ICT-Radtag 12: Rogljevo - Zajecar - Felix Romulanum - Knjazevac 120 km 1300 hm
Heute müssen wir an unsere Grenzen gehen und teilweise darüber hinaus. Es war uns klar, dass es eine lange und schwierige Etappe wird, doch die Bedingungen lassen es zu einem großen Kraftakt werden. Am Morgen wecken uns die Hähne und die Hunde. Wir radeln wegen des zu erwartenden langen Tages etwas früher los. Der Himmel ist wolkenverhangen, für den Nachmittag ist Regen vorhergesagt. Wir kommen die ersten Kilometer in der schönen Landschaft gut voran. Es geht bald stetig bergauf, durch kleine Dörfer bis wir die kleine Passhöhe erreichen. Dann geht es bergab und das letzte Stück eben bis Zajecar, eine serbische Stadt mit wenig Attraktivität. Da es auf der Strecke bis Knjazevac nun sehr einsam und verlassen wird, kaufen wir ausreichend Proviant ein. In der Nähe befindet sich die Ausgrabungsstätte Felix Romulanum, UNESCO-Weltkulturerbe. Für uns bedeutet das ein paar zusätzliche Kilometer und natürlich auch noch kleine Anstiege. Die Anlage mit der dicken Umfassungsmauer und bastionsartigen bis zu 15 m hohen Türmen ist sehr beeindruckend. Sie gilt als eine der größten und besterhaltenen römischen Bauwerke in Europa. Der römische Kaiser Gaius Galerius Valerius Maximus ließ sie 300 nach Christus für seine Mutter Romula errichten. Zurück auf unserer Route strampeln wir 10 km stetig nach oben. Es fängt an zu regnen - das Motto lautet: Quäl dich! Nach 25 km sind wir in Lasovo, fast am Ende der Welt. Die Straße endet hier und einige Personen an der Bushaltestelle schauen uns entgeistert nach. Wahrscheinlich fragen sie sich, ob wir bei diesem Wetter wirklich diesen Weg fahren wollen! Links geht ein geschotteter Weg ab, der über eine Höhe ins 11 km entfernte Bucje führt. Und es kommt wie befürchtet. Es regnet nun unerbittlich, der Weg ist nach den starken Regenfällen matschig, große Pfützen sind mitten auf dem Weg, durch die wir immer wieder fahren müssen. Mit den Gepäcktaschen vorne ist es für Dominique besonders schwierig und teilweise kaum befahrbar. Die Räder bleiben im Matsch stecken, wir holen uns nasse Füsse und der Schlamm dringt in unsere Schuhe ein! Mit vereinten Kräften ziehen wir das Fahrrad durch den Matsch. Offiziell ist diese Strecke Teil des serbischen EV 13, und es finden sich auch im Anstieg hin und wieder Schilder. Nachdem wir mehrfach durch den Matsch gerutscht und in den Pfützen absteigen mussten, wird es mental etwas einfacher, das Motto heißt: Irgendwie durchkommen! Aber 11 km und 300 hm sind lang und weit. Als wir endlich schiebend und schnaufend die Höhe erreichen, wird es bei der Abfahrt nicht besser. Die Frage stellen sich wahrscheinlich alle, auch wir: Warum tut man sich das an - freiwillig? Eine mögliche Antwort: Weil am Abend nach einer heißen Dusche bei gutem Bier und einer Pizza fast alles vergessen ist und man mit einem gewissen Stolz auf den Tag zurückblickt. Diese Begründung alleine genügt nicht. Wir haben uns den Vorsatz genommen den EV 13 voll auszufahren bis zum Schluss, wir suchen das Abenteuer und sehr wahrscheinlich haben wir leicht masochistische Züge und wollen gegen unseren inneren Schweinehund ankämpfen! Von Bucje geht es tatsächlich nur noch bergab. Wir kommen um 19.30 Uhr am Hotel an, wo wir trotz unserer schmutzigen Fahrräder und des verdreckten Gepäcks freundlich aufgenommen werden.
