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Nix Kaka – Alles Titi in Bolivien!

Veröffentlicht: 15.12.2016

Wir sind nun seit ein paar Tagen in Chile und es wird Zeit, unsere leider kurze aber überraschungsintensive Reise durch Bolivien Revue passieren zu lassen.

Die ersten Tage in Copacabana und auf der Isla del Sol im Titicacasee waren wunderschön ruhig, genau richtig um nach dem Freizeitstress in Perú erstmal runterzukommen: Ja, reisen kann auch ganz schön anstrengend sein ;-)

Der Titicacasee ist der höchstgelegene schiffbare See der Welt und so riesig, da kann unser Bodensee ganz schön abstinken, der würde da nämlich 15 mal reinpassen. Wir wollten dann die Magie des Sees auch vollkommen auf uns wirken lassen und sind für 3 Tage auf die Isla del Sol geschippert, einer wunderschönen Insel ohne Autos, Alarmanlagen und Lärm, dafür mit viel Landschaft und Tieren. Es gibt nur 3 klitzekleine Dörfchen auf der Insel, wovon man nur in zweien übernachten kann. Wir entschieden uns, im Nordteil in Challapampa zu übernachten, was die richtig Entscheidung war, im Süden gab es zwar zig teure Eco-Hotels, dafür aber keine Einheimischen und auch sonst nix Spannendes. In Challapampa wartete ein verschlafenes Nest auf uns, mit nur 2 oder 3 Übernachtungshüttelchen, wir entschieden uns für die Hütte mit der besten Aussicht über die Landzunge. Tags war es frühlingshaft warm, nachts wird es jedoch aufgrund der Höhe von 4000müM zapfenkalt, wir waren aber mit Alpaka- und Merinokomplettausrüstung gut gewappnet und wurden am nächsten Morgen von der Hausziege geweckt, die die Gräschen vor unserer Tür rupfte. In den Tagen auf der Insel begegneten uns vermutlich weitaus mehr Tiere als Menschen, Schweine- und Schafherden, ein paar Alpakas und ganz besonders süße Eselchen, was wir sehr genossen. Am zweiten Tag stapften wir zu den Inkaruinen ganz am Nordzipfel der Insel und entdeckten dort auch die Fußabdrücke der ersten Inka, die von ihrem Vater, dem Sonnengott, auf die Erde geschickt wurden um für Ordnung zu sorgen und eine Stadt zu gründen (das heutige Cusco). Bolivien hatte ja ein paar Tage vor unserem Grenzübertritt den Notstand aufgrund enormer Wasserknappheit ausgerufen und auch auf der Isla del Sol sahen und spürten wir die Folgen des ausbleibenden Regens: Mittags kam kein Wasser aus den Leitungen und die Erde und das Gras waren sehr ausgetrocknet. Doch in der zweiten Nacht kam endlich der langersehnte Regen und die Regenzeit startete dann mit Pauken und Trompeten am Morgen unsres letzten Tages auf der Insel! Dumm nur, dass wir uns ausgerechnet an dem Morgen schon um 06.00 auf die Wanderung zum Südteil der Insel aufgemacht hatten und dann richtig fies vom Regen erwischt wurden (da die Regenzeit ja bisher auf sich warten ließ, hatte Tömmi seine Regenjacke am Festland gelassen). Doch nicht nur Regen prasselte auf uns, Hagelkörner, Schnee und sogar eine sportliche Windhose machten die Wanderung nicht gerade zum Spaziergang. Zusätzlich hatten wir auch noch einen gewissen Zeitdruck, da uns niemand sagen konnte, wann genau das Boot Richtung Festland ablegt, es hieß nur „irgendwann morgens“. Obwohl sich die Regenzeit ruhig noch 3 Stunden Zeit hätte lassen können, freuten wir uns für und mit den Einheimischen, die unseren Marsch mit Freudengesängen und schiefen Blasmusiktönen begleiteten. Als uns ein Mädchen den Weg zum Hafen zeigte und ich sie fragte, warum sie nicht in der Schule ist, erklärte sie uns, dass an Regentagen keine Schule ist! Die Regel fände ich für Deutschland auch nicht schlecht ;-) Wir sind dann auch gerade rechtzeitig am Hafen angekommen, zusammen mit ca. 50 Faulitouris, die im Süden übernachtet haben und nichts von Hagel und Regen mitbekommen haben. Das Schiffchen wurde dann auch mit allen Passagieren vollgestopft (4 Schwimmwesten für 50 Leute), der Süllrand war auf Wasserspiegelhöhe und mitten auf dem See fielen dann auch noch beide Motoren kurzzeitig aus … wir haben es trotzdem, inzwischen wieder trockenen Fußes, nach Copacabana geschafft und saßen wenig später dann schon im Bus nach La Paz.

