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Vorschau Europa-League KO-Runden 2023

Veröffentlicht: 31.12.2022

In einem können wir uns sicher sein: Die Eintracht Frankfurt wird den Europa-League-Titel zumindest schon mal nicht verteidigen können. Dies ist eine Tatsache, die so mancher Eintracht-Fan mit einem lachenden und einem weinenden Auge hinnimmt. Denn so unglaublich es erscheint, dass man sich nun auch im noch größeren Wettbewerb, der Champions League, für die TOP 16 qualifiziert hat und selbst in der Bundesliga aktuell auf einem Champions-League-Platz überwintert, was will man als Fan mehr? Im Champions-League-Achtelfinale sang- und klanglos gegen den SSC Neapel ausscheiden oder in der Europa-League erneut gemeinsam mit der Eintracht quer durch Europa reisen?

Diese Wahl hat man nun als Eintracht-Fan leider nicht mehr, dennoch hat die Europa-League grade in diesem Jahr so viele spannende neue Mannschaften zu bieten wie noch nie. Ganze vier Teilnehmer kommen aus Spanien, darunter der große FC Barcelona, wo sich einmal mehr zeigen wird, ob er in der Lage ist auch den vermeintlich kleineren Wettbewerb anzunehmen und die junge hochbegabte Generation rund um Pedri, Gavi & Co. endlich mal mit einem Titel zu belohnen. 

Drei Teams kommen desweiteren aus Frankreich, drei aus den Niederlanden, drei aus Deutschland, wie auch jeweils zwei aus England und Italien, darunter die ebenfalls krisende alte Dame aus Turin, bei der erst kürzlich der gesamte Vorstand zurücktrat. Desweiteren sind noch Portugal, Belgien, Dänemark, Österreich, Ungarn, die Ukraine, wie auch die Türkei mit jeweils einem Verein vertreten.

Auffällig ist dabei, dass selbst in diesem vermeintlich kleineren Wettbewerb nahezu sämtliche große osteuropäische Vereine fehlen, Vereine wie Olympiakos Piräus, Slavia Prag, Roter Stern Belgrad, Dinamo Zagreb, Dinamo Kiew, um nur einige von denen zu nennen, die sonst zumindest in der Europa League eigentlich immer mindestens eine Rolle gespielt haben.

Ganz besonders schlimm trifft es auch in dieser Saison wieder Rumänien und Bulgarien, die mittlerweile in so ziemlich jedem internationalen Wettbewerb weit entfernt sind von alten 90-er-Zeiten, wo Steau Bukarest noch den Europapokal der Landesmeister gewann oder Bulgarien im Halbfinale einer WM auflief. Es ist also nicht nur eine Kommerzialisierung des europäischen Fußballs zu beobachten, sondern auch eine (geographisch gesehen) Verwestlichung. Woran das liegen könnte, werde ich in einem späteren Blog nochmal thematisieren, denn warum sollte für ein Ölstaat-Konsortium eigentlich nicht auch mal ein Club in Osteuropa interessant sein? Dort könnte man doch genauso gut mit viel Geld ein Verein aus dem Nichts nach ganz oben stampfen.

Die größte Überraschung der diesjähigen EL-Saison ist sicherlich eindeutig: Der Club Union St. Gilloise aus dem gleichnamigen Brüsseler Arbeiterviertel. Hier träumt man bereits seit letzter Saison von der 1. Belgischen Meisterschaft seit 1935, bzw. hätte diese in der vergangenen Saison sogar rein punktetechnisch gewonnen, gäbe es in Belgien eben nicht jene Playoff-Regelung, die dann doch am Ende dafür sorgte, dass der aktuelle belgische Champions-League-Vertreter FC Brügge die Schale gewann.

Bei Union St. Gilloise wird nachwievor Fußballromantik groß geschrieben. Auf charmante Weise marode wirkt das heimische Stadion, beziehungsweise sieht auf dem ersten Blick sogar aus wie ein ganz gewöhnliches leicht verfallenes Wohnhaus.

Auch wirtschaftlich war der Weg der belgischen Unioner in den letzten Jahrzehnten eine einzige Achterbahnfahrt, zwischenzeitlich stieg man sogar bis in die 4. belgische Liga ab. Letztendlich waren es die Millioneninvestitionen des durch Sportwetten reich gewordenen Investors Tony Bloom, der dann auch mal eben das Amt des Präsidenten übernahm, die für den Aufschwung sorgten. Auch einige deutsche Kultkicker fanden bereits den Weg in die Belgische Hauptstadt, darunter auch Dennis Undav, der als absoluter Mentalitätsspieler gilt und dessen Namen sich der ein oder andere Deutschland-Fan deswegen sogar schon im Trikot der deutschen Nationalmannschaft gewünscht hat.

Ganze 17 Tore schoss er für die Brüsseler bis er schließlich dem Ruf des großen Geldes folgte und in die Premier League abwanderte. Kurz darauf verpflichtete man im Sommer 2022 mit Dennis Eckert-Ayensa vom FC Ingolstadt jedoch ein weiteres interessantes deutsches Talent mit dessen Hilfe man u.a. den zum damaligen Zeit an der Spitze der Bundesliga-Tabelle stehenden FC Union Berlin schlug. Dies sorgte schließlich dafür, dass man sich als Tabellenerster sogar direkt für das Achtelfinale qualifizierte und nicht mehr durch die Zwischenrunde muss. (In dieser treten die acht Zweitplatzierten der Europa-League-Gruppenphase noch einmal gegen die drittplatzierten und damit eine Liga abgestiegenen Vereine aus der Champions League an).

Ob es nach dem 8tel-Finale aber noch lange im Wettbewerb weitergehen wird, bleibt dennoch eher fraglich, wobei man auch in der belgischen Liga derzeit vor dem Champions-League-Achtelfinalisten FC Brügge steht und den sonstigen Favoriten in Belgien regelmäßig ganz gut weh tut.

Ebenso direkt und überraschend fürs Achtelfinale qualifizieren konnte sich der ungarische Vertreter Ferencvaros Budapest. Hier werden sich Zuschauer der WM in Russland sicherlich noch an den Trainernamen erinnern, denn richtig - der als ruppig bekannte russische Trainer Stanislav Cherchessov brachte in diesem Turnier die russische Nationalmannschaft bis ins Viertelfinale und schlug bei diesem Turnier mit seinem spielzerstörenden Defensivsfußball (zu dem selbst der FC Augsburg neidvoll aufblicken würde) am Ende sogar Spanien.

Letztendlich wurde er aber dennoch nach der EM 2016 wegen Erfolglosigkeit entlassen. Cherchessovs Taktik sollte aber sicherlich auch weiterhin die Philosophie von Ferencvaros sein. Große Stars sucht man hier nämlich vergebens, selbst ein Großteil des Kaders der sich derzeit im Aufschwung befindenden ungarischen Nationalmannschaft (4 zu 0 gegen England in der Nations League u.a.) spielt mittlerweile nicht mehr in der Heimat.

Einer der Schlüsselspieler könnte sicherlich noch der tunesische Nationalspieler Aissa Laidouni sein, der in Katar beim sensationellen 1 : 0 Sieg gegen Frankreich einer der auffälligsten Spieler auf dem Platz war, insbesondere was die Arbeit gegen den Ball angeht.

Schließlich kommen wir zum dritten absoluten Außenseiter: FC Midtylland aus Dänemark. Dieser Verein, der klingt wie der Name irgendeines Ponyhofs aus einem Kinderbuch von Astrid Lindgren, fährt europäisch nämlich derzeit mit dem niedrigsten Gesamtetat auf und auch in der (nicht grade für ihre Weltklassekonkurrenz bekannten) dänischen Liga steht man derzeit nur auf Platz 7. Alles andere als ein kurzes Gastspiel in der Zwischenrunde wäre für das Team um den Ex-Barca-Jugendtrainer Albert Capellas somit daher schon ein Riesenwunder. Die größte Sensation für die Dänen der letzten Jahre war ansonsten die Teilnahme an der Champions League 2020/21, wo man sogar dem großen FC Liverpool ein 1 zu 1 abringen konnte.

Weitaus besser stehen da schon die Chancen für Real Sociedad San Sebastian, die in ihrem engen Stadion schon lange als gefürchteter Favoritenschreck in Spanien bekannt sind. Dazu sind sie sicherlich eine der Überraschungen der bisherigen La-Liga-Saison, wo sie aktuell auf Platz 3 direkt hinter den Platzhirschen Real Madrid und Barcelona stehen. Real Sociedad profitiert hier vor allem von seinem Unique Selling Point, nämlich einerseits sowohl als hervorragender Ausbildungsclub bekannt zu sein als auch für Starspieler interessant zu sein, die schon über ihrem sportlichen Zenit hinaus sind. 

