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Von Jägern, Rehen und Schafen der provenzalischen Macchia

Veröffentlicht: 04.10.2025

Die TransVerdon hatte meine Erwartungen definitiv übertroffen. Landschaftlich absolut grandios und dabei noch sehr abwechslungsreich. Die Trails waren ebenso durchgehend top. Das einzige Manko ist, dass das Spektakel in Moustiers schon viel zu früh vorbei ist. Die Tour geht ja noch weiter bis Manosque, aber der Charakter ändert sich ab da grundlegend. Keine Trails mehr, nur noch Schotterpiste im Flachland. Ich habe mir den Kopf zerbrochen, wie ich diesen Teil meiden könnte. Wenn ich allerdings weiter in den Süden wollte, bis zum Meer, blieb mir nichts anderes übrig, als Augen zu und durch. Alternativen gäbe es schon, eine Stippvisite in den Grand Luberon zum Beispiel, oder wieder Richtung Norden in die Alpen. Aber ich hatte schon das Bedürfnis, die Tour am Meer abzuschließen. Nur so fühlt sich das dann irgendwie rund und richtig an.

Also hieß es nun knapp 100 Kilometer Schotterpisten und Landstraßen schreddern bevor die Küstengebirge erreicht waren. Anfangs ging es dafür erstmal entlang der TransVerdon weiter dem Fluß folgend. Oder besser gesagt, der Badewanne. Der Verdon schien nämlich nur noch aus azurblauen Seen zu bestehen, die sich einer nach dem anderen aneinander reihten. Das war auch alles gar nicht so flach wie gedacht. Zuerst ging es auf ein Plateau, das einen heftigen Gegenanstieg auf Schotter erzwang. Das sollte dann gesäumt sein von Lavendelfeldern. Der Jahreszeit entsprechend waren das aber eher kahle Äcker. Danach wurde es richtig hügelig, ein dauerndes Auf und Ab. Ich kam mir vor wie auf der schwäbischen Alb, nur halt mit den mediterranen Gerüchen der Provence in der Nase. Thymian und Rosmarin wurden mit jedem Kilometer dominanter. Den Abschluss bildete dann eine weitere kleine Schlucht, mit der sich der Verdon endgültig von mir verabschiedete. Ab nun ging es einfach irgendwie, dem Routenplaner folgend, weiter nach Süden. Die Route führte aber doch überraschend abwechslungsreich durch Wald- und Buschland.

Was mich immer wieder irritierte, waren Absperrungen von Schotterpisten mit dem Hinweis das wäre Privatgelände. Gab es hier in Frankreich ein öffentliches Wegerecht? Durfte ich mit dem Radel da einfach durchfahren, oder wurde ich dann für vogelfrei erklärt? Ich wusste es nicht, habe es aber einfach mal gemacht. Meine größte Sorge dabei waren die Hunde, die da vielleicht vom Herrchen unangekettet der Überzeugung waren, ihr Revier beziehungsweise Privatgrundstück unbedingt verteidigen zu müssen.

Wer mir dann tatsächlich begegnete, waren Jäger. Mit eindrucksvoll großen Flinten bewaffnet, und wohl je nach Aktivitäts-Modus in Tarnkleidung oder grellorangener Jacke unterwegs, passierte ich einige von denen. Die waren mir auch alle freundlich gesinnt und grüßten nett. Allzu sehr freuen dürften sie sich über unser Aufeinandertreffen sicher trotzdem nicht. Deren potentielle Beute hat dank mir sicher gerade das Weite gesucht. Aber immerhin schien es wohl ok zu sein, dass ich da unterwegs war.

