Vorschau Champions League KO-Runden 2023
Was kann es, um seine Begeisterung für den deutschen Fußball nach dem enttäuschenden Vorrundenaus der deutschen Nationalmannschaft und der ohnehin nur wenige Deutsche wirklich...

Veröffentlicht: 31.12.2022
Fußball ist eigentlich etwas sehr simples. Es gibt einen Ball, dieser liegt zunächst einmal auf dem Boden und du kannst mit ihm eigentlich machen, was du willst. Nur in die Hand nehmen darfst du ihn nicht, und falls dich jemand fragt, ob er auch mal damit spielen darf, darfst du ihm zwar mit dem Ball vor den Füßen davon rennen, nur schubsen oder treten darfst du ihn nicht. Klingt nach dem simpelsten Spiel der Welt, eigentlich simpel genug für jeden Fünfjährigen.
Und dennoch gibt es unzählige Bücher, die das Phänomen Fußball behandeln, wie das Beherrschen eines Instruments auf höchstem Niveau oder dem geniehaften Wissen eines Schachmeisters, der dir erklärt, warum du mit Sicherheit in zwölf Zügen matt bist, nur weil er grade fernab vom gegnerischen König seinen Randbauern von A1 nach A2 geschoben hat.
Hier wären wir bei der nächsten Gemeinsamkeit zum Schachspiel. Denn auch beim Fußball gibt es ein Ziel. Nur ist der gegnerische König in diesem Fall das Tor. Da muss der Ball irgendwie rein, was umso leichter wird je näher man dran ist und je weniger Leute im Weg stehen.
Letzte kleine Anmerkung: Es gibt übrigens nur einen Ball, das heißt geteilt wird nicht, zumindest nicht wenn es um das lederne Rund geht.
So simpel - und dennoch strömen jedes Wochenende im Schnitt rund 30.000 bis 40.000 Menschen in Fußballstadien, selbst in die Stadien kleinerer Orten wie Sandhausen, Heidenheim oder Hoffenheim, obgleich diese Orte weder eine traditionsreiche Geschichte haben noch eine besonders hohe Einwohnerzahl.
Wo also liegt die Faszination? Und vor allem wo (neben Fitness, Athletik, Geschwindigkeit, Mentalität und Zielgenauigkeit) liegt die Essenz hinter der erfolgreichen Arbeit eines Teams - eben jene Formel, die das Zuschauen von Mannschaften wie Manchester City, FC Bayern oder Real Madrid für den Fan zum Teil so faszinierend macht, dass einem beim Zuschauen fast schwindelig wird?
Im Folgenden möchte ich zunächst einmal auf die Geschichte von dem eingehen, was sich heute Fußballtaktik nennt. Denn natürlich beruht jede Kunstform, und nichts anderes ist Fußballtaktik, auf eine Entwicklung, der eine Geschichte zugrunde liegt. Eine Geschichte in die alles mit einströmt, was Menschen bewegt: Tradition, Trends, wie natürlich auch Dinge neben dem Platz wie Gesellschaft und Politik.
Insbesondere hier sind mir beim Durchwälzen unzähliger Spielberichte, wie auch intensivem Analysieren vergangener Spiele mehr und mehr Parallelen zwischen Fußballtaktik und politischen Strömungen, zum Teil sogar Ideologien, aufgefallen und damit eine weitere Parallele zu Musik, Literatur und bildender Kunst.
Zunächst einmal gibt es mittlerweile Beweise, dass es Vorläufer des Fußballs schon weit vor dem 19. Jahrhundert gab. Natürlich waren zu dem Zeitpunkt noch keine klaren Regeln erkennbar und so manchem archäologischen Fund kann man entnehmen, dass man (zum Beispiel bei den Azteken, wo auch mal die Köpfe von getöteten Menschen oder Tieren als Ball verwendet wurden) hier auch durchaus mal kreativ war, was die Wahl des Spielgeräts angeht.
Die ersten, die schließlich ein wenig Struktur in diesen Sport gebracht haben, waren die Engländer. Sie brachten mit ihren Regeln überhaupt erst einmal den Grundstein für die Regeln auf die heutzutage ein Fußballspiel beruht und sorgten damit auch für den Grundstein für Fußballtaktik in seiner heutigen Form.
Denn wie in jedem anderen Spiel auch, sind Regeln die Grundlagen jeder Taktik, beziehungsweise Taktik das Nutzbarmachen von Regeln, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Man könnte auch sagen: Taktik sind all diejenigen Tricks, die sich eine Einzelperson, eine Mannschaft oder ein Trainer ausdenken kann, um den Gegner zu verwirren, zu täuschen oder sogar mit etwas Neuartigem auf jenen Regeln beruhendem völlig zu überrumpeln.
Wobei es laut Carl von Clausewitz, einem Militärhistoriker, nochmal einen entscheidenden Unterschied gibt zwischen Strategie, im Fußball heute vorwiegend Philosophie oder System genannt, und Taktik. Die Strategie beinhaltet - auf den Fußball bezogen - einen bestimmten Spielstil, z.B. spiele ich eher offensiv oder defensiv, die Taktik hingegen z.B. die Frage: Spiele ich ein 4-4-2 mit einer klar defensiv ausgerichteten Abwehrkette oder ein 5-4-1 mit einem klaren Stoßstürmer und zwei nach vorne arbeitenden Außenverteidigern.