Prominentester Name ist hier derzeit sicherlich Welt- und Europameister David Silva, den man 2020 von Manchester City holte. Auch sonst liest sich die „hall of fame of San Sebastian“ nicht schlecht: Txiki Begeristian, lange Sportdirektor von Barca und guter Freund von Pep Guardiola, dazu noch Antoine Griezmann, Mikel Oyarzabal, wie auch der jetzige Leverkusen-Trainer und Weltmeister Xabi Alonso. Zeitgleich schafft man es auch die Preise von eigenen Spielern auf die Spitze zu treiben, wo in jüngster Zeit sicherlich der Transfer von Alexander Isak am meisten herausstach, der für ganze 80 Millionen Euro in die Premier League zu Newcastle wechselte.

Real Sociedad ist daher mindestens eine Wundertüte, denn noch dazu spielt man mutigen Umschaltfußball mit oftmals gegnerüberrumpelnder Effizienz. Mit Imanol Alguacil hat man zuzüglich noch einen Trainer, der als Spieler wie auch als Trainer fast seine gesamte Karriere bei San Sebastian verbracht hat.

Ebenfalls Ex-Spieler ist Trainer Ruben Amorim von Sporting Lissabon, ein Trainer, der für viele Journalisten und Fans schon wenige Monate nach seit seiner Amtsannahme bei Sporting als eines der größten Trainertalente Europas gehandelt wurde, was die neue Generation an großen Trainern angeht.

Nicht zuletzt hätte er (wenn ihm nicht im letzten Moment Oliver Glasner mit Eintracht Frankfurt dazwischen gekommen wäre) beinahe das ganz große portugiesische Wunder vollbracht und mit Sporting Lissabon den dann insgesamt dritten portugiesischen Verein in den Top 16 der höchsten europäischen Spielklasse untergebracht.

Spätestens in dem Fall hätte man sich dann wirklich fragen müssen, warum man eigentlich immer noch von den europäischen TOP-5 und nicht von den europäischen TOP-6-Ligen (Deutschland, Frankreich, Italien, Spanien, England, wie auch Portugal) redet.

In der Europa League zählt Sporting daher nun umsomehr zu den erweiterten Titelfavoriten. Insbesondere das Youngstar-Trio aus Marcus Edwards, Pedro Goncalves und Trincao hat derzeit einen Marktwert von insgesamt 75 Millionen Euro und das obwohl die Spieler höchstwahrscheinlich noch längst nicht am Ende ihrer Entwicklung angekommen sind. Auch sonst präsentiert sich die Mannschaft gefährlich im Ballbesitz, insbesondere auf den Flügeln und in den Halbräumen. Ballverluste des Gegners werden gerade im eigenen Drittel, wie im Hinspiel gegen Eintracht Frankfurt u.a. zu sehen war, eiskalt ausgenutzt und blitzschnell in Konter umgewandelt.

Auch sonst gilt der einstige Entdeckerclub von Cristiano Ronaldo weiterhin als familiär und bodenständig. Auf die Frage einer möglichen Rückkehr von Cristiano Ronaldo antwortete Amorim daher nur leicht schelmisch grinsend „Keine Kohle“. Der portugiesische Journalist Duarte Monteiro formulierte es gegenüber der Plattform Zero-Zero ein wenig eloquenter mit „sollte Ronaldo zu seinem Ausbildungsclub zurückkehren, müsste er auf einen dicken Verlobungsring verzichten“. Momentan sieht es aber ohnehin eher danach aus, dass Ronaldos Neuverlobung in Saudi Arabien stattfinden wird und der neue Partner, mit dem Ronaldo die Ringe anstecken wird, Al Nassr FC heißen wird.

Ob man Ronaldo hier einen Vorwurf machen sollte, was sein Image angeht? In jedem Fall wäre er nicht der erste große Name, der am Ende seiner Karriere in Saudi Arabien oder in einer vergleichbaren Liga gekickt hat, die zwar sportlich international keine Relevanz hat, wo aber der Scheck dafür umsomehr stimmt. Und bei aller Fußballromantik muss man auch faireweise zugeben: Kaum ein Spieler hätte so wenig zu der Philosophie des Vereins Sporting Lissabon und der Trainerphilosophie von Ruben Amorim gepasst wie Cristiano Ronaldo. Denn nicht erst seit Ronaldo ist der Verein dafür bekannt junge Talente zu entdecken und regelmäßig spielen zu lassen, wie auch für einen Fußball, der zu jeder Sekunde über die Mannschaft kommt und nicht über "den einen Star." Dann vielleicht doch besser noch ein paar Jahre warten und Ronaldos Sohn signen, auf dass sich der Kreis schließt und die ganze Geschichte mit Ronaldo junior von vorne losgeht.

Für Cristiano Ronaldo senior wäre dann vielleicht doch Fenerbahce Istanbul der bessere Verein. Denn hier ist man Stars, die sich am Ende ihrer Karriere befinden, gar nicht so abgeneigt, allerdings würde das finanziell wohl niemals matchen. Ob es internationale Spielerlegenden wie Robin van Persie, Nicolas Anelka oder Victor Moses sind oder Bundesligaspieler wie Mesut Özil oder Max Kruse, bei denen das Mundwerk auch mal ein bisschen lockerer sitzt, Fenerbahce bietet stets alles an Unterhaltung und ist zuzüglich europaweit für sein als absoluter Hexenkessel bekanntes Stadion berühmt. Ein Kopf eines toten Schweins ist hier zwar (wie einst nach dem Wechsel von Luis Figo von Barcelona zu Real Madrid) noch nicht aufs Spielfeld geflogen, dafür aber schon allerlei andere größere und kleinere Gegenstände.

Entscheidend für den Erfolg in der Champions-League für Fenerbahce dürfte der Gesundheitszustand von Enner Valencia sein, der zuletzt 13 Buden in der Liga machte und bei der vergangenen WM sogar mit 3 Toren kurzzeitig Torschützenkönig war, bevor ihn Kylian Mbappé wenige Tage später überholte.

Auch mit Jorge Jesus verpflichtete man einen Trainer, der mit Saudi Arabien, Brasilien und Portugal schon nahezu auf jedem Kontinent trainiert hatte und jüngst sogar als Nachfolger von Luis Enrique als spanischer Nationaltrainer gehandelt wurde. Ob es allerdings für den ganz großen Wurf für das - unter Jesus zuletzt meist in einem 3-5-2 aufspielende - Team reichen wird, bleibt abzuwarten.

Desweiteren schlug auch die politische Stimmung beim Spiel gegen Dynamo Kiew zuletzt heftig um, als man die Ukrainer auspfiff und dabei mit Pro-Putin-Rufen und rassistischen Schmähgesängen begleitete. Auch hier ist seitens des Vereins definitiv Arbeit angesagt, insbesondere dann, wenn es im weiteren Verlauf des Wettbewerbs z.B. zu einem Zusammentreffen mit Shakhtar Donezk und damit einem weiteren ukrainischen Verein kommen sollte.

Shakhtar Donezk ist sicherlich der Verein der Europa-League, dem derzeit am meisten Respekt gebührt. Seit Beginn des Krieges konnte der Verein kein Spiel mehr in der heimischen Donbass-Arena austragen. Alle "heimischen" Spiele mussten entweder nach Warschau oder in die westlich gelegeneren Städte Lwiw, Charkyiv oder Kiew verlegt werden. Schwer beschädigt wurde das Stadion, welches die Jahre zuvor wie kaum ein anderes für gemeinsame Begeisterung stand und insbesondere junge brasilianische Spieler immer wieder anzog. Denn für seine Brasilien-Connection waren die Ukrainer schon immer bekannt, vielleicht nicht für die Ronaldos, Rivaldos oder Neymars dieser Welt, aber zumindest für immer wieder hochtalentierte brasilianische Spieler aus der zweiten Reihe des Weltfußballs.

Diese brasilianischen Spieler wählten nicht zuletzt diesen Verein wegen, wie sie immer wieder selbst betonten, diesem Stadion und der mitreißenden Stimmung vor Ort, Luiz Adriano, Fred, Maycon, Tete und Willian sind nur einige von ihnen, die zum Teil dann auch in anderen Vereinen oder in der Nationalmannschaft große Karrieren hingelegt haben.

Nun ist das Stadion, was u.a. auch Austragungsort der Europameisterschaft 2012 war, geschlossen und der Verein ist derzeit auf der Flucht, dabei angewiesen auf andere Vereine, die ihnen ihre Stadien zur Verfügung stellen. Auch der wieder begonnene Spielbetrieb in der ukrainischen Liga ist strengen Regeln untergeordnet. Im Falle eines Bombenalarms müssen alle sofort in die Katakomben, nach 15 Minuten wird dann entschieden, ob das Spiel fortgesetzt werden kann oder nicht. Das hat zur Folge, dass der Spielplan starken Zeitverzögerungen ausgesetzt ist, da nie wirklich klar ist, ob ein Spiel überhaupt zu Ende gespielt werden kann oder im nächsten Moment die Bomben der russischen Flieger fallen.