In La Paz gönnten wir uns zum ersten Mal den Luxus eines Hotels, da ansonsten nur Partyhostels zur Auswahl standen und wir überhaupt keine Lust auf das typische „Ich mach hier nur die Deadroad und die Saltflats“-Publikum hatten. Außerdem wollte ich mal wieder stromschlagfrei duschen, die Duschköpfe hier in Bolivien werden meistens über sehr abenteuerliche Stromkabelkonstruktionen betrieben und beim Aufdrehen des Wasserhahns fließt der Strom dann meistens auch durch den Benutzer. In Kombination mit Wasser ist das dann jedes Mal ein Nervenkitzel der besonderen Art. Unser Hotel Milton hatte jedoch zum Glück eine Gasdusche und versprühte den Charme des Grand Hotel Budapest, wir fühlten uns pudelwohl.

La Paz, fälschlicherweise oft als Hauptstadt Boliviens bezeichnet, mit seinen 750 000 Einwohnern befindet sich mitten in den Anden. In rund 4000 Metern Höhe drückt sich die Metropole in eine gewaltige Schlucht. An den Hängen, wo der eisige Wind den Hang hinabpfeift, finden sich die kärgsten Behausungen, auf dem Hochplateau über La Paz sogar eine riesige Siedlung der Ärmsten, El Alto. La Paz und El Alto waren ursprünglich mal eine Stadt, sind jedoch seit Mitte der 90er getrennt. Wer es sich leisten kann, zieht möglichst weit nach unten, der Großteil kann es sich jedoch nicht leisten, und so wächst El Alto in rasender Geschwindigkeit. Um die beiden Städte infrastrukturell und auch symbolisch wieder miteinander zu verbinden, hat Morales die österreichische Bergbahnfirma Doppelmayer engagiert, um insgesamt 4 Teleférico-Seilbahnen zwischen La Paz und El Alto zu spannen.

La Paz selbst hat uns sofort in seinen sympatisch-chaotischen Strudel aus moderner Großstadt und traditioneller Dörflichkeit gesogen und die Stadt spiegelt die Verrücktheit von Präsident Morales und dem ganzen Land ganz gut wieder.

Unsere Kuriositätenhitliste:

1. Massenknast San Pedro: In diesem Gefängnis gibt es nur 15 Wärter, rund 2000 männliche Häftlinge (die hier je nach Sektor unterschiedlich hohe Mieten zahlen und teils sogar mit ihren Frauen und Kindern, die frei ein- und ausgehen dürfen, recht gut leben), Markstände, Restaurants, Souvenirläden und lose Wellblechdachteile, die im Minutentakt gelupft werden, um kleine Päckchen mit weißem Pulver auf die umliegenden Straßen zu werfen, die Gefängnisstadt liegt nämlich mitten in La Paz. Bis vor einigen Jahren gab es noch geführte Knasttouren für Touris, die vor allem durch das Buch „Marschpulver“ von dem Gefängnis erfahren haben und am Ende der Tour eine Prise feinstes Knast-Koks durch ihre Gringonasen ziehen durften. Brat Pitt hat sich die Filmrechte gesichert.

2. Die neue bolivianische Zeit: Am Kongressgebäude flattern die bolivianische und die Regenbogenflagge, darüber gibt eine Uhr die Zeit an, man muss allerdings mindestens zweimal hinschauen, um die Uhrzeit korrekt abzulesen, denn die Uhr läuft gegen den Uhrzeigersinn. Die Regierung um Präsident Evo Morales will damit ein Zeichen setzen und alte Spuren der Kolonialisten beseitigen. Eine Uhr auf der südlichen Erdhalbkugel drehe sich eben genau andersherum als eine Uhr auf der nördlichen Halbkugel und in Bolivien habe mit dem ersten indigenen Präsidenten auch eine neue Zeitrechnung angefangen, so die Erklärungen zur Falschrum-Uhr.

