Atempause auf dem Land
Nach dem aufregenden Hanoi bin ich aufs Land gefahren. Das Naturreservat Pu Luong und die Provinz Ninh Binh stehen auf dem Programm. Ich habe das Tempo gedrosselt.

Veröffentlicht: 27.04.2026
Am nächsten Tag, dem 23. November 2024, bin ich Quocs einziger Gast. Er holt mich mit dem Motorrad ab; ich schwinge mich hinten auf den Sattel, und der Töff keucht auf steilen Feldwegen die Berge hoch, wo wir die Aussicht geniessen. Dann fährt mich Quoc in das kleine Dorf Hang, woher er stammt und wo sein Haus steht, ein traditioneller Bau auf Pfählen.
Am Dorfeingang geht eine Frau gebeugt unter einem schweren Ast, den sie nach Hause schleppt, wo er zu Brennholz zerkleinert wird. Es ist Quocs Mutter. Sein 61-jähriger Vater hingegen ist krebskrank und kann sich kaum noch bewegen. Unter demselben Dach leben auch Quocs 23-jährige Frau und die zweijährige Tochter. Während Quoc in Hanoi in der IT-Branche tätig war und zurück aufs Land kam, um den Vater zu pflegen, arbeitete seine Frau in einem Hotel in Pu Luong, wo er sie kennenlernte.
Wir fahren weiter zu den riesigen Wasserrädern. Sie sind eine uralte, geniale und immer noch funktionierende Einrichtung an den Flüssen und Bächen, um Wasser auf die Reisefelder umzuleiten. Dann gehen wir in der Nähe des Dorfes Kho Muong 110 in den Felsen gehauene Stufen hinauf zur Fledermaushöhle Hang Doi, die mehr als 250 Millionen Jahre alt ist.
Auf die Schnauze gefallen
Beim Abstieg hinunter zum Bach, wo unser Motorrad stand, geschah es. Eine Wurzel lugte aus dem Boden. Mein Fuss verhakte sich, und ich fiel mit dem Gesicht voran ins Gebüsch. Das linke Glas der Brille zersplitterte. Die Scherbe hätte ins Auge gehen können, doch sie riss, einen Zentimeter unterhalb, nur ein dreieckiges Loch in die Wange. Verrückt, dass man aus einer solch kleinen Wunde so heftig blutet wie ein abgestochenes Ferkel.
Zugute kam mir, dass Quoc, der diplomierte IT-Ingenieur, sich auch mit Naturmedizin befasst. Er zupfte Blätter von einem bestimmten Strauch, zerkaute sie und legte die Masse auf meine Wunde. «Das stoppt die Blutung», versprach er, und tatsächlich hörte das rote Rinnsal wenig später auf.
Quoc brachte mich ins Spital des Dorfes Pho Doan, das mich an ländliche Krankenstationen in Afrika erinnerte. Ein junger Arzt stülpte sich Operationshandschuhe über, reinigte die Wunde, desinfizierte sie und klebte mir einen riesigen weissen Verband ins Gesicht, der in den nächsten Tagen etwelche mir völlig unbekannte Vietnamesinnen und Vietnamesen zu besorgten Fragen veranlasste. So hilft einem sogar ein geschundenes Porträt zu sozialen Kontakten.
Der Arzt gab mir Verbandsmaterial, Schmerz- und Desinfektionsmittel, Watte und sogar Latex-Handschuhe mit. Ich überlegte, die Reiseversicherung einzuschalten, bevor er mir die Faktura über 130'000 Dong präsentierte. Bei der AXA hätte man sich krummgelacht, wenn ich diesen Betrag in Rechnung gestellt hätte: vier Euro und sechzehn Cent.