Ob man in so einer Situation eigentlich überhaupt noch über Sport reden kann? Über die umsomehr beachtliche Nachwuchsarbeit eines inzwischen fast nur noch Ukrainern bestehenden Kaders von Shakhtar, da von den vielen Brasilianern, auf die der Club einst so stolz war, nur noch einer (Verteidiger Lucas Taylor) übrig ist? Über unfassbare neue Talente wie Taras Stepanenko, Marijan Svedt und dem alles überragenden Flügelstürmer Mikhailo Mudryk hinter dem derzeit mehrere große Premier-League-Vereine, u.a. der FC Arsenal, her sind? Über ebenso unfassbare Ergebnisse wie dem 4 zu 1 gegen RB Leipzig in der Champions League Gruppenphase?

Wie immer in solchen Extremsituationen gibt es hier auf allen Seiten nur Verlierer. Denn wieviele russische und nichtrussische Spieler sitzen derweile ebenfalls zu Hause vor dem Fernseher und fragen sich, wann dieser sinnlose Krieg - ein Krieg, an dem kein Spieler, welche Staatsbürgerschaft er auch immer besitzt, etwas kann - endlich beendet ist und auch sie mit ihren Vereinen wie Zenit St. Petersburg, Lokomotive Moskau, Spartak oder Krasnodar irgendwann mal wieder Normalität erleben dürfen, Auswärtsfahrten mit ihren Fans in andere Länder genießen können oder vielleicht sogar irgendwann auch mal wieder mit der russischen Nationalmannschaft mitfiebern können?

Alle diese russischen wie auch nichtrussischen Spieler genannter Vereine haben mit Vladimir Putins Angriffskrieg ungefähr so viel zu tun, wie Youssouffa Moukoko mit der Verletzung von Schwulen- und Frauenrechten in Ländern wie z.B. Katar oder dem Iran. Anstatt den Leuten weh zu tun, die in Wirklichkeit hinter dem Unrecht stehen, werden die zur Verantwortung gezogen, die mit dem, was sie tun vielleicht sogar Vorreiter sein könnten, was ein schnellstmögliches Ende dieser europäischen Katastrophe angeht: Musiker, Künstler, Sportler, eben all die, die schon aufgrund ihrer Berufswahl für etwas stehen, was grenzübergreifend ist, wie auch Menschen und Nationen miteinander verbindet.

Was ich mir, um den kleinen Exkurs in die Politik damit zu beenden, für die Zukunft wünschen würde? Neben einem maximal erfolgreichen Europa-League-Turnier für Shakhtar Donezk, welches den Menschen dort irgendwie wieder Hoffnung gibt und sie darin bestärkt, niemals aufzugeben, so schlimm die Situation auch ist, vielleicht auch einfach mal die Bilder, die man beispielsweise nach dem WM-Spiel Iran gegen die USA gesehen hat - Bilder, wo sich die Mannschaften beider seit Jahrzehnten verfeindeter Länder am Ende umarmt und damit der ganzen Welt gezeigt haben: "Wir sind hier als Freunde, Freunde, die die selbe Leidenschaft haben, nämlich mit Fußball unseren Fans unserer Nationen die größtmögliche Freude zu bereiten" - Bilder, die ausgelebt von ukrainischen und russischen Top-Sportlern allen korrupten Machthabern am Ende eins zeigen würden: "Hört endlich auf mit diesem Scheiß.

Wir leben hier in einem Europa von 2022, solche Dinge haben anders geklärt zu werden als mit Waffen an denen auf allen Seiten letztendlich auch noch die verdienen, die am wenigsten Interesse daran haben, dass Menschen in der Ukraine glücklich und angstfrei leben können.

Und wenn ihr etwas zu klären habt, trefft euch zu zweiundzwanzigst und klärt es verdammt noch mal in einem Elfmeterschießen. Macht vorher einen Vertrag aus, wer was will, der Verlierer hält sich dran und gut ist. Aber lasst uns da raus, so wie auch unsere Familien und all die vielen anderen Menschen, die unter den Folgen des Krieges leiden. Und wenn es nur ist, um wieder zu träumen - träumen von einer hoffentlich niemals ganz unmöglichen Utopie."

Träumen von einer Karriere, wie ihn z.B. der ukrainische - derzeit beim FC Arsenal spielende - Mittelfeldmann Alexander Zinchenko hingelegt hat, das tun sicherlich auch viele junge ukrainische Fußballer, neben Gabriel Jesus der zweite herausragende Transfer Arsenals im Sommer 2022. Beide Spieler spielten zuvor bei Manchester City und dass sie in der Premier-League-Tabelle vor der Winterpause mit ihrem Verein dann am Ende sogar vor ihrem Ex-Arbeitgeber stehen würden, das hätte vor der Saison sicherlich auch noch niemand gedacht.

Der Mann, der das Unmögliche möglich gemacht hat hört auf den Namen Mikel Arteta, dessen taktischer Mut neben einigen Toptransfers, bei dem wie im Falle von Verteidiger Ben White durchaus auch mal etwas tiefer ins Portemonnaie gegriffen wurde, sich bislang voll ausgezahlt hat. Dazu setzt man wie selten zuvor in der Geschichte der Londoner auf die eigene Jugend - wohlgemerkt in einer Liga, wo der Investorenwahnsinn im Fußball wie in keiner anderen Liga gelebt und, siehe Newcastle, sogar von den eigenen Fans zelebriert und gefeiert wird.

Man kommt also nicht umhin Arsenal zu einem der absoluten Top-Favoriten der Europa-League zu erklären. Ganze 11 von 13 Spielen konnte man in der Premier-League-Hinrunde gewinnen, darunter Spiele gegen Topvereine wie Chelsea, Tottenham und Liverpool. Dass man es weiterhin schafft, mit Bukayo Saka einen der derzeit teuersten und talentiertesten englischen Nationalspieler zu halten, spricht dann noch einmal mehr für die Rückkehr der einstigen „Invincibles“ auf der europäischen Bühne. Hinzu kommen mit Gabriel Martinelli und Reiss Nelson noch zwei weitere hochdekorierte Talente im Sturm und auch der kampfstarke schweizer Nationalspieler Granit Xhaka konnte in jüngster Zeit wieder zu alter Stärke zurückfinden.

Ob man es wirklich schaffen wird, sich in der Premier League bis zum Ende der Saison gegen das übermächtige Manchester City durchzusetzen wird sich zeigen. Derzeit scheint das Rennen ein Finale David gegen Goliath mit - wer weiß - einem überraschenden Ergebnis, wie es neben der italienischen Liga von den großen Ligen nur noch die Premier League immer wieder mal liefern kann. In der Europa-League, in der man 2019 schon das Finale erreichte, ist man auf jeden Fall als Tabellenführer der reichsten und wahrscheinlich besten Liga der Welt ganz weit vorne mit dabei.

Wie sähe indessen das perfekte Europa-League-Stadtderby-Finale aus wenn nicht: Betis Sevilla gegen den FC Sevilla! Die Europa-League-Light-Variante des spanischen Stadtderby-Champions-League-Finales von 2014 und 2016 Real Madrid gegen Atletico Madrid?

Theoretisch wäre dies Stand jetzt (Dezember 2022) zumindest auf dem Papier möglich. Interessanterweise aber wäre momentan, gemessen an der aktuellen Form, eben nicht, wie viele vermuten würden, der 6malige Europa-League-Sieger FC Sevilla Favorit in diesem Duell.

Vielmehr steht eben genau dieser Club derzeit auf einem direkten Abstiegsplatz in die Seria B. Weder unter Trainer Julien Lopetegui noch unter seinem prominenten Nachfolger Ex-Argentinien Coach Jorge Sampoali kommt die Mannschaft in der heimischen Liga auch nur ansatzweise in den Tritt. Ballverluste im letzten Drittel, Fahrigkeit in der defensiven Raumaufteilung und dazu auch noch eine extreme Harmlosigkeit in der Offensive prägen derzeit das Spiel des EL-Rekord-Champions.

Ob es die marokkanische Achse aus Torwart Bono und Stürmer Youssef En-Nesyri schaffen kann, den Teamgeist und den Siegeswillen wieder zurück in die Mannschaft zu bringen? Beide haben in der Nationalmannschaft erst kürzlich bewiesen, dass sie mit den Besten der Welt mithalten können, insbesondere Bono hätten viele bei der vergangenen WM sogar als „Torhüter des Turniers“ gesehen. (die Trophäe machte letztendlich der Argentinische Schlussmann Emiliano Martinez).