Diese Formen von Taktik entwickelten sich schließlich noch einmal entscheidend weiter als als erste große Revolution in der Geschichte der Fußballtaktik die Abseitsregel ins Leben gerufen wurde. Ab hier waren Mannschaften gezwungen in ihren defensiven Reihen “kompakt” zu stehen, was bedeutet, dass der Abstand zwischen dem letzten und vorletzten Feldspieler möglichst gering sein musste, um den gegnerischen Stürmer entweder mit mindestens 2 Mann verteidigen zu können oder ihn in die verbotene Abseitszone hinter dem letzten Mann laufen zu lassen.
Bei dem Verständnis von der Geschichte der Taktik muss einem klar sein, dass Fußball zunächst einmal ein Einzelkämpfersport war - ein Sport, wo jeder zeigen wollte, wie stark er ist, wie schnell er ist und wie gut er dribbeln kann.
Dieser Philosophie liegen somit auch im Großen und Ganzen die ersten Aufstellungen Ende des 19. Jahrhunderts zugrunde: Meist war hier ausschließlich ein Torwart, ein Feldspieler hinten, der ein bisschen aufpasst, dass kein Gegner zu leicht zum Abschluss kommt, und eventuell noch einer im defensiven Mittelfeld für die Verteidigung des eigenen Tors zuständig.
Der Rest hingegen war ausschließlich dazu da, sobald der Torwart den Ball nach vorne gedroschen hatte, möglichst schnell hinterher zu rennen und den Ball mit möglichst viel Überzahl ins gegnerische Tor zu bugsieren.
Taktisch würde man diese Aufstellung ein 1-1-8 bezeichnen, oder wie es die Engländer auch nannten: “Kick & Rush.”
Dies war zunächst die Taktik, die die Engländer im ersten bis heute überlieferten Länderspiel gegen Schottland im Jahre 1872 verwendeten. Die Schotten hatten zu dem Zeitpunkt allerdings schon den sogenannten "Schottischen Flachpass" im Repertoire. Dies war natürlich kein Pass wie wir ihn heute kennen, hoch oder in einen Raum gespielt, in den der Mitspieler zeitgleich hinein rennt (von ganzen Passstafetten ganz zu schweigen) sondern hieß für den Spieler einzig und allein: Man darf den Ball auch gerne mal bewusst an einen Mitspieler abgeben, sollte dieser grade besser stehen.
Erst später, um 1880 herum, entwickelte sich die sogenannte Pyramidenformation, 2 Verteidiger, 3 Mittelfeldspieler (damals Läufer genannt) und 5 Angreifer: ein 2-3-5, auf einer Taktiktafel eben eine Pyramide, die auf dem Kopf steht. (Wichtig: Der Torwart ist bei jeder Formation nicht mit eingerechnet, etwas, was sich bis heute so gehalten hat).
Schon damals wurden die Mittelläufer dafür eingesetzt mit Hilfe der 5 Stürmer irgendwo auf dem Feld Überzahl zu erzeugen, die die verteidigenden Teams dann oft gemeinsam mit den 3 Mittelfeldspielern und den 2 Verteidigern verteidigten, woraus sich dann (beim anschließenden Nach-Vorne-Rücken des ballführenden Mittelläufers) ein 6 gegen 5 ergab.
Erst um 1925 herum kam schließlich Herbert Chapman ins Spiel, der auch der erste Trainer war, der eine Taktiktafel zum Einstudieren von taktischen Kniffen und Formationen verwendete. Dieser war damals bei Arsenal London tätig. Chapman ging noch einen Schritt weiter und zog den Mittelläufer, wie auch den 2. und den 4. der 5 Stürmer ein Stück nach hinten, so dass am Ende ein sogenanntes 3-2-2-3-System herauskam, was auf einer Taktiktafel ein W und ein M ergibt. Dieses System nennt man WM-System (was übrigens nichts mit Weltmeisterschaften zu tun hat) und gilt bis heute als das erste moderne Taktiksystem, welches professionelle Fußballmannschaften auf internationalem Niveau verwenden.
Auffällig war, dass es im Fußball schon damals auf der britischen Insel einem permanenten Kampf zwischen Trainern und Journalisten, beziehungsweise ersten Fangruppierungen gab. Die Trainer versuchten mehr und mehr Fußball durchdachter und taktischer zu denken, während die Fans, insbesondere die Journalisten, einer permanenten Angst unterlagen, der Sport Fußball könne mit zu vielen taktischen Eingriffen auf lange Sicht immer defensiver und damit unattraktiver werden.
Hier ergab sich in der Geschichte der erste Konflikt zwischen Fußball als taktische Kunstform und Fußball als reines Entertainment. Denn so wie Fußball in Großbritannien fortwährend Popularität erreichte, so wurde er auch rasch im Eventkontext verwendet, nicht selten auch mal für politische Ansprachen oder andere Veranstaltungen, wo es einzig und allein um die Attraktivität eines Events ging. Und Attraktivität hieß in dem Fall noch bis in die 20er Jahre: Nicht zu viel Ballbesitz, sondern Kampf, Adrenalin, Athletik und vor allem - viele Tore.
In dieser Zeit bekam der Fußball auch seinen bis dahin größten Aufschwung in der Geschichte. So fand ein Fußballspiel 1915 herum noch vor maximal 6.000 Zuschauern statt, 1920 waren es hingegen schon 35.000, beziehungsweise hatten erste Verbände schon bis zu 750.000 Mitglieder. Der Fußball hatte sich also (zunächst einmal in England, dann aber auch rasch auf dem Festland) als Volkssport etabliert.
