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Am Titicacasee

Veröffentlicht: 14.12.2024

Nach der Kältefahrt zurück nach La Paz und Wochen, vollgepackt mit allerlei Aktivitäten und Erlebnissen verbrachte ich noch ein letztes Wochenende in dieser wilden Stadt, bevor es dann endlich weitergehen sollte. Eigentlich war für Sonntag in La Paz der Clasico Paceño terminiert, das Duell der beiden Stadtrivalen „The Strongest“ und „Club Bolivar“. Eines der großen Derbys in Südamerika und das wichtigste Spiel des Landes. Eine gewisse Vorfreude auf dieses Duell konnte ich nicht leugnen und enttäuscht stellte ich am Tag meiner Rückkehr fest, dass das Spiel auf unbestimmte Zeit verschoben wurde. Die beiden Clubs sollten in der Woche ihre KO-Spiele in der Copa-Libertadores gegen die Vertreter Flamengo aus Rio de Janeiro und Peñarol aus Montevideo bestreiten und obwohl die Termine seit Monaten bekannt waren, fiel dem Verband und den Vereinen 2 Tage vor dem Spiel ein, dass wohl mehr Vorbereitungszeit notwendig sei und der Clasico wurde gecancelt. Shit happens – also verbrachte ich die letzten Tage in La Paz mit Stadtspaziergängen und widmete mich ausgiebig dem Amateurfußball. Auch schön und ich entdeckte nebenbei noch ein paar Ecken in der Stadt, in die es mich wohl sonst nicht verschlagen hätte. Danach hieß es aber endgültig Abschied nehmen. Ich bestieg den Bus in Richtung Copacabana, einer kleinen Stadt am Titicacasee und ließ meinen Blick noch ein letztes Mal über die Stadt schweifen. Auch der majestätische Illimani zeigte sich sich nochmals bei strahlend blauem Himmel, während sich der Bus die Hänge am Stadtrand hochquälte. Ein bisschen Wehmut machte sich breit, nach all der aufregenden Zeit in diesem tollen Land. Für mich definitiv bislang das authentischste und abenteuerlichste aller bereisten Länder in Südamerika. Aber noch sollte nicht ganz Abschied genommen werden, denn es ging für einen letzten Stopp an den berühmten Titicacasee, den höchsten schiffbaren See der Erde auf einer Höhe von 3.800 m. Der See liegt an der Grenze zwischen Bolivien und Peru und hat eine wichtige Bedeutung für die indigenen Andenvölker. Die Inka-Mythologie besagt, dass hier der Sonnengott Inti, seine Kinder, Manco Cápac und Mama Ocllo entsandte, um das Volk der Inka zu gründen. Der Titicacasee wird daher auch als die Geburtsstätte des Inka-Imperiums gesehen. Nach ca. 3 Stunden Fahrt erreichen wir mit Einbruch der Dunkelheit den See und setzen auf hölzerne Fähren über. Die Fähren sind in etwa genauso breit, wie ein Bus und bestehen nur aus einem hölzernen Plateau und den Motoren zum Antrieb. Also rauf auf dieses eigenartige Transportmittel und rüber ans andere Ufer. Zwar befinden wir uns immer noch auf dem Festland, mit der Überquerung einer Seezunge wird die Fahrt allerdings um einige Stunden verkürzt und so erreichen wir vor Einbruch der Nacht Copacabana. Ich beziehe meine Herberge auf einer Anhöhe und lausche dem endlosen Gekläffe einer recht großen Hundebande. Bis tief in die Nacht gibt es einen für mich nicht erklärbaren Streit im Rudel der Straßentölen und ich versuche irgendwie bei diesem Lärm zur Ruhe zu kommen. Nach einer gefühlten Ewigkeit tun es mir die Fellnasen gleich und es herrscht endlich eine himmlische Ruhe am Ufer dieses mystischen Ortes.