Hinzu hat man in der Defensive mit Marcos Acuna und Gonzalo Montiel sogar zwei Weltmeister im Kader, letzterer verwandelte sogar den entscheidenden Elfmeter im WM-Finale und brachte damit Millionen Argentinier ins Reich der Glückseligkeit und zu ihrem dritten WM-Titel. Diese Emotionen jetzt irgendwie mit in den tristen Ligaalltag mitzunehmen, das wird die entscheidende Aufgabe dieser genannten Spieler sein oder wie Sport-BILD-Experte Marcel Reif sagen würde: „die größte Party schön und gut, aber irgendwann ist dann aber auch wieder Montag, man muss ins Büro und einfach seinen Job erledigen.“ Sollte dies hingegen nicht gelingen, könnte es bereits in der Europa-League-Zwischenrunde gegen Ruud Van Nistelrooys durchaus kampfstarke Eindhovener eng werden.

Bereits sicher fürs Achtelfinale qualifiziert ist hingegen der Stadtrivale Betis Sevilla. Auch sonst kann man den weiteren Weg im europäischen Geschäft jetzt eigentlich so richtig schön freiburgeresk, sprich entspannt, angehen. Denn genau wie bei Freiburg schreit auch bei Betis Sevilla niemand auf, wenn die Sensation nicht gelingt, aber natürlich freuen sich alle, wenn sie gelingt - so wie im letzten Jahr in der Copa del Rey, wo man im Finale gegen Valencia sensationell den Ligapokal gewinnen konnte.

Schafft man es erneut auf die Betis-Stärken wie mannschaftliche Geschlossenheit und gemeinsames Arbeiten gegen den Ball zu setzen, wer weiß, was dann noch passieren könnte. Betis-Fans würden sich in jedem Fall freuen, wenn man sich auch in der Europa-League endlich mal aus dem Schatten des großen FC Sevillas lösen könnte. Bislang konnte man sich (während der Konkurrenzclub aus Sevilla den Europa-League-Titel zeitweise schon fast abonniert hatte) nur zwei mal für ein Europa-League-Achtelfinale qualifizieren, u.a. auch in der Saison 2021/22, wo man dann allerdings gegen den späteren Euopa-League-Sieger Eintracht Frankfurt ausschied.

Das größte Kopf-an-Kopf-Rennen findet derzeit zweifelsohne in der holländischen Liga statt, und - wie sollte es anders sein - natürlich unter genau den drei Vereinen, die nun auch in der Europa League um das Weiterkommen kämpfen, den holländischen Platzhirschen aus Amsterdam, Rotterdam und Eindhoven. Einzig und allein Feyenoord Rotterdam, der letztjährige Finalist der Europa Conference League, hat sich hier bereits sicher für das Achtelfinale qualifiziert, die beiden anderen hingegen müssen noch durch die Zwischenrunde.

Bei der PSV Eindhoven gilt es nun zunächst einmal den Abgang vom holländischen Shootingstar Cody Gakpo zum FC Liverpool diesen Winter zu verarbeiten. Glücklicherweise hat man hier mit Xavi Simons ein weiteres junges holländisches Stürmertalent im Kader (auch Simons war bei der WM in Katar dabei, wurde allerdings nicht eingesetzt). Generell ist die PSV derzeit drauf und dran Ajax in Sachen Talentschmiede mehr als nur ein bisschen Konkurrenz zu machen. Denn während man in Amsterdam auf dieser Position mit Klaassen, Bergwijn und Berghuis klar auf erfahrene Spieler setzt, hat der PSV Eindhoven in den letzten zwei Jahren gleich zwei niederländische Top-Talente entdeckt, die neben Arnaud Danjuma und Myron Boadu als vielleicht die niederländischen Superstürmer von morgen gelten, eben jene beiden Rohdiamanten Simons und Gakpo, bei denen letzterer vielleicht der entscheidende Spieler im holländischen Kader bei der vergangenen WM war.

Desweiteren sitzt mit Ruud van Nistelrooy derzeit jemand auf der Trainerbank, der wie kaum ein anderer schon als Spieler und Mittelstürmer holländischen Hurrafußball verkörperte. Umso bitterer erscheint der Abgang von Cody Gakpo und könnte - sollte Simons nicht in der Rückrunde komplett durchstarten - der PSV noch teuer zu stehen bekommen.

Bei Ajax Amsterdam hingegen wurde in dieser Saison mal wieder klar wie sehr der Verein dann doch darunter leidet, jährlich wieder und wieder seine besten Talente zu verlieren. Das BVB-Syndrom "vom Namen zu groß für einen Ausbildungsclub, aber dann doch auf die Transfererlöse angewiesen" schlägt hier bei Ajax schon seit Jahren auf eine noch viel intensivere Weise zu als bei den Schwarzgelben, da man sich im Verein von seinen Erwartungen eben nicht als Meisterverfolger eines anderen Clubs sieht, wie beispielsweise dem FC Bayern, sondern als die klare Nr. 1 in der holländischen Eredivisie. Und sicherlich könnte man aus den Top-Ajax-Talenten der letzten 5-6 Jahre eine Top 11 zusammenkriegen, die sogar um den Champions-League-Titel mitspielen könnte. Die Betonung liegt hier allerdings auf „könnte“. Denn auch wenn mit dem Ghanaer Mohammed Kudus schon wieder ein neues Talent in Amsterdam auf dem Weg ist, einer der ganz Großen und damit der nächste große Top-Transfer für Ajax zu werden - mittlerweile bemerkt man den Aderlass an Spielern von Ajax auch in der Stimmung bei den Fans.

Viele Ajax-Fans träumen nachwievor von der glorreichen alten Zeit unter Trainer Louis van Gaal, wo man noch Champions-League-Titelanwärter war. Dabei haben sie das Gefühl, dass der Verein für viele Spieler nur noch als Durchgangsstation wahrgenommen wird, eben eine Illusion auf Zeit. Für ein paar Jahre berauschen die neuen Stars ihre Fans mit teilweise überragenden Einzelaktionen, die großen Trophäen halten sie dann aber doch anderswo in die Höhe. Für Vereine, die diese Philosophie verfolgen, aber von ihrer Tradition her eigentlich andere Amibitionen haben, ist dies letztendlich Sisyphosarbeit. Sie verpflichten die größten Nachwuchstalente, verkaufen sie für viel Geld z.B. in die Premier League, nur um dann wieder von vorne anzufangen und am Ende wieder genau dort zu landen, wo man schon vorher war, in der ewigen zweiten Garde der europäischen Top-Clubs.

Erschwerend für Ajax kommt noch hinzu, dass der defensive Stil von Alfred Schreuder (Ex-Hoffenheim) weder dem entspricht, was man bei Heimspielen in der Johann-Cruyff-Arena offensiv gewohnt ist, noch so richtig zum aktuellen Kader passen will. Denn im Gegensatz zu noch vor ein paar Jahren, wo Ajax mit Virgil van Dijk und Mattijs de Ligt noch eine absolute Weltklassedefensive hatte, ist man hier, abgesehen von Jurrien Timber, derzeit eher suboptimal besetzt, nicht zuletzt weil auch ein Daley Blind sich derzeit kurz vor einem Wechsel zum FC Bayern befindet und damit noch einmal mehr beweist, wie sehr ein Verein wie Ajax sich derzeit im "Wir-Bilden-Aus-Bitte-Bedient-Euch"-Modus befindet. Einen Erfolg von Ajax Amsterdam in der aktuellen Europa-League-Saison sehe ich daher eher skeptisch entgegen, ebenso einen von PSV Eindhoven, sollte nicht noch ein Ersatz für Cody Gakpo geholt werden.

Weitaus klarer ist die Hierarchie der drei Clubs aus der französischen Ligue 1 Stade Rennes, AS Monaco und FC Nantes. Der absolut klare Außenseiter ist dabei der FC Nantes, neben dem FC Sevilla der einzige Club, der derzeit zeitgleich Europa League, wie auch Abstiegskampf spielt. Auch bei ihrem letzten Gruppenspiel in der Europa League, einem 0 : 4 gegen den SC Freiburg, konnten die Franzosen alles andere als überzeugen, reihten sich dann aber dennoch auf Platz zwei hinter eben jenen Breisgauern in der Tabelle ein.

Bei Nantes bemerkte man in der Gruppenphase wieder das Problem, was auf so einige Clubs zutrifft, die sich eher in der unteren Hälfte der französischen Ligue 1 befinden: Zu viel Kampf, zu wenig Spielwitz, zu viel Disziplin in der Raumdeckung, doch dabei zu wenig Zug nach vorne.