Insbesondere in Österreich-Ungarn fand der Fußball auch beim Bürgertum und in der Oberschicht großen Anklang und so wie über Dichtkunst und Politik diskutiert wurde, sah man um 1930 herum nicht selten unzählige Studenten in den Wiener Kaffeehäusern über Fußball diskutieren, fasziniert von diesem zu der Zeit auf dem europäischen Festland noch so vollkommen unbekannten Sport - ein Sport, der so anders schien als reiner Kraftsport - ein Sport, der eben nicht die Kraft des Einzelnen darstellte, sondern die einer Gemeinschaft - einer gemeinsamen durchdachten Mission für ein bestimmtes Ziel.
Taktisch entwickelten sich hier die Anfänge der sogenannten Donauschule, dem Vorläufer des heutigen Ballbesitzfußballs. Diese Philosophie beruhte schlussendlich einfach formuliert auf dem Kernsatz: „Hat die eigene Mannschaft den Ball, kann die gegnerische Mannschaft logischerweise kein Tor schießen.“ Somit war es nicht mehr entscheidend, möglichst schnell in den gegnerischen Strafraum zu kommen, mit der Gefahr den Ball zu verlieren, sondern den Ball immer möglichst klug zu zirkulieren, fern vom Gegner zu halten, um dann im richtigen Moment zum Torerfolg zu kommen.
Ein Anfang der 30er stattgefundenes Länderspiel zwischen Österreich und Schottland, welches in einem 5 zu 0 endete, gilt heute als die erste Wachablösung des „Kick & Rush“ durch den Ballbesitzfußball, und damit als ein historischer Wendepunkt in Sachen Fußballtaktik. Noch dazu war dieses Spiel auch der Beginn der falschen 9.
Als falsche 9 bezeichnet man einen Stürmer, der nicht nur versucht Tore zu erzielen, sondern sich auch zurückfallen lässt und damit die gegnerischen Verteidiger auf sich zieht, um seine Mitspieler in Szene zu setzen. Die erste falsche 9 war dann schlussendlich auch der Stürmer dieser "österreichischen Wundermannschaft“, die gegen Schottland für so viele offene Münder gesorgt hatte: Matthias Sindelaar, auch "Le Papienne" genannt, ein spindeldürrer aber hochinteligenter Stürmer, der so komplett gar nicht in die Statur eines Profisportlers passte - so wenig, dass er sogar zunächst von vielen, gerade englischen, Fußballfans belächelt und als "schwachbrüstig" bezeichnet wurde.
Weitere dieser Art Spieler: Neben in Ansätzen der Brasilianer Pelé nicht zuletzt ein gewisser Lionel Messi, „La Pulga“, zu deutsch der Floh und der vielleicht beste Spieler des modernen Fußballs, wie wir ihn heute kennen und feiern.
Zu dieser Zeit fanden auch die ersten Weltmeisterschaften statt. Dies hatte zur Folge, dass sich mehr und mehr auch im größeren Rahmen die Politik in den Fußball einmischte. So gilt das Halbfinale jener österreichischen Mannschaft um Matthias Sindelaar von 1934, welches im damals faschistisch regiertem Italien stattfand, für viele als das bis heute unfairste Fußballspiel aller Zeiten. Denn von keinem Spiel gibt es so viele Berichte über Schiedsrichterkorruption und zum Teil sogar Schiedsrichterbedrohung mit dem Ziel, Italien unbedingt zum Weltmeister zu machen. Dies gelang denn auch, nicht zuletzt weil ein Schiedsrichter - so heißt es - unter anderem bei einem Torversuch der Österreicher den Ball selbst ins Aus geköpft haben soll.
Dies war das erste Mal, wo das Ergebnis eines Fußballspiel klar von der Politik beeinflusst wurde, in dem Fall von dem damals von Benito Mussolini beherrschten Italien mit dem Ziel der Propaganda für ihr Regime.
Und natürlich hatte die italienische Nationalmannschaft damals auch Qualität (schließlich gewannen sie auch 4 Jahre später erneut die Trophäe), dennoch gilt aber der Weltmeistertitel von Italien von 1934 als der bis heute umstrittenste Weltmeistertitel aller Zeiten. Und wer weiß: Wäre Italien damals politisch in anderer Hand gewesen, hätten wir mit Österreich (oder der Tschechoslowakei, dem späteren Finalgegner Italiens) heute nicht 8, sondern vielleicht 9 verschiedene Weltmeister.
Auch in Deutschland wurde Fußball trotz der politischen Lage, die sich bald zur dunkelsten Zeit des 20. Jahrhunderts entwickeln sollte, zunächst einmal gefeiert und auch taktisch weiter entwickelt.
Eines der ersten deutschen taktischen Gebilde war der Schalker Kreisel, der, wie der Name schon sagt, vom Traditionsverein Schalke 04 gespielt wurde. Bei diesem Kreisel ging es um eine Mischung aus dem Angriffsspiel rund um das Tor, wie es von den Engländern gespielt wurde und dem österreichischen von der Donauschule inspirierten Ballbesitzfußball.
Dieser Schalker Kreisel erforderte natürlich eine unglaubliche Technik in Sachen Ballbehauptung und Passgenauigkeit und konnte sich zu dieser Zeit auch nur deswegen so behaupten, weil es damals eine Form des Pressings, wie wir es heute kennen, noch nicht gab. Die Priorität im Verteidigen lag bis Anfang der 50er noch ganz klar darauf, sich möglichst so zwischen Gegner und Tor zu stellen, dass der Gegner das Tor nicht traf oder aber eben ihm den Ball abzunehmen, um selbst einen Angriff aufzubauen. Den Gegner auf Biegen und Brechen zu pressen, anzulaufen und den Ball notfalls irgendwo in die Wallachei zu schießen, nur um dem Gegner den Spaß zu verderben, diese Taktik war zu dieser Zeit noch nicht im Trend. Das machte den Schalker Kreisel als Taktiksystem im offensiven Drittel natürlich ungleich leichter.
