Ziel erreicht habe und ich auf den Hausherrn warte, setzt es sich neben mich. Ich frage den Hausherrn, ob er den Hund kenne. Er sagt mir, der Hund gehöre zum Kloster oberhalb der Stadt. Der begleite immer wieder einmal die Pilger.
Poggio di Bustone hat einen besonderen Charme, vor allem bei Dunkelheit. Die Lichter im Tal sehen aus wie Perlenketten. Und Bustone selbst bietet durch die Straßenbeleuchtung und die eng aneinander und übereinander gebauten Häuser ein interessantes Schattenspiel.
Diese Stadt am Berg ist nicht das richtige Ziel, wenn man chick einkaufen will oder Kunst und Kultur sucht. Wer aber gerne wandert, wird hier seine Freude haben. Und wer sich für den Heiligen Franziskus interessiert, sowieso.
Nachdem Franziskus seinem Reichtum abgeschworen und sich für ein Leben in Armut entschieden hat, sei er in seinem Heimatort Assisi verspottet worden, heißt es. Ihm seien Zweifel an seiner Entscheidung gekommen und er habe oberhalb von Bustone einen Ort aufgesucht, der an einem steilen Abgrund liegt. Hier habe Franziskus schließlich Sicherheit über seinen Lebensweg gefunden.
Genau genommen ist hier einer der wichtigsten Orte im Leben des Franziskus. Er konnte sich aber nicht gegenüber Assisi und La Verna behaupten.
Wem Franziskus nichts sagt: er gilt als einer wichtigsten Heiligen in der katholischen Kirche, dem auch heute noch viele junge Menschen folgen (Was man auch auf dem Pilgerweg immer wieder feststellt. Er stand für den Schutz der Natur, für Frieden und für bedingungslose Solidarität mit Armen.
