Semana Santa - Teil 1
Galicien - 15.-16.04.25 Mit Beginn der spanischen Osterferien, siedeln wir erneut um. Unsere Reiseroute führt uns in den Norden Galiciens, nach Viveiro, einem kleinen...


Veröffentlicht: 18.04.2025





















Galicien 17.-19.04.25
Der letzte Stop unserer Reise steht an und es geht in die galicische Regionalhauptstadt nach Santiago de Compostela. Dem Ziel sämtlicher Jakobswege aus allen Himmelsrichtungen. Dem Mekka des katholischen Pilgertums.
Selbst die weniger Gläubigen unter uns kennen den Jakobsweg und das Ziel Santiago sicherlich von Hape Kerkelings Bestseller „Ich bin dann mal weg“.
Übrigens ein sehr empfehlenswertes Buch, da die Reise auf dem Jakobsweg wunderbar bildlich geschrieben wird und man am liebsten direkt loswandern möchte!
Tatsächlich war uns bei unserer Standortplanung nicht bewusst, dass wir Santiago ausgerechnet von Gründonnerstag bis Karsamstag mit unserer Anwesenheit behelligen würden!
Dass Ostern mit der „Heiligen Woche“ für die Spanier etwas ganz besonderes zu sein scheint, stellten wir ja bereits in Viveiro fest, wo ja theoretisch grundsätzlich jeden Abend eine Mini-Prozession hätte stattfinden sollen, sofern das Wetter dies zugelassen hätte…christlich gesegnetes Futur II…
Auch für unseren Urlaubsabschluss verheißt die Wettervorhersage nichts Gutes! Dauerregen von Donnerstagmittag bis Samstagabend.
Ja, wir sind ein wenig traurig ob des sich dem Ende neigenden Urlaubs. Aber dass der Himmel dauerhaft durchweint, empfinden wir als ein wenig übertrieben!
Aber wir wollen nicht jammern. Die dutzenden Pilger, die wir bereits auf dem Weg zum Hotel an uns vorbeiwandern sehen, lassen sich schließlich auch nicht vom Ziel ihres teils schon tagelangen Weges abbringen, nur weil do oben jemand Schleuse um Schleuse öffnet!
So geht es für uns mit dem Bus in die Innenstadt, eigentlich so gar nicht vorbereitet auf die Stadt und die Feierlichkeiten. Einzig das Programmheft der Semana Santa haben wir überflogen und dabei ein paar spannende Prozessionen durch die Gassen der Stadt gefunden, die wir ungern verpassen wollen würden.
Was lässt sich zu Santiago im Allgemeinen sagen?!
Der Name setzt sich zusammen aus einer Abwandlung von „Sanctus lacobus“ und (vermutlich) dem lateinischen Wort für Friedhof, „compostum“, da sich unter der heutigen Kathedrale ein römischer Friedhof befunden haben soll! Es gibt noch andere Vermutungen, aber die gefiel uns am Besten!
Irgendwann um das Jahr 800 n.Ch. soll an der Stelle, wo heute mit 23.000 qm Grundfläche eines der größten Kirchenhäuser der Welt steht, das Grab des Apostel Jakobus gefunden worden sein.
Der Leichnam soll nach dessen Enthauptung in Jerusalem einer wahren Odyssee gleich über mehrere Jahrhunderte hinweg nach Spanien, in sein ehemaliges Missionsgebiet gebracht worden sein, wo er an heute vermuteter Stelle in Santiago bestattet worden sein soll!
Reichlich viel Konjunktiv, wenn ihr uns fragt.
Bestätigt und beglaubigt wurde diese Erzählung dann durch die bischöfliche und päpstliche Anerkennung der aufgefundenen Gebeine als Reliquien des Jakobus. Wobei die armenische Jakobskathedrale in Jerusalem ähnliches für sich beansprucht, sei diese doch schließlich im Besitz des Schädels des Enthaupteten. Eine doch recht halt- bis kopflose Behauptung, wenn ich das so sagen darf!
Wie dem auch sei wurde so aus diesem Fleckchen Friedhof über die Jahrhunderte eine der traditionsreichsten kirchlichen Orte weltweit mit über 20 Kirchen und 12 Klöstern innerhalb des mittelalterlichen Stadtgebiets, der alles überragenden Kathedrale und dem dazugehörigen ältesten Hotel der Welt, welches angeblich bereits Ende des 15. Jahrhunderts im Auftrag der Kirche Pilgern eine Bleibe geboten haben soll!
Gespannt schmeißen wir uns bewaffnet mit Regenjacke, -hose und -schirm in die Menge Rucksackträger und lassen uns erstmal ein wenig durch die Gassen treiben!