Über die nächste Zeit, die dunkelste Zeit in der deutschen Geschichte, gibt es unzählige großartige Lektüre, so dass ich diese nur am Rande streifen möchte. Nur zwei Namen muss ich in diesem Zusammenhang doch erwähnen: Otto Nerz und Sepp Herberger. Otto Nerz, späterer Medizinprofessor und Mitglied der NSDAP, war zu Beginn von Hitlers Machtergreifung Nationaltrainer Deutschlands, Sepp Herberger, späterer Weltmeistertrainer von 1954 (Stichwort: Das Wunder von Bern), ein Kind aus einfachen Verhältnissen, was mit Straßenfußball und der Philosophie des Schalker Kreisels großgeworden war, sein Co-Trainer.
Otto Nerz hingegen konnte mit dem Schalker Rumgekreisel und Rumgetrickse mit dem Ball nur wenig anfangen. Für ihn war Fußball der Inbegriff von Tapferkeit und Härte, den Willen für sich und seine Kameraden alles zu opfern, um den Gegner zu schlagen. Von ihm kam auch das legendäre Zitat:
"Meine Beobachtungen im weltweiten Spitzenfußball haben mir klar gemacht, dass Kraft und Härte unumgängliche Eigenschaften guten Fußballs ist. Ohne sie: Dekadenz."
Dies ging sogar so weit, dass er das deutsche Nationalteam zum Teil in puncto Fitness von der SA trainieren ließ, sollten sie seine konditionellen Anforderungen nicht erfüllen. Ebenso verbot er dem damals talentiertesten Stürmer und Edeltechniker von Schalke 04 Fritz Schöppan die Mittellinie zu übertreten, damit er sich (so Nerz) nicht von irgendwelchem "südländisch-dekadentem Herumgespiele" verführen ließ.
Hitler selbst hatte für Fußball ohnehin nur wenig übrig. Er propagierte und verehrte den Einzelkraftsport, der für ihn Zeichen der Stärke eines jeden tapferen Deutschen war. So war der deutsche Fußball trotz des großen Potenzials von Mannschaften wie Schalke 04 oder auch dem 1. FC Nürnberg in den 30er Jahren international nur mäßig erfolgreich. Bei der WM 1934 schaffte man es zwar noch ins Halbfinale, scheiterte 1938 dann aber im Viertelfinale an der Schweiz.
Hierbei ist erstaunlich, dass die Generation der 30er-Jahre als eine vom Spielerpotenzial her technisch herausragendsten Generationen Deutschlands gilt, sogar noch mehr als die, die dann 1954 in Bern den Weltmeistertitel gewann. Daher bleibt hier auch auf ewig die Frage, wie sich diese beiden Weltmeisterschaften unter einem weniger von Ideologien und Disziplin geprägten Trainer entwickelt hätte.
Dass sich die Fußballtaktik in den nächsten zehn Jahren nur wenig entwickeln konnte, scheint angesichts der Geschichte dann auch nicht verwunderlich. Erst Anfang der 50er fand sich eine neue Nation, die europa- wie auch weltweit den Fußball auf überragende Weise dominierte: das kleine Land Ungarn, Finalgegner von Deutschland beim Wunder von Bern 1954 und haushoher Favorit in diesem Spiel und damit auch auf den WM-Titel.
Diese Mannschaft schaffte es nicht nur England als erste Kontinentalmannschaft überhaupt zu Hause in Wembley mit 6 zu 3 zu schlagen, sie galt zusätzlich noch als die erste Mannschaft, die nicht nur Ballzirkulation, sondern auch Mannzirkulation verwendete, sprich Positionswechsel.
Man stelle sich das etwa so vor: Zwei Menschen stehen vor einem Kicker-Tischfußballtisch, doch während bei dem einen (wie bei einem normalen Kicker) jeder Mann an einer bestimmten Stange hängt, kann der andere Spieler seine Männer (alle mit bestimmten individuellen Fähigkeiten gesegnet) jederzeit austauschen, so dass auf einmal der robuste kantige Abwehrspieler vor dem Tor auftaucht, oder der gefürchtete Stürmer irgendwo im defensiven Mittelfeld Bälle verteilt. Bezeichnet hierfür ist das Zitat des englischen Kommentators bei jener historischen Niederlage Englands gegen Ungarn:
"Die Ungarn nehmen es wohl nicht so genau mit ihren Rückennummern",
womit er natürlich die Rückennummern auf den Spielertrikots meinte, die damals noch exakt nach dem Schema 1-2-3-4-5 (gelesen von rechts nach links vom Torwart bis zum Stürmer oben links) die Positionen der Spieler markieren sollten.
Die ungarische Nationalmannschaft, auch "die goldene 11" genannt, war somit das erste Team, was "kontrollierte Freiheit" als ihre Spielphilosophie definierte und mit dieser Spielphilosophie von 1950 bis 1954 nicht ein einziges Mal besiegt wurde. In dieser kontrollierten Freiheit stand vor allem ein Mann im Mittelpunkt: Nandor Hidegkuti, der Dirigent dieses neuen Systems, ein Spieler, der sich immer wieder zurückfallen ließ, wobei sich die gesamte Mannschaft, allen voran Stürmerlegende Ference Pukas, an seinem Spielaufbau orientierte. Das heißt je nachdem, wo er stand, und was er damit mit den Gegnern ausrichtete, veränderten sie ihre Positionen und waren dadurch auf eine einzigartige Art und Weise unberechenbar ohne dabei jedoch dem Chaos zu verfallen.