3. Calle de las Brujas – der Hexenmarkt: Hier gibt es von Kräutern, bis über Schlangenfleisch und getrockneten Lama- und Alpakaföten alles, was man zum Überleben braucht. Hier wird von den hutzligen Brujas Magie in Akkordarbeit geleistet, sei es fürs Ver- oder wieder Entlieben, Geldsegen oder Potenz, sie haben für alles ein Pülverchen parat. Wir haben aber nicht nur den (inzwischen sehr kommerziellen) Hexenmarkt in La Paz Downtown, sondern auch die Hexenstraße in El Alto besucht, wo die Einheimischen sich die Zukunft aus zu Mate de Coca gebrühten Kokablättern lesen lassen. Bruja wird man übrigens nur, wenn man zum Beispiel vom Blitz getroffen wurde oder über eine andere Nahtoderfahrung verfügt.

4. Emanzipation 2.0 beim Cholitas-Wrestling: Die Cholitas sind das Fotomotiv-Wahrzeichen Boliviens, rundliche Frauen mit langen Zöpfen, kurzen Faltenröckchen und dem typischen Bombín-Bowler-Hut. Sozusagen Ladys mit Rock, Charm und Melone! Cholitas stammen stets aus gutem Hause und sind aufgrund ihrer Geschäftsfindig- und auch Tüchtigkeit oftmals sehr reich. Das zeigen sie auch gern mit ihrem goldenen oder silbernen Lächeln und eine Cholita-Komplettausstattung kostet mehrere tausend Dollar: mehrere farbenprächtige und aufwendig bestickte Faltenröcke, um die ausladende Hüfte voll zur Geltung zu bringen, gefolgt von einer bunten Puffärmelbluse und einem handgestrickten Wolljäckchen. Zuletzt der Bombín, der traditionellerweise aus Italien kommt und anhand der Positionierung auf dem Kopf verrät, ob die Cholita solo, verheiratet, geschieden oder verwittwet ist. Zusammengehalten wird die ganze Cholita von einem bunten Tragetuch namens Aguayo, in dem sich alles findet, was unsereins in einer Handtasche herumträgt, plus zusätzlich oft noch ein Menschen-, Alpaka- oder Schafbaby. Die Bowler-Hüte sind ein Überbleibsel britischer Eisenbahner, denen der Filzdeckel mit schmaler Krempe nicht genug Schatten gegen die gleißende Andensonne bat und deshalb ihre Hüte an die Hochlandfrauen verschenkten. Seit nunmehr 100 Jahren sind diese nun Teil der traditionellen Folklore. Die Cholitas stehen jedoch nicht nur auf Hüte, sondern auch total auf Emanzipierung und so gut wie jedes bolivianische Andendorf hat deshalb eine Cholita-Fußballmannschaft. In El Alto scheint den Mädels Fußballspielen aber nicht mehr auszureichen – sie steigen dort zweimal die Woche in die Wrestling-Arena und stellen dabei jeden WWF-Profi in den Schatten. Wir konnten uns dieses Spektakel natürlich nicht entgehen lassen und die Cholitas haben wirklich alles gegeben: Sprünge von der Ringabsperrung, an den Haaren ziehen, bestechliche Punktrichter und Anheizen des Publikums haben uns einen tollen Abend beschert!

5. Die Gesetzgebung von Präsident Morales: Morales hat durch zahlreiche Gesetze versucht, ein Populationswachstum zu bewirken. Seine „besten“ Ideen waren die Abschaffung von Kondomen und eine Spezialsteuer für kinderlose Frauen über 28 Jahre. Jedoch lassen sich die Bolivianer nicht alles gefallen und demonstrierten ein paar Tage, bis er seine Gesetze wieder aufhob. Aktuell versucht er, sich zum dritten mal als Präsident wählen zu lassen, das letzte Mal hat er sich das aber auch schon erschummelt, wir sind auf jeden Fall gespannt, was er sich diesmal einfallen lässt!