Hier und dort finden sich kleine Nippes-Läden mit allerlei Souvenirs für Pilger und Nicht-Pilger, immer im Wechsel mit Bars, Cafes und Restaurants!
Süß ist es hier, das dürfen wir auf den ersten Blick zufrieden feststellen. Die mittelalterliche Innenstadt scheint weitestgehend erhalten und auch die zahlreichen Gotteshäuser zeigen sich in ansprechendem Zustand!
Dem Strom folgend treten wir aus einer Gasse und stehen plötzlich vor der Kathedrale! Riesig erscheint sie zwischen all den anderen Bauten und dabei ist dies nur die Seitenansicht!
Um hinein zu kommen, stellen wir uns im nicht enden wollenden Regen in die Schlange Menschen, um dann drinnen angekommen feststellen zu dürfen, dass die Gründonnerstags-Pilgermesse nun beginnt!
Nehmen wir mit, auch wenn wir nichts verstehen. Einzig die typisch katholischen Riten wie das eröffnende „Vater unser“, die Predigt aus dem Evangelium oder die Hl. Kommunion klingen im bekannten Singsang in jeder Sprache gleich!
Was uns aber komplett überwältigt, ist der Chor und die sagenhafte Akustik in diesem riesigen Gotteshaus!
Es klingt wie ein Gesang der Elben und wir träumen uns wieder eine Woche zurück auf unsere Wanderung, wo diese musikalische Untermalung wunderbar gepasst hätte!
So lassen wir die Messe staunend über uns ergehen. Wir sind zwar kurzzeitig enttäuscht, dass das größte Weihrauchfass der Welt, der Botafumeiro mit seinen 54 kg Gewicht, nicht quer durchs Kirchenschiff geschwenkt wird, andererseits aber auch froh, da bei uns allen der Geruch direkt zu deutlicher Übelkeit führen würde.
So verlassen wir nach etwas mehr als einer Stunde die Kirche, um an einer der berühmten Prozessionen der zahlreichen teils jahrhundertealten Bruderschaften teilhaben zu können.
Also platzieren wir uns an exponierter Stelle, um den Zug maskierter (KKK 2.0) und barfüßiger Männer, die teils das Kreuz Christi oder als Gruppe schwere Throne tragen, zu begutachten!
Diese Tradition ist wohl schon um die 700 Jahre alt und wird in der Bußzeit (Palmsonntag bis Karsamstag) in Trauer und ab Ostersonntag in Freude begangen.
Dabei werden teils Hunderte Kilo schwere Altare oder Throne, die Jesu Leidensgeschichte zeigen, durch die Straßen getragen, während andere Bruderschaftsanhänger in unterschiedlichem Bußgrad die Prozession komplettieren. Gemein sollen die meisten Bruderschaften die markante Kleidung samt Spitzhut haben, die eine Art Aufsteigen zum Himmel symbolisieren soll! Für uns sehen die Fotos der Maskierten aus wie ein Zusammentreffen des Ku Klux Klans!
Gespannt sind wir so oder so, gehören diese Prozessionen in Spanien doch zur höchsten Glaubens-Tradition.
Doch wie schon in Viveiro werden wir bitter enttäuscht! Denn auch hier in Santiago scheint der unbändige Glaube an Jesus, sein Opfer für uns alle und seine Auferstehung schlicht vor dem Wetter zu buckeln!
Prozession fällt wegen Starkregens aus schreibt die für die stadtweiten Feierlichkeiten zuständige Stelle auf Instagram.
Jaaaaa…die Kirche im 21. Jahrhundert! Nicht wetterfest, aber online!
Wir sind frustriert und enttäuscht, denn so weit geöffnet sind die Luken da oben aktuell gar nicht. Nützt aber nichts, denn angeblich soll um 23:30 Uhr eine, wenn nicht die beeindruckenste Prozession starten. Auf Nachfrage per Instagram wird uns auch bestätigt, dass diese (bisher) stattfinden wird!
Unsicher, auch wegen der Uhrzeit und bis aufs Taxi keiner Möglichkeit, um die Uhrzeit zurück ins Hotel zu kommen, schwanken wir hin und her, können uns beim besten Willen nicht vorstellen, dass der Marsch stattfindet, entscheiden uns aber dann doch fürs Bleiben.
Wir suchen uns etwas zu Essen, eine Bar zum Würfelspiel und warten also im Trockenen darauf, dass auch dieses Highlight dem Regen zum Opfer fällt.
Doch als auch um kurz vor halb 12 noch keine Absage kommt und sich die Gassen mehr und mehr mit Schaulustigen füllen, scheinen zumindest in DIESER Bruderschaft nur die Haddn in den Himmel, ähm Gaddn zu dürfen.
Und so erklingen um 23:30 Uhr aus einer der Gassen vor uns Trommelschläge und kurze Zeit später biegt in mittelalterlicher Szenerie der Tross Maskierter um die Kurve auf uns zu.
