Zurück in der Schweiz – vorübergehend
Am 20. Juni 2025 kehrte ich vorübergehend in die Schweiz zurück und wurde dort von einer aussergewöhnlichen Hitzewelle empfangen.

Veröffentlicht: 09.06.2026














Am 2. und nochmals am 15. und 16. August 2025 fuhr ich zum ersten Mal seit längerem in meine Geburtsstadt Luzern. Am 2. August war die Juni-Hitzewelle bereits abgeflaut, und es war eher kühl und verhangen. Mitte August ging gerade eine erneute, einwöchige Hitzewelle zu Ende; die Temperaturen fielen wieder von maximal 30 auf 22 Grad.
Am 15. August feiern Katholiken Mariä Himmelfahrt; im vorwiegend kath-olischen Luzern ist das ein gesetzlicher Feiertag. Dass meine Mutter an diesem Tag genau einhundert Jahre alt geworden wäre, kam mir erst in den Sinn, als meine Geschwister auf dem familieneigenen WhatsApp-Chat ent-sprechende Nachrichten verbreiteten. Mutter hatte gesagt, an ihrem Ge-burtstag beginne der Herbst, was in unserer Kindheit zu unserem Bedauern nur allzu oft zutraf. Auch dieses Mal kam es mir so vor, obwohl sich der Sommer Mitte Oktober nochmals kurz meldete.
Ich besuchte in Mutters Andenken die gotische Franziskanerkirche, die in ihren Ursprüngen mehr als 750 Jahre alt ist, viel älter und viel weniger be-kannt als die barocke Jesuitenkirche, die an prominenter Stelle am Ufer des Flusses Reuss steht.
In der «Franziskaneren», wie man sie in Luzern nennt, die auch «St. Maria in der Au» heisst, hatten wir 2014 den Beerdigungsgottesdienst für Mutter abgehalten. Wenn man nach dem Tod der Eltern plötzlich das älteste Mitglied einer Familie ist, wird einem die Endlichkeit der eigenen Existenz drastisch vor Augen geführt: Als Nächster könntest du dran glauben müssen, also rauf dich zusammen und mach etwas aus deinem restlichen Leben!
Wie ein Paar Kinderschuhe
Dass ich als Tourist in die Stadt kam, in der ich meine ersten 20 Lebens-jahre verbracht hatte, gab mir ein Gefühl von Insiderwissen und Vertraut-heit, das man andernorts nicht hat. Ich habe zwar einst, 1986 bis 1988, in London gelebt und war sicher zehn Mal oder mehr in Hamburg, in Paris, in Kairo, Damaskus, Beirut und Bangkok, aber ich bewege mich in jenen Städten noch immer wie ein Reisender.
Nicht so in Luzern, wo ich jede Ecke kenne. Einige Leute haben mich ge-fragt, wieso ich aufs Alter nicht nach Luzern zurückkehre? Luzern ist für mich wie ein paar Kinderschuhe: Weckt Erinnerungen, aber man passt nicht mehr hinein.
Nehmen wir besagte Jesuitenkirche: Wir wohnten zwar seit meinem achten Lebensjahr in einem Vorort mit eigener Pfarrkirche, aber zum Sonn-tagsgottesdienst fuhren wir immer ins Stadtzentrum zur Jesuitenkirche, sobald Vater das erste Auto besass. Das war ein Citroën 2CV, auch «Ente» genannt, für den ich in der Schule gehänselt wurde, weil er als Armeleute-Auto galt. Damals fuhr «man» Opel, VW, Ford, Renault oder, wenn man es schon zu etwas gebracht hatte, Mercedes oder Chevrolet.
Ein Sonntagsspaziergang gehörte nach der Messe dazu, oft unter den Ross-kastanien des Schweizerhofquais und auf seiner Fortsetzung, dem Natio-nalquai, immer die Hotelpaläste am See vor Augen, die zu betreten uns nie auch nur im Traum in den Sinn gekommen wäre: «Schweizerhof», «National», «Palace», dazwischen das Grand Casino, ein gelber Prachtbau im neubarocken Stil mit einer gewaltigen, von der Renaissance inspirierten Säulenhalle, und etwas erhöht am Hang das «Montana», in welchem ich gern absteige, wenn ich in Luzern bin. (Die Preise, von etwa 400 Euro an aufwärts pro Nacht, liegen um das Zehn- bis Zwanzigfache höher als das, was ich mir in Südostasien zu zahlen gewöhnt bin.)