ICT-Radtag 13: Knjazevac- Pirot - Rsovci 90 km 1300 hm
Entlang des Flusses Trgoviški Timok ist es landschaftlich sehr schön. Die Strecke verläuft meist in dem lang gezogenen Tal und hat immer wieder Steigungen zu bieten. Dominique ist trotz der Anstrengungen des gestrigen Tages in Bestform und fährt mit großem Abstand (wieder einmal nach Längerem) zügig voran. Unterwegs lädt ein Wasserfall zu einer kurzen Rast ein. Danach steigt es gleichmäßig zu einer Anhöhe an, von wo wir eine weite Aussicht ins Tal genießen. Bis Pirot ist es nun nicht mehr weit. Die Stadt ist ein wenig ansehnlicher Industriestandort, früher ein osmanisches Handelszentrum. Wir fühlen uns im Balkan angekommen! Für uns bietet er die Möglichkeit einzukaufen, da wir in dem Bergdorf, wo wir übernachten, unser Abendessen und Frühstück selbst zubereiten müssen. Zitat Harald:“ Wasser schleppe ich nicht mit aber Bier!“ Mit vollen Gepäcktaschen nehmen wir den steilen Anstieg mit 600 hm in Angriff. Zum Glück entlädt sich das nachmittägliche Gewitter am nächsten Bergkamm, uns begleitet ein ständiges Grummeln im Hintergrund. Mit der Anhöhe ist ein Teil des Skigebiets Stara Palanka erreicht, es gibt dort Hütten und ein Hotel, die um diese Jahreszeit geschlossen sind. Nach rasanter Abfahrt erreichen wir das Bergdorf Rsovci, wo wir schon von unserer Gastgeberin Olga am Dorfladen erwartet werden. Obwohl es nur noch 40 Einwohner hat, alles Alte, gibt es die Möglichkeit, sich mit dem Notwendigsten zu versorgen, vor allem mit Bier. Wir haben eine kleine Wohnung mit Terrasse und Garten, wo wir das abendliche Bier genießen. Zunächst ist die Kommunikation mit Olga schwierig und nur über Google Translate möglich, doch dann stellt sich heraus, dass sie mehrere Jahre in
Italien gearbeitet hat. Dominique kann nun auf Italienisch mit ihr parlieren, was die Situation deutlich erleichtert. Sie begleitet uns zu einer alten Felsenkirche aus dem 13. Jahrhundert mit einem besonderen Fresko des glatzköpfigen Jesus. Auf dem Weg dorthin treffen wir den fast zahnlosen Schafhirten, der vor über 40 Jahren für zwei Jahre mit einer jugoslawischen Firma in der Nähe von Düsseldorf im Untertagebau beschäftigt war. Nun hat er sein Glück mit seinen Schafen hier in den Bergen gefunden. Einmal mehr sind wir bewegt von den zwischenmenschlichen Begegnungen und der Gastfreundschaft.
ICT-Radtag 14: Rsovci -Dimitrovgrad (SRB) - Dragoman (BG) - Tran 100 km 1500 hm
Wir befinden uns in einer wunderschönen Landschaft, die wir auf einer gut ausgebauten Straße genießen können. Es geht südöstlich bis kurz vor die bulgarische Grenze. Nach der Abbiegung fahren wir stetig 450 m hoch bis zum Pass Vidikovac Vidlič auf 1065 m. Für den langen Anstieg werden wir mit einem herrlichen Ausblick belohnt. In der Abfahrt kommen wir an schönen Seen vorbei und erreichen den Grenzort Dimitrovgrad, in dem mit 50 % die Mehrheit der Bevölkerung bulgarisch ist. Sie wurde nach dem treuen Vasallen Stalins benannt, der sein Land als Ministerpräsident von 1945 bis 1949 in enger Abstimmung mit der UdSSR führte. Weniger bekannt dürfte sein, dass ihm, der sich gerade illegal in
Deutschland aufhielt, eine Schlüsselrolle beim Brand des Reichstagsgebäudes 1933 zugedacht war. Er wurde vor dem Reichsgericht in Leipzig angeklagt, doch gelang es ihm als glänzendem Rhetoriker durch seine Fragen die als Zeugen geladenen Göring und Göbbels in Bedrängnis zu bringen. Der Prozess endete mit einem Freispruch. Dies war der Anlass zur Gründung des berüchtigten Volksgerichtshofs. Von Dimitrovgrad ist es nicht mehr weit zur serbisch-bulgarischen Grenze, wo sich die LKW stauen. Wir reihen uns bei der Schlange der PKW ein, in der viele Deutsch-Türken stehen, die auf dem Weg in ihre alte Heimat sind. Wir brauchen etwas Geduld, doch nach der Kontrolle der Ausweise können wir problemlos in
