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Cusco

Veröffentlicht: 18.12.2024

Wenn man die Grenze von Bolivien nach Peru überquert, fallen einem zuallererst die ungewohnten Straßenverhältnisse auf. Gepflegter Asphalt und Fahrbahnmarkierungen. Nicht ungewöhnliches eigentlich aber nach all den Wochen auf bolivianischen Pisten, komme ich kurz ins Staunen. Der Bus bringt mich nach Puno und von dort über Nacht weiter nach Cusco. Auch die Qualität der Fortbewegungsmittel scheint hier eine Andere, zumindest ist der Nachtbus vom Allerfeinsten.

In Cusco angekommen, checke ich ins Hostel ein und stelle fest, dass Lara zufällig mit im selben Zimmer ist. Lara (aus Rio) hatte ich in La Paz getroffen und wir waren zusammen auf der Death Road unterwegs – witzig. Am Nachmittag eine erste Erkundungstour und man merkt sofort die besondere Atmosphäre der Stadt. Überall sieht man die Spuren der Inka-Kultur, eingebettet in die koloniale Architektur. Steinerne Inka-Mauern neben farbenfrohen Häuserfassaden in engen Kopfsteinpflastergassen. Sehr interessant anzuschauen. Der Spaziergang führt mich zum Plaza de Armas, das pulsierende Herz von Cusco und ein magischer Ort. Auf dem Platz tanzen verschiedene Gruppen der Indigenen zu traditioneller Musik. Was genau hier gefeiert oder veranstaltet wird, kann ich nicht sagen, auf jeden Fall verleiht es dem Platz eine wundervolle Magie. Diverse Feierlichkeiten scheinen hier in Cusco an der Tagesordnung zu sein. Gefühlt gibt es an Jedem der Tage, an denen ich am Plaza de Armas bin, irgendeine Aufführung. Wilde Tanzeinlagen und bunte, traditionelle Kostüme gehören hier zum Stadtbild und nicht nur am Hauptplatz sondern in jeder Ecke der Stadt wird getanzt und irgendwas zelebriert. Gefällt mir gut und verleiht dem eh schon optisch beeindruckenden Stadtbild einen besonderen Spirit. Nach dem ersten Eindrücken bin ich direkt begeistert und wir (Nim ist mittlerweile vom Machu-Picchu zurück und wir erkunden gemeinsam die Stadt) entscheiden uns für eines der zahlreichen Restaurants im Stadtzentrum, um die mit so vielen Vorschusslorbeeren ausgezeichnete peruanische Küche zu testen. Die peruanische Küche ist eine Mischung aus traditionellen indigenen Gerichten und Einflüssen von spanischen, afrikanischen und asiatischen Einwanderern. Es gibt ein riesiges Angebot an regionalen Zutaten und das alles bildet eine wunderbare Fusion, die die Kulinarik in Peru so besonders macht. Jetzt hier auf jedes Menü einzeln einzugehen, würde den Rahmen sprengen. Die Küche wurde während der Zeit in Cusco und in Peru im Allgemeinen ausgiebig getestet und erhält von mir auf jeden Fall das Prädikat „Herausragend“. Klar hat jedes der vorher bereisten Länder kulinarische Highlights zu bieten aber Peru ist das Thema betreffend auf jeden Fall next Level. Die unfassbare Vielfalt an bisher unbekannten Gerichten haut einen echt um. Jeden Tag aufs Neue hab ich mich hier in irgendeiner Wirtschaft durchgefuttert und es war immer exzellent. Besonders gemundet hat mir hierbei Lomo Saltado, eine Art Rindfleischpfanne, die mit Sojasoße, Tomaten, Zwiebeln und Chilis im Wok gebraten und mit Reis serviert wird. Ein absoluter Genuss und wenn man sich etwas abseits der Touri-Hotspots bewegt, kann man dies auch in Cusco für einen äußerst schmalen Taler erwerben. Weitere Highlights der peruanischen Küche sind Aji de Galina (ein cremiges Hühnergericht), Rocoto Relleno (gefüllte scharfe Paprika – äußerst lecker!), Anticuchos (gegrillte Fleischspieße aus Rinderherz), Alpaka bzw. Lamafleisch oder auch das vor allem in Cusco und Arequipa beliebte Cuy (Meerschweinchen) – aber dazu später mehr.