Erst Sepp Herberger, damals Cheftrainer Deutschlands, entdeckte diese einzige Schwachstelle dieser goldenen ungarischen 11, und ließ jenen "Dirigenten" der Ungarn im Finale permanent von mindestens zwei deutschen Spielern decken. Das Ergebnis kennen wir: Sepp Herberger nahm den Spielmacher der Ungarn komplett aus dem Spiel und auf einmal wurde aus dem perfekt geleiteten Orchester doch wieder Chaos. Das Ende vom Lied - Deutschland wurde Weltmeister. Dieses Finale gilt bis heute als ein taktischer Meilenstein, von dem, was jenes „Wunder von Bern“ für das immer noch völlig zerrüttete Nachkriegsdeutschland emotional bedeutete, natürlich ganz zu schweigen. Denn auf der psychologischen Ebene bedeutete dieses Finale, dass ein Land zum ersten Mal seit dem zweiten Weltkrieg wieder gemeinsame Freude für ihr Land empfinden konnte, auch wenn es noch 35 weitere Jahre zumindest auf der Landkarte geteilt bleiben sollte.
Die Italiener hingegen waren zu dieser Zeit mit ganz anderen Dingen beschäftigt: Der Defensive. So erfanden sie Ende der 50er einen taktischen Stil, der bis heute als der immer noch unattraktivste Stil der Geschichte gilt: Der sogenannte Catenaccio, zu Deutsch Riegel, der von Heleno Herreira, zu jener Zeit Trainer von Inter Mailand, etabliert wurde.
Dieser taktische Stil beinhaltete, dass neben dem Torwart stets immer noch ein weiterer Spieler hinten stand, der sogenannte "Rausputzer", der weder für Spielaufbau noch für offensive Aufgaben zuständig war. Die Aufgabe des „Rausputzers“ war einzig und allein, seinem Torwart bei Gefahr zur Hilfe zu eilen, sprich den gegnerischen Stürmer aufzuhalten ohne dass der Torwart hinauseilen musste.
So spielte Herreira zum Teil sogar in einem 1-5-2-2 System, sprich 2 Stürmer, 2 Mittelfeldspieler, 5 spielaufbauende Abwehrspieler und eben jener Rausputzer, wobei er natürlich darauf achtete, dass stets ein Verteidiger aus der 5er-Kette auf der Höhe des Rausputzers stand. Dieser Spielstil galt auch in den darauffolgenden Jahren als einer der am schwierigsten zu knackenden Stile. Denn schon Herreira verfügte natürlich über dementsprechend blitzschnelle Stürmer und Außenverteidiger, so dass bei einem Konter durchaus mal 4 Leute im gegnerischen Strafraum auftauchen konnten, um sich anschließend wieder in die alte Catenaccio-Ordnung zurückfallen zu lassen.
Nun mag man sich möglicherweise fragen, warum bislang der Name des mittlerweile 5maligen Weltmeisters Brasilien noch nicht gefallen ist. Dies liegt daran, dass bis heute kaum ein System für Taktikexperten so schwer zu durchschauen ist, wie das der Brasilianer Ende der 50er rund um ihren bis heute einzigen 3maligen Weltmeister Pelé.
Brasilliens Stil beruhte nämlich auf ständigen Asymmetrien. Auch hier kann man sich einen Tischfußballtisch vorstellen, wo sich die Stangen von der Horizontale bis in die Diagonale, bzw. nahezu Vertikale schieben lassen. Dies sorgte dafür, dass - in der Regel in einem 4-2-4-System - stets immer eine Restverteidigung vorhanden war, jedoch eben mal auf der einen oder anderen Seite. Oft wurden die Abwehrketten sogar schon so "gecasted", dass auf der einen Seite ein eher offensiver Außenverteidiger, auf der anderen Seite ein eher defensiver Verteidiger stand.
So hatten die Brasilianer - im Gegensatz zu Ungarn - auch ohne große Positionswechsel und gepaart mit der fulminanten Klasse ihrer Einzelspieler eine enorme Flexibilität in ihren Ketten ohne dass die Restverteidigung in Gefahr geraten konnte.
Doch auch in Deutschland hatte sich Ende der 60er etwas getan und das ausgerechnet dank - man mag es nicht glauben - Nandor Hidegkuti, jenem Dirigenten, der einst Sepp Herberger vor dem "Wunder von Bern" so viele schlaflose Nächte bereitet hatte. Dieser fand nämlich Anfang der 70er einen Nachfolger - einen Nachfolger mit Namen Franz Beckenbauer, wobei dieser jene Philosophie der „kontrollierten Freiheit“ eines Einzelspielers nochmal komplett neu erfand. Mit ihm einher geht nämlich der Anfang einer völlig neuen Position im Fußball: Dem Libero.
Ein Abwehrspieler ohne unmittelbaren Gegenspieler, der sich aber ins Angriffsspiel einschalten kann, was von der Definition her erstmal nach dem Gegenteil des sich zurückfallenden Stürmers klingt.
