Von Schleitheim nach Santiago de compostela
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Über den Brünig nach Brienz

Veröffentlicht: 07.10.2026

Essen
Gasthaus Brünig Kulm
$ · Mittagessen
Sehenswert
Minghof
Lungern, Schweiz
Sehenswert
Brünig
Schweiz, Schweiz
Sehenswert
Brienzwiler
Brienzwiler, Schweiz
Sehenswert
Brienz
Brienz, Schweiz
Spaziergang
Lungern → … → Brienz
Via Jacobi



Tag 13, 28.September 2026 Via Jacobi Lungern-Brienz

Diese Nacht habe ich wunderbar geschlafen. Das Bett war superbequem und kein Hahn krähte mich frühmorgens aus den Federn. Susanne stand pünktlich um 8.00Uhr mit ihrem Frühstückskorb vor der Tür. Eine grosse selbstgemachte Vielfalt vom Feinsten, natürlich vom eigenen Hof zaubert sie hervor. «Leider gibt es nur Apfelmost, denn Orangenbäume wachsen hier leider noch nicht» verkündet die ältere Dame und ich bin mir nicht sicher, ob sie wirklich scherzte oder sich tatsächlich entschuldigte. Ich ergriff die Gelegenheit und fragte, warum es in Lungern so viele Asiaten gäbe und warum alles zusätzlich in deren Sprache beschriftet wäre. «Na wegen einer Netflixserie!» klärt sie mich auf. «In Südkorea gab es eine äusserst erfolgreiche Netflixserie. Seither kommen sie alle und wollen die Originalschauplätze sehen. Oft verkleiden sie sich wie in der Serie und stellen vor allem am See Szenen nach!» Verrückt denke ich, sie kommen also nicht, weil sie so fasziniert von unserem Land und dessen Natur sind, sondern wegen einer Serie. Lungern hat etwas über 2000 Einwohner. Jährlich zwischen 120'000 und 150’000 Besucher überschwemmen das Dorf jedes Jahr. Dies führte natürlich zu gewissen Problemen. Wenn Felder zertrampelt, in Gärten gepinkelt oder für Fotos private Grundstücke betreten wurden, fanden dies die Einheimischen so gar nicht lustig. Deswegen hat man alles auch in ihrer Sprache beschriftet, inklusive Benimmregeln. Den vielen Gästebüchern entnehme ich, dass Menschen aus aller Welt auf den kleinen Minghof kommen. Auch Pilger wie ich. In der Kirche wurde aber leider der Pilgerstempel gestohlen, weswegen es nur noch ein Abziehbildchen gibt. Aha, vielleicht hatte also Pfäffikon das gleiche Problem? Bei dem Aufhänger muss ich Susanne leider gestehen, dass ich jedes kleine Willkommensschöggeli das auf den jeweiligen Betten lag, aufgefuttert habe. Es ging einfach nicht anders, dafür möchte ich mich entschuldigen und ein kleines Trinkgeld geben. Und Susanne packt mir gleich noch mehr Schöggeli in den Rucksack und eine Birne für unterwegs ein.

So komme ich heute wieder erst um 9.00Uhr los, aber ich bin bedeutend ausgeruhter als gestern. Das ist auch nötig, denn heute geht es über den Brünig! Ich freue mich darauf und steige Schritt um Schritt in waldigem Gebiet nach oben. Ich komme super voran und es macht richtig Freude. Neben dem wunderschönen Naturweg schlängelt sich auch die Brünigautostrasse nach oben. Ich muss mich sehr wundern, denn zwischen dem Naturweg und der Autostrasse befinden sich Steinschlagnetze. Autofahrer und die dazugehörige Strasse sind somit also geschützt, der Wanderweg und seine Wanderer nicht. Dabei hätte man die Netze einfach 3 Meter weiter bergwärts anbringen können. Ist ein Menschenleben zu Fuss weniger wert als per Auto, oder geht es um die Strasse, die kaputt gehen könnte?