Apropos Touri-Hotspots: kommt man aus Bolivien in Cusco an, muss man sich daran erstmal gewöhnen. Cusco ist völlig überladen mit Touris aus aller Herren Länder. Hier hört man das erste Mal seit Ewigkeiten wieder Menschen Deutsch sprechen und gefühlt ist jede Bar und jedes Restaurant voller Europäer. Ist aber auch kein Wunder, da sich doch die Hauptattraktion Südamerikas, der Machu Picchu, quasi direkt ums Eck befindet und wohl 80 % aller Touristen, die nach Peru kommen, direkt von Lima nach Cusco fliegen um sich auf den Weg zu dieser Stätte zu machen. Prinzipiell ist der Touri-Ansturm noch im Rahmen des Erträglichen allerdings definitiv eine krasse Umstellung zu Bolivien.

Prozession am Plaza Mayor

Nachdem wir den ersten Tag in einer Jazzbar bei Livemusik und mit reichlich Pisco-Sour ausklingen lassen, mache ich mich die nächsten Tage auf, die kulturellen Stätten und Bauwerke näher zu erkunden. Auffällig im Stadtzentrum die vielen Inka-Mauern. Dieses beeindruckende Zeugnis der Inka-Baukunst verleiht der Altstadt ihren besonderen historischen Charakter. Die Mauern säumen oftmals besonders enge Gassen und bestehen aus massiven Steinblöcken, die ohne den Einsatz von Mörtel perfekt ineinander passen. Diese Technik wird als Ashlar-Mauerwerk bezeichnet und ist bekannt für ihre Erdbebensicherheit. Bereits zu früheren Zeiten eine absolute Notwendigkeit in dieser seismisch hochaktiven Region. In der Hatun-Rumiyoc-Straße befindet sich ein besonders berühmter Teil dieser Mauer und der sogenannte Stein der 12-Ecken. Der Stein (in die Mauer eines ehemaligen Inka-Palastes integriert) ist so präzise geschnitten, dass er sich mit seinen 12 Ecken und Kanten nahtlos in die angrenzenden Steine einfügt und das ohne auch nur einen Spalt oder eine größere Fuge. Wenn man bedenkt, dass die Inka keine Eisenwerkzeuge zur Bearbeitung der Steine hatten, steht man davor und fragt sich, wie es ohne dieses Werkzeug möglich ist, das schwere und harte Gestein so präzise zu bearbeiten. Absolut faszinierend und auch für die Wissenschaft noch bis heute ein ungelöstes Rätsel. Die Inkamauern sind fast überall in der Stadt noch vollständig und gut erhalten. Während die regelmäßigen Erdbeben viele der später erbauten Gebäude zerstört haben stehen diese Jahrhunderte alten Mauern im Originalzustand herum und bilden an verschiedenen Orten die Fundamente der Kolonialgebäude, die die Spanier nach ihrer Eroberung errichtet haben. Überhaupt ist die Altstadt von Cusco ein faszinierendes Zeugnis der Verschmelzung von Inka-Architektur und der spanischen Kolonialbauweise, die bis heute in beeindruckender Weise das Stadtbild prägen. Fairerweise muss man hinzufügen, dass das Stadtbild wohl noch um einiges beeindruckender wäre, wenn die Spanier in ihrem Raub- und Zerstörungswahn hier nicht ihren unfassbaren Kahlschlag betrieben hätten. Viele Inka-Gebäude in Cusco wurden von den Spaniern abgetragen, insbesondere religiöse und kuturelle Zentren der Inka, um ihre eigene Kultur und Herrschaft zu etablieren. An Stelle der Tempel errichteten die Spanier Klöster und katholische Kirchen, zum größten Teil und, wie bereits beschrieben, auf den fundamentalen Mauern der Inka. Dieser bewusste Umbau war Teil der Strategie der Spanier, die indigene Kultur zu unterdrücken und die Macht des eigenen Empire zu demonstrieren. Auch der imposante Plaza de Armas muss wohl zu Zeiten der Inka noch imposanter gewesen sein. Es wird berichtet, dass sämtliche Gebäude zur damaligen Zeit von Beschlägen und Verzierungen aus purem Gold geprägt waren und der komplette Platz wurde von einer armdicken goldenen Kordel umrandet. All dies kann man natürlich in der ursprünglichen Form nicht mehr vorfinden und dennoch ist alles, was hier an Gebäuden rumsteht in seiner Form und Bedeutung absolut faszinierend und einzigartig. Geht man die engen Gassen im Norden der Altstadt weiter nach oben, so hat man von einem der Aussichtspunkte einen wunderbaren Ausblick über das historische Zentrum und man bekommt einen umfänglicheren Eindruck, in welchem Ausmaß sich die historischen Bauten hier erstrecken während man im Hintergrund sieht, wie sich die Stadtränder allmählich die umliegenden Hügel hineinfressen.