Am sehr späten Nachmittag erreichte ich Rians. Ein schönes, mittelalterlich angehauchtes Städtchen mit unverhältnismäßig großer Kathedrale, in dem ich ohne Routenplaner sicher nie gelandet wäre. Es galt die Wasservorräte aufzufüllen, denn ich hatte mir fest vorgenommen nochmal wild zu campen, auch wenn die Bedingungen hier nicht ganz optimal waren. Allzu weit würde ich heute nicht mehr kommen, und die meisten Schotterpisten in der Umgebung führten zu Gebäuden. Das ist dann vermutlich wieder alles Privatgelände. Nur eine Piste führte ins Nirgendwo. Darauf setzte ich meine ganze Hoffnung. Abermals erwartete mich ein Hinweis- oder Verbotsschild. So genau wußte ich das nicht. Irgendwas mit Feuerwehr und Brandschutz. Mmmh. Da nun weit und breit kein Waldbrand tobte, und ich auch nicht vorhatte einen zu entfachen, ging ich also mal weiter. Sah aus wie eine Brandschneise. War ziemlich viel abgeholzt. Sicher nicht der schönste Zeltplatz, aber hinter ein paar Büschen fand ich ein nettes und geschütztes Plätzchen. Besser allerdings, ich bleibe da etwas undercover und baute alles so auf dass das von außen nicht einsehbar war.

Ich dachte ja trotzdem, dass ich da ungestört sein werde. Doch mitten in der Dämmerung hörte ich ein Fahrzeug auf der nahen Schotterpiste. Was soll das denn jetzt? Also Licht aus und stillhalten. Frühmorgens dann auch wieder, um kurz nach sechs war da schon wieder einer unterwegs. Langsam dämmerte es mir - das müssen die Jäger sein, die da rumgeistern. Zum Einen wollte ich natürlich von denen nicht gefunden werden, aber mich auch nicht so verstecken, dass die mich für eine durch das Unterholz pirschende Wildsau halten. Schnell packte ich zusammen und schaute, dass ich los komme. Erst dachte ich noch, gut dass ich meine Jacke habe, deren Farbe hebt mich vom Unterholz ab. Bei genauerem Betrachten kamen mir dann doch so ein paar Zweifel. Das war schon so ein Rehfellgelb. Mmmh. Wenn ich jetzt noch Bunny Hops mit dem Bike mache, bin ich wohl im wahrsten Sinne des Wortes Freiwild. Also ganz gut, dass ich die Technik nicht beherrschte, und lieber mal zügig aus dem Buschland rausrollte. Währenddessen hörte ich immer wieder den ploppigen Knall von Flinten um mich herum. Ich hoffte wirklich, die wissen alle was sie tun und schauen genau hin bevor sie abdrücken.

Ich war nun nur noch 30 Kilometer vom ersten Küstengebirge entfernt. Ruckzuck erreichte ich also noch ein paar Trails die mich bis runter nach Auriol bringen sollten. Das war allerdings teuflisch technisches Zeugs. Einige Felsstufen waren so steil dass ich mich da kaum zu Fuß runtertraute. Hier wehte trailtechnisch ein anderer Wind.

Auriol war nun wieder so ein Ort, der es wohl ohne diese Tour niemals auf meine Todo-Liste geschafft hätte. Eine nette Kleinstadt, nichts besonderes halt. Aber großartig eingeklemmt zwischen drei Küstengebirgen, und jedes davon hatte ein riesiges Trailnetzwerk. Insbesondere der Regionalpark Saint Baume war ein wahres Juwel. Technische Trails en Masse. Jeden, den ich gefahren bin, absolut lohnenswert. Das war schon beinahe mit Finale Ligure vergleichbar, nur ohne Shuttles und die anderen Biker. Ich quartierte mich also zur intensiveren Erkundung für drei Nächte in dem Städtchen ein.

Erschreckend waren noch die tieferen Einblicke in meinen Kalorienverbrauch beziehungsweise -konsum, der mir da so richtig bewusst wurde. Mir war ja schon klar, dass ich in Sachen Futtern inzwischen auf dem Niveau von Kuh, Pferd und Schaf angelangt war - ich konnte das ununterbrochen den ganzen Tag zelebrieren. Im Supermarkt habe ich dann eine Paella als Fertiggericht gefunden. Das sah dafür schon recht lecker aus. Nur war es für drei Personen gedacht, mit einem Gewicht von 1,3 Kilo. Erst dachte ich noch, das ist ja viel zu viel als Abendessen, die Hälfte davon werde ich bestimmt wegschmeißen. Ich habe dann alles vertilgt, und damit ich trotzdem nicht hungrig ins Bett ging, folgte noch ein Teller Müsli. Soweit ist es also gekommen nach vier Wochen Biken nonstop.

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Antworten (1)

vor 10 Monaten
Danke für deinen inspirierenden Bericht, Danny

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