Nachdem wir in La Paz fürchterlich gefroren haben und nochmals Alpakapullis kaufen „mussten“, flogen wir ganz tief in den Dschungel nach Santa Cruz De La Sierra. Weil uns alle vor den Horrorbusfahrten in Bolivien gewarnt hatten und fliegen nicht wirklich teuer war, wählten wir das Flugzeug und waren eine Stunde später schon im tropischen Santa Cruz. Die Ankunft in Santa Cruz lässt sich in etwa so beschreiben:

puuuh, ganz schön warm – oh, überall Palmen – kuck mal, ein Papagei – krass, hier gibt’s nur Fastfoodläden – und Eisdielen – in was für einem Taxi sitzen wir hier eigentlich? – wieso? – Schau mal nach vorne! – oha, da gibt’s gar kein Amaturenbrett – doch, die Anzeigen sind alle rechts, aber das Lenkrad links – naja, es fährt, wird hier wohl erlaubt sein, besser als die Pferdekutsche neben uns – ähm Tömmi wo sind wir hier? – warum? – hier sind lauter Weiße aus dem 18. Jahrhundert – was, wo? – Achherrje, die sehen ja gruselig aus – wuaa, da läuft eine Frau mit abgehacktem Kälbchenkopf unter dem Arm – ja, wird wohl zur Suppe gekocht – wir brauchen dringend Mückenspray, die Viecher fressen mich – Endlich, da vorne ist unser Hostel!

Und mehr gabs in Santa Cruz auch eigentlich nicht zu sehen. Die Weißen aus dem 18. Jahrhundert entpuppten sich als Mennoniten. Die fand ich mit ihrem totem Blick und ihrem altmodischen Gehabe so gruselig, dass ich mir mehrere Artikel durchlas, die mich alle in meinem Eindruck bestätigten, dass die total loco sind: Lachen, Spaß haben und Musik machen sind verboten … na dann müssen die sich nicht wundern, dass kein Land außer Bolivien sie haben will, und Bolivien wahrscheinlich auch nur wegen der Kohle.

Santa Cruz hat außer teuren Villen mit Luxusschlitten, teuren Bars und Shoppingmals nichts wirklich Interessantes zu bieten, weswegen wir einige Ausflüge in die Dschungelumgebung unternahmen. Wir fühlten uns auch eher wie in Miami, die Stadt widerspricht allem, was man mit Bolivien assoziiert, um so verrückter, dass sie mitten im Dschungel liegt.

Im botanischen Garten, der so groß ist, dass wir uns darin gehörig verirrten und eigentlich nichts mit einem Garten sondern eher mit wildem Dschungel zu tun hat, fanden wir frei lebende Faultiere, Schildkröten, Äffchen und Alligatoren. Wir wollten eigentlich noch Jaguare und die Jesuitenmissionen sehen, da wir aber gefühlt die einzigen Touris in St. Cruz waren und uns alle Touragenturen aufgrund zu weniger Touristen absagten, klappte das leider nicht. Also fuhren wir zum Chillen in den Güambé-Park, einem Privatresort mit Schmetterlings- und Vogelfarm, einer Affeninsel und vielen verschiedenen Swimmingpools, wunderschön!

Von Santa Cruz gings wieder mit dem Flugzeug nach Sucre, der Hauptstadt Boliviens. In Sucre geht’s sehr gemütlich zu, doch auch hier wurden wir jeden Tag aufs Neue überrascht:

1. Zebras regeln hier den Verkehr: Bolivien hat ein Verkehrssicherheitsprogramm ins Leben gerufen, um den anarchistisch-ungeduldigen Autofahrern etwas mehr Rücksicht für die Fußgänger beizubringen. In fast allen Großstädten hampeln Studenten in Zebrakostümen an gefährlichen Kreuzungen herum und helfen vor allem Kindern und Alten sicher über die Straße und bringen die Autofahrer mit ihren Späßchen zum Lachen. Von uns gabs 4 Daumen nach oben für dieses tolle Projekt!!