Männer in langen Gewändern mit hohen Spitzhüten, lange Kerzen tragend, größtenteils barfuß, teilweise wie Jesus auf seinem letzten Weg durch Jerusalem ein Kreuz tragend mit Fesseln und Ketten an den Füßen!
Es ist eine unglaublich beeindruckende, aber aber auch enorm beklemmende Atmosphäre inmitten dieser schmalen Häuserflucht zu stehen und diese Gestalten zum Takt der Trommeln an uns vorbeiziehen zu sehen!
Nach den „Büßer“ genannten Bruderschaftsmitgliedern (einer sogar im Rollstuhl) passiert eine Gruppe Spitzhüte mit Wanderstöcken aus Eisen bewaffnet, den der Bruderschaft zugehörigen Thron tragend, unsere Gasse! Einzig die rhythmischen Stöße mit dem Stab auf dem Boden sind zu hören, was alles noch unheimlicher erscheinen lässt.
Wer will, schließt sich diesem Zug an, um im Anschluss an die Prozession noch die zugehörige Messe über sich ergehen zu lassen! Voraussetzung scheint allerdings eine Leidensmiene, denn keiner der Prozessierenden zeigt auch nur den Anflug eines Lächelns.
Wir allerdings atmen erstmal tief durch und sind froh, als wir die enge Straße wieder für uns haben.
Denn auch wenn dieser ganze Marsch einzig dem eigenen Glauben und der Nähe zu Gott dient, wirkt es auf uns wie aus einer anderen, mittelalterlichen Welt.
Ein merkwürdiger Ritus, der so gar nicht mehr in unsere Zeit zu passen scheint, aber im Umkehrschluss auch zeigt, dass der Glaube Halt geben kann, wenn es die Welt in ihrer Verworrenheit schon nicht (mehr) kann!
Wie sinnvoll unsere Entscheidung, bis tief in die Nacht Santiago unsicher zu machen, war, zeigt sich am nächsten Tag!
ALLE Prozessionen fallen wegen des anhaltenden Dauerregens aus.
Während wir uns also über unser Glück des gestrigen Abends freuen, bedanken wir uns innerlich bei den Brüdern der „Confraria de Nuestro Padre Jesūs Flagelado“…die vermutlich heute großteils erkältet im Bett liegen!
Wir gehen dennoch nach einer morgendliche Sportrunde im hoteleigenen Fitnessstudio nochmal in die Stadt, beschauen uns das Pilgerspektakel auf dem Hauptplatz vor der Kathedrale (das offizielle Ziel des Jakobswegs) und sind beeindruckt ob der Menge an Menschen, die aus aller Herren Länder hier einlaufen, dankbar, es geschafft zu haben auf die Knie fallen und teils den Tränen freien Lauf lassen.
Nach kurzer Zeit merken wir aber auch, dass der morgen anstehende Rückflug zur rechten Zeit kommt. Denn auch hier im touristischen Zentrum Galiciens ist die Kommunikation eine hohe Hürde. So fällt auch hier das Essen gehen und bestellen teils schwer, scheitert es in Geschäften an der Frage nach dem genauen Preis und ist das ständige Handy-Translate-Spiel irgendwann schlicht nervig und anstrengend.
So geht es zurück zum Hotel, wo wir den letzten Abend Spiele spielend und Buch lesend verbringen!
Was bleibt, ist ein kurzes Fazit des Urlaubs und vor allem des Urlaubsziels!
Wir haben Galicien in fast allem unterschätzt. Wir hätten nicht mit einer so abwechslungsreichen und faszinierenden Natur gerechnet. Teilweise urwäldlich, teils rau und karg, dann wieder mit Wiesen voller Ginster. Die Küstenlandschaft mit herrlichen Buchten und wunderbar zu erkletternden Felsen, aber auch schönen kleinen bis großen Städten, die zwischen mittelalterlichem Flair und neumoderner Fußgängerzone alles bieten!
Wir haben durch unsere fünf Unterkünfte Galicien auf unterschiedlichste Weise erleben dürfen, haben Menschen kennen gelernt, die wunderbar freundlich und hilfsbereit sind und in Davouds Fall einen beeindruckenden Traum haben, den wir auf jeden Fall weiterverfolgen werden!
Wir sind dankbar für unser gewähltes Urlaubsziel, freuen uns aber auch auf unser Zuhause, die Familie, unsere Freunde und den Alltag, auch wenn der vermutlich nach kürzester Zeit wieder zum Haare raufen sein wird!
In drei Monaten geht es weiter. Eine Hochzeitseinladung in Vietnam wartet auf uns. Und seid gewiss, auch von dort werden wir euch alle wieder mit unseren Geschichten unterhalten. Ob ihr wollt oder nicht!
In diesem Sinne: Frohe Ostern euch allen!