Desweiteren fehlt Vereinen wie Nantes auch der Mut auf dem Transfermarkt auf höchstem Niveau zu scouten. Die Prioritäten liegen hier verstärkt bei Themen wie Fannähe und Authentizität, was auch immer wieder mal dafür sorgt, dass französiche Fanszenen, insbesondere aus Südfrankreich, medial oft mehr im Mittelpunkt stehen als auf sportlicher Ebene ihre Vereine. Nur wenige Vereine in der Ligue 1 schaffen das, was in der Saison 2020/21 dem OSC Lille gelungen ist (und was aktuell auch der RC Lens zumindest versucht) nämlich mit den Milliarden aus Katar, die Paris St. Germain zum französischen Dauermeister gemacht haben, wenigstens auf sportlicher Ebene irgendwie mitzuhalten.

Klar ist - die französische Liga hat ihre ganz eigenen Vibes. Insbesondere die Rolle des Heimatvereins spielt in Frankreich nochmal eine weitaus größere Rolle als z.B. in Deutschland, wo nicht nur Retortenclubs wie Hoffenheim und Leipzig Fans haben, die in ganz Deutschland verteilt leben, sondern auch Clubs wie der FC Bayern. Dass an einem Ort wie Nantes hingegen eine plötzliche Welle an z.B. neuen Marseille-Fans ausbricht, scheint wiederum nahezu ausgeschlossen. Man unterstützt seinen Verein hauptsächlich aus patriotischen und weniger aus sportlichen Gründen. Somit ist man emotional auch weitaus unabhängiger von Abgängen und Neuzugängen als in der Bundesliga, wo Spielern, insbesondere bei Vereinen wie Dortmund, Gladbach oder Frankfurt oft schwere "Verräter"-Vorwürfe seitens der eigenen Fans gemacht werden, wenn sich diese für ihre Karriere, ihr Portemonnaie und nicht für ihren Verein und ihre Fans entscheiden.

So wurden z.B beim AS Monaco auch keine „Verräter"-Rufe laut, als der aktuell größte französische Star Kylian Mbappé Monaco verließ, um sich Paris St. Germain anzuschließen, genausowenig wie diesen Sommer beim vielleicht derzeit formstärksten Mittelfeldspieler der französischen Nationalmannschaft Aurelien Chouameni.

Dies, wie auch die Fülle an neuen Talenten sorgt dafür, dass Monaco, obwohl sie aktuell nur auf Platz 7 in der Tabelle stehen, einen deutlich spritzigeren Fußball spielt als Nantes und auch auf dem Transfermarkt der deutlich raffiniertere Verein ist.

Was die Monegassen hier transfertechnisch seit Jahren auszeichnet ist: Scouting ohne jegliche Scheuklappen in Verbindung mit perfektem Timing. Ob es ein Kevin Volland ist, den man genau zu der Zeit aus Leverkusen geholt hat, wo sich der Transfer von Patrick Schick so langsam angebahnt hatte, ob es ein Ismail Jakobs ist, der als junges Talent beim FC Köln in der Saison 20/21 absolut herausragte, für den der AS Monaco zu der Zeit dann aber doch (gerade gehaltstechnsch) der logische nächste Schritt war oder eben Torwart Alexander Nübel, das vielleicht größte Fragezeichen des FC Bayerns in den letzten Jahren.

Für Alexander Nübel, dem vielleicht größten jungen deutschen Torwarttalent aktuell, hat sich nicht zuletzt der AS Monaco als absoluter Glücksgriff erwiesen, ein Glücksgriff, der aber auch dringend notwendig war. Denn bislang glich Nübels Geschichte schon fast einem schlechten Hollywood-Film, erst - so wie einst Manuel Neuer -  mit maximalem medialen Brimborium von Schalke zu den Bayern gewechselt, dann bei den Bayern auf der Bank gesessen, weil Manuel Neuer selbst dann noch auf jede Spielminute bestand, wenn es gegen das Barkeeper-Freizeitteam des Münchener Hofbräuhauses ging, um dann (insbesondere von Schalke-Fans schon als der neue Jan-Fiete Arp verschrien) irgendwie über eine Leihe bei Monaco zu landen.

"Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt" wie der Rapper Eko Fresh einst so schön sagte. Dieser Satz trifft wohl auf keinen zweiten Speler derzeit so zu wie auf Alexander Nübel. Warum also sollte er überhaupt zu den Bayern zurückkehren, nun wo es bei Monaco, einem ebenfalls großen Verein, grade so gut läuft?

Soll er etwa darauf hoffen, Manuel Neuer würde am besten für die nächsten Jahre verletzt bleiben oder, falls nicht, noch möglichst viele weitere waghalsige Skitouren unternehmen? Mit einem solchen Karma möchte doch kein Fußballer Fußball spielen. Insofern wären Monaco hier klar in der Poleposition, sollte Nübel aus seinem Schalke-Bayern-Wechsel gelernt haben.

Sollte dies aber nicht der Fall sein und Nübel wirklich noch diesen Winter zurück zu den Bayern gehen, könnten die Monegassen hinten ernsthafte Probleme bekommen, denn der französische Ersatzkeeper Thomas Didillion, mit 27 Jahren grade mal 1,2 Millionen Marktwert, kann Nübel derzeit nicht ansatzweise ersetzen.

.Der in der Ligue 1 derzeit erfolgreichste Europa-League-Teilnehmer Stade Rennes hingegen setzt in seiner Philosophie wie kaum ein anderer Verein in Europa klar auf Jugendförderung. Insbesondere zahlreiche Talente mit französischer Staatsbürgerschaft bekommen in der für seine mittelalterlichen Fachwerkhäuser bekannten französischen Stadt eine der besten Ausbildungen des Landes. Chiomaya Ugochukwu (17), Desirée Doué (17), Matthieu Albine (19) plus ganz vorne Stürmer Arnaud Kalimuendo (22) könnten möglicherweise schon bald Teil der nächsten Top-Generation im französischen Fußball werden. Dass Stade Rennes für seine herausragende Jugendakademie in ganz Frankreich bekannt ist, zeigt auch der enge Austausch mit der Nationalmannschafts-Landesakademie Clairefontaine, wenn es darum geht den jungen Talenten aus Clairefontaine den nächsten Schritt in den Profifußball zu ebnen. Denn welcher 17jährige träumt nicht davon sich - statt nur in den U17-Teams zu zocken - schon im zarten Alter von 17 mit Stars wie Lionel Messi und Kylian Mbappé zu duellieren? Bei Stade Rennes bekommen sie die Chance dazu.

Stade Rennes könnte also durchaus zu einer Überraschungsmannschaft dieser Europa-League-Saison werden, da in diesen jungen Spielern eine Menge Ehrgeiz schlummert und noch niemand absehen kann, wie groß ihr Potenzial wirklich ist. Fakt ist, dass viele der jungen wilden aus Rennes bereits jetzt schon technisch auf herausragendem Niveau spielen, ganz vorneweg Rennes Flügelstürmer Jeremy Doku, der an einem guten Tag locker mal ganze Abwehrreihen mit seinen Dribblings zu Zuschauern werden lassen kann. Dies hatte der Belgier auch zuletzt beim letzten WM-Gruppenspiel gegen Kroatien bewiesen, wo er einer der wenigen überzeugenden Akteure auf dem Platz war.

Ähnlich gut läuft die Jugendförderung beim österreichischen Vertreter RB Salzburg. Hier allerdings läuft die Ausbildung aufgrund des weltweiten Red-Bull-Netzwerkes, auf welchem der Verein fußt, noch einmal deutlich organisierter ab. Dies hat zur Folge, dass die Talente des österreichischen Serienmeisters bereits von Kind auf eine klare Perspektive aufgezeigt bekommen, die meistens heißt - Ausbildung beim Farmclub in Liefering, dann Wechsel zu RB Salzburg, um dann im Idealfall zum deutschen Partnerclub RB Leipzig zu wechseln.

Für viele Fußballfans scheint dieses Konstrukt nachwievor sehr befremdlich, für junge Spieler, die ihre Zukunft auf Sicherheit aufbauen, ist dieser für das schnelllebige Sportgeschäft eher seltene Berufsweg aber in mancher Hinsicht sicherlich sehr angenehm.

Dieser Weg ist eben ein für das Fußballgeschäft ungewöhnlich klassischer Berufsweg, was ja auch irgendwo zur Mozartstadt passt: du machst dein Abitur, um im Zweifelsfall BWL zu studieren, du studierst BWL, um dann im Zweifelsfall in einem Betrieb Kariere zu machen, der in erster Linie wirtschaftlich gut aufgestellt ist: Das mag alles wenig romantisch klingen, ist aber für viele junge Menschen der entspannteste Weg, um später sich und ihre Familie ernähren zu können.

Warum also soll man das Fußballern oder Trainern nicht auch gewähren?

Aus diesem Grund würde ich auch niemals einem Spieler einen Vorwurf machen, der sich statt für Schalke oder Frankfurt für Salzburg oder Leipzig entscheidet. Dass mich erstere Vereine als Fan mehr abholen, ist einfach nur meine rein subjektive Wahrnehmung, woraus dann natürlich folgt, dass ich über diese Vereine mehr weiß und mehr schreibe (dies nochmal als kleine Erklärung zu meiner kleinen Leipzig-Kritik in meinem Champions-League-Special.)