2. Nur 15 Autominuten außerhalb der Stadt liegt das rosa Schloss La Glorieta, dass alle europäischen Baustile in sich vereint: Big Ben Uhrenturm, arabischer Minarettturm, gotische Fenster, Renaissance Speisesaal, französischer Wassergarten … Die Erbauer, die den Status des einzigen bolivianischen Prinzenpaares erhielten, ließen sich von ihrer Europareise zu diesem Kuriosum in Rosa inspirieren. Das Schlösschen liegt heute mitten in militärischem Sperrgebiet … warum ausgerechnet dort eine Militärbasis errichtet wurde, ist uns schleierhaft, es ist ja nicht so, dass Bolivien keine freien Flächen mehr hätte.

3. In einem Steinbruch nahe Sucre gibt es an einer Steilwand, die früher mal Grund eines Süßwassersees war, Dinosaurierfußabdrücke zu bestaunen. Weil die Dinos dort fleißig Wasser schlürften und der Grund sehr lehmhaltig war, wurden die Fußstapfer gut konserviert. Die Plattentektonik tat nach noch ihr Übriges und drückte die Grundplatte senkrecht nach oben, so dass man die Fußspuren heute wie ein überdimensionales Gemälde betrachten kann. Ganz schön abgefahren, mitten in einem Steinbruch, vor den Abdrücken von Brontosaurus, T-Rex und Co zu stehen. Leider ist aber auch hier zu wenig Geld da, um es angemessen zu schützen. Vor Kurzem ist ein riesiges Stück einfach weggebrochen, seitdem müssen die Besucher Helme tragen … ob das die richtige Strategie ist, weiß ich nicht.

