11. Auf dem Weg nach Poggio Bustone
Meine erste Begegnung heute: eine Pilgerin aus Israel, Anata. Sie kommt mir entgegen und fragt mich, ob sie mich fotografieren dürfe. Ich sei die erste grauhaarige Frau, die sie...


Veröffentlicht: 26.04.2025













Rieti sei der Nabel Italiens und damit genau die geografische Mitte, sagen die Rietiner, und päsentieren am Piazza San Rufo stolz ein Rondell und eine Tafel in 18 Sprachen. Nun haben niederländische Vermesser mit einer neuen Software das geografische Zentrum Italiens in Orvieto (Umbrien) ermittelt.
Diese kleine Falschdarstellung tut Reiti keinen Abbruch. Es ist eine sehr ansprechende Stadt (mit ca. 45.000 Einwohnern), jung, lebendig und beschaulich. Rundherum eingerahmt von sanft gezeichneten Hügeln der Abruzzen, wirkt die Stadt auf eine angenehme Art bewahrt.
Der klare und tannengrüne Fluss Velino macht um die Altstadt einen Bogen und schafft mit seinem begleitenden Grün eine wunderschöne Ruhezone.
Auch das Umland von Rieti bietet Reizvolles. Die Berge und die Hochebene, mit kleinteiliger fruchtbarer und landwirtschaftlich genutzter Fläche. Es stören keine großen Durchgangsstraßen. In der Mitte der Hochebene liegen zwei Seen, Reste eines großen Feuchtgebietes Vogelparadies.
Mehr als tausend Jahre v. Chr. Soll es hier schon eine Besiedelung gegeben haben. Der Urspung liegt im Dunklen. Der Name Rieti könnte sich ableiten von "fließen, klares Wasser", womit wir schon beim Thema sind: Rietis Reichtum ist das große übergroße Vorkommen von reinstem Trinkwasser aus den Bergen und aus den vielen Quellen. Rieti hat den großen Wasserbedarf des antiken Roms bedient und versorgt heute noch mit 100 Litern am Tag und pro Person die römische Bevölkerung.
So friedlich Rieti heute daliegt, so unfriedlich ist seine Vergangenheit: Die Aboringiner und Polaster wurden von den Sabinern vertrieben, die wiederum von den Goten. Denen folgten die Langobarden, dann die Sarazenen. Hannibal zog hier durch. Und wem das noch nicht reicht: Rieti wurde wechselweise durch Neapel und dem Kirchenstaat kontrolliert und danach von Napoleon einverleibt, bis es schließlich (nach einigen nicht weiter nennenswerten Scharmützeln) Teil des italienischen Königreichs wurde und schließlich von Mussolini für die eigene Propaganda genutzt wurde. Und immer spielte Wasser die entscheidende Rolle.
An dieser Stelle wirft sich natürlich die Frage auf, an welcher Stelle in diesem Konklomerat die vielgepriesene italienische Identiät zu verorten wäre.
Nun zur Gegenwart. Ich habe heute eine Pilgerherberge in der Altstadt bezogen. Nachdem ich mich breit gemacht hatte, hat Rita, die Hausherrin, festgestellt, dass sie das Zimmer zweimal vermietet hat. Da das Zimmer 4 Betten hat, wurden Desire (eine holländische Pilgerin) und ich uns schnell einig, dass wir uns das Zimmer teilen. Aus Dankbarkeit hat uns Rita zu einer Stadtführung in Rietis Untergrund eingeladen.
Ziel der Führung: die riesigen Katakomben (Sotteranea) unter einem barocken Palazzo, aus der Zeit vor Christi Geburt. Da die Stadt bis ins 20. Jahrhundert von mehren Flüssen durchzogen waren und die Stadt zudem durch starke Hochwasser geplagt war, dienten diese Katakomben auch dem Transport von Menschen und Waren und auch als Wasserleitungen.
Die Gewölbe aus Travertin sind so robust, dass sie sogar mehrere schwere Erdbeben überstanden haben, bei denen große Teile Rietis zerstört wurden.
Bereits ein römischer Konsul hat begonnen, das Gebiet zu entwässern und gleichzeitig die Cascaden von Marmore geschaffen, die ich schon einigen Tagen erwandert habe.
