Einschneidendes Erlebnis
Ein Unfall auf dem Land in Vietnam hätte ins Auge gehen können.

Veröffentlicht: 27.04.2026
Am nächsten Vormittag nach meinem Unfall, man schrieb inzwischen den 24. November 2024, gab ich mich dem Selbstmitleid hin, bevor mich ein Minibus abholte und, zusammen mit Chrissie, einer Sozialarbeiterin aus Leipzig, nach Tam Coc in der Provinz Ninh Binh brachte, 130 Kilometer südöstlich von Pu Luong und knapp 100 Kilometer südlich von Hanoi.
Die Provinz Ninh Binh liegt im Delta des Roten Flusses, der in der chinesischen Provinz Yunnan entspringt und sich nach 1150 Kilometern in den Golf von Tonkin ergiesst. Die Region wird «Halong-Bucht auf dem Land» genannt, weil auch hier majestätische Felsen aus den Reisfeldern und Seen emporragen. Der sehr lebendige Ferienort Tam Coc mit Hunderten von Restaurants, Hostels, Souvenirläden und Massagesalons liegt am gleichnamigen See. In einer Apotheke erneuerte eine freundliche, ältere Apothekerin an drei Abenden hintereinander meinen Verband; die Wunde heilte gut, bald brauchte ich nur noch ein Heftpflaster.
Die Fläche hinter einem historisierenden Eingangstor von Hoa Lu, der ehemaligen Hauptstadt Vietnams aus dem 10. Jahrhundert, ist zwar riesig; viel steht hier aber nicht mehr ausser einem kleinen, hölzernen Tempel, der vor 400 Jahren neu gebaut wurde.
Die Bai Dinh Pagode hingegen, die grösste buddhistische Tempelanlage Vietnams, ist gigantisch. Weisse Buddha-Statuen, nur dort schwarz poliert, wo sie von den Gläubigen trotz explizitem Verbot angefasst werden, aufgereiht in nicht enden wollenden Gängen, Tempel, Türme, Treppen. Hier sind, wie ein Fahnenwald beweist, Buddhismus, Kommunismus und Nationalismus friedlich vereint. Doch was alt aussieht, wurde erst in den vergangenen zwanzig Jahren gebaut.
Mit Füssen rudern
Auf dem Trang-An-See und tags darauf auf jenem von Tam Coc erleben wir die Entschleunigung: Auf Ruderbooten gleiten wir vorbei an mächtigen, steilen Felsen und schwimmenden Lotus-Teppichen, fahren durch Kavernen, steigen auf Inseln mit Tempeln, Toiletten und Souvenirverkäuferinnen aus. Die meisten Bootsleute auf dem Tam-Coc-See rudern mit den Füssen, was ein komischer Anblick ist, ebenso wie unsere Fuhr: Die junge Ruderin ist schmächtig; Zoran aus Serbien und ich als Passagiere sind massig und übergewichtig, was auf anderen Booten etwelches Gelächter hervorruft.
In krassem Kontrast zur natürlichen Erhabenheit der Region Ninh Binh stehen die beiden Mittagessen, die uns auf der Tour vorgesetzt werden. Vietnamesisches Essen ist meist frisch, abwechslungsreich, fantasievoll und obendrein günstig: Für fünf, sechs Franken, ein lokales Bier inklusive, kann man sich eine wunderbare Mahlzeit servieren lassen.
Das Cozy Vietnam Restaurant beweist, dass es auch anders geht: Die menschliche Ladung von neun Tourbussen ergiesst sich fast gleichzeitig in das Lokal, das (von wegen «cozy», also «gemütlich» oder «behaglich») den neonbeleuchteten Charme einer Bahnhofshalle aus den 1960er-Jahren verströmt. Am Buffet gibt es ein Gerangel, Gedränge und Gestosse, aber man fragt sich, warum: Das Essen, von Frauen in riesigen Eimern herbeigetragen und auf dem Buffet in Behältnisse umgeschüttet, schmeckt nach nichts. Die wunderschöne Gegend von Ninh Binh erlebt hier ihre banale Antithese.