Von Sucre aus gings dann mim Bus nach Potosí, der ehemals reichsten Stadt Südamerikas und aber immer noch höchst gelegensten Stadt der Welt. Vom früheren Glanz der Stadt ist heute leider nicht mehr viel zu sehen. Obwohl die Stadt UNESCO-Status hat, lässt sich der frühere Reichtum nur noch erahnen, die meisten Prachtbauten geben heut ganz schön windschief und mit abblätternder Farbe ein eher trauriges Bild ab. Diese Traurigkeit und der Wehmut an die längst vergangenen silbernen Zeiten liegt über der ganzen Stadt, die Menschen hier sind recht arm und die meisten Männer sind von der schweren Arbeit in den Minen stark gezeichnet. In diesen Minen schlummerten einst Massen an Edelmetallen, vor allem Silber. Die Spanier rissen sich diese Reichtümer natürlich unter den Nagel und finanzierten damit über Jahrzehnte den dekadenten Lebensstil der spanischen Krone. Eigentlich waren Sklaven aus Afrika für die Arbeit in den Minen vorgesehen, doch die allermeisten schafften es kaum bis in die Minen. Die Gründe dafür sind die extremen Höhe und Kälte, die den unaklimatisierten Afrikanern den Tod brachten. Also mussten die Einheimischen rein in den Berg und das begehrte Silber zu Tage fördern, doch denen widerstrebte so eine rücksichtslose Ausbeutung ihrer geliebten Pacha Mama (Mutter Erde) natürlich zutiefst. Doch Geld und Luxus waren verlockend und so wird der Cerro Rico nun seit über 400 Jahren von den Potosís ausgenommen, auch heute noch, obwohl die Silbervorräte längst erschöpft sind. Diese Minen sind auch der einzige Grund, warum sich Touristen hierher verirren, denn man kann an Mienentouren teilnehmen und sich den Cerro Rico von innen ansehen. Wir wollten jedoch aus mehreren Gründen keinesfalls an so einer Tour teilnehmen: Ich steh nicht so auf diesen Gaffertourismus, bei dem man sich für ein paar Minuten dem extremen Leid anderer Menschen aussetzt, nur um hinterher ein Selfie mit einem Minenarbeiter zu haben. Da die Mineros ihre schreckliche Arbeit nur mit viel Schnaps und Kokablätter überstehen, sind die Touris auch dazu verpflichtet, dies mit in die Minen zu bringen, sozusagen als Eintrittsgeld. Das sagt schon einiges über die unmenschlichen Arbeitsbedingungen aus. Kaum ein Minero wird älter als 50 Jahre, diejenigen, die die Metalle aus dem Stein meißeln, werden allerhöchstens 40 Jahre alt, da ihre Atemwege nicht geschützt werden. Sie verdienen zwar 50$ pro Stunde, aber wenn man dafür schon mit 40 den Silberlöffel abgeben muss und weiß, dass Frau und Kinder dann auf sich allein gestellt sind, gibt es meiner Ansicht nach dafür keine angemessene Entlohnung. Die Witwen „dürfen“ dann als Steineklopferinnen auf dem Minengelände arbeiten, um ihre Familie weiter über Wasser zu halten, dieser Tätigkeit gehen sie dann oft bis zu ihrem letzten Tag nach. Jungs dürfen ab 12 Jahren in den Minen arbeiten, und tun dies aus. Kinderarbeit ist in Bolivien offiziell erlaubt!! Unfälle sind in dieser Mine an der Tagesordnung, es vergeht wohl kaum ein Tag, an dem alle Mineros wieder heil herauskommen. Experten rechnen jeden Moment mit dem Einsturz der gesamten Mine, da der Berg schon so zerlöchert ist und kein einziger Minengang nach heutigem Standard gesichert ist, zudem arbeiten die Mineros mit Dynamit (in Potosí ist Dynamit an jeder Straßenecke frei verkäuflich). Es gibt inzwischen 16 Level unter Tage und da stellt sich einem schon die Frage, wie lange Pacha Mama das noch mitmacht. Außerdem hat´s Tömmi ja nicht so mit schmalen unterirdischen Gängen, er hat aber reichlich recherchiert und ein Museum ausfindig gemacht, das in den Minen liegt und die Geschichte des Raubbaus gut erklärt. Die einzige Agentur, die dieses Museum in Programm hat, war schnell gefunden und unser Guide nahm uns für eine Stunde mit in die Mine. Auf dem Weg begegneten wir einigen Mineros, die ein Pläuschchen mit uns hielten und auch das Museum war sehr interessant, wenn auch bedrückend. Am Spannendsten fand ich den alten Tio (Onkel), den Teufel, dem die Mineros täglich Zigaretten, Schnaps und Cocablätter darbieten, damit er keine Minenunglücke herbeiruft und den Mineros die Metalladern zeigt. Tio ist aber nur gutgelaunt, wenn seine Zigarette auch schön qualmt und abbrennt, tut sie das nicht, bedeutet das Unglück. Lustig fanden wir auch, dass Tio dauergeil ist und jeder Minero täglich den erigierten Penis streichelt und mit Cocablättern bedeckt, mit dem Tio im Dauerakt mit Pachamama steht.

Abends wurden wir dann am Hauptplatz mit einem Weihnachtsmarkt auf bolivianische Art überrascht, inklusive Schokofrüchte, aber leider ohne Glühwein.

Nun wartete aber Uyuni auf uns, von wo aus wir eine Tour in die Salzwüste starteten. Unsere Wüstengruppe war wieder einmal super, zusammen mit zwei Pärchen aus der Schweiz und aus China bildeten wir ein super Team. Unser Fahrer Juan Carlos kutschierte uns wie im Blindflug durch die Wüste, wobei wir uns immer fragten, woher er den Weg wusste, „Straßen“ oder Wege waren kaum als solche erkennbar. Unser Guide Bismarck (die Liste der lustigen Guidenamen erweitert sich) wusste zu jedem Naturschauspiel was zu erzählen und stellte sich nebenbei auch noch als begnadeter Funny-Pictures-Fotograf heraus. Die endlose Weite in der Salzwüste lädt regelrecht dazu ein, möglichst dumme Fotos zu machen, wir haben natürlich auch unser Bestes gegeben ;-) Neben der Salzwüste und einer Übernachtung im Salzhotel durften wir noch einen Kakteenwald auf einem Korallenriff (die gesamte Wüste war früher mal ein Meer und deshalb sind alle Felsformationen dort entweder ehemalige Korallen oder Vulkanüberbleibsel), verschiedenfarbig Lagunen mit Flamingos, die Dalí-Wüste, mehrere Vulkane, eine Geysirfeld, heiß Thermalquellen und viele Vicunas und Llamas genießen.