Jeder Verein soll arbeiten, wie er will und Vorwürfe, wie dass ein Verein wie Leipzig bei einem Erfolg einem anderen Verein den Platz wegnehmen würde ist Quatsch. Wenn überhaupt könnte man hier seitens der DFL mal die wirklichen Fanzahlen anhand der Einschaltquoten und Zuschauerzahlen checken und sich überlegen, ob vielleicht dann doch die Vereine in der Verteilung der Fernsehgelder mehr bevorzugt werden sollten, die die meisten Zuschauer ziehen und nicht die, die aufgrund ihrer wirtschaftlichen Poleposition in der Tabelle am Erfolgreichsten sind.

Letztendlich ist dies ja in jedem anderen Entertainment-Sektor genauso. Wenn ein Menderes Bagci beispielsweise in einer Unterhaltungsshow wie "Deutschland sucht den Superstar" einfach aufgrund seines Entertainment-Faktors oder weswegen auch immer jedes Jahr die meisten Fernsehzuschauer zieht, wird er für die Macher der Show (was im Fall Bundesliga die DFL wäre) bevorzugt behandelt, unabhängig davon, ob er jetzt besser oder schlechter singt als andere Kandidaten.

Dies wäre zumindest mal ein interessanter Ansatz für die Bundesliga, der auch publikumsstarken Traditionsvereinen wie dem 1. FC Kaiserslautern, Dynamo Dresden, Schalke 04, dem 1. FC Köln oder dem HSV auch kurzfristig wieder ganz andere Türen auf dem Transfermarkt und damit dann auch sportlich öffnen könnte.

Doch zurück zum Thema Salzburg, wo umsomehr im Winter 2019 überrascht hat, dass der eigentlich schon sicher in Leipzig gehandelte Salzburg-Youngstar Erling Haaland sich dann doch dafür entschieden hat, nicht diesen typischen RB-Weg zu gehen u.a. auch - und hier wären wir wieder beim oben genannten Punkt - aufgrund der Stimmung im Stadion und den enthusiastischen BVB-Fans. Dies hatte Erling Haaland nach seinem Wechsel zu Dortmund wieder und wieder selbst betont.

Doch nicht jeder brauch eben exzessive Fanaufmärsche oder eine authentische Vereinshistorie, um einen Ball mit dem Fuß von A nach B zu tragen, weswegen mittlerweile auch viele österreichische Nationalspieler oder U-Nationalspieler in Salzburg bleiben, darunter Andreas Ulmer, Maximilian Wöber, Nicolas Seiwald und Junior Adamu. Ob sich das noch verstärkt, jetzt wo auch noch Ralf Rangnick österreichischer Nationaltrainer geworden ist - einst einer der entscheidenden Strippenzieher, was den Erfolg der RB-Vereine angeht? Zumindest kann man sich aufgrund dieser Zusammensetzung sicherlich auf eine sehr spannende Zeit im österreichischen Fußball freuen.

Freuen kann man sich sicherlich auch auf José Mourinhos AS Rom, vorausgesetzt „The special one“ ist bis dahin überhaupt noch Trainer, wurde er doch nach der WM in Katar sowohl mit dem brasilianischen, wie auch mit dem portugiesischen Nationaltrainerposten in Verbindung gebracht. Denn immerhin hat er mit der Roma ja grade erst einen Titel gewonnen - den Sieg in der Europa Conference League, dem drittgrößten europäischen Wettbewerb, bei dem Mourinhos legendäre Aussage „ich bezeichne mich nicht als Besten, ich kenne nur keinen Besseren“ gegen Gegner wie Vitesse Arnheim, Bodo/Glimt und der Jahrhundertgeneration von Zorya Lugansk nochmal einen ganz neuen Charme bekam - nichts gegen Lugansk, aber diese Gegner zeigen dann doch, dass dieser Wettbewerb einfach dann doch nicht die ganz große Herausforderung für einen Top-Trainer wie José Mourinho ist.

Dennoch befindet sich die Roma durchaus im Aufschwung - mit einem Kader, der sich grade in der Offensive international absolut sehen lassen kann. Tammy Abraham, Andrea Belotti, das italienische Megatalent Niccolo Zanioli, wie auch nicht zuletzt der von Juventus Turin dazugestoßene argentinische Superstar Marco Dybala, das alles verspricht sehr viel und sollte Mourinho es irgendwie schaffen, so wie einst beim FC Chelsea der Roma eben jene "Wer-seid-ihr-da-draußen-eigentlich-alle-wir-sind-doch-eh-die-geilsten"-Wagenburg-Mentalität zu vemitteln, könnte auch im eins höher gerankten europäischen Wettbewerb extrem viel drin sein.

Das Interessante am Projekt Roma ist, dass für José Mourinho der Weg mit der Roma wieder ein wenig der Weg zurück zu seinen Wurzeln ist, nämlich nach Porto, wo er einst ebenfalls mit einem absoluten und in der Form noch nie auf der Fußballlandkarte vertretenen Underdog-Verein namens FC Porto (der einzige Champions-League-Sieger seit 2000, der nicht aus den Top-5-Ligen stammt) sensationell den Henkelpott gewinnen konnte.

Denn nach so vielen Stationen ist Mourinho endlich wieder da angekommen, wo er als Underdog eigentlich nur alle überraschen kann: Überraschen, schockieren, begeistern, eben „The Special One“ und mit der Roma sicherlich diese Saison auch einer der Mitfavoriten auf den Europa-League-Titel.

Wie aber geht die Reise für Bayer Leverkusen weiter, den Gegner vom AS Monaco? Hier beruht im Grunde alles auf zwei Fragen: Zum einen wäre da die Frage inwieweit und vor allem wie genau Trainer und Weltmeister Xabi Alonso es schaffen kann die Mannschaft mitzureißen und dabei vor allem die jungen Defensivspieler rund um Jeremie Frimpong, Edmond Tapsoba und dem zuletzt auch in der Nationalmannschaft Ecuadors überzeugenden Piero Hincapie emotional mitzunehmen, zum anderen die Frage, inwieweit sich das aus seiner Kreuzbandrissverletzung zurückkehrende 19jährige deutsche Gigatalent Florian Wirtz wieder in die Mannschaft einfügen wird.

Denn trotz einer in der Bundesliga-Hinrunde auch oftmals fehlerbehafteten Abwehrkette, war es doch vor allem die Offensive, die letztlich erschreckend schwächelte. Hierbei muss man auch den Mittelstürmer hinzuzählen, den viele vor der Saison noch als Torschützenkönig getippt hatten: Patrick Schick.

Spielte Leverkusen hingegen erfolgreich, kamen fast alle Angriffe über außen, Jeremie Frimpong und Moussa Diaby waren hier die entscheidenden Spieler. Dieses könnte sich mit Florian Wirtz aber entscheidend ändern und muss sich auch ändern, möchte man in der Europa League eine Chance haben weit zu kommen. Florian Wirtz könnte hier genau dieser Gegenpol zu dem eher defensiv ausgerichteten Robert Andrich sein. Mit seiner für sein Alter überragenden Spielintelligenz könnte er dafür sorgen, dass es Teams wie Monaco nicht so einfach möglich sein wird Leverkusen offensiv den Riegel vorzuschieben indem sie einfach mit zwei starken Außenverteidigern die Flügel dicht machen.

Sicherlich wäre aber auch transfertechnisch die ein oder andere Verstärkung hilfreich. Ausgerechnet der momentan bei Monaco unter Vertrag stehende Ex-Kölner Ismail Jakobs wurde hier zuletzt gehandelt, da er in Monaco in letzter Zeit unter Philippe Clement relativ wenig Spielpraxis bekam. Das Wichtigste aber ist, dass die Mannschaft die Gewissheit zurückbekommt, offensiv eine der stärksten Mannschaften der Bundesliga zu sein, eine Mannschaft, die, so wie der FC Bayern und der BVB, in erster Linie für "schönen" Fußball steht. Dieses Selbstbewusstsein war insbesondere in den letzten Wochen unter Xabi Alonsos Vorgänger Gerardo Seoane nicht mehr zu sehen und muss zurück, damit die Saison für Leverkusen doch noch erfolgreich wird. Daher könnten die Spiele gegen die AS Monaco zwei ganz Entscheidende sein, auch für den weiteren Erfolg der Leverkusener in der Bundesliga. Ist man international noch konkurrenzfähig oder geht man den Schalke-/Stuttgart-/Hertha-Weg und entwickelt sich zum Krisenclub? Kaum ein Verein befindet sich hier derzeit in so einer Weggabelung wie Bayer Leverkusen. Somit liegt es an allen Verantwortlichen, das Lenkrad rumzureißen und wieder auf die richtige Spur zu kommen, die mindestens heißes muss - europäisches Geschäft, sprich Europa League.