Am Ende des Schweizerhofquais thront die Stadtkirche zum Heiligen Leo-degar, die Hofkirche, mit zwei spitzen Türmen oberhalb einer ausladenden Treppe. In Luzern gab es in meiner Jugendzeit (und vielleicht noch heute; keine Ahnung) zwei Pfadfinderkorps, eines namens «Luzerner Leu», in welche die Kinder aus den katholisch-konservativen Familien geschickt wurden – also wir –, und eines namens «Musegg» für die Kinder der libe-ralen, oft evangelischen oder christkatholischen Familien.
Konservative gegen Liberale
Es war eine Art ungeschriebene gesellschaftliche Apartheid, denn es gab auch jene Lokale, in die man als Konservativer und jene, in die man als Li-beraler niemals gegangen wäre; es gab eine konservative, eine liberale und eine sozialdemokratische Blasmusik. Und es gab vier Zeitungen: eine katholisch-konservative namens «Vaterland», das bei uns zu Hause gelesen wurde, eine liberale, das «Tagblatt», eine sozialdemokratische, die «Freie Innerschweiz» bzw. ab 1970 «Zentralschweizer AZ», und dazu eine un-abhängige, nämlich die «Luzerner Neuesten Nachrichten» LNN, bei denen ich als 19- oder 20-Jähriger meine ersten journalistischen Tapsschritte wagte.
Alles längst Geschichte: Mit Ausnahme der weiterhin unabhängigen «Neu-en Zürcher Zeitung» NZZ wird fast die gesamte Deutschschweiz von zwei Verlagen mit ihrem publizistischen Einheitsbrei gefüttert, wenn man von den rein lokalen oder regionalen Nachrichten absieht.
Wenn ich durch die Hertensteinstrasse gehe, eine Ladenstrasse direkt aus-serhalb der Altstadt parallel zum Schweizerhofquai, kommen Erinnerungen an meine frühen Journalistenjahre vor mehr als fünf Jahrzehnten hoch: An ihrem Ende, Ecke Töpferstrasse, befindet sich das Restaurant Barbatti, ein Lokal, wo wir Journalisten der LNN uns jeweils am Freitag zum gemein-samen Abendessen trafen, weil an jenem Wochentag der Redaktionsschluss vorverlegt war. Unsere Redaktion lag gleich um die Ecke an der Zürich-strasse.
Das Barbatti gibt es immer noch; es ist immer noch ein italienisches Lokal, allerdings gehört es jetzt der Zürcher Restaurantkette Bindella und ist kei-ne gemütliche Kneipe mehr, sondern ein schickes und entsprechend hoch-preisiges Lokal.
«Heisse Liebe» am Grendel
Nostalgie kommt keine auf. Ich weiche den Touristenmassen aus, viele chinesischen Ursprungs, welche fast alle denselben Parcours absolvieren: die hölzerne Kapellbrücke, das Löwendenkmal und dazwischen ein Uh-renkauf bei Bucherer oder Gübelin am Schwanenplatz oder einem der Uhrenläden, die am Grendel fast alle anderen Unternehmen verdrängt ha-ben. Der seltsame Name «Grendel» übrigens stammt vermutlich vom mittelalterlichen Begriff «Grindel», was für einen befestigten Graben steht; tatsächlich verlief hier früher ein Wassergraben, der erst im 19. Jahr-hundert zugeschüttet wurde.
Am Grendel befand sich in meiner Jugend eines der ersten «Mövenpick»-Restaurants. In dieses ausgesprochen coole Lokal lud man, falls man den Mut aufbrachte und falls das Taschengeld ausreichte, was es selten tat, Kandidatinnen zum Date bei einer «Coupe Hot Love» ein. Das war eine grosse Glasschale mit diversen Eissorten, gekrönt von Schlagsahne und – das war der Clou – mit zwei Löffeln, denn man sollte sich beim Vertilgen der Süssspeise näherkommen.
Zum Abschluss meiner Luzern-Besuche schaute ich erstmals seit Jahr-zehnten bei meinem Geburtshaus vorbei, Geburtshaus im wahrsten Wortsinn: Ich wurde, wie vier meiner fünf jüngeren Geschwister, zu Hause geboren; in die Klinik ging man damals nur, wenn Kompliaktionen drohten. Ich musste Google Maps konsultieren, um das Haus zu finden, in welchem ich von 1953 bis 1961 gelebt hatte, fand es aber nicht: Der Strassenname, Ritterstrasse, ist inzwischen in «Sternau» umgeändert worden; das Haus steht aber immer noch dort, vermutlich inzwischen renoviert.
Ich könnte Hunderte Seiten mit Reminiszenzen an Luzern füllen, aber da dies ein Blog und kein Buch ist, soll es für heute gut sein. Ich lege meine Kinderschuhe zurück in die Erinnerungskiste und kehre ins Heute zurück.
