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Hinein in die Trans Verdon

Veröffentlicht: 22.09.2025

Nun endlich war es soweit - ich startete in die TransVerdon. Ungefähr fünf Tage führt die Route entlang der Verdon. Obwohl es eine offizielle Rad-Route ist, die vom Tourismusverband beworben wird, soll es sich trotzdem um eine echte Mountainbike-Route handeln, die durch abgelegene Gebiete führt mit Schiebepassagen und richtigen Trails für die Abfahrt. Ich bin gespannt, in Deutschland oder Österreich wäre das ja unvorstellbar. Da denkt man ja bei den Offiziellen immer noch dass Mountainbiken nur auf Forststraßen und in Bikeparks stattfindet.

Start der Tour ist der Col d‘Allos beim Quellgebiet der Verdon. Der liegt nun allerdings 1100 Höhenmeter über Barcelonette, so dass der Einstieg erstmal eine ziemliche Plagerei auf einer viel befahrenen Passstraße war. Die Dreitausender der letzten Tourenwoche rückten beim Aufstieg nochmals prominent ins Sichtfeld. Von diesen hohen Bergen hieß es nun langsam Abschied nehmen, die Verdon würde mich in deutlich niedrigere Gebirge der Provence führen.

Oben angekommen war es aber erstmal noch hochalpin. Und der Trail der sich vor mir durch die Almwiesen schlängelte, sah äußerst schmackhaft aus. Ich wurde tatsächlich nicht enttäuscht, das Ding war ein epischer Flow-Rausch bis runter in den Ort Allos. Wenn das so weitergehen sollte, dann würde es die TransVerdon bestimmt in die Top Five meiner Bikepacking-Touren schaffen. Allos hingegen war ziemlich ernüchternd - das war eine dieser hässlichen Ski-Destinationen für die ja gerade Frankreich berüchtigt ist. Zweckbauten, zig Liftstationen, an den Hang geklatschte 08/15-Chalets. Alles was gruselig ist, wurde hier zur Schau gestellt. Und jetzt im Sommer wenn das alles ausgestorben und nicht unter einer dicken Schneedecke versteckt ist, wirkte das nochmals trostloser. Also schnell weg hier lautete die Devise.

Es folgte eine längere Hangquerung. Dabei wurde es schon langsam Zeit nach einem geeigneten Biwakplatz Ausschau zu halten. Denn im nicht weit entfernten Colmars befand sich der letzte Supermarkt für zwei Tage, das wollte ich morgen früh noch fürs Frühstück und frische Baguettes nutzen. Einige ganz vielversprechende Plätze ließ ich links liegen, wird schon noch was besseres kommen. War aber nicht so. Entweder gab’s kein Wasser, es war zu steil oder Privatgelände. Schwierig, schwierig. Letztendlich überquerte ich die Verdon, die sich schon hier eine tiefe Schlucht gegraben hatte und stand am Ortsschild von Colmars. Ich versuchte es noch etwas flussaufwärts und fand eine ganz brauchbare Stelle am Fluss. War Privatgelände aber recht gut versteckt und nicht einsehbar. Als Notoption ok. Ich hatte ja noch Zeit und schaute erstmal noch im Dorf vorbei. Das war dann der komplette Kontrast zu Allos. Eine schön erhaltene historische Altstadt umgeben von einer Ringmauer und Forts aus dem 17. Jahrhundert empfingen mich. Das ist halt weitaus schöner anzusehen als die Moderne in Form von Bausünden des Skitourismus.

Dank intensivem Kartenstudium bei Kaffee und Kuchen entdeckte ich dann doch noch einen möglichen Nächtigungsplatz. Ein Wanderweg führte in eine etwas abgelegenere Schlucht abseits des Dorfes hinein. Eine Sackgasse, die sicher wenig frequentiert sein wird. Nach einer halben Stunde im Schiebemodus war ich dort. Tief in einen Canyon eingeschnitten fand ich ein abgeschiedenes Plätzchen direkt am Fluss. Die Suche hatte sich gelohnt.

Nun folgte der mutmaßlich härteste Teil der TransVerdon. Über zwei Tage führte die Route durch recht abgelegenes Gebiet auf den höchsten Pass der Tour und einige kleine Siedlungen bis Saint-Andre-les-Alpes. Nach dem Aufstieg und einer langen Querung auf einem recht gut zu fahrenden, spaßigen Trail war ich also ziemlich weit weg von der Zivilisation. Eine sehr lange Schiebepassage führte mich durch Almwiesen Richtung eines Hochplateaus. Ein Hirte auf einem Moped kam mir mit seinen zwei Hunden über den Trail entgegen gerauscht. Wild gestikulierend versuchte er mich vor irgendwas zu warnen. Dank Übersetzungsapp erfuhr ich - 1700 Schafe, neun Hirtenhunde. Vorsicht! Aha, nun denn. Fahren war bergauf eh nicht drin, also blieb mir sowieso keine Wahl als langsam und freundlich dreinblickend an denen vorbei zu schieben. Die vier am Wegesrand dösenden Hunde und hunderte von Schafen, durch die ich mich durchwühlen musste, waren dann aber recht unbeeindruckt von mir und ließen mich anstandslos passieren. Das hatte ich schon anders erlebt.