Und hiermit wären wir beim letzten großen Thema, man könnte sagen: Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen der diesjährigen Europa-League-Saison. (meinen Heimatverein Union Berlin behandle ich in einem zeitnah erscheinenden Special noch einmal ausführlicher, also nicht wundern, liebe Union-Fans).

Denn was haben Manchester United, Juventus Turin, der FC Barcelona und der SC Freiburg gemein? Sie alle meinen von sich, eigentlich nicht in die Europa League zu gehören oder (das muss man im Fall SC Freiburg fairerweise sagen) meinten es zumindest mal. Denn die Zeiten, wo Freiburg-Trainer Christian Streich mit den Worten „so viele Spiele. Wie solln wir dasch nu schaffn?“ schon beim Gedanken an Europa gefühlt die Hände über den Kopf schlägt, scheinen spätestens seit dieser Saison, wo man aktuell auf Platz 2 grade mal 4 Punkte hinter dem FC Bayern steht, endgültig vorbei.

Nun heißt es aus Christian Streichs Mund viel eher: „Die Zeiten, wo wir nicht mehr sexy sind, sind vorbei. Dafür bin ich jetzt nicht mehr sexy.“ Auch gut, wir lieben dich trotzdem, werden sich viele Freiburg-Fans wohl sagen.

Dennoch gibt es nachwievor Menschen, die sich am Image des SC Freiburgs als sympathischer Heimatverein reiben. Vielen scheint das ganze Freiburg-Universum irgendwie zu schön um wahr zu sein, wenn man sieht, wie rasant der Fußball immer kommerzieller und für normale Menschen überhaupt nicht mehr greifbar wird. Kehrt ein hochdekorierter Nationalspieler wie Matthias Ginter wirklich nach Freiburg zurück, nur weil er sich in seiner Heimat Freiburg am Ende am wohlsten fühlt? Kann so etwas 2022 auf diesen Niveau wirklich noch wahr sein? Klar, eine 0 zu 5 Niederlange gegen den FC Bayern in der Bundesliga sorgt dann für einen Abend zumindest mal wieder dafür, dass einem als Freiburg-Fan wieder klar wird, dass man sich das alles zumindest gerade nicht komplett einbildet.

Grundsätzlich zeichnet sich der SC Freiburg dadurch aus, dass er auch in der Führungsriege immer mit einem klaren Teamgedanken arbeitet: Jeder kennt jeden, jeder weiß genau, wie seine Kollegen ticken, alles bildet am Ende eine Harmonie. Zerwürfnisse oder Klüngeleien, wie man sie beispielsweise in Stuttgart oder beim HSV kennt, scheinen in Freiburg undenkbar. Desweiteren funktioniert bei keinem anderen Verein in Deutschland derzeit die Jugendarbeit so gut. Der Übergang zu den Profis erscheint hier nahezu nahtlos, hinzu ist auch die Freiburger Jugendmannschaft mittlerweile Stammgast in der dritten Liga und damit eine der Besten des Landes. Die einzige Frage rund um den Verein mit dem mit Abstand dienstältesten Trainer Deutschlands (seit 2012 im Amt, selbst europaweit topp ihn einzig und allein Atletico-Trainer Diego Simeone um ein Jahr) ist die Frage nach der Zukunft. Was passiert, wenn Leute wie Christian Streich oder andere aus dem Vorstand, die teilweise schon seit Jahrzehnten für den SC Freiburg arbeiten, altersbedingt irgendwann doch mal gehen?

Kann der SC Freiburg auch ohne dieses Dreamteam aus Jochen Saier, Klemens Hartenbach und Christian Streich weiterhin dieser „ganz andere Verein“ in Deutschland sein? Ist die Philosophie des SC Freiburgs mittlerweile so weit gereift, dass sie, wie beim FC Bayern auch dann noch funktionieren würde, wenn neue Gesichter für den Verein stehen würden?

Das alles sind sicherlich Fragen, die man sich in Freiburg früher oder später mal stellen muss, für die aktuelle Europa-League-Saison sollte dies allerdings nicht von Relevanz sein. Aus diesem Grund kann man dem bereits sicher qualifizierten Achtelfinalisten aus dem Breisgau nur Glück wünschen. Wann, wenn nicht jetzt? Eintracht Frankfurt haben es schließlich vorgemacht.

Vorgemacht, wie man bergeweise Schulden in Milliardenhöhe macht, hat hingegen der FC Barcelona, Juventus Turin allerdings hat es hervorragend nachgemacht. Und nun stehen sie beide dort, wo sie niemals stehen wollten, beide - grade erst frisch aus der Champions League abgestiegen - in der Europa League. Tja, Leben kann manchmal hart sein, um dann, wenn es am härtesten erscheint, noch härter zu werden.

Denn auch wenn es sportlich bei der alten Dame derzeit wieder besser läuft (Platz 3 in der Liga) ist das wirtschaftliche Umfeld mittlerweile eins, was mit Fußball eigentlich nichts mehr zu tun hat. Hierbei sollte man vorweg erwähnen, dass Juventus Turin schon seit Dekaden von der Familie Agnelli geleitet wird, die - ohne mich zu weit aus dem Fenster lehnen zu wollen - durchaus dafür bekannt ist, hin und wieder finanziell und steuerlich ein bisschen zu tricksen. Geschenkt, andere Vereine tun es auch, nur lassen sich Juventus Turin dabei irgendwie immer erwischen.

Laut neuesten Ermittlungen der italienischen Finanzbehörde Consop soll Juventus Turin alleine für die Saison 2021/22 ein Steuerminus von über 264 Millionen eingefahren haben, womit Konsequenzen wie ein erneuter Zwangsabstieg in die 2. Liga (so wie schon beim Calciopolo-Skandal im Jahr 2006) drohen könnte. Dazu könnten auch Transfersperren und Steuernachzahlungen in so unermesslicher Form drohen, dass fraglich ist, inwieweit man den aktuellen Kader überhaupt noch in der Form zusammen halten kann.

Dies war der Stand vor vier Wochen, nun heißt es allerdings nicht mehr "von der Familie Agnelli geleitet wird" sondern „von der Familie Agnelli geleitet wurde“. Denn was passierte? Mit einem Schlag trat nahezu der gesamte Vorstand zurück, was heißt neben Präsident Andrea Agnelli auch der Vize-Präsident, die tschechische Spielerikone Pavel Nedved.

John Elkann heißt nun der neue starke Mann, der Juventus Turin nun irgendwie aus dem Schlamassel retten soll, bis auf die Aussage „es kommen spannende Zeiten auf uns zu“ kamen aber bislang wenig geniale Ideen. "Live the moment" heißt daher das Motto, und damit: Vielleicht wenigstens schnell noch die Europa League gewinnen? Hier hofft man weiter auf den endgültigen Breakout des serbischen Mittelstürmers Dusan Vlahovic, der nach seiner Gigasaison beim AC Florenz von vielen Experten schon auf Augenhöhe mit Erling Haaland und Kylian Mbappé gehandelt wurde, zuletzt aber bei Turin und in der serbischen Nationalmannschaft nicht einmal mehr regelmäßig in der Startelf stand.

Bei Juventus Turin hat Vlahovic mit seinem Landsmann Filip Kostic von Eintracht Frankfurt nun zumindest noch einen der besten Vorlagengeber Europas zur Seite bekommen und auch sonst - Weltmeister 2022 und WM-Finaltorschütze Angel di Maria, Weltmeister 2018 Paul Pogba, Vize-Weltmeister 2022 Adrien Rabiot - letztendlich alles Namen von einer solchen Strahlkraft, dass man die Europa League damit eigentlich gewinnen muss.

Und Manchester United, der dritte außergewöhnliche Gentleman, für den im Gegensatz zu Juventus die Europa League mittlerweile schon fast zur neuen Normalität geworden ist? Hier wird sich nun entscheiden, inwiefern all jene Vorwürfe des vom Hof gejagten Superstars Cristiano Ronaldo, der Verein wäre veraltet und nicht mehr das Manchester United von vor 10 Jahren, komplett haltlos waren oder ob hier ein ähnlicher Fall vorliegt, wie beim von der Zeitung mit den 4 Buchstaben veröffentlichten Klinsmann-Tagebuch nach dessem Abgang bei Hertha BSC.

Klar, einen Verein verlassen, um dann nochmal öffentlich nachzutreten, ist niemals schön, dennoch hat der Fall Hertha/Klinsmann zumindest gezeigt, dass in solchen Fällen auch unangenehme Wahrheiten ans Tageslicht kommen können, die am Ende dann auch einfach mal Wahrheiten sind.

