Schlafen im Stroh
Tag 10: Via Jacobi 2.September 2026 Ingenbohl (SZ) – Oberdorf (NW) Gestern legte ich mich früh ins Bett, denn ich wollte im Morgengrauen aus den Federn. Ausserdem gab es...


Veröffentlicht: 17.09.2026
Tag 11: Via Jacobi 4.September 2026 Oberdorf (NW) – Flüeli Ranft (OW)
Mit etwas steifen Gliedern klettere ich heute um 7.00Uhr aus dem Stroh und mache mich fertig für’s Frühstück. Es war kalt in der Nacht, aber zum Glück bin ich nicht sehr kälteempfindlich und unter den Wolldecken schlief es sich prima. Übernachtung plus Frühstück kosten bei Familie Andreas und Stephanie Waser-Good im Geren1 in Oberdorf (falls hier Pilger mitlesen!) gerade mal Fr.30.-! Dazu darf man sich abends ein Pulversüppchen genehmigen, Dusche und sanitäre Anlagen und Wolldecken benutzen und Kühe streicheln. Weder Abwaschen noch Wolldecken vom Stroh befreien oder wischen lässt mich die liebenswerte Bäuerin. Das gehöre zum Angebot dazu, lächelte sie freundlich. Nicht zu vergessen die Glace, die mir gestern spendiert wurde.
Stephanie bringt mir ein Wahnsinns-Frühstück vorbei! Ich solle so viel essen, wie ich könne, und den Rest mitnehmen, sag sie freundlich und erklärt mir wie in einem 5-Sternerestaurant, was ich da alles vor mir stehen habe. Milch, Käse und Wurst vom eigenen Hof, Brot und Müsli selbstgemacht. Der «Süssmost» aus eigenen Äpfeln und drei verschiedene «Gonfis», natürlich selbst hergestellt aus Zutaten vom eigenen Hof. Ringelotten-Gonfi? Noch nie gehört! Als sie weg war, musste ich meine Wissenslücke sofort «googeln». Aha, eine saftig, aromatische Pflaumenart soll es sein. Das Frühstück schmeckt logischerweise fantastisch und ich fühle mich sehr behütet und verwöhnt. Nach dem Frühstück packe ich meinen Rucksack und mache mich auf den Weg in Richtung Flüeli Ranft. Auf der Hauptstrasse in Richtung Stans hält ein Pick-up neben mir. Stephani streckt mir lachend meinen Lippenstift aus dem Fenster entgegen. Nur deswegen hat sie sich auf den Weg gemacht und mich gesucht, um mir den nachzutragen? Ich weiss gar nicht was ich sagen soll, einfach unglaublich! Wenn jemand Nächstenliebe lebt, dann wohl diese Frau!
In Stans angekommen, möchte ich mir in der markanten Kirche zuerst einen Pilgerstempel abholen. Eine zierliche Frau schleicht zur selben Zeit von der anderen Seite mit Rucksack um die Kirche. «Cornelia!» rufe ich voller Freude einen Ticken zu laut und freue mich sie wiederzusehen. Wieder so ein unfassbarer Zufall! Wäre einer von uns 5 Minuten früher oder später da gewesen, hätten wir uns verpasst. So holen wir unseren Stempel und laufen gemeinsam los. Von hier aus sind es noch 4.45 Stunden bis Flüeli-Ranft und natürlich geht es wieder gut «obsi». Ab jetzt begleitet uns der schweizer Nationalheilige Bruder Klaus auf unserem Weg, denn unsere heutige Etappe ist exakt identisch mit dem Bruderklausenweg. Mal laufen Cornelia und ich gemeinsam, mal zieht einer vor, jeder in seinem Tempo. Es ist sehr angenehm mit ihr zu wandern. Cornelia geht heute wie ich nach Hause. Über Mittag möchte ich schliesslich ein Telefonat mit meiner Tochter tätigen, weswegen sie schon mal voraus wandert. Ganz sicher werde ich sie irgendwo einholen. Wieder, wie soll es auch anders sein, wandert es sich heute auf dem Berg fast ausnahmslos schattenlos in die Höhe.
Der Weg ist sehr schön. Überall findet man kleine Wegkappellen, blumengeschmückte Bildstöcke und Informationstafeln über Bruder Klaus’ spannende Lebensgeschichte und über sein Wirken vor über 500 Jahren. Aber Brunnen sind leider keine in Sicht und ziemlich genau auf dem höchsten Punkt der Etappe geht mein Wasser zur Neige. Da erblicke ich drei fröhliche Ladys in ihrem Gartensitzplatz vor dem einzigen Haus weit und breit. Wie die Golden Girls sitzen sie am Tisch, lachen, schnattern und trinken Weisswein. Als ich in ihren Garten reinplatze, ist das Hallo gross und ich werde sofort zu Speis und Trank in die illustre ü70-er Runde eingeladen. Nichts hätte ich in diesem Moment lieber getan, aber ich wusste, wenn ich mich jetzt in diese lustige Runde dazugeselle, komme ich heute nie wieder weg! Ich bedanke mich also und bitte lediglich um etwas Hahnenburger. «Ach was Hahnenburger!» quitscht die Eine und schüttet enthusiastisch die ganze Mineralflasche überschäumend in meine Flasche um. Ich bedanke mich ein zweites Mal herzlich, die fidelen Frauen haben mich wieder so richtig erfrischt. Innerlich und äusserlich!
Cornelia habe ich bis jetzt noch nicht eingeholt und einmal wäre ich wieder schier falsch abgebogen, als der Weg endlich zum nahenden Flüeli-Ranft zeigte. Gerade noch habe ich es im letzten Moment gemerkt, denn mit dem Wegweiser stimmt etwas nicht. Die Handykarte zeigt etwas anderes an. Ich bin froh, denn das Handyapp zeigt leicht abwärts und ich entschliesse mich, der Technik zu vertrauen. Irgendwann wechselt es zu knackig abwärts und meine Stöcke leisten wieder hervorragende Dienste. In der Ranftschlucht schau ich mir die Ranftkapelle mit der direkt daran angebauten Einsiedlerzelle von Niklas von Flüe (Bruder Klaus) an, als ich hinter mir plötzlich meinen Namen «Aniiiiitaaaa!» rufen höre. Cornelia wandert mir zügig und völlig entkräftet entgegen. «Verlaufen!» schimpft sie etwas resigniert und ich weiss genau, wo das passiert sein musste. Die Arme musste einen kräftezehrenden Umweg auf sich nehmen und hatte wohl noch einige steile Passagen mehr als ich zu bewältigen. Ich bin überhaupt wahnsinnig beeindruckt von ihrer Leistung! Hüfte und Knie wurden schon operiert, und eine weitere Operation liegt nicht weit zurück! Ein letztes Mal nehmen wir unsere Kräfte noch einmal zusammen und bewältigen die 303 Treppenstufen aus der Ranftschlucht nach oben. Bevor uns das Postauto abholt, setzen wir uns in die Gartenbeiz und stossen völlig verschwitzt auf unsere Leistung an. Nie hat ein alkoholfreies Bier besser geschmeckt als heute!
Distanz heute 19km, 28210 Schritte, 525Hm hoch, 257Hm runter
Erkenntnis des Tages: -nix-