Der Grenzübergang nach Chile fand dann auch in der Wüste statt und verlief, wie bisher immer, problemlos, obwohl Tömmi wegen seines Dampferequipments super nervös war, weil die chilenischen Einreisebestimmungen sehr streng sind. Die Zöllner hatten aber einen guten Tag und jetzt startet für uns der lange Weg nach Patagonien. Wir wären zwar noch gern viel länger in Bolivien geblieben, weil das Land sooo viel zu bieten hat und die Menschen dort allesamt sehr warmherzig, aufgeschlossen und hilfsbereit sind, aber leider haben wir uns über Weihnachten schon im chilenischen Valparaiso eingebucht und für Sonntag Konzertkarten in Santiago gekauft. Wir freuen uns jetzt aber auch auf Chile, wo es vermutlich sehr viel europäischer zugeht.

Noch eine Anmerkung zur legalen Kinderarbeit in Bolivien: Unsereins erhebt natürlich erstmal den moralischen Zeigefinger und fragt sich, warum niemand etwas gegen diese Gesetze tut, die ganz offensichtlich den Kinderrechten widersprechen. Doch ein zweiter Blick auf das Thema lohnt sich. Nachdem ich vor allem in der Minenstadt Potosí auf einige Plakate der zahlreichen selbstorganisierten Kindergewerkschaften aufmerksam geworden bin, habe ich mich ein bisschen in das Thema eingelesen. Ja, in Bolivien ist Kinderarbeit offiziell erlaubt aber es ist (so wie wir es selbst erlebt haben und es uns erzählt wurde) auch von vielen Kindern so gewollt! Egal ob der Junge im Bus, der Comichefte oder Süßigkeiten verkauft, oder die vielen Mädchen in den Restaurants, die freudestrahlend auf die Touris zugerannt kommen und einen astreinen Bedienungsservice an den Tag legen, keines der Kinder hier sieht müde, traurig oder gezwungen aus. Sie tun ihre Arbeit mit vollster Hingabe und Freude, und wir denken nicht, dass alle über so viel schauspielerisches Talent verfügen, um uns das nur vorzuspielen. Um sich selbst und ihrer Arbeit eine Stimme gegenüber den ausländischen Anfeindungen zu verleihen, organisieren sich die Kids hier in Gewerkschaften und treten vielfältig für ihr Recht auf Arbeit in Erscheinung. Sie wollen eben einen kleinen Beitrag zum Lebensunterhalt ihrer Großfamilien beisteuern und in Bolivien gilt ein Leben nur als erfüllt, wenn man arbeitet. Arbeitslosigkeit gibt es hier so gut wie keine, weil jeder arbeiten will und es auch tut, meistens, in dem man sein eigenes Business eröffnet. Das Casera-Prinzip unterstützt dieses Gründertum: Jeder Bolivianer hat für alles, was er zum Leben braucht, eine spezielle casera, also eine Person, bei der er dieses Produkt IMMER kauft, eine casera für Brot, eine für Wurst, eine für Kleidung, … Man ist sein Leben lang seiner casera treu und erhält im Gegenzug Spezialangebote. Damit erklärt sich auch, warum es hier für jedes Produkt eine eigene Straße gibt. Wir haben uns schon oft gefragt, wie 100 Malereigeschäfte nebeneinander existieren können, aber das Casera-Prinzip erklärt es. Diese Geschäftstüchtigkeit (fast alle Läden und Stände haben hier 7 Tage die Woche von sehr früh morgens bis nach Sonnenuntergang geöffnet) schlägt sich dann auch auf die Kinder wieder. Und was ist mit Schulpflicht?? Auch das ist gut geregelt, denn die Kinder können sich aussuchen, ob sie morgens oder nachmittags in die Schule gehen und in die Schule gehen sie alle, denn die Regierung zahlt den Familien einen Bonus, wenn die Kinder regelmäßig in die Schule gehen. Freizeit und Spielen kommen vermutlich auch nicht zu kurz, denn egal zu welcher Tageszeit wir an einer Schule vorbeikommen, ist entweder Ausflugtag oder große Pause ;)

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