Wenigstens ist man bei Manchester United nun endlich bereit für den Neustart. Eine Trennung von der US-amerikanischen Familie Glazer steht kurz bevor, der Kader wurde deutlich verjüngt, u.a. mit dem brasilianischen Flügelflitzer Antony und desweiteren wurde mit Erik ten Hag ein Trainer geholt, der bereits bei Ajax Amsterdam bewies, dass er etwas aufbauen kann.

Damit das, was unter Ralf Rangnick, wie auch zuvor unter Ole-Gunnar Solksjaer nicht funktionierte, aber funktioniert, brauch es nun vor allem eines, nämlich eine geordnete Zusammenarbeit im gesamten Team. Hier wird insbesondere entscheiden, ob Manchester United im Winter nach dem Abgang von Cristiano Ronaldo nochmal in der Offensive auf dem Transfermarkt tätig wird oder ob man tatsächlich auf die 3 Antonys setzt: Anthony Elanga, Anthony Martial plus eben jener brasilianische Antony, den man geradeerst für 85 Millionen aus Amsterdam geholt hatte.

Natürlich wäre da noch ein Marcus Rashford zu nennen, dennoch - so ganz vollkommen wirkt der United-Kader im Sturm noch nicht, so dass alles nach einem weiteren Königstransfer riecht. Ob dieser so schnell stattfinden wird, hängt einmal mehr von der Investorenfamilie Glazer ab. Solange diese im Boot sind, wollen sie finanziell keine Risiken mehr eingehen, möchte man doch trotz sportlichem Misserfolg der letzten Jahre zumindest wirtschaftlich als Sieger aus der United-Sache herausgehen. Selbst einem Cody-Gakpo-Transfer trat man seitens der Glazers skeptisch gegenüber, was die Konkurrenz aus Liverpool blitzschnell ausnutzte in dem sie Gakpo den Red Devils quasi vor der Nase wegschnappten.

Ebenso bleibt die Torwartposition eine vakante Stelle. Denn schon lange liefert der langjährige spanische Nationaltorwart nicht mehr die Leistungen und die Verhandlungen mit Borussia Mönchengladbach rund um deren Nr. 1 Yann Sommer verlaufen derweile auch eher schleppend. Das größte Problem ist aber, dass man bereits im Achtelfinale den vielleicht größten Brocken schlechhin zugelost bekommen hat - mit genau dem Verein, der von seiner Historie wohl mehr als jeder andere Verein dieser Europa-League-Endrunden so gar nicht in dieser Europa League spielen möchte: Dem FC Barcelona.

Zum FC Barcelona sei eigentlich nur eines gesagt:

Darf man als Fußballblogger und Sportjournalist eigentlich hin und wieder auch einfach nur träumen? Oder muss man immer nur berichten von all den Schuldenbergen und einer Misswirtschaft, die jeden Football-Manager-Zocker nur mit einem komplettes Stirnrunzeln zurücklässt. "Moment mal" wäre hier die einzige berechtigte Frage. "Habe ich vielleicht dieses Spiel nicht verstanden? Ging es bei diesem Computerspiel nicht eigentlich darum mit einem Verein ein möglichst großes Plus zu erwirtschaften? Oder ist der wahre Sinn dieses Spiels am Ende doch wie bei Mankomania? - jenes Brettspiel, was einst auf so herrliche Weise Monopoly veräppelt hat in dem es den kompletten Sinn von Monopoly einfach ins Gegenteil verkehrt hat."

Schaut man auf den FC Barcelona der letzten Jahre kommen einem durchaus Zweifel, ob man das Computerspiel Football Manager vielleicht einfach nur sein Leben lang einfach nur nie richtig verstanden hat?

„Sie haben kein Geld, doch kaufen jeden Spieler, den sie haben wollen“, hat es Bayern-Trainer Julian Nagelsmann erst kürzlich so wunderschön auf seine typisch eloquent wie direkte Art auf den Punkt gebracht.

Und trotzdem möchte ich träumen, nicht von der Vergangenheit, all diesen Pep Guardiolas, Messis, Neymars, Iniestas - nein, ich möchte träumen von der Zukunft, jener Zukunft, wo genau diese Spieler, die nie viel Geld gekostet haben, sondern einfach nur das Produkt der eigenen Nachwuchsakademie La Masia sind, brillieren - das Produkt einer absolut herausragenden Nachwuchsarbeit: Pedri, Gavi, Ansu Fati, Alejandro Baldé und noch so viele weitere junge Spieler, wo man schon bei dem Gedanken, wo diese Spieler mal in ein paar Jahren stehen könnten, Gänsehaut bekommt. Das sind die Spieler, denen man es gönnt, mit dem FC Barcelona wieder die Welt zu erobern und meinetwegen noch den Mond, wo dann von mir aus auch die Super League stattfinden kann (dort stört sie wenigstens keinen).

Hiervon möchte ich träumen - träumen von dem Verein, der mich in meiner Kindheit neben meinem Heimatverein Union Berlin wie kein anderer geprägt hat, mich hineingeführt hat in einen Sport, der ist wie Musik, so voller System und dennoch zu jeder Zeit unberechenbar - der immer bereit ist, einen komplett zur Ruhe kommen zu lassen, um einen im nächsten Moment wieder in komplette Ekstase zu bringen.

 Ich möchte aber auch träumen von einem Vorstand, der dann hoffentlich auch eines gelernt hat: Nämlich dass es nicht immer die Megatransfers für irgendwelche Mondablösesummen sind, sondern dass man als ein FC Barcelona gerne auch mal stolz sein darf auf seine Strahlkraft, die dann eben dafür sorgt, dass Ikonen wie zum Beispiel Xavi ein Leben lang mit diesem Verein verbunden sind und sich in dieser schwierigen Zeit dann genau dieser Aufgabe stellen - dieser vielleicht gewaltigsten und schwierigsten Aufgabe im Weltfußball derzeit, den FC Barcelona wieder dorthin zurückzubringen, wo er einst war, nämlich jedes Jahr einer der Top-Favoriten auf die Champions-League-Trophäe zu sein.

Und genau deswegen wünsche ich mir den FC Barcelona als Europa League Sieger 2022/23 - als das erste Zeichen für eine neue Ära, beginnend mit dem nachwievor authentischsten Wettbewerb in diesem ganzen Fußballwahnsinn - für alle die vielen jungen Barca-Talente der erste große Titel in ihrer Karriere.

Denn bei all dem Schuldenwahnsinn gibt es immer noch keinen Verein, der was seine Qualität in allen sportlichen Bereichen angeht, so vollkommen ist wie Barcelona. Hierzu gehört auch, dass nicht nur die Jugendteams, sondern auch die Frauenmannschaft seit Jahren auf einem weltweit herausragendem Niveau spielt.

Und sicherlich ist es schön, einem Weltklassestürmer wie Robert Lewandowski beim Kicken zuzuschauen. Dennoch ist es nicht das, was der FC Barcelona langfristig brauch, um wieder zu sich selbst zu finden.

Jene Kids, die normalerweise noch die Schulbank drücken würden und die auf einmal alles reißen und wissen "Wir, genau wir könnten diese neue Generation sein, die Barcelona wieder an die Spitze bringt.": Das war schon immer und nicht erst seit Lionel Messi die DNA von Barca und das muss sie wieder werden.

Denn natürlich ist Spotify eine schöne Plattform zum Mucke genießen  und "mit Schläuchen am Leben gehalten von Goldmann Sachs" klingt irgendwie auch ganz nett, am Ende ist es aber doch die eigene Kreativität, der Glaube an die eigene Innovation und das eigene Können, was wirklichen und damit meine ich auch inneren Erfolg letztendlich ausmacht - die DNA eines Vereins aus Fansicht, der durch einen Verein verkörperte Glaube an sich selbst an dem man sich als Fan aufrichten kann.

Einer Gruppe von zum Teil noch minderjährigen, die irgendwann sagen kann: Wisst ihr noch? Damals! Diese neue Ära, die begann - mit diesem einen Europa-League-Titel. Den Titel in einem Wettbewerb, den wir eigentlich nie spielen wollten und der uns dennoch wieder das werden ließ, was wir sind - am Ende dann nämlich doch: Der FC Barcelona.


Prognosen:


Europa-League-Teams, die die Erwartungen erfüllen werden:

- PSV Eindhoven

- RB Salzburg

- Betis Sevilla

- Real Sociedad San Sebastian

- Fenerbahce Istanbul


Europa-League-Teams, die die Erwartungen nicht erfüllen werden:


- Manchester United

- Juventus Turin

- Bayer Leverkusen

- Ajax Amsterdam

- Ferencvaros Budapest

- Feyenoord Rotterdam- 


Europa-League-Teams, die überraschen werden:

- FC Barcelona

- FC Sevilla

- FC Arsenal

- Shakhtar Donezk

- Union Berlin

- AS Monaco

- Stade Rennes

- AS Rom

- SC Freiburg


(written by Leon Buche)



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