Mitten auf dem Weg entdecke ich eine in den Fels angebrachte Schatulle mit einer Jakobsmuschel drauf. Daneben im Fels wurde der Platz mit alten Wanderschuhen und Steinen dekoriert. Im Inneren der Schatulle befindet sich ein Pilgerbuch und Wünsche, Gebete und Grüsse aus aller Welt befinden sich darin. Irgendwo im Nirgendwo. Der Weg ist fantastisch und sehr geschichtsträchtig. Die alten Römer schlugen auf dem historischen Saumweg Treppenstufen aus dem blanken Fels. Überhaupt fühle ich mich wie in einem Elfenwald. Alles ist moosbehangen, Farne zieren den schroffen Weg und die Natur ist zauberhaft pur. Auf den schmalen Pfaden muss man sehr genau hinschauen, wo man hintritt, denn trotz der anhaltenden Dürre ist der Boden oft rutschig aufgrund des Morgentaus.

Auf dem Brünig im Gasthaus Brünig Kulm gibt es zur Stärkung eine Kürbissuppe mit Brot. Das Brot war fantastisch, die Suppe nicht! Nach dem Brünig führt der Weg in einen wahrlichen Zauberwald. Vorerst! Anfangs finde ich es noch witzig, in diesem naturbelassenen Wald nach gelben Rauten zu suchen. Der Weg ist sehr wurzelig und schon bald ist kaum mehr ein Weg zu erkennen. Die heftige Superzelle vor einem Monat hat hier ganze Arbeit geleistet. Überall liegen Baumstämme und totes Holz herum. Als gleich zwei schwere Baumstämme den Weg versperren wünsche ich mir Supergerhard von Tag 10 herbei. Er hätte die Stämme natürlich einarmig hochgehoben. Aber Supergerhard ist schon mitten in Frankreich unterwegs. So klettere ich mit meinem 8kg schweren Rucksack halt über die Bäume immer weiter in den Wald. Als ich vor dem Abstieg mitten im Dickicht stehe, wird es mir plötzlich doch sehr unheimlich. Man sieht den Weg nicht mehr und überall rieselt und bröckelt es vom Fels. Plötzlich will ich so schnell wie möglich einfach nur raus aus diesem Wald. Aber das ist gar nicht so einfach, denn es ist sehr  steil und anspruchsvoll und meine Knie schreien förmlich SOS trotz Wanderstöcken. Für mich ist dies der fieseste Abstieg aller Zeiten.

Unten in Brienzwiler wird es endlich flacher und am liebsten wäre ich sofort in die vorhandenen Pilgerherberge abgestiegen, sie sieht sehr einladend aus. Die alten Holzhäuser in diesem Dorf sehen alle aus wie aus dem Bilderbuch. Und plötzlich laufe ich wieder geschmeidig und rund und bin einfach froh, diesen steilen Wald endlich hinter mir zu haben und kann es sofort wieder geniessen. Leider sind die Brunnen in der Region aufgrund des Wassermangels stillgelegt, weswegen ich mein Wasser gut einteilen muss. Ganze Zuläufe des Brienzersees, die sonst 10 Meter breit sind, sind komplett leer. Der restliche Weg nach Brienz ist trotzdem wunderschön. Aber ich bin ehrlich gesagt auch froh, dass ich bald da bin. Und noch bevor ich ins bloss 200m entlegene Hostel einchecke, stürme ich in einen Lebensmittelladen und leere mir einen Liter Wasser in die Kehle und gönne mir ein Vanillecornet. Ich könnte hüpfen vor Freude: Mein Einzelzimmerchen ist so süss und hat einen Balkon direkt am See. Etagenduschen stören mich nicht. Nach dem Frischmachen suche ich mir ein nettes Lokal mit Sonnenterasse am See und verleibe mir einen einfachen «Znacht» ein. Und wieder bin ich so richtig glücklich und laufe trotz den vielen Kilometern in den Beinen noch etwas am See entlang und lasse den Abend auf Balkonien ausklingen. Heute gab es kaum soziale Kontakte, und irgendwie ist das total gut so. Ich werde noch zum Einsiedler!

(Mehr Bilder folgen später, Fotoupload funktioniert nicht richtig)


Auf einen Blick

Automatisch aus dem Beitrag extrahiert
Dauer
1 Tag
Wetter
Sommer
AbenteuerlichEntspannend
  • Frühstückskorb auf dem Minghof in Lungern
  • Aufstieg über den Brünig
  • historischer Saumweg mit römischen Treppenstufen
  • Kürbissuppe im Gasthaus Brünig Kulm
  • anspruchsvoller Abstieg durch den Wald
  • Ankunft in Brienz mit Zimmer direkt am See
WanderstöckeRucksack
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