So beschreibt Wikipedia die Rolle des Liberos, in Bezug auf Franz Beckenbauer stimmt diese Definition allerdings nicht ganz. Franz Beckenbauer interpretierte diese Rolle eher so, dass er aus der „kontrollierten Freiheit“ der Ungarn einfach die „komplette Freiheit“ machte. Beckenbauer war quasi immer und jederzeit auf dem Spielfeld zu finden und „dirigierte“ genau aus dieser Position heraus seine Mannschaft, was seinen Mitspielern wie Bulle Roth, Wolfgang Overath, Günter Netzer etc. wieder umsomehr Kompaktheit erlaubte. Oder um noch einmal einen Vergleich aus dem Schach ins Spiel zu bringen: Beckenbauer war zwischen all den Springern, Läufern und Türmen eben genau die „Wunderfigur“, die mal die eine, mal die andere Aufgabe übernehmen konnte, worauf sich sein Team dementsprechend an ihm orientierten konnte. Er lebte und zelebrierte damit die nahezu vollkommene Freiheit auf dem Feld.
Einer von Beckenbauers Vorteile war sicherlich, dass es eine Weile dauerte, bis überhaupt irgendein Gegner verstand, was dieser Typ auf dem Feld da eigentlich machte. Hätte es (wie heute) schon eine halbe Stunde nach dem Spiel weltweit Highlight-Videos auf Youtube gegeben, wäre der Einwand vielleicht berechtigt, ob die Revolution, die er mit dieser taktischen Rolle auslöste, eine so Große gewesen wäre, weil man ihn dann sicherlich als Gegner einfach bei jedem Spiel permanent in Manndeckung genommen hätte.
So aber waren zunächst einmal alle mit ihm überfordert und zum zweiten Mal nach 20 Jahren schaffte es die deutsche Mannschaft 1974 erneut in ein WM-Finale gegen die Niederlande, die wiederum zu dieser Zeit grade das Pressing erfanden, oder wie sie es nannten: den „voetball totaal“.
Hier war es die Philosophie der Niederländer, den Ball nicht nur angelehnt an die Donauschule möglichst jederzeit zu besitzen, sondern ihn auch bei Ballverlust jederzeit und mit vollem Risiko so schnell wie möglich wieder zurückzuerobern (Stichwort: Gegenpressing) um damit jede noch so durchdachte Taktik eines Gegners im Keim zu ersticken. Dieser damals von Legenden wie Johann Cruyff etablierte „Voetball totaal“ gilt bis heute als der für den Fan begeisterndste Fußball von allen taktischen Systemen, da er unglaublich offensiv ist, aber auch durchzogen von zum Teil hinreißenden Passstafetten.
Dennoch war es wieder Deutschland, die zwar Anleihen des niederländischen System übernommen hatten, die aber, unter anderem wegen Franz Beckenbauer, den Holländern die Show stahlen und erneut Weltmeister wurden.
In den folgenden Jahrzehnten zeigte sich auch im Fußball, beziehungsweise Fußballtaktik im künstlerisch-kreativen Kontext das, was sich auch in anderen Kunstformen wie Musik, der Literatur und der Malerei zeigte. Natürlich gab es nachwievor Veränderungen in taktischen Stilrichtungen, nur waren sie spätestens ab den 80ern weitaus detaillierter und dadurch natürlich auch weniger revolutionärer.
Meistens beinhalteten taktische "Revolutionen" nur Einzelpositionen, wie z.B. die Rolle von Manuel Neuer, der aus dem Torwart zuweilen einen 11. Feldspieler machte oder die die der Doppel-6, beziehungsweise der Dreiecksformationen im Mittelfeld (Formationen, die zum Ziel hatten, dass ein Spieler immer mindestens zwei Anspielstationen hat) wie sie der FC Barcelona unter Pep Guardiola etablierte.
Wer in diesem Kontext aber definitiv noch erwähnt werden muss, ist Trainer-Legende Valery Lobanovsky von Dynamo Kiew.
Dieser spielte in den 60er Jahren einen Stil, der in jeder Hinsicht das Gegenteil vom holländischen Pressingfußball war. Er verzichtete komplett auf Manndeckung, sondern zog stattdessen eine komplette Raumdeckung vor, d.h. er begann die Ketten wieder zu ordnen, aber mit einem schon fast pedantischen Feinsinn in dem Punkt, dass gerade die hinteren Ketten immer und stets ihre Abstände zueinander einhielten.
Dies hatte in seiner Philosophie zur Folge, dass die Abwehrketten - egal, wie schnell und dribbelstark ein Gegenspieler war - von den Abständen stets so geordnet waren, dass sich nie so viel Raum bilden konnte, dass nicht sofort mindestens zwei Spieler am Gegner dran sein konnten um dann den eroberten Ball sofort nach vorne zu schlagen.
Wichtig in dem Zusammenhang ist zu wissen, dass Lobanovsky ebenfalls penibel darauf achtete, dass vor diesen Abständen der 4-er-Kette eine weitere 4-er-Kette stand, aber eben so versetzt, dass sie immer vor diesen Lücken stand, so dass man hier auch von einer „doppelten 4er-Kette“ spricht. Dies mag man sich in etwa so vorstellen wie im Schach eine Bauernkette, wo der hinten stehende Bauer jeweils die beiden versetzt stehenden Bauern vor ihm deckt.
Dass dieses System enormer Disziplin gepaart mit nur wenig Freiheit auf dem Feld bedarf, liegt auf der Hand, was auch zu Lobanovskys grundsätzlicher Philosophie passte.
Er selbst nannte diese Philosophie Rückbesinnung zum System. Niemand durfte seinen Abstand grundlos verändern, geschweige denn selbst ins Dribbling gehen oder womöglich unbegründet seine Position wechseln. "Das System ist immer größer als der Einzelspieler" war stets das, worauf Lobanovskys Grundhaltung beruhte. Als kleines Beispiel hierfür:
Eine Trainingsmethode, die beinhaltete seinen Torhüter und 4 Verteidiger gegen 10 seiner Top-Stürmer 15 Minuten lang spielen zu lassen. Diese 10 Stürmer durften das Tor angreifen, wie sie wollten, während die 4 Abwehrspieler einfach nur in ihrer Reihe stehen und auf ihre Abstände achten sollten.