Das darauf folgende Hochplateau war landschaftlich spektakulär. Mehrere kleine Seen in einer windigen, kargen Gras- und Steinebene umgeben von den letzten hohen Gipfeln ließen abermals eine Wildwest-Atmosphäre aufkommen. Die Weite dieser Landschaft beeindruckte nicht nur optisch, sondern auch ganz konkret bei der Fortbewegung im gefühlten Schneckentempo. Einige Passagen waren fahrbar, wurden aber immer wieder von längeren, zähen Schiebepassagen unterbrochen. Es zog sich ewig bis ich endlich den Pass erreicht hatte.

Hier begann eine andere Welt. Hinter mir erhoben sich noch felsige Fast-3000er, vor mir hingegen grüne, mediterran anmutende Hügel. Abrupt änderte sich das gesamte Landschaftsbild. Ein abermals toller Trail lies mich darin eintauchen. Zwei idyllisch-verschlafene Dörfer boten mir die dringend nötige Gelegenheit wieder Wasser am Brunnen aufzufüllen. Nach der langen Passage in der prallen Sonne war ich total ausgetrocknet. Die Zeltplatzsuche gestaltete sich am heutigen Tag dann deutlich einfacher. Sanft gewellte Wiesenhänge erstreckten sich nach den Dörfern von mir, und mit etwas Abstand und Höhe sucht ich mir ein nettes, einsames Plätzchen mit Ausblick. Es hätte der perfekte Ausklang eines grandios schönen Tourentages werden können.

Kaum hatte ich allerdings mein Zelt aufgebaut und es mir richtig schön gemütlich gemacht, hörte ich Schafgeblöke. Und Hundegebell. Etwas unterhalb von mir machte sich eine Herde breit. Nun gut, sollen sie da grasen, stört mich nicht. Keine zehn Minuten später stand die Herde direkt vor meinem Zelt. Die Hirtenhunde schauten erst nur interessiert, dann fing einer an, mich anzubellen. Das weckte die Aufmerksamkeit der anderen und flugs war ich im Mittelpunkt deren Interesses. Ich habe ja volles Verständnis dafür, dass die guten Tiere ihren Job ernst nehmen und ihre Herde verteidigen. Aber in dem Fall habe ja nicht ich mich denen mutwillig angenähert sondern sie sich mir. Beruhigend versuchte ich auf die notorisch kläffenden Wächter einzureden und sie damit von meiner Harmlosigkeit zu überzeugen. Mit mäßigem Erfolg. Der Aufruhr hielt an, und zurückziehen konnte ich mich auch nicht. Eine recht ausweglose und zunehmend unangenehme Situation. Bis endlich die Schäferin auftauchte. Sich freundlich entschuldigend, dass sie mich nicht früher bemerkt hatte, trieb sie die Herde samt Wachpersonal wieder weg von meinem Nachtlager.

Der nächste Tag führte mich weiter nach Thorame-Basse, eine weitere mittelgroße Ortschaft ohne Bäcker, Lebensmittelladen, Bar oder gar Unterkunft. Interessanterweise gab es allerdings eine Brauerei, die immerhin nachmittags zwei Stunden am Tag geöffnet hatte. Dann lieber weiter über einen mühsamen Aufstieg auf einer unheimlich schottrigen Schotterstraße mit viel Auf und Ab bis zum finalen Trail nach Saint-Andre-les-Alpes. Über die Hälfte der Trans Verdon wäre damit geschafft.

Als ich mir kurz vor der Abfahrt nochmal anschaute wie ich unten am schnellsten zum nächsten Supermarkt kommen könnte, fiel mir auf dass es dort ja sogar einen Bahnhof gab. Und von da anscheinend Züge direkt nach Dignes-Les-Baines fahren. Das ließ mir dann bei der gesamten Abfahrt keine Ruhe mehr. Da wollte ich eigentlich nach Abschluss der Trans Verdon hin, grübelte aber bisher erfolglos über eine mögliche schöne Verbindungsroute nach. Der Zug könnte dafür die Lösung sein, auch wenn ich die Trans Verdon dafür unterbrechen musste. Um 14 Uhr war ich unten, und um 14:41 Uhr sollte der Anschluss nach Dignes ankommen. Allerdings war das alles etwas widersprüchlich, da verschiedene Öffi-Apps und der Fahrplan-Aushang am Bahnhof unterschiedliche Ergebnisse lieferten. Teils hieß es, es fuhr was, teils aber auch nicht. Ich beschloss, die halbe Stunde zu warten und das Schicksal entscheiden zu lassen. Wenn was kommt , würde ich nach Dignes fahren. Wenn nicht, die Trans Verdon wie geplant fortsetzen. Ein vorbeikommender Franzose klärte mich auf. Aufgrund eines eingestürzten Tunnels fährt seit Jahren kein Zug mehr, aber dafür gab es Schienenersatzverkehr. Ob der Fahrräder mitnimmt, wusste er aber auch nicht. Als der Bus dann eintraf meinte der Fahrer, eigentlich nicht. Aber ich könnte mein Fahrrad - ganz pragmatisch - im Gepäckfach verstauen, geht schon. Das Schicksal hatte also entschieden - es ging für mich jetzt nach Dignes-Les-Baines. Ich war übrigens der einzige Fahrgast im Bus. Und ein Ticket wollte mir der Fahrer auch nicht verkaufen, ich kann so mit. Na dann, so soll es sein.

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