Plaza Mayor vom Mirador San Cristobal

Am Stadtrand befindet sich auch die Inka-Festung Sacsayhuamán (oder auch sexy woman ;)), die als eine der größten Meisterwerke der Inka-Architektur gilt. Die komplette Stätte besteht ebenfalls aus gewaltigen ineinander gefügten Steinblöcken, wie die Grundmauern im Stadtzentrum, nur eben in einem viel größeren und gewaltigeren Ausmaß. Wahrscheinlich diente Sacsayhuamán den Inka als Verteidigungsanlage, Zeremonialstätte oder Versammlungsort – wie bei fast allen architektonischen Relikten dieser Kultur gilt: nichts genaues weiß man nicht – es bleibt also lediglich bei Vermutungen der Wissenschaft. Als Lara und ich die heilige Stätte besichtigen wollten, blieb uns leider der Zugang verwehrt, da es nicht möglich ist, die Stätte als einzelne „Attraktion“ zu besichtigen und man für den Zugang ein recht teures Kombi-Ticket für 2 weitere Sehenswürdigkeiten in Cusco kaufen muss. Alle Anfragen, die Stätte separat zu besichtigen, liefen leider ins Leere und somit blieb es für uns beim Besichtigen der Außenmauern, ebenfalls beeindruckend. Sicher hätten wir für das Kombi-Ticket zahlen können aber irgendwie sahen wir beide das nicht ein und auch die Idee dahinter, für uns irgendwie völlig bekloppt. Wieso stellt es denn ein Problem dar, eine einzelne Stätte separat zu besichtigen? Echt sonderbar und im Allgemeinen ein Aspekt, der mir direkt negativ an Peru auffiel: man merkt vor allem in Cusco direkt den Einfluss des Massentourismus. Alles ist darauf getrimmt, dem Besucher möglichst noch einen Taler aus dem Kreuz zu leiern. Alles ist recht teuer und bei allen Aktivitäten muss man irgendeine Gebühr oder Steuer abführen. Ziemlich nervig und die Nummer mit dem Kombi-Ticket dann die Krönung des Ganzen. So schön es hier ist, aber das ist schon ein krasses Downgrade des Wohlfühlfaktors im Gegensatz zu Bolivien, wo man nicht das Gefühl hatte, dass man an allen Ecken nochmal abgemolken wird. Als Alternativprogramm zur sexy woman entschieden wir uns dann zum Besuch des auf dem Nachbarhügel platzierten Christos. Ziemlich unspektakulär aber mit einer guten Aussicht – auch schön!

Die Ruinen von Sacsayhuamán

Nach einigen schönen Tagen in der Stadt dann der traurige Teil der Geschichte: es heißt Abschied nehmen von Nim, meiner so positiv bekloppten Reisebegleitung für viele Wochen. Nim reist für 2 Wochen weiter nach Kolumbien und dann wieder zurück nach Down Under. So viele gemeinsame Erlebnisse und die echt tolle Zeit machen den Abschied schwer und man kann sagen, dass sich aus dieser Begegnung in der Wüste von Chile eine echte Freundschaft entwickelt hat. Man kennt sich und schätzt sich und erträgt die gegenseitigen Macken, gerade auf Reisen ein nicht zu vernachlässigender Aspekt – haha. Hau rein Nim! Wir sehen uns! Und das ist in diesem Fall auch keine Phrase, zwar liegen die Wohnorte Melbourne und Berlin nicht unmittelbar ums Eck aber das lässt sich zukünftig wohl mit Sicherheit das Eine oder Andere Treffen arrangieren. Nach der Verabschiedung unternehme ich einen Ausflug nach Arequipa (Bericht dazu separat) und wechsle das Hostel um mich für meinen Marsch nach Machu Picchu vorzubereiten.