Die einzige Regel war: Die 10 Stürmer durften kein Gegenpressing machen, d.h. sie mussten, sobald sie den Ball verloren hatten, wieder zurück an ihr eigenes Tor und den Angriff von vorne beginnen. Diese Trainingsmethode wurde dann schließlich auch von Italiens Trainerlegende Arrigo Sacchi (AC Mailand) etabliert und entwickelt und Studien besagen, dass in 8 von 10 Fällen das verteidigende Team trotz klarer Unterzahl das Spiel gewann.
1975 und 1986 gewann Lobanovsky so mit Dynamo Kiew den Europapokal der Pokalsieger und in vielen weiteren damals kommunistisch geprägten Ostblock-Ländern, insbesondere in Polen, der DDR und der Tschechoslowakei wurde sein von vielen "Systemfußball" genannter Stil kopiert. Lobanovsky selbst wurde als Nationaltrainer der UDSSR 1988 Vize-Europameister, ausgerechnet (ironischerweise) hinter den Niederlanden, dem Team, dem es zu der Zeit wie kein anderes Team wichtig war, den Ball zu haben.
Nun könnte sich manch einer vielleicht fragen: Was wäre, wenn ein Spieler wie Franz Beckenbauer, Johann Cruyff, Pelé oder der in den 80ern geniale wie auch exzentrische Argentinier Diego Maradonna eben nicht in einem dieser Länder ausgebildet wurden wäre, wo Offensiv- und (wie es Ex-Freiburg-Trainer Volker Finke einst ausdrückte) Heldenfußball gelebt wurde, sondern eben in einem Land, wo der Grat zwischen fußballtaktischer Philosophie und einem grundsätzlich sehr regelorientierten politischen System dann doch ein sehr schmaler war: Würden wir sie dann heute überhaupt kennen? Und könnten wir ihre unzähligen wilden Sololäufe, wie das unglaubliche Tor von Diego Maradonna im WM-Halbfinale 1986 bei dem er 7 Engländer übers halbe Spielfeld einfach austanzte, heute überhaupt so bewundern können?
Hätte Maradonna sich als Spieler von Dynamo Kiew überhaupt gewagt, so zu spielen, wie er nun mal spielte, bzw. hätte ein Trainer wie Lobanovsky ihn dann nicht einfach sofort ausgemustert, bzw. auf die Bank gesetzt? Und wo bleibt nicht doch letztendlich die Begeisterung beim Publikum entscheidend, ungeachtet dem, wie grade anno 2022 Taktik und eine klare Spielphilosophie wie kaum etwas anderes für den sportlichen Erfolg einer Mannschaft entscheidend ist?
Arrigo Sacchi, einer der größten Lobanovsky-Verehrer, gilt heute mit dem AC Mailand als einer der erfolgreichsten Trainer aller Zeiten und auch Trainer wie Pep Guardiola, Thomas Tuchel oder Louis van Gaal sind sicherlich nicht als Trainer bekannt, die von ihrem Motto „Das System ist immer größer als der Einzelkönner“ gerne oder oft abweichen.
Und dennoch sind und bleiben es diese Momente wie eben der von Maradonna bei der WM 1986, wie auch der eines Zlatan Ibrahimovics, der irgendwo Nähe der Mittellinie auf einmal zum Fallrückzieher anzieht und trifft, die in der Retrospektive in Erinnerung bleiben - und ja, vielleicht sogar Momente, wie der von Zinedine Zidane, als er beim WM-Finale 2006 wie ein Stier seinem Gegner mit dem Kopf gegen die Brust rannte, und sich (neben herausragenden sportlichen Leistungen) alleine mit dieser Aktion auf ewig selbst in die Fußball-Geschichtsbücher schrieb.
Ist Fußball also doch nur eine reine Eventsportart, bei der das Ergebnis und damit auch die Taktik zuweilen sogar fast zweitrangig ist?
Hierbei bekommt der Fußball natürlich noch einmal eine ganz neue Dimension, der auch ich mich als großer Taktikliebhaber niemals absprechen möchte.
Auffällig bleibt zudem nachwievor, dass die taktischen Systeme, die Einzelkönnern nur wenig Freiheit ließen, nicht selten in politischen Systemen gespielt wurden, die auch in anderen Bereichen sehr von Regeln und zum Teil auch Ideologien durchzogen waren.
Taktik bedeutet das sichzunutzemachen von Regeln um ein bestimmtes Ziel zu erreichen".
Wir erinnern uns an die anfängliche Definition von Taktik. Man könnte diese Definition aber auch weiterführen, zum Beispiel mit:
Taktik bedeutet, die Regeln zu kennen, sich neue eigene kreative Regeln zu schaffen, um dann unter dem Flow der Zuschauer und des Moments im entscheidenden Moment aus ihnen auszubrechen.“
Hier allerdings denke man wieder an Lobanovskys Motto „Das System ist immer größer als der Einzelkönner“. Schwelgt da nicht ein gewisser Widerspruch, bzw. nicht sogar eine gewisse Parallele zum Kommunismus und dessen Ideologien mit? Hierbei muss man allerdings fairerweise betonen, dass Valery Lobanovsky, wenn auch von 1975 bis 1990 Nationaltrainer der UDSSR, niemals direkt in Zusammenhang mit dem zu seiner Einstellung noch von Leonid Breschnew regierten System stand und auch im Westen als Trainer, u.a. auch von Trainerlegenden wie Franz Beckenbauer und Louis van Gaal, bis heute verehrt und geachtet wird.