Ausblick vom Fenster in Copacabana

Um 8 Uhr klingelt am nächsten Tag der Wecker und ich mache mich auf den Weg zum kleinen Hafen der Stadt. Tagesziel sollte die Isla del Sol sein, die größte Insel im bolivianischen Teil des Titicacasees und Schauplatz zahlreicher Ruinen und archäologischer Stätten, darunter die Felsenformation Roca Sagrada, der Ort an dem der Sonnengott die Welt erschaffen haben soll. Die Fähre tuckert gemütlich über den See und obwohl die Sonne mir ins Gesicht strahlt ist es eisig kalt in den Morgenstunden. Vom Boot aus beobachte ich die beeindruckend schöne und karge Landschaft, das Wasser ist klar und wir bewegen und in langsamer Fahrt auf die Insel zu. Zwei mitdreißiger Hippies versuchen sich an der Gitarre und obwohl der Versuch leider katastrophal scheitert, lassen sich die Beiden nicht davon abbringen, die restliche Besatzung die komplette Fahrt über mit ihrem Geklampfe auf allerniedrigstem Niveau zu unterhalten. Eine absolute Belastungsprobe für jedes Gehör und ich bin froh über das akustische Upgrade als wir den Nordhafen der Insel nach über einer Stunde erreichen. Ruhe, nichts als Ruhe – absolut herrlich. Ich mag ja Gitarrenklänge aber diese Vorstellung hatte absolut nichts auch nur im entferntesten Sinne mit Musik zu tun und hätte ich mir nur irgendein Instrument geschnappt und wild darauf rumgeklimpert, ich wäre nicht aufgefallen in diesem Orchester der Verdammten. Von der Ansiedlung im Norden der Insel mache ich mich auf den Weg, durchquere einige kleine Siedlungen und besteige den hügeligen Kamm in der Mitte der Insel. Je höher man klettert, desto schöner und beeindruckender werden die Ausblicke über die Insel und den See. Eine unbeschreibliche Ruhe liegt in der Luft, es sind so gut wie keine anderen Menschen unterwegs und man kann den mystischen und besonderen Spirit dieses Ortes regelrecht fühlen. Immer wieder halte ich an, setze mich kurz hin und lasse meinen Blick für ein paar Minuten oder auch länger in die Ferne schweifen. Raue Landschaft, karge Vegetation, das Zwitschern unbekannter Vogelarten und das strahlend blaue Wasser des Sees. Einfach wunderschön und gerade genau der richtige Ort, um die Seele für einen Moment baumeln zu lassen. Außer ein paar indigenen Bauern mit Eseln und Maultieren treffe ich den gesamten Vormittag keine anderen Menschen. Die Einheimischen, überwiegend der Aymara-Kultur zugehörig, leben ein einfaches Leben. Landwirtschaft, Fischerei und ein bisschen Dorf-Gossip, viel mehr gibt es hier nicht. Die Atmosphäre ist ruhig und friedlich, fast wie eine Reise in eine andere Zeit und für mich eine ansprechende und absolut passende Umgebung, um mich von Bolivien zu verabschieden. Bei all der idyllischen Aussicht sollte man sich allerdings auch vor Augen halten, dass der Titicacasee zu einem der am stärksten verschmutzten Seen der Erde gehört. Insbesondere die hohe Menge an Abwässern, vor allem aus den umliegenden Städten und Dörfern, die ungeklärt in den See geleitet werden, stellen ein Problem dar. Dazu gibt es um den See herum um die 30.000 illegale Minen, die ihre stark mit Blei und Quecksilber belasteten Abwässer ebenfalls ungereinigt in den See fließen lassen. Zwar gibt es zahlreiche Projekte zur Sanierung und Schutz des Sees, sowohl auf bolivianischer, sowie auf peruanischer Seite, allerdings mangelt es an Ressourcen und auch an Koordination und somit wird die Verschmutzung wohl noch ein längerfristiges Problem bleiben. Wenn man sich nicht mit dem Thema beschäftigt hat, bekommt man als Besucher recht wenig davon mit, das Wasser ist klar, die Luft ist angenehm sauber und es liegt im Allgemeinen recht wenig Müll oder andere menschliche Hinterlassenschaften herum. Tatsächlich wirkt der Ort sehr idyllisch und unangetastet. Sehr angenehm auch wenn man die Problematik der Umweltverschmutzung nicht ausblenden sollte.

Ausblick

Den Rest des Vormittags wandere ich weiter über die Insel (insgesamt ungefähr 15 km) und erfreue mich an der Ruhe und den wunderschönen Aussichten. Es ist unfassbar angenehm, gefühlt der einzige Tourist auf der Insel zu sein. Zwar sieht man aus der Entfernung immer mal wieder kleinere Gruppen Menschen aber auch durch die Größe der Insel verläuft sich dies recht gut und man kann den kompletten Tag fast allein in dieser schönen Landschaft verbringen. Teilweise haben die Panoramen und der See schon mediterranes Flair und man muss sich kurz daran erinnern, dass man sich nicht auf Korsika sondern im Andenhochland auf fast 4.000 m Höhe befindet. Gegen frühen Nachmittag erreiche ich eine kleine Siedlung und gönne mir bei bestem Ausblick ein deftiges Mittagessen und ein Bierchen, bevor ich mich auf dem Weg zum südlichen Hafen der Insel mache. Die zahlreichen Ruinen und Felsformationen, die man durchquert oder aus der Ferne sieht, vermitteln einen ungefähren Einblick in die Spiritualität und das Leben des Inka-Volkes, ohne dass ich mich im Detail mit den einzelnen Stätten auseinandergesetzt habe. Für mich ging es an diesem Tag hauptsächlich um das Sacken lassen der ganzen Eindrücke von diesem aufregenden Land und ein Sortieren der Gedanken, bevor es in neue Abenteuer gehen sollte. Kulturelle Stätten und Relikte des Inka-Imperiums sollte ich in Peru ebenfalls noch ausgiebig betrachten können.