Außerdem treffe ich in den nächsten Tagen Christian aus Buenos Aires wieder, der sich hier auf seine anstehende Peru und Bolivien-Tour mit einer deutschen Reisegruppe vorbereitet. Es gibt einiges zu erzählen und es wird Fußball geschaut. Schon cool, da hat man sich am anderen Ecke des Kontinents vor mehreren Monaten kennengelernt, trifft sich dann hier wieder und schwingt direkt wieder auf einer Wellenlänge. Cooler Typ und ein paar kurzweilige Tage, bevor ich mich dann endgültig zur Wanderung zur Heiligsten aller Inkastätten entschließe und Christian die Weiterreise nach Bolivien bestreitet, bevor wir uns dann für 2 Tage in Lima wiedersehen sollten.

Kurz vor meinem Abschied aus Cusco wollte ich unbedingt noch Cuy probieren, bei uns auch als Meerschweinchen bekannt und in hiesigen Gefilden eine Delikatesse. Beim Cuy handelt es sich allerdings genau genommen nicht um die Haustierversion des bei uns bekannten Meerschweinchens sondern um eine etwas größere aber artverwandte Zuchtversion, die hier vor allem für den Verzehr bekannt ist. Vorab hatte ich mir schon eines der Restaurants herausgesucht, die Cuy servieren und wo auch die Rezensionen dementsprechend gut sind. Von einem Verzehr in einem der günstigen Restaurants hatte man mir vorab mehrfach abgeraten, da hier wohl auch statt dem Zuchtmeerschwein gern mal Ratte serviert wird. Für die hungrigen Augen des Mitteleuropäers ist dies nur sehr schwer zu unterscheiden also wollte ich auf Nummer sicher gehen. Für knapp 18 Euro (Spezialitäten sind teuer) bekommt man das frittierte Minischwein vorgesetzt, richtig appetitlich sieht es nicht aus und sogar die kleinen Zähnchen ragen noch aus dem ebenfalls frittierten Maul heraus. Der Verzehr ist nur mit der Hand möglich, die ganze Geschichte erweist sich als äußerst zäh. Das Fleisch ist ganz in Ordnung aber es ist fast überhaupt nix dran. Das Highlight sind hier eher die Beilagen und wenn man nicht unbedingt Fan der frittierten Haut ist, bleibt man mehr oder weniger hungrig zurück. Gut – das war dann wohl nichts, zumindest hatte ich die sogenannte Spezialität mal probiert. Allerdings war das wohl eine einmalige Angelegenheit, 1 von 5 Sternen – muss man nicht nochmal machen. Da überzeugen alle anderen Speisen der lokalen Küche eindeutig mehr!

Cuy oder auch Meerschweinchen

Ich verlasse Cusco mit gemischten aber überwiegend positiven Gefühlen. Cusco war aus kulturellen Aspekten heraus ein absoluter Höhepunkt meiner Reise. Die Stadt strahlt eine unglaubliche kulturelle Tiefe aus, in jeder Straße spürt man den Einfluss der jahrhundertealten Inka-Kultur und überall entdeckt man kleine Details, die von der langen und ereignisreichen Geschichte der Stadt erzählen. Und auch kulinarisch natürlich eine echte Freude – kaum ein Ort in Südamerika bietet wohl eine abwechslungsreichere und schmackhaftere Küche. Man schmeckt den Einfluss der verschiedenen Kulturen und jedes Gericht erzählt eine eigene Geschichte. Allerdings ist Cusco für meinen Geschmack etwas zu sehr auf den Massentourismus getrimmt und das spürt man deutlich und vor allem am Preisniveau. Touren und Eintritte kosten oft mehr als ich gewohnt war und erwartet hatte. Es kann auf Dauer recht anstrengend sein, ständig mit Angeboten und Verkäufern konfrontiert zu werden, die es primär auf das Touristenbudget abgesehen haben. Man fühlt sich schon auch etwas abkassiert auch wenn in Peru prinzipiell erstmal alles Verhandlungssache ist.

In Summe bleibt Cusco ein einmaliges Erlebnis – die lebendige Kultur begeistert und die atemberaubende Architektur ist absolut sehenswert. Die Stadt hat mich inspiriert und die Erinnerungen werden hoffentlich noch lange bleiben.

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