Bulgarien einreisen. Wir beenden den serbischen Teil der Reise, mehr als 700 km waren wir vor allem im armen und teilweise verlassenen Ostteil Serbiens unterwegs. Die Serben sind uns etwas zurückhaltend doch auch freundlich begegnet. Die Wege waren bis auf wenige Ausnahmen (Lasovo) gut befahrbar und oft auch ausgeschildert. Nun setzen wir unser Abenteuer in Bulgarien fort und haben noch einige Etappen und vor allem Höhenmeter vor uns. Bulgarien war zu Zeiten des Warschauer Paktes verlässlicher Teil dessen, und seine Truppen waren 1968 auch an der Niederschlagung des Prager Frühlings beteiligt. Bulgarien galt bei DDR-Bürgern als realistischer Ort zur Flucht in den Westen. Allerdings gab es auch hier einen Erlass zu Todesschüssen, was zur Folge hatte, dass über 300 bulgarische und mindestens 50 DDR-Bürger beim Fluchtversuch erschossen wurden. Gleich in der Nähe der Grenze, die wir passieren, wurden Wera Sander und ihr Verlobter Rolf Kühne im Unterholz erschossen. Es ist aber unwahrscheinlich, dass sie die Flucht riskierten, da der Westdeutsche Kühnle bereits gefälschte Pässe besorgt hatte. Sehr wahrscheinlich hatte die Stasi von der Fluchtabsicht erfahren, das Paar am Schwarzen Meer verhaftet, es an die Grenze gebracht, ins Unterholz gejagt, um es dort zu erschießen. Es gibt nachweislich Fälle, wo so verfahren wurde. Welch ein menschenverachtendes System, unglaublich! Nach der Grenze haben wir Probleme, den Weg zu finden, so dass wir uns entscheiden, ein Stück auf der Autobahn zu fahren, was bei dem geringen Verkehr nach der Grenze kein Problem ist. An einer Baustelle wird es uns zu eng - wir haben Glück, dass parallel eine Straße verläuft. Es ist auf dem Kopfsteinpflaster zwar ziemlich holprig, doch wir kommen ohne Schwierigkeiten, schwer tretend bis Dragoman. Ohne Pause, denn in Bulgarien müssen wir die Uhr um eine Stunde vorstellen, gehen wir die 34 km bis Tran an. Am Anfang geht es durch ein langes, tief gezogenes Tal bergabwärts. Ein starkes Gewitter mit Blitz und Donner prasselt wieder einmal kurz auf uns hinunter. Wenig später wartet der nächste Anstieg auf uns, wieder müssen wir über die 1000-er Marke. Von oben hat man einen wunderschönen Ausblick - nur Felder und Wälder, unberührte Natur mit blühenden Wiesen. Nach der Kurve springt ein Wildpferd direkt vor uns über die Straße. Wir sind jetzt direkt an der bulgarisch-serbischen Grenze, wo auch Grenzpolizei im Geländewagen unterwegs ist. Uns lassen sie in Ruhe. Am Abend erreichen wir Tran, die westlichste Stadt Bulgariens. Der Begriff Stadt trifft den Zustand des Ortes ganz und gar nicht. Es gibt viele kleine Lebensmittelläden, Romas auf dem Hauptplatz und zum Glück ein Hotel für uns zum Übernachten. Die Frage nach einem Restaurant wird verneint. Als wir uns im Supermarkt gerade mit Bier, Brot und Käse eindecken, erklärt uns ein Englisch sprechender junger Mann, dass es in ca. 2 km Entfernung ein Restaurant gibt, das auch noch offen hat. Wir machen uns auf den Weg - und tatsächlich, wir bekommen ein tolles Essen - Forelle vom Grill - mit allem Drum und Dran.
ICT-Radtag 15: Tran - Kyustendil 80 km 800 hm
Da es heute eine kürzere Etappe ist, gehen wir es am Morgen gemütlich an. Um 10 Uhr geht es los durch eine sehr einsame Gegend mit teilweise verlassenen Dörfern. Da wir erst später los sind, ist das Gewitter, das es heute schon am Morgen gab, vorbei und wir bleiben vorerst trocken. Der erste Pass führt durch eine reizvolle Berglandschaft auf 110o m. Am Treklyanska-Fluss geht es wunderbar bergab bis Treklyano. Kurz vorher fängt es an zu regnen, und es wird empfindlich kühl. Wir machen eine Vesperpause und genießen im Dorfladen einen Kaffee. Ein Wort zum Wetter: Wir waren davon ausgegangen, dass wir so weit südlich sind, dass wir mit der Hitze zu kämpfen hätten. Nun ist es aber so, dass es an den wenigen guten Tagen 25 Grad hat, ansonsten um die 20 und dass spätestens am Nachmittag kräftige Gewitter aufziehen. Die Regenjacke war deutlich häufiger im Einsatz als die Sonnenbrille.Nach einem weiteren 1000-er rollen wir ins Tal. Ein paar kleinere Anstiege und wir sind in Kyustendil. Die Stadt liegt in unmittelbarer Nähe des Dreiländerecks von Bulgarien,
Serbien und Mazedonien.