Am Südhafen angekommen gab es noch ein letztes klitzekleines Problem. Es war 14 Uhr und die nächste reguläre Fähre zurück nach Copacabana startete in genau 2 Stunden. Leider zu spät für mich, da die Rückfahrt etwas über eine Stunde dauerte und ich den einzigen Bus nach Puno erreichen wollte, welcher um 17:30 Uhr abfuhr, denn von Puno sollte es direkt im Anschluss mit dem Nachtbus nach Cusco gehen. Und außerdem hatte ich mein Gepäck noch in der Unterkunft verstaut, welche sich auf einer Anhöhe am Stadtrand befand. Schlechtes Timing anscheinend aber so ganz wollte ich mich mit der Situation nicht zufrieden geben und ich schlich am Hafen herum und überlegte nach einer kurzfristigen Exit-Strategie, herunter von der Insel. Immer mal wieder legten kleinere Boote am Hafen an und wieder ab, die allerdings für vorab gebuchte Reisegruppen reserviert waren und ich fragte die Crew, ob es eventuell möglich wäre, ein deutsches Weißbrot zurück nach Copacabana zu befördern. Die Antwort war immer dieselbe: Theoretisch ja, allerdings ging nichts ohne die Zustimmung der Dorfältesten, die wohl den kompletten Hafenverkehr unter ihrer Regentschaft hatten und auch nach eindringlichen Bitten wollte es sich keine der Crews mit den Aufsehern verscherzen, da dies wohl nachhaltigen Ärger bedeutete. Am Eingang des Hafens mit Blick über die Anlage saßen 5 ältere Herren, die den kompletten Zahlungsverkehr und die Logistik abwickelten. Die Herrschaften kassierten auch das Entgelt für die Beförderung und waren so etwas wie die allmächtige Instanz des Hafens, der eher eine Anlegestelle für allerlei kleinere Boote und Fähren war. Ich schilderte dem Ältestenrat meine Probleme und bat um Zustieg auf eines der Touri-Boote. Nach kurzer Musterung meiner Gestalt wurde die Anfrage allerdings einstimmig abgelehnt und ich durfte abtreten. Langsam bekam ich Hummeln im Arsch, denn das 16 Uhr-Boot würde automatisch das Verpassen meines Busses und der nächtlichen Weiterreise nach Peru bedeuten. Also nochmals irgendwie versucht, einen Transit nach Copacabana zu ergaunern aber leider ohne Chance. Und dies alles unter den Blicken der Inselhäuptlinge. Irgendwann hatte ich die Schnauze voll, ging zurück zu den Herren, zog 50 Bolivianos aus meiner Tasche (umgerechnet 6,50 Euro) und wedelte mit dem Schein vor den Herrschaften herum, um meine Dringlichkeit, zeitnah zurück ans Festland zu kommen, zu untermauern. Eiskalt lies man mich abblitzen und ich zog genervt von Dannen bevor ein Pfeifton meine Aufmerksamkeit erregte. Einer der Herren hatte wohl Lunte gerochen und winkte mich heran. Ich sollte ihm den Schein zeigen. Gesagt – getan und nach kurzer Rücksprache mit seinen Kollegen zeigte er auf ein Boot, welches gerade am Hafen los machte. Er nahm den Schein an sich, signalisierte der Crew, dass ich gerade ein Ticket erworben hatte und zeigte mir an, mich auf den Weg zu Boot zu machen. Ich nahm die Beine in die Hand, flitzte zum Steg und sprang in das bereits ablegende Boot, auf dem mich verwundert eine Gruppe Pauschaltouristen musterte. Herrlich, es war kurz nach 14:30 Uhr und ich auf dem Weg zurück ans Festland. Die Insel-Gurus zudem um 50 Bolivianos reicher. Klassische Win-Win-Situation also. Ganz hervorragend und somit sollte meiner Weiterreise nach Peru nichts mehr im Wege stehen. In Copacabana angekommen, machte ich mich auf den Weg zurück zur Unterkunft, um meinen Rucksack zu holen, den ich vorab nach Absprache in einem Raum verstaut hatte und stellte verdutzt fest, dass die Tür verschlossen war. Leider waren die Gastgeber der Herberge nicht auf dem Anwesen anzutreffen und auch meine Anrufe blieben unbeantwortet. Orrrr neee – die ganze Aufregung, um jetzt nicht an meinen Rucksack zu kommen und den Bus doch noch zu verpassen. Glücklicherweise stellte ich nach kurzer Inspektion fest, dass sich eines der Fenster zum Raum aufschieben ließ und kletterte mittels mehrerer Eimer in das Lager, um meine Sachen zu evakuieren. Völlig durchgeschwitzt und mit meinem Gepäck im Schlepptau, trabe ich von der Unterkunft zur Busstation und erreiche ca. 15 Minuten vor Abfahrt meinen Bus. Fast ne Punktlandung, etwas Puffer hatte ich ja noch. ;)

Kurz hingesetzt, dann rein in den Bus und ab zur Grenze – Bolivien, es war mir eine Ehre und eine unbeschreibliche Freude – die Zeit mit Dir werde ich noch sehr lange in Erinnerung behalten und ich denke, wir werden uns auf jeden Fall nochmal wiedersehen. Suerte!  

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