Über den Brünig nach Brienz
Tag 13, 28.September 2026 Diese Nacht habe ich wunderbar


Veröffentlicht: 18.10.2026
























Tag14, 29.September 2026, Via Jacobi, Brienz – Interlaken
Obwohl ich ziemlich schlecht geschlafen habe, starte ich etwas vor acht Uhr nach einem wunderbaren Hostel-Frühstück gutgelaunt in den neuen Tag und laufe mit dem Ziel Interlaken los. Babygeschrei und asiatisch «schreiende» Menschen hielten mich nachts wach. Gleich nach dem Start fallen mir heute die vielen hübschen, blumengeschmückten Holzhäuser besonders auf. Die Schweiz ist wahrlich ein Juwel! Zu Fuss kriegt man so vieles auf eine tiefere Art und Weise mit. Auf meinem bisherigen Weg empfand ich nie Langweile, auch nicht auf den weniger schönen Passagen.
Heute Morgen leuchtet der Fast-Vollmond im Tageslicht, während die Sonne noch hinter den Bergen auf sich warten lässt. Es ist wunderbar warm, und obwohl über dem Brienzersee ein Nebelflaum liegt, gehe ich von Anfang an in kurzen Hosen los. Die Wasserlosigkeit macht mich in und um Brienz sprachlos. Immer wieder überquere ich leere Bachbette. Es ist so unwirklich über all das Geröll du klettern, wo es eigentlich rauschen sollte und wo man sonst über Steine hüpft. Aber ich komme gut voran und so langsam fresse ich mich durch die Schweizer Landkarte. Ich habe schon über die Hälfte der Schweiz geschafft und jeder Tag ist ein Abenteuer. Ich bin sehr dankbar, dass ich das Privileg habe, immer wieder losziehen zu können. Und während des Gehens frage ich mich, warum es eigentlich «DER» Gott heisst. Es heisst doch «DIE» Natur und wer hat eigentlich die finale deutsche Sprache und deren Artikel einst entschieden? Man hat viel Zeit beim Gehen, ich werde es herausfinden.
Der gesammte Weg geht dem Brienzersee entlang. Mal hoch oben mit Aussicht, mal ganz unten durch hübsche Dörfer direkt auf Seestegen entlang. Hoch oben schwebt in 68 Metern Höhe spektakulär über dem wilden Unterweidligraben die Hängeseilbrücke von Eblingen. Von der Brücke aus hat man einen fantastischen Blick hinab auf den tiefblauen Brienzersee und das Bergpanorama. Sie wackelt ganz schön und es macht richtig Spass darüber zu gehen. Spannend: Da in dem Graben im Winter akute Lawinengefahr herrscht, wird die Hängebrücke jedes Jahr im Spätherbst komplett abmontiert und erst im Frühling wieder für die Saison aufgebaut. So habe ich also gerade noch Glück gehabt und darf sie überqueren. Allerdings frage ich mich, welche Alternativroute man denn früher genommen hat, wenn dies doch der offizielle Weg ist?
Auch unten in Oberried gibt es kein Autolärm oder Geschreie, und oft nimmt man nur sanftes Wellenrauschen wahr. Leichter Wind, perfekte Wettertemperatur, das Leben ist schön! Und wenn doch mal jemand den Weg kreuzt, dann höre ich den lieblich, wohlig-warmen Berner Dialekt und irgendwer sagt «Grüessech!». Oberried gefällt mir am besten auf meiner heutigen Etappe. Ein liebliches Dorf am Wasser mit süssen Holzhäusschen, schönen Gärten und einem guten «Vibe». Kein Wunder sind die wenigen Menschen hier entspannt. Für mich heisst es immer wieder: Den Berg hoch - zum See runter, den Berg hoch – zum See runter. Es geht ständig auf und ab und so langsam wird es richtig anstrengend, so schön auch alles ist. Der Zieleinlauf in Interlaken macht es einem aber wieder sehr leicht. Von weitem sieht man schon die vielen Gleitschirmflieger und nicht umsonst wird der Ort von Touristen sehr geschätzt. Ich freue mich wieder einmal auf ein bisschen Trubel und Gewusel. Da ich zu früh in meinem Backpacker Hotel ankomme, gebe ich meinen Rucksack ab und gönne mir die Röschti meines Lebens im Restaurant Röschtigrabe und lerne dabei gleich mehrere Leute kennen, die allesamt gut drauf sind. So wird es ein buntgemischtes, geselliges Mittagessen um 15 Uhr. Alle essen zur «Unzeit», herrlich! Zurück in der Sonnenvilla - so heisst das Backpacker Hotel, sind natürlich alle Betten in meinem Zimmer schon besetzt. Ausser das eine ungünstig hoch gelegene Kajüttenbett. Die ältesten Knochen mit den steifsten Muskeln dürfen sich also aufs obere Kajüttenbett hieven. Das Zimmer teile ich auf winzigem Raum mit drei Vietnamesinnen, zwei Chinesinnen, zwei Koreanerinnen und einer Portugiesin. Und da ich noch nie in Interlaken war, sehe ich mir am Abend den Ort noch etwas an. Ich hätte es anders erwartet. Supergerhard meinte ja, der Ort war bei seiner Durchreise extrem überlaufen. Ich kann das nicht bestätigen. Es ist gerade eine Mischung aus nicht langweilig und nicht überlaufen. Ich finde eine Rooftop Bar und setze mich nach draussen zu einer Amerikanerin aus Los Angeles. Wir sind seltsamerweise die einzigen Gäste und geniessen gemeinsam die Aussicht und unseren Cocktail und erzählen uns aus unseren unterschiedlichen Leben. Und auch nachts im Dunkeln landen im Minutentakt die Gleitschirme auf der grossen Wiese und wir sehen ihnen dabei zu.
Zurück in meiner Unterkunft finde ich die Portugiesin vor, die sich früh schlafen legt. Ich tu es ihr gleich, das heisst ich versuche es. Aber diese Nacht hat es in sich. Ich glaube Stadt-Asiaten sind Lärm so gewohnt, dass sie immer und überall schlafen können und diesbezüglich auch keine Rücksicht auf andere nehmen. Sie sprechen extrem laut, schreien schon fast. Sie duschen um Mitternacht und machen selbstverständlich das Licht an, putzen exzessiv ihre Zähne - ich könnte ewig weiter aufzählen. Ab und zu bat ich darum, vielleicht etwas diskreter zu sein oder das Licht auszumachen. Aber irgendwann gab ich es auf. Als ich mich einmal mühsam und natürlich leise vom Bett runterquälte, sah dies eine Koreanerin und quetschte sich sogleich kurz durch den Türspalt aufs Klo. So wartete ich eh schon geladen sicher 10Minuten, bis sie ihr Geschäft verrichtet und ihre 15 dümmlichen Reals auf dem Handy endlich fertig gesehen hatte. So ging das bis ca. 2 Uhr nachts. Um 3 Uhr nachts begann die Erste ihren Koffer zu packen. Ein Königreich für den Schlaf der Portugiesin! Um 7 Uhr war dann auch die letzte aus dem Raum, so dass ich endlich ein Stündlein Schlaf erwischte. In Zukunft gibt es Gruppenräume für mich nur noch auf dem Land. In touristischen Hotspots werde ich mir in Zukunft dann doch ein Einzelzimmer gönnen. Geiz ist eben nicht immer geil! 😉