Sicherlich wäre es grundsätzlich auch falsch zu behaupten, dass dort, wo totalitäre Machthaber wie Breschnew ihre Ideologien zur Erhaltung ihrer Macht benutzten, grundsätzlich schlechter Fußball gespielt wird.
Ein von Vladimir Putin regiertes Russland schaffte es bei der Heim-WM 2018 bis unter die TOP 08, bzw. wurde das von einer Militärdiktatur regierte Argentinien, wo Folter und Massenverhaftungen zur Tagesordnung gehörten, 1978 sogar Weltmeister.
Und doch zeigt die Geschichte tendenziell, dass in dem Moment, wo die Politik sich aktiv in den Sport einmischt, diese Länder oft kläglich scheiterten, was wir aktuell auch an Beispielen wie Iran, Saudi-Arabien oder Katar sehen, bei dem (wie im Falle Katar) zuweilen nicht einmal der sportliche Erfolg der eigenen Mannschaft im Vordergrund steht, wie noch bei Italien 1934, sondern einfach nur reines Sport-Washng.
Vielleicht, weil eine Diktatur am Ende die Freiheit von jedem einzeln einschränkt? Und bekommt hier das Thema Sport-Washing noch einmal eine ganz andere Dimension, nämlich dort, wo sich die Ideologie eines Systems nicht nur um das Drumherum, sondern auch in das Spiel an sich einmischt? Und wo schneidet sich eine Nation hier mit seinen eigenen Ideologien am Ende sportlich gesehen sogar ins eigene Fleisch?
Es wäre nicht weit hergeholt zu behaupten, dass Sport-Washing immer Einfluss hat auf das Fanverhalten und das Drumherum einer Fußballkultur. Selbst in der Bundesliga haben es aus vorwiegend marketingtechnischen Gründen gegründete Vereine nachwievor schwer, eine ähnliche Fankultur zu entwickeln, wie Vereine, mit denen Fans Ehrlichkeit, Vertrauen, wie auch ein mit anderen Menschen verbindendes Lebensgefühl verbinden können.
Was mich aber aus rein fußballtaktischer Sicht viel mehr beschäftigt, ist die Frage, inwiefern sich Diktaturen, Ideologien oder andere Formen von Heucheleien auch auf den rein sportlichen Erfolg auswirken können, auf die Taktik, bzw. auf das mentale Zusammenheitsgefühl eines am Ende doch aus Individueen bestehenden Teams, welches auch von der Überzeuung her für einen Verein oder vielleicht sogar ein ganzes Land stehen soll.
Was ist mit dem einen iranischen Starspieler, der gerne mal seine Frau mit im Stadion gesehen hätte, vielleicht sogar auch mal ohne Kopftuch? Ist er in dem Moment wirklich noch genauso auf seine doppelte 4er-Kette konzentriert, wie er es unter anderen Umständen wäre?
Grundsätzlich ist es schwer zu definieren, wo Regeln zum Selbstzweck einer Machterhaltung werden, da grundsätzlich jeder Mensch Freiheit auch anders interpretiert - auf Basis seiner eigenen Erfahrung und seiner Sozialisation.
Eine direkte Beeinflussung des Profisports durch Politik hat sich aber bislang so gut wie immer als negativ erwiesen, sei es in der Taktik direkt oder im Drumherum. Und hierzu gehören alle Situationen, wo offensichtlich klar ist, dass Fußballer und Profisportler klar für ein politisches Zeichen zum Selbstzweck bestimmter politischer Werte benutzt werden - Zeichen, die in den Menschen (nicht selten auch den Spielern auf dem Feld) aufgrund ihrer Unglaubwürdigkeit Stresshormone auslösen und damit in ihrem Tun und Handeln einschränken, selbst wenn sie von einem System als gut gemeint verkauft werden oder in ihrem Ansatz vielleicht sogar mal gut gemeint waren.
Einschränken tut eine solche Einmischung der Politik in den Sport immer ab dem Moment, wo ein Mensch in seiner Individualität (und sei es, alles zu geben für seine eigene Passion, nämlich Fußball zu spielen) in politische Kämpfe mit hineingezogen wird für die er weder direkt verantwortlich ist, noch wie zum Beispiel ein Politiker indirekt durch seine Berufswahl.
Hier dürfen wir nie vergessen, dass auch Rebellion und Solidarität etwas ist, wo es jedem Menschen erlaubt sein sollte, diese auf seine individuelle Weise auszuleben, ob aus moralischen oder ganz persönlichen Gründen, nämlich als z.B. 18jähriger Newstar seiner Passion zu folgen und seinen Traum zu leben.
Denn nur das ist, was Freiheit bedeutet, die Freiheit die letztendlich für sich selbst beste Entscheidung zu treffen ohne dabei zu vergessen, dass es auch ein paar wenige allgemeine Grundlagen gibt, die ein angenehmes globales Zusammenleben schon immer leichter gemacht haben und immer leichter machen werden, ob man sie nun Vielfalt, Verständnis, Freiheit oder am Ende einfach Liebe nennt.
Oder, um Pep Guardiola, einem der besten, aber sicherlich auch regelfanatischsten Trainer aller Zeiten, abschließend zu zitieren:
„Achtet auf die Dreiecke bei euren Anspielstationen, achtet auf eure Abstände in der Raumaufteilung, aber wenn ihr Lionel Messi vor dem Strafraum seht - dann lasst ihm die Freiheit und gebt ihm einfach den Ball.“
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(written by Leon Buche)